Zahlensalat bei der NZZ

upg © Peter Mosimann

upg /  Unter dem Titel «Zahlensalat bei Ecopop» hinterfragte die NZZ Statistiken. Anderntags folgte ein «Korrigendum».


Ausgerechnet in einem Artikel mit dem grossen Titel «Zahlensalat bei Ecopop» machte die NZZ am 1. Oktober selber eine Falschangabe, die das Wesentliche der Ecopop-Initiative betrifft: Bei einer Annahme der Initiative, schrieb die NZZ, würde «das Bevölkerungswachstum auf 0,2 Prozent der Bevölkerung pro Jahr beschränkt».
Das würde noch eine jährliche Zunahme der Bevölkerung von rund 16’000 Menschen erlauben. Tatsächlich aber könnte die Bevölkerung immer noch um rund 30’000 Personen jährlich zunehmen, weil noch ein Geburtenüberschuss von rund 15’000 dazu kommt.
In einem «Korrigenda» berichtigt die NZZ am 2. Oktober ihren eigenen Zahlensalat: «Tatsächlich bezieht sich der Plafond von maximal 0,2 Prozent nur auf das Wachstum infolge Zuwanderung, nicht auf den Geburtenüberschuss.» Dass dieser etwa ebenso gross ist wie der erlaubte Zuwanderungssaldo erwähnt die NZZ nicht.
Schwache Beweisführung
Der vernichtende Titel «Zahlensalat bei Ecopop» wird im NZZ-Artikel nur schwach gestützt. Bereits der Untertitel verspricht wenig Substanzielles: «Das Bevölkerungswachstum ist nicht alleine für das Wachstum der Siedlungsfläche verantwortlich». Das ist ein plumper rhetorischer Trick: Man schiebt dem Kritisierten übertreibende Aussagen in den Mund, welche dieser nie gemacht hat. In keiner Publikation von Ecopop und in keiner Rede von Ecopop-Leuten habe ich je die Behauptung gelesen oder gehört, das Wachstum der Siedlungsfläche sei allein auf das Wachstum der Bevölkerung zurück zu führen.
Das Wachstum von Bevölkerung und Siedlungsfläche würden «mitnichten immer korrelieren», fährt die NZZ fort. Als Beweis führt sie die Kantone Jura und Uri an, wo das Wachstum der Siedlungsflächen «vergleichsweise hoch» war, obwohl die Bevölkerung nicht wuchs.
Die NZZ zitiert eine Raumplanungsspezialistin, die hinter einige Ecopop-Aussagen «ein grosses Fragezeichen» setze. Doch mit konkreten, «richtigen» Zahlen wartet sie nicht auf.
Weiteres «starkes» Argument der NZZ für den «Zahlensalat» bei der Ecopop: Die Siedlungen hätten sich nicht auf Kosten der Wälder ausgedehnt, sondern «besonders auf Kosten von Landwirtschaftsflächen». Deshalb würde, anders als die Ecopop sage, «nicht in erster Linie die Natur unter der Siedlungsentwicklung leiden».
Eine einfache Strassenumfrage hätte ergeben, dass die Schweizerinnen und Schweizer auch landwirtschaftlich genutzte Flächen zur Natur zählen.
«Ecopop-Angaben treffen in diesen Bereichen fast immer zu»
In einem grossen Kasten mit dem vielversprechenden Titel «Ecopop-Initiative – Behauptungen und Fakten» stellt die NZZ folgende Fragen:

  • Wächst die Schweiz so rasant wie Indien?
  • Verbrauchen ihre Bewohner 57 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf?
  • Stieg die Zahl der Personenkilometer auf Schiene und Strasse um fast fünf Prozent in fünf Jahren?

Es folgt die angesichts der Titel «Zahlensalat bei Ecopop» und «Behauptungen und Fakten» ziemlich überraschende Feststellung der NZZ:
«Eine Nachprüfung zeigt, dass die Ecopop-Angaben in diesen Bereichen fast immer zutreffen.»

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8 Meinungen

  • am 3.10.2014 um 06:22 Uhr
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    Faktencheck zur Ecopop-Initiative (NZZ vom 1. Oktober 2014) (1)

    Von 2002-2012 (Periode mit Einfluss der EU-Personenfreizügigkeit) betrug die Nettozuwanderung der ständigen ausländischen Wohnbevölkerung 684’918 Personen. Bei einer durchschnittlichen Wohnungsbelegungsquote von 2.24 Personen/Erstwohnung (Durchschnitt der Jahre 2002 und 2012) mussten für die ausländischen Nettozuwanderer von 2002-2012 305’767 Erstwohnungen bereitgestellt werden. Das sind 66,7% des gesamten Zuwachses an Erstwohnungen.

    Die Zahl der Erwerbstätigen in der Schweiz ist von 1980: 3’067’233 (ohne Grenzgänger) auf 2013 (4. Quartal): 4’899’000 (BfS) um rund 1,832 Mio Erwerbstätige oder 59,7% angestiegen. Mit der Zahl der Arbeitsplätze steigt die Nachfrage nach Büro-, Dienstleistungs-, Produktions-, Lager- und Parkierungsflächen.

    Dazu kommt der ständige Ausbau der Verkehrs- und der übrigen Infrastrukturflächen.

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  • am 3.10.2014 um 06:23 Uhr
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    Faktencheck zur Ecopop-Initiative (NZZ vom 1. Oktober 2014)

    Dass das Wachstum der Nutzungsflächen das Siedlungsflächenwachstum ankurbelt ist unbestritten. Richtig ist aber auch, dass mit Verdichtungsmassnahmen das Siedlungsflächenwachstum gebremst werden kann, siehe zum Beispiel der Stadtkanton Genf. Aber wollen das die hier Ansässigen wirklich alle? Zeigen nicht die Entwicklungen in den Landkantonen, dass ein grosser Teil der Bevölkerung das undichte Wohnen schätzt? Müssen wir uns in Zukunft diesen Wunsch wegen der enormen Zuwanderung abschminken? Wer die kommenden Diskussionen über die Umsetzung des revidierten Raumplanungsgesetzes verfolgt, wird eines Besseren belehrt werden. Es wird die Fortsetzung dessen sein, was wir schon in der Vergangenheit erlebt haben: Die demokratisch legitimierten lokal- und regionalpolitischen Raumplanungsentscheide werden sich gegen die hehren Absichten des neuen Raumplanungsgesetzes durchsetzen. Dies nicht zuletzt wegen des auch von Raumplanern und Stadtarchitekten nicht auszurottenden Wunsches nach „Wohnen im Grünen“. Aber: Soll der Mittelstand sein relativ hohes Einkommen besser für Übersee-Ferien und Autos ausgeben statt es für undichtes Wohnen zu investieren? Was ist ökologisch sinnvoller? Haben wirklich alle Familien Lust, ihre Kindern in städtischen Verhältnissen aufzuzuiehen?

    Übrigens: Der Verbrauch von Landwirtschaftsfläche ist auch ein Verbrauch von Naturfläche.

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  • am 3.10.2014 um 19:08 Uhr
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    Geburtenüberschuss 2012 gemäss BfS: 18’000,
    letztes Jahr 17’800 (gemäss NZZ, sollte man evtl. noch überprüfen ;-))

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  • am 4.10.2014 um 11:43 Uhr
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    Statistische Gedanken

    Der Geburtenüberschuss der Schweizer betrug im Jahr 2013 400 Personen, jener der Ausländer in der Schweiz 16’800 Personen. 34’000 Personen erhielten das Schweizer Bürgerrecht. Der «Geburtenüberschuss» bei den Ausländern ist so hoch, weil viele Ausländer bei der Einschulung der Kinder oder im AHV-Alter die Schweiz wireder verlassen. Effektiv haben wir eine Geburtenrate von 1.4 Kinder pro Frau im gebärfähigen Alter. Für einen gleichbleibende Bevölkerung wären 2.1 Kinder pro Frau oder bei einer Bevölkerung von 8 Mio. rund 100’000 Geburten pro Jahr erforderlich.
    Geboren wurden im Jahr 2013 82700 Kinder, davon 59’400 Schweizer Kinder, rund halb so viele, wie Ausländer eingewandert sind. Längerfristig müssten jährlich 40’000 Ausländer einwandern, um eine gleich bleibende Bevölkerung zu erreichen! Die gegenwärtige einseitige Altersstruktur der Bevölkerung bei den Schweizern sowie bei den Ausländern führt zu falschen Prognosen.
    Bei gleichbleibender Geburtenrate von 1.4 Kindern erlaubt die ECOPOP- Initiative daher längerfristig betrachtet eine Einwanderung von jährlich 56’000 (40’000 + 16’000) Personen.

    Die Bevölkerungsentwicklung der momentanen goldgräberartigen «Wirtschaftserfordernis» oder einem Freizügigkeitsdogma der EU zu opfern, ist politisch unverantwortlich!

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  • am 6.10.2014 um 11:15 Uhr
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    Die desinformative Propaganda der NZZ war noch viel schlimmer (wobei die NZZ mittlerweile kleinlaut zurückgekrebst ist und eine Korrektur angefügt hat). Die NZZ behauptete, dass 1960 der Migrationssaldo viel höher und 1990 gleich hoch gewesen sei wie 2013 mit 82000 Nettozuwanderung pro Jahr. Gemäss Bundesamt für Statistik (unter der Rubrik «Bilanz der ständigen Wohnbevölkerung 1861-2013» bei Wanderungssaldo zu finden) war aber der Migrationssaldo 1960 22000 und 1990 56000 und das soll gemäss NZZ gleich hoch gewesen sein wie aktuell mit 82000. Nur 1961 war der Migrationssaldo mit 100000 höher als aktuell. Von 1960 bis und mit 1970 war der durchschnittliche Mirationssaldo pro Jahr nur gerade 30000 (von 1960 bis und mit 1969 36000). Der durchschnittliche Migrationssaldo pro Jahr seit Einführung der Personenfreizügigkeit ohne Kontingente vom 1.6.2007 bis jetzt ist mit 80000 pro Jahr einmalig in der CH-Migrationsgeschichte. Es gab noch nie in einem Zeitraum von 7 Jahren ein solches in der Schweiz. Trotzdem verbreiten die ECOPOP-Gegner die Unwahrheit schamlos weiter und versuchen die ECOPOP-Initianten der Desinformation zu bezichtigen und weiter zu diffamieren. Die NZZ hat sich als Qualitätsmedium verabschiedet und scheint mitttels desinformativer Propaganda nur noch ein Sprachrohr der neoliberalen Economiesuisse und der profitierenden Wirtschaft zu sein. Zum Glück gibt es noch den unabhängigen, kritischen infosperber im Gegensatz zu den von der Wirtschaft «gekauften» Mainstreammedien. DANKE!

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  • am 15.10.2014 um 03:19 Uhr
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    Beim durchlesen obiger Beiträge (mit den interessanten Statistik Werte), ist es mir aufgefallen dass es doch schwierig ist (sein wird) der „normale Bevölkerung“ diese Zahlen in klarer und eindeutiger Sprache rüber zu bringen denn es braucht doch eine gewisse mathematische Vorstellungskraft um das alles zu interpretieren.
    Selbst für mich die sich sehr gerne für Statistiken interessiert ist ein «klarer durchblick» fast nicht möglich.

    In den Medien kursiert immer noch (hartnäckig) die Zahl „16’000, und die ist fast nicht mehr auszurotten, dies könnte das ganze doch zu Fall bringen !

    Wir hoffen dass es bis zur Abstimmung noch gelingt eine Prägnante Aussage aufzustellen die diese Zahlen in klarem und verständlichem (kurzem) Text darlegt und klarstellt … ansonsten sehe ich schwarz, zu verängstigt sind die Bürger.
    Diese relativ schwierige Materie wird von den Gegnern „weidlich Missbraucht“ um eben einen verwirrende „Zahlen-Salat“ unter die Leute zu bringen, … schade, wirklich schade !

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  • am 15.10.2014 um 11:26 Uhr
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    @ Carmey Bruderer Wie Recht Sie doch haben, das Ganze ist eine komplexe Angelegenheit, schwierig für einen Abstimmungskampf «süffig» und trotzdem seriös an die Leute zu bringen…Die Auswanderungszahlen der letzten 20 Jahre waren konstant, ca. 90’000 Leute verliessen jährlich die CH. Die Ecopop-Initiative würde die jährliche BRUTTOzuwanderung um rund ein DRITTEL SENKEN. Es könnten noch ca. 110’000 Neuzuzüger kommen.

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  • am 15.10.2014 um 12:00 Uhr
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    @ Wirth Sabine
    Problem erkannt.
    Wer versucht noch vor dem 30 November eine klarstellung «für jedermann» ?

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