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Wer liegt bei der UBS mit den Zinsprognosen richtig? © yulan/Depositphotos

Wer weiss es: Die Zinsgurus der UBS oder Verwaltungsrat Dudley?

Christof Leisinger /  Das Chief-Investment-Office wettet auf sinkende Zinsen. Der frühere Präsident der Federal-Reserve-Bank of New York dagegen bremst.

Die Finanzmärkte boomen, obwohl sich wirtschaftlich wesentliche Staaten wie Deutschland und Japan in einer Rezession befinden. Hintergrund sind Spekulationen, auch die amerikanische Wirtschaft werde bald abrutschen und die Inflation gehe weiter zurück, woraufhin die Notenbanken das Feuer mit massiven Zinssenkungen wieder anfachen würden. Sinkende Zinsen seien gut für die Kurse, so die primitive Logik – die seit November auch vom Chief-Investment-Office der UBS kräftig befeuert wurde.

Nun kommt ihm allerdings ein Verwaltungsrat der Mega-Bank in die Quere: Bill Dudley. Der Amerikaner ist nicht irgendein Mitglied des Gremiums, sondern er war knapp zehn Jahre Präsident der Federal-Reserve-Bank of New York und kennt sich demzufolge mit der Zinspolitik und dem Innenleben der massgeblichen Zentralbank bestens aus. Und er ist längst nicht mehr sicher, dass es bald zu grösseren Zinssenkungen in den USA kommen wird.

Vielleicht ist die Geldpolitik gar nicht so restriktiv

In seinen Augen muss sich die amerikanische Notenbank Fed mit einigen tieferen strukturellen Fragen auseinandersetzen. Erstens: Warum ist die US-Wirtschaft bisher trotz der deutlichen Leitzinserhöhungen so stark geblieben? Vielleicht müsse sich deren Wirkung erst noch entfalten, oder vielleicht habe der Abbau von Spannungen in den Lieferketten und auf dem Arbeitsmarkt das Wachstum nur vorübergehend angekurbelt, orakelt er in einem Kommentar auf dem Portal der Nachrichtenagentur Bloomberg. Der Fed-Vorsitzende Jerome Powell vermute, dass beides zutreffe und dass sich die Wirtschaft bald abschwäche, woraufhin Zinssenkungen denkbar seien.

die us geldpolitik ist alles andere als restriktiv
Die amerikanische Geldpolitik ist nicht wirklich restriktiv. Hier gibt es die Grafik in einer grösseren Auflösung.

Allerdings hält er es auch für möglich, dass die amerikanische Geldpolitik gar nicht so restriktiv ist, wie die «Zinsgurus» und die «Freunde tiefer Zinsen» gerne annehmen. Vielleicht sei der neutrale, inflationsbereinigte Zinssatz, also das Niveau, das weder wachstumsfördernd noch wachstumshemmend sei, höher als die von Fed-Experten angenommenen 0,5 Prozent. Hohe und chronische Haushaltsdefizite sowie öffentliche Subventionen für «grüne Investitionen» hätten den neutralen Zinssatz in die Höhe getrieben – und wenn dem so sei, solle das Fed die Zinsen länger hochhalten.

Zum anderen fragt er sich, wie angespannt die Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt wirklich sei. Trotz der Arbeitslosenquote von unter vier Prozent gebe es Anzeichen für eine Lockerung, was der Notenbank bei der Zinspolitik einen gewissen Spielraum nach unten verschaffe. Insgesamt hält er es für durchaus möglich, dass der Leitzins weit über den Mai hinaus hoch bleiben werde. Die Notenbanker müssten vor allem auch darauf achten, die gewaltigen Spekulationen auf Zinssenkungen nicht zu abrupt zu enttäuschen, weil sich sonst die finanziellen Bedingungen verschlechtern und das Wachstum zu stark beeinträchtigt würde.

Rücksichtnahme auf die gewagten Prognosen des UBS-Chief-Investment-Office?

Das klingt gerade so, als ob er um Rücksichtnahme auf die gewagten Prognosen des UBS- Chief-Investment-Office betteln würde. Die amerikanische Notenbank stehe vor der Herausforderung, das richtige Gleichgewicht zu finden und die gewünschte weiche Landung zu erreichen, so sein Fazit. Damit geht er nicht ganz so weit wie Larry Summers. Der ehemalige Direktor des National-Economic-Council unter Präsident Barak Obama und der frühere Chefökonom der Weltbank wagt sogar die These, die Wahrscheinlichkeit habe zugenommen, dass das Fed den Leitzins im nächsten Schritt erhöhe – und nicht senke.

Sicher ist dagegen, dass die amerikanische Geldpolitik und das Wirtschaftswachstum im Land der unbegrenzten Möglichkeiten für die Schweiz bedeutend sind. Schliesslich hat die Schweizerische Nationalbank dort Milliarden ihrer Devisenreserven investiert, schliesslich geht ein grosser Teil der Schweizer Exporte in die USA – und entsprechend wichtig ist die Stabilisierung des Dollarkurses im Verhältnis zum Franken.

Die US wirtschaft läuft über ihrem Potenzial
Die US-Wirtschaft hat ihr Potenzial mehr als ausgereizt. Hier gibt es die Grafik in einer grösseren Auflösung.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Eine Meinung zu

  • am 27.02.2024 um 13:25 Uhr
    Permalink

    Paul Volker erhöhte den Leitzins auf 18 %
    Bernie Bernanke wollte Geld mit dem Helikopter abwerfen.
    Heute ist der Spielraum der Notenbanken verschwindend klein. Jüngst gab’s noch Negativzinsen und Österreich und Dänemark begaben 99 Jahre laufende Staatsanleihen zu Null Prozent.
    Jetzt kostet ein Lombard auf Dollar 8,34 Prozent Zins und trotzdem stieg die Börse, der Techwerte wegen , in nie gesehene Höhen.
    Ein falsches Wort eines Notenbank Chefs und das Ganze fliegt uns um die Ohren.

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