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Joachim Strähle: Von US-Steuerbehörden abgefangen © Cash Web-TV

Wie eine Bank die Medien an der Nase herum führt

Hanspeter Bürgin /  Mehrere Monate gelang es, die Nachricht zu verhindern: Die US-Steuerbehörden haben einen Top-Banker festgehalten und befragt.

Red. Die US-Steuerbehörden sind erpicht darauf, vermutliche Schweizer Helfershelfer von Steuerhinterziehung in den USA zu schnappen. Deshalb reisen Kader der Crédit Suisse, der Bank Bär oder der Bank Sarasin nicht mehr in die USA. Joachim Strähle, Ex-Banker von CS und Bär, ist seit 2006 CEO der Bank Sarasin. Letztes Jahr wurde ihm eine private Reise in die USA zum Verhängnis. Seinen Pass musste er beim Anwalt deponieren, bis ihn die US-Steuerbehörden wieder laufen liessen.
Monatelang konnte die Bank Sarasin verhindern, dass Medien über diesen im Steuerstreit mit den USA pikanten Fall berichteten. Schliesslich ging Insiderparadeplatz.ch damit an die Öffentlichkeit.
Im Detail ausgeleuchtet hat den Fall erst der Wirtschaftsjournalist Hanspeter Bürgin in der Mai-Nummer des «Schweizer Journalist». Doch seine Recherchen fanden in andern Medien kein Echo. Deshalb veröffentlicht Infosperber hier eine leicht gekürzte Fassung dieser aufschlussreichen Recherche.
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DAS KOMMUNIKATIONSDEBAKEL EINER BANK
Sarasin-Chef Joachim Strähle war schon im November in den USA vernommen worden. Die Pressesprecher der Bank dementierten dies dennoch über Monate. Der vielleicht krasseste Fall einer PR-Lüge in den vergangenen Jahren wirft ein Schlaglicht auf die Beziehung der Finanzbranche zu den Journalisten: Es geht immer härter zu.

Die Bank dementierte
Beat Schmid, der stellvertretende Chefredaktor des «Sonntags», muss sich hinters Licht geführt, getäuscht und belogen, im Journalistenjargon «verarscht» vorkommen. Seit letztem November wusste er von zwei Quellen, dass der CEO der Basler Privatbank Sarasin im Sommer gegenüber den US-Steuerbehörden aussagen musste. Die brisante Geschichte brachte er nicht, weil die Bank dementierte und rechtliche Schritte androhte. Ein halbes Jahr später kam die Wahrheit aber doch ans Tageslicht. Der Flurschaden ist enorm.
Mit folgender Anfrage konfrontierte Schmid im November die Privatbank: «Gemäss unseren Informationen wurde Herr Strähle bei einer Reise in die USA von US-Behörden zum grenzüberschreitenden Geschäft befragt. Können Sie dies bestätigen? Ist es richtig, dass sein Aktionsradius während der Zeit der Befragungen eingeschränkt war? Ist es richtig, dass ihm sein Reisepass in der fraglichen Zeit abgenommen wurde?»
Maskierte Wahrheit
In der Kommunikation gilt der Grundsatz, dass gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit nicht gelogen werden darf. Bei jeder Gelegenheit wird dieses Credo beschworen. Pressesprecherin Franziska Gumpfer-Keller fasste die beiden letzten Detailfragen zusammen und schrieb dem «Sonntag» zurück: «Nein, dies ist falsch.» Spitzfindig und «ganz klar ein Unterzug», wie ein Insider bestätigt, bezieht die Bank das Dementi nicht auf die zentrale Eingangsfrage. (Tatsache war: Der Sarasin-CEO konnte sich zwar frei bewegen, nämlich ohne Fussfesseln, musste sich aber zur Verfügung der Behörden halten. Sein Pass war nicht eingezogen, aber bei seinem Anwalt hinterlegt.) Schmid wollte es deshalb genau wissen und fragte telefonisch zurück. Gegenüber dem «Schweizer Journalisten» hält der Wirtschaftsjournalist fest: «Die Pressesprecherin hat mir telefonisch versichert, dass sich ,das ist falsch‘ auf alle drei Fragen bezieht und sie lediglich der Einfachheit halber die Fragen zusammengezogen habe.»
Sonntags-Zeitung eingeschüchtert
Als Sarasin auch noch mit rechtlichen Schritten drohte und angesichts des eindeutigen Dementis verzichtete der erfahrene Schmid auf die Geschichte. Bereits hatten auch andere Journalisten von Strähles US-Ferienabenteuer Wind bekommen, fragten aber nur, ob das Gerücht stimme, dass der Sarasin-CEO «verhaftet» gewesen sei. Die Bank dementierte explizit und fühlt sich damit auch heute noch im Recht, weil Strähle tatsächlich ja nicht verhaftet worden war, sondern lediglich zum Bleiben und Aussagen genötigt wurde.
Martina Wacker von der «Sonntagszeitung» bestätigt, dass sie die entsprechende Information ebenfalls besass und sich dabei auf verschiedene voneinander unabhängige Quellen stützte. Doch auch sie wurde von der Bank Sarasin ausgebremst. «Dies, obwohl wir die Fragestellung bewusst offen formuliert hatten», erinnert sich Wacker, «z. B. ob denn CEO Strähle in der fraglichen Zeit überhaupt in den USA war.» Auch dies sei von der Bank «klipp und klar» dementiert worden. Angesichts des «unmissverständlichen Dementis» und der «letztlich nicht ausreichenden Quellenlage» habe man dann entschieden, die Geschichte nicht zu bringen.
Sarasin: «Keine Lüge»
Sechs Monate später machte der Journalist Lukas Hässig die gleiche Erfahrung, als er gegenüber Sarasin-Pressesprecher Benedikt Gratzl, mit dem er per Du ist, die Geschichte ankündigte. In einer Mail schrieb ihm Gratzl: «Wie am Telefon erläutert, sind diese Behauptungen nichts Neues.» Unverfroren zitiert er dabei einen Passus aus einem «Sonntag»-Artikel vom November: «So wurde das Gerücht gestreut, wonach Sarasin-CEO Joachim Strähle wegen des grenzüberschreitenden Geschäfts auf einer Ferienreise in den USA von US-Behörden angehalten und befragt worden sei. Damit sollte Strähle schachmatt gesetzt werden. Die Bank bestritt die Gerüchte auf Schärfste.» (In diesem Artikel ging es um den möglichen Verkauf von Sarasin an die Bank Bär.)
Trotz des neuen Dementis – spätestens jetzt muss von einer klaren Unwahrheit gesprochen werden – machte Hässig am 30. März auf seinem Blog «Inside Paradeplatz» die Affäre publik. Gegenüber dem «Schweizer Journalisten» rechtfertigt die Sarasin-Pressestelle ihr Verhalten wortreich: «Die Bank ist sodann nicht verpflichtet, Journalistenanfragen, welche auf Informationen von anonymen Quellen basieren, richtigzustellen respektive den allfälligen Sachverhalt transparent darzustellen. Der Hinweis, dass die entsprechende(n) Information(en) falsch ist (sind) oder Formulierungen nicht stimmen, kann nicht als Lüge taxiert werden.» Im Weiteren verwahrt sich die Bank «in aller Form gegen die Anschuldigung respektive den Vorwurf, eine Kommunikationslüge verbreitet zu haben respektive eine entsprechende Strategie zu verfolgen».
«Beispiellose Vertuschungsaktion»
Das Kommunikationsverhalten von Sarasin qualifizierte der «Sonntag» trotzdem als «Schwindel» und «Lügengebäude» und zog folgendes Fazit: «Damit endet eine für Schweizer Verhältnisse beispiellose Vertuschungsaktion, in die der Verwaltungsrat, die Geschäftsleitung, die Kommunikationsabteilung sowie externe PR-Profis involviert waren.» Unterstützung findet die scharfe Kritik in der Finanz- und der Kommunikationsbranche. Mehrere angefragte Experten und Pressesprecher zeigten sich «entsetzt», «schockiert» und «entrüstet» über die Sarasin-Strategie, um zum Schluss aber auch über die Medien zu spotten, welche «nicht die Eier hatten», über die in der Zürcher Bankenszene «längst bekannte Strähle-Affäre» zu berichten.
Ignorierte Reisewarnung
Aus diesem Grunde vermeiden es hohe Kader der betroffenen Banken, in die USA zu reisen. Selbst bei Sarasin besteht ein Reiseverbot seit letztem Sommer. Strähle ignorierte die Warnzeichen und reiste mit seiner Tochter trotzdem über den Atlantik. Damit war den US-Behörden ein «dicker Fisch» ins Netz gegangen, wie der «Sonntag» schreibt, «der über intime Kenntnisse des Offshore-Geschäfts verfügt, das in der Vergangenheit vor allem in der Entgegennahme von unversteuerten Geldern bestand.»
Was Strähle aussagte, ist nicht zu eruieren. Fest steht nur, dass die beiden früheren Arbeitgeber CS und Bär über den Überraschungscoup der Amerikaner informiert wurden, wie auch die Finanzmarktaufsicht (Finma) und Staatssekretär Michael Ambühl, der mit den USA verhandelt.
Statt Anfragen zur brisanten Geschichte «nicht zu kommentieren», wurden hat sie die Bank Sarasin – wider besseres Wissen – aktiv dementiert und die Medien damit getäuscht. Die Strategie verfing: Fast neun Monate lang konnte Sarasin die Publikation der Strähle–Artikel verhindern.
Verwicklung eines Doyens: «Wir sind nur Berater»
Unterstützt wurde die Bank dabei von den externen Kommunikations-Profis der «Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten» unter Leitung von Doyen Jörg Neef, der ein generelles Mandat für die strategische Kommunikation von Sarasin übernommen hatte.

Dass Jörg Neef die Sarasin-Kommunikationsstrategie entworfen oder zumindest mitgetragen hat, ist in der Branche auf Unverständnis gestossen. «Damit haben sich die Konsulenten massiv geschadet», sagt ein Konkurrent, der selbstredend zu seiner Aussage nicht mit Namen stehen möchte. Da hohe Honorare winken, ist die Ver­lockung gross, ein Mandat zu behalten, auch wenn man sich nicht durchsetzen kann.
Ohne auf den Fall Sarasin Bezug zu nehmen, sagt Neef: «Wir sind nur die Berater, entscheiden tut der Kunde.» Daraus lässt sich ableiten, dass er möglicherweise Sarasin empfohlen hatte, Anfragen stur mit der Floskel «no comment» zu beantworten, aber am Widerstand des Auftraggebers gescheitert ist.
Medien wollen teure Prozesse vermeiden

Der Fall Sarasin zeigt anschaulich, wie das Verhältnis von Medienschaffenden und den Akteuren auf der Gegenseite nachhaltig zerstört wird, wenn die bewusste Desinformation und Unwahrheiten salonfähig werden. Unter dem Druck von prominenten Anwälten und Klageandrohungen haben die Chefredaktoren in den letzten Jahren sukzessive die Hürden erhöht, eine kritische Geschichte bei Vorliegen eines klaren Dementis zu bringen. Kommt hinzu, dass die Medienhäuser massiv sparen und die hauseigenen Juristen angesichts der Prozessrisiken und -kosten viel schneller die Segel streichen und auf kritische Artikel lieber verzichten. Auf der Unternehmensseite dagegen sind in heiklen Fällen ein Heer von Anwälten, Kommunikationsleuten und externe Spezialisten am Werk, um den Interessen der Firma mit allen Mitteln zum Durchbruch zu verhelfen.
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STELLUNGNAHME DER BANK SARASIN
Am 6. September 2012 nahm die Bank Sarasin zu diesem Artikel wie folgt Stellung:
Dieser Artikel ist aus Sicht der Bank Sarasin tendenziös verfasst und enthält überdies eine Reihe von Un- bzw. Halbwahrheiten. Wir haben und werden jedoch darauf verzichtet diese zu kommentieren.

Wir bitten um Kenntnisnahme.
Freundliche Grüsse
Franziska Gumpfer-Keller
Dr. phil., EMBA HSG
Deputy Head of Corporate Communications
Bank Sarasin & Cie AG
Löwenstrasse 11
CH- 8022 Zürich


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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