Demo vor Stadttheater Basel.

Unbewilligt, aber friedlich: Veranstaltung vom 29. August 2026 vor dem Stadttheater Basel. © kfk.png

«Die Diskrepanz ist unerträglich»

Gabriela Neuhaus /  Eine Kunsthistorikerin kritisiert nach dem Polizeieinsatz an der Palästina-Demo das Theater Basel als «amoralische Anstalt».

In den Medien kamen rund um die Demonstration für Palästina und den Polizeieinsatz vom 29. August in Basel praktisch nur Vertreter:innen der Israel-Lobby zu Wort. Die Organisator:inen und Teilnehmer:innen der Kundgebung hingegen wurden nicht befragt, obschon sie unter anderem mit einer Medienmitteilung auf die Vorwürfe reagiert und ihren Aufruf «Death to Zionism» mit stichhaltigen Argumenten begründet haben. 

Die Menschenrechts- und Friedensaktivistin Denise Ellenberger vom Kollektiv Basel4Palestine hat sowohl die Diskussion im Vorfeld der Demo als auch den Polizeieinsatz vom 29. August miterlebt. Sie wurde zusammen mit rund 200 anderen Personen auf dem Theaterplatz eingekesselt und während sieben Stunden festgehalten. «Ich bin schockiert und empört, dass ich in meiner eigenen Stadt von bis an die Zähne bewaffneten Sturmtruppen physisch angegriffen werde, Rayonverbot erhalte und von den Medien als ‹Element›, ‹Chaotendemonstrantin›, ‹Mob› oder ‹Pack› bezeichnet werde, weil ich gegen das Abschlachten von Babies bin», sagte sie, noch immer aufgewühlt, fünf Tage nach den Ereignissen.

«Nie haben wir zu Gewalt gegen Menschengruppen aufgerufen», fügt die 73-jährige Kunsthistorikerin und politische Philosophin an. «Der Zionismus ist eine rassistische, ethno-nationalistische, genozidale politische Ideologie. Kein realer Mensch soll enteignet, vertrieben, erschossen, zerbombt, gesnipt oder ausgehungert werden, wie es der aus dieser Ideologie heraus entstandene Staat Israel nicht nur schon vor seiner Gründung offen propagierte, sondern diese Monstrositäten auch ausübt. Dem Zionismus den Tod zu wünschen, sein Ende, ist unsere menschliche Pflicht.»

In einem Brief an das Theater Basel kritisiert Denise Ellenberger die Institution als «amoralische Anstalt», die sich nicht auf die Seite der Demonstrierenden und ihr Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit stellte. Hier der gekürzte Brief der Augenzeugin.

Sehr geehrte Damen und Herren des Theater Basel,

ich schreibe Ihnen als Frau und Bürgerin, die am 29. August 2026 auf dem Theaterplatz dabei war. Ich bin 73, eine liebende Grossmutter und eine unbedingte Vertreterin der Menschenrechte und der internationalen Gesetze. 

Ich habe friedlich demonstriert – für den Tod, d.h. das Ende des Zionismus, der rassistischen, siedlerkolonialen, genozidalen Ideologie, in deren Framing Israel seit seiner Gründung und zuvor als zionistische Militia ethnische Säuberungen und Genozid begeht.

Was an diesem Samstag passierte, war peinlich und beschämend. Eine friedliche Demonstration mit legitimer Botschaft wurde mit einem lächerlich überdimensionierten Polizeiaufgebot, teilweise aus anderen Kantonen, mit Hunden und Wasserwerfer gekesselt. Das, nachdem die erste Lautsprecherdurchsage der Polizei an uns lautete, die Demo dürfe zwar nicht marschieren, eine Standkundgebung auf dem Theaterplatz sei aber erlaubt.

Wenig später waren wir knapp 200 Menschen – darunter Minderjährige und ältere Personen – eingekesselt. Über sieben Stunden wurden wir festgehalten und in regelmässigen Abständen immer gewaltsamer zusammengepresst. Friedliche Freunde an meiner Seite wurden willkürlich herausgepflückt, im Israel-Style mit dem Bauch auf den Boden gerungen und ihre Hände mit Zip-Ties zusammengezwungen, schliesslich in die Serra-Struktur geschleift. Wir hatten Angst um sie.

Alle erhielten Rayonverbot, auch ich, in meiner Stadt, weil ich gegen das Stehlen von Land und da Abschlachten von Kindern bin und der zionistischen Ideologie dahinter den Tod wünsche, die das alles und viel mehr Unvorstellbares promoviert. Richtig und Falsch werden um 180 Grad verkehrt.

Mir persönlich hat ein besonders aggressiver Polizist aus der speziell gewaltsamen zweiten Reihe die kampfhandbeschuhten Finger in eine kaum verheilte Operationswunde am Hals gedrückt und meine Fahne aus der Hand gerissen. Die Bruchkanten des Fahnenstabs haben mir die Hand blutig gerissen, mir, die friedlich da stand auf unserem öffentlichen Platz mit meiner Palästinafahne mit dem roten Dreieck, das Teil davon ist, immer und lange vor Hamas, dem gemäss Genfer Konvention legitimen palästinensischen Widerstand und der Liberation gegen die jedes Menschenrecht verstossende israelische Okkupationsmacht.

Ich habe mit Tränen in den Augen erlebt, wie meine Studierenden Celans «Der Tod ist ein Meister aus Deutschland» dechiffrieren und verstehen lernten. Und heute stehe ich genauso für die Morituri in Westasien ein, wenn die israelischen Zionisten – die neuen Faschisten – das semitische (sic) palästinensische Volk auslöschen. Nie wieder gilt für alle.

In der Schweiz gilt Artikel 22 der Bundesverfassung: Versammlungs- und Meinungsfreiheit – mit oder ohne Bewilligung. Wir waren keine Gefahr. Wir haben nicht zu Gewalt aufgerufen, das wurde strategisch so verdreht, und es war Unrecht, uns das Grundrecht zu entziehen, das gerade Andersdenkende schützt. Auch am Tag selber waren wir friedlich, der medial und politisch aufgeputschte Slogan zum Ende des Zionismus – der mörderischen Ideologie des israelischen STAATES und nicht der jüdischen RELIGION – war absurd und absichtlich zur Androhung von Gewalt gegen Juden verdreht worden. 

Wohl nicht zufällig hat der israelische Botschafter wenige Tage vor der Demo die Regierung Basels aufgesucht. Was gab es einzuflüstern?  Honi soit qui mal y pense. Ob der Hofierte zufrieden ist mit der Intervention? Wir hatten eher den Eindruck, Staat und Polizei waren fassungslos und verstört, weil wir im Gegensatz zu ihnen gewaltfrei blieben. Die angeblich gefährlichen Materialien sind lächerlich. Flugblätter. Abzeichen mit dem Dreieck. Wohin mit polizeilicher Aggression und martialischer Kluft gegenüber Sandalen und nackten Beinen und Armen? Wir haben getanzt und gesungen und unser Essen und Wasser geteilt. Und eine Salome gab es, er wird von ihr träumen. Die Kampf-Polizisten wurden vor unserer Ehrlichkeit und Wahrheit und Menschlichkeit hilflose böse Zwerge.

Einer genozidalen Ideologie den Tod zu wünschen bedeutet, ihr Ende zu wollen, damit das Schlachten von Menschen ein Ende hat. Es bedeutet nicht, zu Gewalt gegen Menschen aufzurufen, es bedeutet auch nicht carpet bombing, striking, shooting, sniping and letting people die from hunger, wie es die Israelis tagtäglich tun. 30-40 Lebensunwürdige töten, sonst schlaf ich nicht gut, finish the job, Amalek – 1Samuel15,3!

Ja, wir wünschen den Tod, dass das Ende dieser menschenverachtenden Ideologie. Uns dafür zu bestrafen ist moralisch ein Unrecht. Uns das Grundrecht der Versammlungs- und Redefreiheit zu stehlen, ein juristisches. 

In diesen Tagen widmete sich das Theater Basel dem Thema «Demokratie». Das Foyer Public soll «öffentlicher Stadtraum» sein. Diese Ansprüche haben Sie an diesem Samstag ad absurdum geführt.

Menschen, die sich aus dem Kessel retten wollten, fanden die Türen des Theater Basel vor der Nase zugeschlagen. Von Ihrer Institution kam kein Zeichen der Solidarität. Auf der anderen Seite warteten junge Menschen, die die Polizei entgegen Versammlungsrecht nicht zur Demonstration zugelassen hatte, stundenlang an der Theaterstrasse auf uns und  klatschten für jede befreite Person. Parallel dazu wurde im Theater der Einlass zu   «One Song» von Warlop vorbereitet. Ihr Abenddienst forderte die Anwesenden auf, den Einlass nicht zu stören: Man könne das gemeinsam bewältigen – aber bitte jetzt nicht stören. Rund um das Theater standen Polizisten in Vollmontur mit Tränengas und Gummischrot im Anschlag. Die Diskrepanz ist unerträglich!

Schiller hat das öffentliche Theater als moralische Anstalt verstanden – als Ort, der die Obrigkeit kritisiert, Macht hinterfragt und die Freiheit des Einzelnen verteidigt. Ein Haus, das die Türen schliesst, wenn Bürgerinnen ihr Grundrecht ausüben gegenüber einem genozidalen Land und seinen Basler Komplizen verrät diesen Auftrag.

Hunderte Menschen – aus dem Kessel ausgesperrt, aber darum herum – haben an diesem Tag in Solidarität mit uns erfahren, dass das Theater Basel neben hohlem Lip-Service-Programm nicht auf ihrer Seite steht, wenn es in der Realität darauf ankommt. Da war kein Mut.

(…)

Ich erwarte Ihre Antwort und grüsse Sie freundlich

Denise Ellenberger


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Dieser Gastbeitrag ist zuerst im «Offroad Reports Blog» erschienen. Gabriela Neuhaus ist freischaffende Journalistin und Filmemacherin.
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