German Bundestag debates on government budget 2020

CDU-Bundestagsabgeordneter Roderich Kiesewetter forderte bereits 2017 eine deutsche Mitbestimmung über Frankreichs Atomwaffen. © EPA/HAYOUNG JEON

Atomwaffen-Lobby nützt unseriöses Bedrohungsszenario aus

Andreas Zumach /  Die Debatte um europäische Atomwaffen begann bereits 2016, als Präsident Trump die Nato für «obsolet» erklärt hatte.

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Andreas Zumach

Die EU und die Nato-Staaten Europas haben die Diskussion darüber lanciert, ob Europa sich eine eigenständige, von den USA möglichst unabhängige Atomwaffenkapazität anschaffen soll.

Bei den Staaten ausserhalb Europas stösst schon der aktuelle Status von Atomwaffen in den europäischen Mitgliedstaaten der Nato sowie der Türkei auf Kritik und Misstrauen. Und dies völlig zu Recht. Denn zwei dieser Staaten – Frankreich und Grossbritannien – besitzen Atomwaffen und weigern sich seit jetzt 65 Jahren beharrlich, genauso wie die drei anderen «offiziellen» Atomwaffenmächte USA, China und Russland, ihrer Verpflichtung aus dem 1970 vereinbarten Atomwaffensperrvertrag (NPT oder Treaty on the Non-Proliferation of Nuclear Weapons) zur Abrüstung ihrer atomaren Arsenale nachzukommen.

Darüber hinaus sind in fünf weiteren Staaten – Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Italien und der Türkei – im Rahmen der sogenannten «nuklearen Teilhabe» – Atombomben der USA stationiert. Im Kriegsfall können die USA diese auch an die Luftstreitkräfte dieser fünf Länder zum Einsatz übergeben. Das ist aus Sicht vieler Kritikerinnen und Kritiker zumindest ein Verstoss gegen den Geist des NPT, wenn nicht sogar gegen den Buchstaben dieses Vertrages. 

Jegliche Form der Erweiterung dieses Status Quo – sei es durch die Mitverfügung Deutschlands und anderer Staaten über die Atomwaffen Frankreichs oder Grossbritanniens, durch die Ausweitung der Teilhabe an Atomwaffen der USA durch ihre Stationierung in Polen oder anderen bisher atomwaffenfreien Ländern oder gar durch die Entwicklung von eigenen Atomwaffen, durch welches europäische Land auch immer, würde mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einem Ende des NPT führen.


Unseriöse Bedrohungsszenarien

Die Debatte über eine eigenständige, von den USA unabhängige atomare Abschreckungskapazität Europas wird nicht erst seit Russlands Krieg gegen die Ukraine geführt und unter Verweis auf die angebliche Absicht und angebliche militärische Fähigkeit Russlands, nach diesem Krieg die baltischen Staaten, Polen sowie spätestens zum Ende dieses Jahrzehnts auch Deutschland und andere Nato-Staaten anzugreifen.

Dieses Bedrohungsszenario ist völlig überzogen und unseriös. Es gibt keinerlei Äusserungen Putins oder von Mitgliedern der Führung in Moskau, die diese Absicht erkennen lassen. Und die Regierung Putin wäre angesichts der militärischen Kräfteverhältnisse zwischen den Nato-Staaten und Russland auch gar nicht in der Lage, einen solchen Krieg zu führen. Die Friedensbewegung wird diesem überzogenen Bedrohungsszenario, das ja zur Rechtfertigung der derzeitigen Aufrüstung und zur innergesellschaftlichen Militarisierung dient, allerdings nur glaubwürdig und mit Erfolg in der Öffentlichkeit widersprechen können, wenn sie den tatsächlichen heissen Krieg, den Russland gegen die Ukraine führt, genauso klar als völkerrechtswidrig verurteilt, wie sie auch völkerrechtswidrige Kriege des Westens verurteilt hat. Da gibt es in Teilen der Friedensbewegung leider ziemliche Defizite.


Diskussion um Atomwaffen seit Trumps erster Amtszeit

Die Debatte um Atomwaffen für Europa begann bereits, nachdem Donald Trump in seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf im Sommer 2016 die Nato für «obsolet» erklärte. Bereits am Tag nach der ersten Amtseinführung Trumps im Januar 2017 erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter im ARD-Fernsehen, jetzt könne sich «Europa nicht mehr auf den nuklearen Schutzschirm der USA verlassen». Er forderte die Schaffung einer eigenständigen atomaren Bewaffnung der EU. Konkret schlug Kiesewetter eine Mitverfügung Deutschlands über Frankreichs Atomwaffen vor.

Im Wahlkampf zum EU-Parlament Anfang 2024 erhob dann auch die damalige sozialdemokratische Spitzenkandidatin Katarina Barley diese Forderung. Entsprechende Forderungen und Vorschläge werden seitdem immer häufiger laut angesichts der offensichtlichen Kumpanei zwischen Trump und Putin mit Blick auf den Ukrainekrieg, und weil die Nato-kritischen Äusserungen von Mitgliedern der Administration in Washington in Trumps zweiter Amtszeit seit Anfang 2025 deutlich zugenommen haben.

In der Debatte über eine militärische Unterstützung für Trumps völkerrechtswidrigen Krieg gegen Iran beschimpfte der US-Präsident die unwilligen europäischen Verbündeten als «unzuverlässig» und «undankbar». Er drohte mit einem Austritt der USA aus der Militärallianz.

Doch es ist ein Fehler, all die diesbezüglichen Äusserungen aus Washington für bare Münze zu halten. Sie werden überbewertet und instrumentalisiert, um die militärische Aufrüstung Europas zu propagieren bis hin zu einer eigenständigen, von den USA unabhängigen atomaren Bewaffnung.

Natürlich verfolgt die Trump-Administration – noch stärker als all ihre Vorgänger – das Ziel, die finanziellen Lasten in der Nato umzuverteilen und die europäischen Länder zu mehr Militärausgaben zu drängen. Doch davon abgesehen hat sich das grundlegende Interesse der USA an der Nato seit ihrer Gründung im Jahr 1949 auch unter Trump nicht verändert: Die Militärallianz ist für ihre Führungsmacht das wichtigste Instrument zur Einflussnahme in und Kontrolle über Europa. Auch die Existenz von US-Militärbasen in Deutschland und anderen Staaten Europas sowie deren Nutzung für Washingtons globale Kriege und Drohneneinsätze wären ohne die Nato nicht möglich. All das wird auch Trump nicht aufgeben.


Die deutsche Debatte

Die deutsche Debatte über Atomwaffen für Europa bezog sich zunächst nur auf das Modell einer Mitverfügung Deutschlands über die atomaren Arsenale Frankreichs und/oder Grossbritanniens. Wobei von Grossbritannien seit dem EU-Austritt des Landes (Brexit) zumindest vorerst nicht mehr die Rede ist.

Das Recht auf Mitverfügung hatte bereits Westdeutschlands sozial-liberale Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandt verlangt. Als sie mit der Ratifizierung des NPT im Jahr 1972 den völkerrechtlichen Verzicht auf Atomwaffen erklärte, machte sie den Vorbehalt, dass dieser Verzicht nicht mehr gelte, wenn es im Zuge der europäischen Integration (wie sie inzwischen mit der EU erreicht ist) zu einer gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik Europas komme. Dann müssten die dann in Europa existierenden Atomwaffen vergemeinschaftet werden. Deutschland müsse eine Mitverfügung – einen «zweiten Schlüssel» – über diese Waffen erhalten.

Im 4+2-Abkommen vom September 1990 wurde lediglich der Verzicht des wiedervereinigten Deutschland auf «die Entwicklung, den Besitz, die Lagerung und die Weitergabe» von Atomwaffen vereinbart. Die DDR-Delegation hatte vergeblich verlangt, auch den Verzicht auf «Mitverfügung über Atomwaffen anderer Staaten» in den Vertrag aufzunehmen.

Inzwischen ist den Befürworterinnen und Befürwortern allerdings immer deutlicher geworden, dass Paris eine Mitverfügung Deutschlands oder anderer Staaten über die Atomwaffen Frankreichs ablehnt. Präsident Emmanuelle Macron schlug Anfang dieses Jahres und zuletzt in einer Rede im März 2026 lediglich vor, französische Atomwaffen in anderen Ländern zu stationieren. Inzwischen hat Frankreich bilaterale Verträge mit neun Ländern geschlossen, die in einer Nuclear Steering Group zusammengefasst sind: Deutschland, Polen, Niederlande, Belgien, Griechenland, Schweden, Dänemark und neuerdings Norwegen. Mit Grossbritannien gab es schon länger eine Kooperation. Paris will aber allein über einen Einsatz entscheiden.

In jüngster Zeit werden immer mehr Stimmen laut – vor allem in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» –, die ähnlich wie Konrad Adenauer in den 1950er Jahren für die nationale Beschaffung und Alleinverfügung Deutschlands von und über Atomwaffen plädieren. Sie argumentieren, seit 1970 und erneut seit 1990 hätten sich die geopolitischen Rahmenbedingungen grundlegend geändert. Deshalb müsse der im Rahmen des NPT und des 4+2-Abkommens eingegangenen völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands zum Atomwaffenverzicht revidiert werden: sei es durch Aufkündung bzw. Austritt aus diesen Verträgen oder durch deren Neuverhandlung und Korrektur.

Eine Aufkündigung oder der Austritt aus internationalen Verträgen ist grundsätzlich möglich unter Beachtung bestimmter Fristen und formaler Verfahrensregeln. Als Problem sehen die Befürworterinnen und Befürworter eines solchen Vorgehens lediglich, dass nach einer Aufkündigung des 4+2-Vertrages milliardenschwere Reparationsforderungen auf die Bundesrepublik als Nachfolgestaat von Nazi-Deutschland zukommen könnten, die mit diesem Abkommen für endgültig abgegolten erklärt wurden.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im Netzwerk Friedens-Kooperative.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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5 Meinungen

  • 29.08.2026 at 13:05
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    Fragen über Fragen:
    – In was für einer Welt leben wir in der jetzigen Zeit?
    – Haben wir allen Respekt vor der atomaren Gewalt verloren?
    – Wer gebietet dieser Entwicklung besser gesagt diesem TREIBEN Einhalt?
    – Muss zuerst alles zerstört werden, bis unsere Politiker und Politikerinnen vernünftig werden?
    – Wer legt schlussendlich Rechenschaft ab, über die ZERSTÖRUNG die einfach so PASSIERT?
    – Ist der Jugend dieser Welt nicht bewusst, was unserer Erde droht?
    – Geht es uns zu gut, haben wir genug Ablenkungen, damit wir uns nicht mit der wahren Lage auseinander setzen müssen?
    – Wo bleibt die widerständige, denkende Bevölkerung?

    Dank an Herrn Zumach für den engagierten, äusserst informativen Beitrag.

    • Heinrich Frei
      30.08.2026 at 16:17
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      Die Atomwaffen-Lobby hat einen grossen Einfluss auf die Politik der EU, in Brüssel. Am 9. Juni 2026 veröffentlichte die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN) die Dokumentation. «Premeditated: Nuclear Weapons Spending in 2025». In diesem Paper wird geschrieben, dass Lobbyisten der Atomwaffenindustrie in Frankreich und den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr mehr als 138 Millionen Dollar investiert haben, um ihre Interessen in Brüssel zu vertreten. Die Unternehmen der Atomwaffenbranche hatten ausserdem 226 Treffen mit hochrangigen britischen Beamten, darunter vier mit dem Büro des Premierministers im Jahr 2025.
      Die heutigen riesigen Ausgaben für Atomwaffen erfolgen zu einer Zeit, in der Länder ihre Investitionen zu Beseitigung der Armut, des Hungers in der Welt zurückfahren. «Die riesigen Ausgaben für Atomwaffen zeigen die Bereitschaft, durch Forschung und Entwicklung von Werkzeugen, die Menschheit auszurotten, statt sie zu retten.» schreibt ICAN.

    • 31.08.2026 at 04:40
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      Mainstreammedien und deren Leserkommentarspalten finde ich eher Massenpsychose, Normopathie gegen Neutralität, für Overkill-Aufrüstung, für NATO/EU = beides Projekte/Instrumente der USA. NATO (Oberbefehl USA) Mitglieder gaben ihre Souveränität ab an USA. USA einziges Land mit Atom-Angriffskrieg-Doktrin. USA einziges Land, das Atomkrieg als gewinnbar erklärt. Auch Watson diffamiert Neutralität und deren Unterstützer.
      Schlagzeile in Dagens – «Das sind keine Probleme, die Brüssel für uns lösen wird: Island erteilt der EU eine deutliche Absage» – Island 29.8.2026 Abstimmung 52,8 % der Wähler gegen Pläne zur Wiederaufnahme der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union. Islands Regierung und EU (!) warben für JA zugunsten «europäische Sicherheit in der Arktis, US-Interesse am benachbarten Grönland». – Hingegen Opposition: «Nationalen Souveränität» und «Das sind keine Probleme, die Brüssel für uns lösen wird. Das sind Probleme, die die isländische Politik lösen muss.»

  • Heinrich Frei
    29.08.2026 at 16:20
    Permalink

    Andreas Zumach schreibt: «Die EU und die Nato-Staaten Europas haben die Diskussion darüber lanciert, ob Europa sich eine eigenständige, von den USA möglichst unabhängige Atomwaffenkapazität anschaffen soll.“
    Alle Staaten Europas müssten Atombomben verbannen. Atombomben können in einem Krieg gar nicht eingesetzt werden. Man würde sonst den Untergang der Menschheit riskieren. Schon der Einsatz von 100 Atombomben würde eine weltweite Klimakatastrophe auslösen, gefolgt von Hungersnöten.
    Mehrmals stand die Menschheit Minuten vor einem atomaren Schlagabtausch, während der Kubakrise im Oktober 1962 und nachher mehrere Male auch noch. Auch heute kann ein atomarer Schlagabtausch durch eine technische Panne ausgelöst werden, durch Missverständnissse, eine Fehleinschätzung, durch Verrückte.
    Bis heute werden vom Bundesrat, die Investitionen der UBS in Firmen, die an der Produktion von Atomwaffen beteiligt sind, akzeptiert. trotz den Bestimmungen des Kriegsmaterialgesetzes die das verbietet.

  • 31.08.2026 at 00:49
    Permalink

    «Demokratie» («Westliche Werte» und «Regelbasierte Ordnung») ist für mich Täuschung oder mit anderen Worten, wenn eine blinde Mehrheit die sehende Minderheit in der Abgrund führt.
    KONTRA Neutralität, PRO NATO, EU, beides USA.
    NATO hockt bereits im symbolträchtigen «Maison de la Paix» Genf. Investigativ-Journalist Rafael Lutz: «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» (Buch) und Interview in Youtube: «Das NATO-Netzwerk in der Schweiz» – Rafael Lutz im Gespräch» zeigt, wie weit die Schweiz von Netzwerk («Rhizom») durchdrungen ist. Deutschsprachige Zeitung der Schweizer Gewerkschaften «WORK» erinnert an einen Artikel von Jean Ziegler vom Okt. 2024, wo er ebenfalls warnt: «NATO-Beitritt der Schweiz?» (10.8.2026 Globalbridge).
    Blick 31.5.2026 – Leuk gerät auf politische Weltbühne «Wie sich zwei Walliser gegen Elon Musk wehren» – Elon Musk will in Leuk Europas grösste Starlink-Bodenstation bauen. Doch zwei Ärzte protestieren vehement: Sie fürchten Elektrosmog und geopolitische Gefahren.

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