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Dem Arbeitgeberverband ein Dorn im Auge: ältere Leute, die nicht Vollzeit arbeiten wollen. © Depositphotos

Die Arbeitgeber entdecken die «faulen Alten»

Marco Diener /  Zu viele von uns arbeiten Teilzeit. Das findet der Arbeitgeberverband. Der volkswirtschaftliche Schaden betrage acht Milliarden.

Den Begriff hat wohl die deutsche Bundestagsabgeordnete Gitta Connemann (CDU) erfunden: «Lifestyle-Teilzeit». Sie hatte den Ausdruck als Überschrift über einen Antrag am Parteitag gesetzt. Inzwischen bedauert sie ihre abschätzige Wortwahl.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband ist da weniger heikel. Mitte April veröffentlichte er einen längeren Artikel unter dem Titel: «Teilzeit als Lifestyle? Das grösste Problem liegt bei 50 Plus – nicht bei der Gen Z.» Also nicht bei den Jungen, die um die Jahrtausendwende zur Welt gekommen sind, sondern bei den Alten.

«Kein Interesse an Vollzeit»

Als «Lifestyle-Teilzeitler» bezeichnet der Arbeitgeberverband diejenigen Leute, die Teilzeit arbeiten, weil sie «schlicht kein Interesse an Vollzeit» haben. Diesbezüglich sei «das Narrativ der ‹faulen Jungen›» falsch. Junge würden nämlich hauptsächlich wegen der Aus- und der Weiterbildung in Teilzeit arbeiten, später wegen der Kinderbetreuung.

«Interessant wird es danach», schreibt der Arbeitgeberverband, «ab etwa 50 Jahren steigt der Anteil jener, die angeben, kein Interesse an einer Vollzeitstelle zu haben, und deswegen Teilzeit arbeiten. Sie könnten mehr arbeiten, wollen aber nicht.» Der Arbeitgeberverband stützt sich dabei auf Zahlen aus der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung.

«Entgangenes Lohnvolumen von 8 Milliarden»

Der Verband macht auch auf die «volkswirtschaftlichen Konsequenzen» der «Lifestyle-Teilzeit» aufmerksam. Er errechnet «ein entgangenes Bruttolohnvolumen von rund 8 Milliarden Franken pro Jahr». Der grösste Teil dieses Lohnausfalls stamme «von Erwerbstätigen über 50 Jahren». Und dabei seien entgangene «Steuern und obligatorische Sozialversicherungsbeiträge» noch nicht einmal berücksichtigt.

«Nicht mit dem moralischen Zeigefinger»

«Es geht nicht darum», schreibt der Arbeitgeberverband, «mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen in Lifestyle-Teilzeit zu zeigen.» Aber genau das tut er in seinem sechsseitigen Artikel. Ohne es offen auszusprechen, korrigiert er das Bild von den «faulen Jungen» und zeichnet gleichzeitig das Bild von den «faulen Alten».

Dabei nutzt der Arbeitgeberverband aus, dass die Befragten im Rahmen der Arbeitskräfteerhebung nicht sehr detailliert Auskunft darüber geben mussten, warum sie Teilzeit arbeiten. So dürften unter dem Grund «Kein Interesse an Vollzeit» alle möglichen Entscheidungen und Schicksale subsummiert sein. Von Leuten etwa,

  • die nach fast 50 Jahren harter körperlicher Arbeit nicht mehr Vollzeit arbeiten wollen,
  • die Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten aufwenden,
  • die ausgebrannt sind,
  • die den Ratschlag, das Pensum vor der Pensionierung langsam zu reduzieren, ernst nehmen.

Bemerkenswert ist auch, dass sich der Arbeitgeberverband nur mit einem kleinen Teil der Gründe, welche die Leute dazu bringen, Teilzeit zu arbeiten, beschäftigt. So hat er eine Grafik mit gerade mal vier Gründen veröffentlicht.

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«Ausgewählte Teilzeitgründe». Eine höhere Auflösung der Grafik gibt es hier.

Dabei listet die Arbeitskräfteerhebung durchaus noch andere Gründe auf: Krankheit und Behinderung (10 Prozent der alten Teilzeitler), mehrere Arbeitgeber (8 Prozent), Betreuung von pflegebedürftigen Erwachsenen (3 Prozent), andere familiäre Verpflichtungen (10 Prozent), andere persönliche Verpflichtungen (5 Prozent), andere Gründe (22 Prozent).

Gratisarbeit lässt sich kaum beziffern

Dass mindestens 20 Prozent der über 55-Jährigen auf ein Vollzeitpensum verzichten, um Gratisarbeit zu leisten, darüber schreibt der Arbeitgeberverband nichts. Der Wert dieser Arbeit lässt sich ja auch nicht so leicht beziffern. Und damit auch nicht die Gelder, welche die Gemeinwesen dadurch einsparen.

Das Fazit des Arbeitgeberverbandes jedenfalls lautet: Klar sei, «dass die Schweiz auch künftig subsidiär auf Zuwanderung in den Arbeitsmarkt angewiesen sein wird».

Und als Leser fragt man sich: Macht der Arbeitgeberverband da mit den «faulen Alten» gerade Propaganda gegen die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!»?


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13 Meinungen

  • am 25.04.2026 um 19:22 Uhr
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    All die «Alten» die qualifiziert und über 50 Jahre alt sind, die keine Arbeit mehr bekommen, sollten genau so aufgeführt werden. Wo ist da der volkswirtschaftliche Schaden, da damit auch die Sozialhilfe, Zusatzleistungen vom Staat noch dazu kommen? Dass man keine Fachkräfte bekommt ist eine reine Augenwischerei. Sie finden keine 30 Jährige, mit Uni Abschluss, die kein Geld wollen, dabei aber jahrelange Erfahrung haben.

  • am 26.04.2026 um 00:09 Uhr
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    Ein Fakt, der in der Lifestyle-Teilzeit-benannten Diskussion gerne untergeht:
    Zwar arbeiten mehr Menschen Teilzeit als früher, tatsächlich wurde aber noch nie soviel für Geld gearbeitet, wie heute. Sprich: Konnte früher typischerweise ein Mann eine fünf- (oder mehr) köpfige Familie mit Geld versorgen, dazu noch ein Haus bauen etc., so müssen heute in der Regel zwei Menschen für Geld arbeiten (aber eben ev. nur 80%), um das Gleiche zu erreichen. Dies auf Kosten von Familienzusammenhalt, auf Kosten der durch viel mehr Arbeitswege drangsalierten Natur, auf Kosten von Eigenständigkeit und Entspanntheit allgemein.

    Vielleicht hat es etwas mit dem Wertverlust des Geldes zu tun. Immerhin wurde jeder 4. Dollar und jeder 4. Euro seit 2020 „gedruckt“. Die Löhne und v.a. die Tieflöhne haben da aber nie Schritt gehalten.

  • am 26.04.2026 um 07:22 Uhr
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    Ja so ist das. Aus eigener Erfahrung ist man mit dem Entscheid Teilzeit zu arbeiten schnell auf dem Abstellgleis.
    Nach 23 Jahren bei der gleichen Firma, zwei Burnouts durch komplett sinnfreie Merger, auslagerung vieler meiner Tätigkeiten in die USA habe ich mich entschieden, Teilzeit zu arbeiten. In meiner mir selbst erkauften Zeit kümmere ich mich um Bienen, Rehkitze und andere Dinge. Dinge die innerhalb der Firma belächelt werden. Als nicht sinnvoll gelten. Beförderungen oder die Übertragung spannender Projekte findet nicht mehr statt, immer mit vielen Ausreden. Dabei werde ich dann auch noch gezwungen, zwei Mal pro Jahr ein Compliance Training zu machen in dem ich lerne, dass diese Art der Behandlung nicht in Ordnung sei. Ja ich weiss: Ich kann ja wechseln. Nein. Nicht. Nach mittlerweile fast 200 Bewerbungen mit vielen Absagen oder absurden Lohnangeboten ist mir bewusst geworden: Mit 52 lässt sich der Job nur noch sehr sehr schwer wechseln. Von wegen Gleichberechtigung.

    • am 27.04.2026 um 12:08 Uhr
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      Habe es ähnlich gemacht.

      Nach gut bezahltem jedoch unbefriedigenden Kader-Job, liess ich mich nur noch max. 60% beschäftigen, hörte auf zu reisen und legte mir einen Garten zu. Nach 33 Geburt von 2 Kindern, Kauf eines 3-ha-Bauernhofes. Die Lohnarbeit blieb bei niedriger Prozentzahl. Dafür musste eine 500 jährige Bauernhaus-Ruine umgebaut werden.

      Neben Gärtnern, holzen, hiess es den Baumgarten pflegen und erneuern, Kinder allein erziehen. Nach Verlust der Teilzeit-Arbeit machte ich mich selbständig. Das bedeutete noch mehr Arbeit. Neben dem Geschäft z.B. bis nach Mitternacht und an Wochenenden Latein-, Franz- und Englisch-Wörter abfragen u.v.m. Nach 20 Jahren Ende des Hausumbaus. Die Arbeit in Haus und Hof blieb. Ich wurde älter und die Arbeit beschwerlicher.

      Als ich mich mit 61 Jahren pensionieren lassen musste, dies ohne ALV und weil ich auf die falsche Branche gesetzt hatte, blieben eine kleine Alimente, AHV und keine PK.
      Lebe nun glücklich ausgepowert in einem Ökoparadies.

  • am 26.04.2026 um 11:13 Uhr
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    Alte? Ich kenne sehr viele Junge die nicht mehr als einen 80% Job wollen.
    Viele Alte, Fachspezialisten, wären froh falls sie überhaupt eine Chance bekommen würden,
    wurde sie doch durch das HR aussortiert und durch junge Zuwanderer ersetzt.

  • am 26.04.2026 um 12:07 Uhr
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    Erschreckende Logik! Der «volkswirtschaftliche Schaden» entsteht durch Menschen, die in ihrer Arbeit unzufrieden oder leer sind!
    Viele der «faulen Alten» arbeiten seit ihrem 16. Lebensjahr und meistens von Anfang an 100%. Diese Tatsache blendet der Arbeitgeberverband aus. Die meisten haben gearbeitet und nicht die Zeit am Arbeitsplatz abgesessen. Viele Jobs haben sich in den letzten Jahrzehnten – Digitalisierung sei Dank – zu «boring jobs» entwickelt. Wenn also jemand, mit heute bspw. 55 beschliesst, sich noch einer Freizeittätigkeit zu widmen, die ihm Lebensqualität verschafft, ist das richtig und gesund.

  • am 26.04.2026 um 12:16 Uhr
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    Völllig unsinnig im erwähnten Artikel ist die grafische Darstellung in Form eines Kurvendiagramms. Ein Kurvendiagramm stellt Datenreihen dar, um Veränderungen, Trends und Entwicklungen über einen bestimmten Zeitraum zu visualisieren, ist aber ganz und gar unpassend, um Unterschiede zwischen verschiedenen Alterskohorten aufzuzeigen. Dafür werden z.B. Säulendiagramme eingesetzt. Vielleicht sollte der SAV dem Autoren des Artikels, seinem Chefökonomen Dr. oec. HSG Chuard, mal eine entsprechende Weiterbildung ermöglichen. Ah nein, sorry, geht natürlich nicht. Denn dann müsste Dr. Chuard ja auf ein Teilzeitpensum reduzieren.

  • am 26.04.2026 um 21:05 Uhr
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    Der Interessenverband der Arbeitgeber, speziell im libertären Fianzkapitalismus bemängelt, dass zunehmend ältere Arbeitnehmer nur noch Teilzeit arbeiten möchten.
    Nach 30 bis 40 Jahren in Lohnarbeit haben die angeblich «Faulen» der Gesellschaft, dem Gemeinwohl mehr gegeben, als genommen. Wobei die Kapitalgewaltigen (Milliardäre), die Kapitalstarken (Multimillionäre un Spitzenmanager zunehmend mehr nehmen als geben.
    Woher käme sonst die gallopierende Ungleichheit beim Kapitalvermögen ?
    Aus vielerlei Gründen ist die Lohnarbeit auch in der Schweiz» zunehmend weniger «motivierend».
    Dann sinkt der Lohn oft auch noch real. Und die Kaptalschwachen bleiben abhhängig Kapitalschwach und haben kaum was zu vererben, wie gewünscht.
    Gemäss gefühlter Gerechtigkeit haben es sich die meisten Arbeitnehmer verdient und das Recht, «frei» wählen zu dürfen, welche Tätigkeit sie mehr motiviert.

  • am 26.04.2026 um 22:33 Uhr
    Permalink

    Ich (60 und in den letzten Jahrzehnten immer zu 100% im Job) finde es legitim, irgendwann – wenn es finanziell möglich wird – aus dem Hamsterrad langsam kürzer zu treten und der nächsten Generation zu übergeben. Zudem wird uns erzählt, dass die qualifizierten Zuwanderer den Fachkräftemangel ausgleichen. Stimmt das also gar nicht?
    Der Arbeitgeberverband würde sich statt mit solcher Polemik zu Lasten der arbeitenden Bevölkerung (es erinnert mich gerade an Kanzler Merz, der sein Volk letzthin mit dem Satz «Wir haben uns ausgeruht, wir sind ein bisschen zu bequem geworden» beschimpft hat) lieber mit den künftigen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz befassen. Es ist nämlich zu befürchten, dass das Bisschen Pensumsreduktion durch den in den nächsten Jahren kommenden Einsatz von KI und Roboter aller Art (im Shoppyland Schönbühl sind bereits Putzroboter im Dauereinsatz) mehr als kompensiert wird. Welche Ideen hat der Arbeitgeberverband zu den Arbeitnehmenden, die auf der Strecke bleiben?

    • am 27.04.2026 um 19:17 Uhr
      Permalink

      Ein weiterer möglicher Grund für Teilarbeitszeit: Einpersonenhaushalte, die sich keine Putzfrau leisten können oder wollen (vermutlich anders, als die Chef-Etagen der vereinigten Arbeitgeberschaft) und das Wochenende mit anderem als Haushaltsarbeit ausfüllen möchten.

      Ausserdem zweifle ich, dass die vereinigte Arbeitgeberschaft – gesetzten Falles, dass alle Ü50 Vollzeit arbeiten wollten – soviel neue Jobs schaffen könnte. Denn immerhin haben wir bereits jetzt eine Arbeitslosenquote von gut 3% und rund 90’000 weitere Stellensuchende.

      Auch die vermeintlichen Steuerausfälle sind nicht zu Ende gedacht: wenn die Stelle von jemandem anderen als einem Teilzeit Ü50 besetzt ist, dann wir diese Arbeit doch auch besteuert.

  • Portrait_Urs_Schnell
    am 27.04.2026 um 18:38 Uhr
    Permalink

    Wir sollten uns klar werden, was «Arbeit» ist. Es gibt Arbeit neben der Lohnarbeit, zum Beispiel in der Freiwillligenarbeit in vielen Gemeinden, bei der Betreuung von Grosseltern oder im Bereich der Kultur- und nichtbezahlten Sozialarbeit. Wenn ältere Menschen für Infosperber schreiben, ist das meist ebenfalls unbezahlte Arbeit. Der Arbeitgeberverband ist gefangen in einem Begriff von Arbeit, der ausgedient hat. Würde alle Freiwilligenarbeit bezahlt, ginge das in die Milliarden.

  • am 28.04.2026 um 20:34 Uhr
    Permalink

    Dieser Artikel und sämtliche Leserkommentare sind wesentlich klüger als das Klagelied des «Chefökonoms» (lustige Berufsbezeichnung…) des Arbeitgebersverbands, Patrick Chuard-Keller. Seine Argumente sind absurd angesichts der Tatsache, dass wir ja keineswegs an einer Mangelwirtschaft leiden, sondern in einer Überflussgesellschaft leben, die uns in der Flut all der oft sinnfreien wenn nicht gar schädlichen materiellen und immateriellen Produkte allmählich ersticken lässt. Auch angesichts der hohen Arbeitslosenrate (die stark beschönigenden Seco-Zahlen sind international nicht zu gebrauchen…) sollte man allen dankbar sein, die sich mit einem Teilzeitpensum zufrieden geben.
    Im Hinblick auf kommende Entwicklungen sollten wir besser darüber nachdenken, unsere Arbeitzeit, die europaweit zu den höchsten gehört, generell zu senken.
    Und, wie bereits bemerkt wurde: Arbeit ist nicht nur das, was der Arbeitgeberverband als solche definiert. («Arbeitgeber», welch verquere Wortschöpfung…)

  • am 28.04.2026 um 23:20 Uhr
    Permalink

    Haben denn die Arbeitgeber die entsprechenden Arbeitsstellen geschaffen für diese acht Milliarden? Wenn die Arbeitgeber sich schon Gedanken machen wegen dem entgangenen Lohnvolumen, dann sollen sie das Geld bitte subito den Arbeitnehmer:innen auszahlen. Niemand häöt sie auf.

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