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Auf dem Boden des trockengelegten Stausees begann schon ein Jahr nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms junger Wald zu wachsen. © Porowsk News, Instagram

Kachowka-Stausee: Wo Wasser war, ist jetzt ein Wald

Daniela Gschweng /  Seine Sprengung zerstörte einen ganzen Landstrich. Ein Wiederaufbau des Kachokwa-Staudamms ist aber womöglich nicht sinnvoll.

Drei Jahre nach der Sprengung des Kachowka-Staudamms sind die Folgen für die Umgebung noch immer enorm. Ab dem 6. Juni 2023 entleerte sich einer der grössten Stauseen Europas. 18 Kubikkilometer Wasser suchten sich ihren Weg ins Schwarze Meer. Die Folgen für das russisch besetzte wie auch das ukrainisch kontrollierte Gebiet auf beiden Seiten des Dnjepr waren weitreichend.

Ortschaften und Äcker wurden überflutet, die Trinkwasserversorgung für 1,8 Millionen Menschen fiel aus, das Kraftwerk war zerstört. Aus einem riesigen See von 240 Kilometern Länge und stellenweise mehr als 20 Kilometern Breite wurde in kurzer Zeit eine Mondlandschaft aus Schlick und eintrocknendem Schlamm.

Enorme ökologische Zerstörung

Die massive Zerstörung der Flora und Fauna wurde als «Ökozid» bezeichnet. Verloren gegangen sind potenziell: Lebensraum für mindestens 43 Fischarten, mehrere Zugvogelarten und 38 seltene Lebensraumtypen. Elf Schutzgebiete flussaufwärts sind betroffen, sowie das Schwarze Meer durch Dünger und Pestizide aus dem See und den überfluteten Gebieten.

Wer für die Sprengung verantwortlich ist, bleibt unklar. Die Ukraine und Russland beschuldigen sich gegenseitig. Journalist:innen der «New York Times» kamen nach der Auswertung umfangreicher Daten zum Schluss, dass sehr wahrscheinlich Russland die Staumauer gesprengt hat. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Aus dem See wurde ein grünes Meer

Was seither geschah, überraschte alle. Aus einer Mondlandschaft entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit ein lebendiges, vielfältiges Ökosystem. Wer sich dem ehemaligen «Amazonas der Ukraine» nähert, steht heute vor einem grünen Tal. Der Blick öffne sich «auf ein Meer aus sanft wiegenden jungen Weiden und spiegelglatten Lagunen», beschrieb der «Guardian» im vergangenen Jahr in einer sehenswerten Fotoreportage.

Diese Grafik des «Guardian» verdeutlicht die enorme Grösse des ehemaligen Stausees. Das Gebiet befindet sich direkt an der Frontlinie.

Die Vegetation wachse so dicht, dass man sich durch den begrenzenden Erdwall am ehemaligen Ufer hindurchschneiden müsse, um einen Blick auf das Tal werfen zu können. Weiden und Pappeln wüchsen inzwischen bis zu sieben Meter hoch, berichtete die «Tagesschau» der ARD zum dritten Jahrestag der Sprengung.

Ein lebendiges Biotop

Reporter:innen des «Guardian» und der «Deutschen Welle», die 2025 ebenfalls eine Reportage veröffentlichte, bestaunten die üppige Flora und Fauna. Sie berichten von Rehen und Hirschen, Habichten und Bussarden, Wildschweinen, Reihern, Schwalben und Schlangen. Auch der Stör sei nach langen Jahren in die zahlreichen Bäche zurückgekehrt.

Was in weiten Teilen der neu gewachsenen Landschaft geschehe, könne man nicht sehen, der Zugang sei zu gefährlich, sagt der Ökologe Wadym Nanjuk zur «Deutschen Welle». Entlang des Dnjepr verläuft die Front. Pro Jahr wachse der Wald um etwa einen Meter in die Hohe, längerfristig würden sich wohl auch Wiesen bilden. Das Gebiet könnte zum grössten Auwald in der Steppenzone der Ukraine werden.

Schwermetalle und Radionuklide im Untergrund

Wie belastet die neue Öko-Oase ist, bleibt unklar. Die schlimmsten ökologischen Folgen seien zwar ausgeblieben, sagt eine ukrainische Arbeitsgruppe, die die Folgen der Sprengung erforscht. Von den vielen Tonnen Schwermetallen in den Stausee-Sedimenten sei nur die oberste Schicht ins Schwarze Meer gespült worden, erklärt die Leiterin Natalija Osadtscha gegenüber der deutschen «Tagesschau». Der zurückgebliebne Rest sei nicht als Staub verweht worden wie befürchtet sondern verkrustete wie ein Wüstenboden.

Im ehemalige Seebett befinden sich weiter Schwermetalle und diverse andere Gifte. Analysen sind derzeit nicht möglich, der Zugang zum grünen Meer ist unter anderem wegen des Krieges gefährlich. Die Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) warnte ausserdem vor Radionukliden aus dem Reaktorunglück in Tschernobyl.

Wiederaufbau des Damms vorerst unrealistisch

Ein Wiederaufbau des zerstörten Kachowka-Staudamms ist vorerst unrealistisch. Er würde schätzungsweise rund fünf Jahre in Anspruch nehmen. Genau weiss man es nicht, dafür müsste das in grossen Teilen zerstörte Bauwerk erst genau analysiert werden, was derzeit nicht möglich ist. Allein zwei Jahre würde es dauern, das Staubecken wieder zu füllen. Die Meinungen darüber, ob ein Wiederaufbau überhaupt sinnvoll wäre, gehen weit auseinander. Den riesigen Stausee wieder zu füllen, hiesse das neu entstandene Ökosystem wieder zu zerstören.

Was für einen neuen Damm spricht: Den Menschen in der gesamten Umgebenung fehlt wichtige Infrastruktur und teilweise schlicht die Lebensgrundlage. In Regionen wie Krywyj Rih beispielsweise tauge das Leitungswasser nur als Gebrauchswasser, sagt Natalija Osadtscha. Wer dort lebe, müsse Trinkwasser in Flaschen kaufen.

Wegen des Krieges hat das Land rund 20 Prozent seiner landwirtschaftlichen Nutzfläche verloren – etwa fünf Millionen Hektaren. Allein 1,6 Millionen Hektaren sind nicht zugänglich, weil dort Kämpfe stattfinden. Dazu kommen Landstriche, in denen Lager, Maschinen oder Bewässerungsleitungen zerstört sind. Wie viel Fläche wieder genutzt werden kann, wenn der Krieg endet, ist fraglich.

Minen, Blindgänger oder chemische Verschmutzung verschwänden nicht über Nacht, erklärte der Biologe Oleksij Vasyljuk gegenüber der «Taz». Es könne Jahrzehnte dauern, bis das verminte Gelände geräumt sei. Vasyljuk ist Mitgründer der Ukraine War Environmental Consequences Work Group, welche die Umweltfolgen des Krieges erforscht.

Die Erde in der Südukraine gilt als eine der besten der Welt. Noch vor vier Jahren war die Gegend um den Kachowka-See eine der produktivsten Agrarregionen Europas. Nun sind alle Bewässerungssysteme zerstört und es gibt kein Wasser mehr.

«Entscheidungen unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten»

Das zerstörte Bewässerungssystem wiederherzustellen, würde viele Äcker der Region wieder nutzbar machen. Vasyljuk ist dennoch dagegen, den Damm wieder aufzubauen. Entscheidungen dazu würden unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen, kritisiert er. Die Umweltverträglichkeitsprüfung für das Projekt werde voraussichtlich ausgesetzt, das zeichne sich jetzt schon ab.

Bei intensiver Bewässerung würden die Felder der Gegend in 15 bis 20 Jahren völlig versalzen, schätzt der Wissenschaftler. Der Kachowka-Damm sei ein Relikt der Stalin-Zeit zur Bewässerung von Baumwollpflanzen, die in der Ukraine dann doch nicht wachsen wollten. Und die Energie aus dem Staukraftwerk sei grössteneils dafür genutzt worden, Bewässerungspumpen zu betreiben. Alternative Energiequellen sowie wassersparende Saaten und Methoden seien weit sinnvoller, um der Region längerfristig ein Überleben zu sichern.

Der Wasserbedarf könne aus anderen Vorkommen gedeckt werden, sagt auch Osadtscha, etwa aus einem anderen Stausee am Dnjepr. Die Wissenschaftlerin schlägt vor, den Kachowka-Stausee zwar wiederherzustellen aber in kleinerem Umfang.

Wasserfachmann warnt vor Verwüstung der Gegend

Ein weiteres Problem für die Landwirtschaft sind die Altlasten, die sich nicht auf das ehemalige Seebett beschränken. Die Süsswasserökologin Oleksandra Shumilova warnt gegenüber dem «Guardian» vor rund 1,5 Kubikkilometern verschmutzten Sedimenten, die nach der Sprengung in die überfluteten Gebiete gelangt sein könnten. Schwermetalle, die in die Nahrungskette gelangen und dort schwere Folgen haben könnten: Krebs, Fruchtbarkeitsstörungen, Krankheiten von Lunge, Leber und Niere.

Oleh Paschtschenko vom Kachowka-Wasserkraftwerk dagegen ist ein Befürworter des Wiederaufbaus. Ohne den Stausee könne die Region nur schwer überleben, sagt er gegenüber der «Deutschen Welle». «Das Wasser in den Brunnen wird jedes Jahr weniger», beschreibt er und warnt vor der Verwüstung der gesamten Gegend. Wenn die Menschen in die jetzt wenig bevölkerte Gegend zurückkehrten, Landwirtschaft und Industrie wieder voll arbeiteten, werde das Wasser nicht reichen. Wann, ob und unter welchen Voraussetzungen das der Fall sein wird, ist freilich noch unklar.

Ein wichtiges Argument in der Diskussion ist die Kühlung des Kernkraftwerks Saporischja durch aufgestautes Wasser. Ohne den Kachowka-Stausee sei ein sicherer Betrieb des Kernkraftwerks unmöglich, sagt zum Beispiel Bohdan Suchezkyj, Generaldirektor des staatlichen Energieunternehmens Ukrhydroenergo. «Eigentlich ist dieser Stausee dafür überflüssig», sagt dagegen Vasyliuk. Der Dnipro fliesse gerade 100 Meter vom Kraftwerksareal entfernt vorbei.

Nationalpark und nationales Symbol

Dem Ökologen und Agrarhistoriker Petro Wolwatsch schwebt ein Park im ehemaligen Seebett vor. «Ich bin sicher, dieser Nationalpark würde zu den zehn besten Europas zählen», sagt er. Für Vasyliuk wäre das ein kraftvolles Symbol für eine neue Ukraine, die an ihre Zukunft glaubt.

Für Ökologie und Klima wäre es sicher ein Gewinn, «Velykyi Luh» (die Grosse Wiese) so zu lassen, wie sie jetzt ist. So hiess die Gegend, bevor sie 1956 unter dem enormen Stausee verschwand. «Eine uralte, mythische Landschaft, die tief in der ukrainischen Folklore verwurzelt ist», erklärt Valeriy Babko, pensionierter Geschichtslehrer und Kriegsveteran, gegenüber dem «Guardian». Und fügt dem Thema damit noch eine Ebene hinzu.

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Der Ökologe Wadym Manjuk bahnt sich einen Weg durch den Bewuchs.

Ein Aspekt, der für viele von Menschen geschaffenen Naturlandschaften der Welt zutrifft. Wenn es darum geht, einen Vorher-Zustand wieder herzustellen – wie historisch soll er sein? Was würde eine «Grosse Wiese» für die Ukraine bedeuten? Was ein neuer Staudamm? Wirtschaftlich, sozial, ökologisch? «Stellen Sie sich die Kosaken vor, die durch Wälder galoppieren, die so dicht sind, dass die Sonne kaum den Boden erreicht», sagt Babko. Vasyliuk spricht eher von einem ökologischen und wirtschaftlichen Fehler, sollte die Staumauer wieder aufgebaut werden.

«Vor dem Damm gab es in der Dnjepr-Ebene riesige Eichenwälder und Feuchtgebiete. Es gab grosse Fische wie den Stör und eine überwältigende Biodiversiät», beschreibt Eugene Simonov, internationaler Koordinator von Rivers without Boundaries (Flüsse ohne Grenzen). Die Ukraine nehme weniger als sechs Prozent der Fläche Europas ein, besitze aber 35 Prozent der europäischen biologischen Artenvielfalt und sei damit das Land mit der grössten Biodiversität in Europa, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung.

Und wenn der Wald zur Steppe wird?

Nach dem Krieg wird es ohnehin zuerst um die Finanzierung gehen. Wie es mit der Fläche von der vierfachen Grösse des Bodensees weitergeht, ist derzeit also völlig ungewiss. Ob aus dem zweiten unbeabsichtigten ökologischen Experiment nach Tschernobyl wieder ein Stausee wird, ein Naturpark, ein Zwischending zwischen beidem oder etwas ganz anderes, ist noch nicht entschieden.

Der Ökologe Wadym Manjuk warnt vor zunehmender Trockenheit. Kann der Wald sich nicht halten, könnte eine Steppenlandschaft entstehen. Wie natürlich, historisch, ökologisch oder wirtschaftlich diese wäre, müsste dann neu diskutiert werden.


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