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«Man landet nicht bei den Anonymen Alkoholikern nach einer Siegesserie»: Hunter Biden, der einst eine Flasche Vodka pro Tag trank, im Gespräch mit Channel 5. © Channel 5

Freiheit für Hunter Biden

Daniel Ryser /  Vom entblössten Skandalsohn zum unerwartetsten Polit-Influencer des Jahres: Wie Hunter Biden die Deutungshoheit zurückgewinnt.

Im Dezember 2025 schrieb ich über das vielleicht ehrlichste politische Interview dieser Jahre. Es erschien, und das war schon die halbe Geschichte, nicht auf CNN und nicht auf Fox, sondern auf Channel Five, einem kleinen, über Patreon finanzierten YouTube-Kanal, der eine Art Gonzo-Humanismus betreibt und seinem Publikum nur eines zumutet: sich von niemandem vorschreiben zu lassen, was es zu denken habe. Dort, an diesem anarchisch-unbestechlichen Ort jenseits des Kulturkampfs, sass der von der US-Presse fast vollständig zerlegte Hunter Biden – der jahrelang geschwiegen hatte – und sprach in einem dreistündigen Interview zum Beispiel eine halbe Stunde lang über seine Crack-Sucht. Während Jahren hatte man Biden aufgrund seiner Position als Sohn des US-Präsidenten zum Monster gemacht, um ihn, einmal völlig entmenschlicht, besser vernichten zu können.

Wunschtraum der Inquisition

Was diesem Mann widerfuhr, war die exemplarische Erfahrung des transparenten Zeitalters, nur in einer Dosis, die niemand überleben sollte: Ein Laptop, der im April 2019 unter ungeklärten Umständen in einer Werkstatt in Delaware landete (hier die spektakuläre Recherche von Olivia Nuzzi im «New York Magazine»), und kurz darauf das ganze Privatleben im Netz: Fotos, Chatverläufe, medizinische Daten, Nacktbilder, Videos beim Sex mit Prostituierten und beim Rauchen von Crack. Zwanzig Jahre digitaler Existenz, ausgeschüttet vor einem Land, das sich gerade selbst zerfleischte. Hunters Zerstörung war nie das Ziel, sondern das Werkzeug: Treffen sollte sie den Vater. Das Mittel: Der mediale Pranger, bestehend aus Serverfarmen und dem unauslöschlichen Gedächtnis des Internets.

Fünf Staatsanwaltschaften in fünf Bundesstaaten erhielten wegen des Datendiebstahls uneingeschränkten Zugriff auf zwei Jahrzehnte privater Kommunikation eines einzigen Menschen, der Wunschtraum jeder Inquisition. Sie suchten nach Spionage, nach Korruption, nach einer Vater-Sohn-Verschwörung, nach der Finanzierung des Wuhan-Labors, nach dem grossen Verrat. Und sie fanden: nichts. Kein Verbrechen ausser dem einen, das er längst selbst zu Protokoll gegeben hatte, 2019 in einem grossen Porträt im «New Yorker»: dass er Crack rauchte und im Sog seiner Sucht jegliche Würde verloren hatte.

«Ich war es wert, gerettet zu werden»

Seine Würde, die er verloren hat, versteckt er nicht mehr. Er legt sie offen hin wie ein Beweisstück, das jetzt ihm gehört. Crack sei «Sucht auf Steroiden», sagte Biden im Interview mit Channel 5, ein Ritual ohne Plateau, «bis du in das schlimmste High und den schlimmsten Horror stürzt». Und einmal, am äussersten Rand dieses Horrors, trieb er dem Tod entgegen: «Sie fanden mich, mit dem Gesicht nach unten treibend, im Whirlpool und retteten mir das Leben. Zwei Menschen, die sich selbst in Gefahr brachten – einfach nur, weil sie menschlich waren. Ich wachte zwölf Stunden später auf. Was hatten sie davon, mich zu retten? Dass man sie neben meiner Leiche findet? Diese zwei hatten nichts davon, mich zu retten. Ich kenne nicht einmal ihre Namen. Aber sie blieben bei mir, bis ich wieder ins Leben zurückfand. Worauf ich hinauswill: Ich war es wert, gerettet zu werden. Und es gibt Millionen von Menschen, die an Sucht leiden, und auch sie sind es wert, gerettet zu werden.»

Er sehe sich nicht als Opfer, sagt Biden. «Ich war ein Crack-Süchtiger. Und ich war so naiv, zu glauben, dass irgendjemand das wirklich verstehen oder Mitgefühl aufbringen könnte. Wir leben in einer Welt, in der Empathie fehlt, überall. Nicht nur gegenüber Hunter Biden. Empathie gibt es nicht mehr. Und wie mit mir umgegangen wurde – das ist erschreckend. Für jeden, der süchtig ist.»

Wer so über den eigenen Abgrund spricht, hat eine Grenze überschritten, hinter der die Beschämung ihre Macht verliert. Denn Beschämung funktioniert nur, wo einer mitspielt, sie braucht ein Opfer, das sich schämt. Und genau dieses Einverständnis hat Hunter Biden irgendwann verweigert. Und das erstmals offenbar im Gespräch mit Channel 5, und spätestens im Mai 2026, als er ein Konto auf der Plattform X aktivierte.

Wie aus der Schande eine Stimme wurde

Am 19. Mai 2026 postete er: «Ich bin Hunter Biden. Ihr habt bisher noch nie von mir gehört.» Inzwischen hat er 800’000 Follower und gilt in den US-Medien als die überraschendste politische Stimme des Jahres.

Als er im Sommer 2025 bei Channel 5 erstmals sein langes Schweigen brach, da war es das eigene politische Lager, das in ihm nun eine Art Hoffnungsträger sieht, das zusammenzuckte. Denn er hatte sich nicht in die Demut geflüchtet, die man von einem Gefallenen erwartet, sondern war zum Angriff übergegangen, und zwar nach innen.

George Clooney, der Hollywoodstar, der seinen Vater im Sommer 2024 in einem vielbeachteten Gastbeitrag der «New York Times» öffentlich zum Rückzug aus dem Wahlkampf gedrängt hatte, sei gar kein Schauspieler, sondern bloss «eine Marke» – «Scheiss auf ihn und auf alle um ihn herum». James Carville, die legendäre Strategenlegende der Demokraten, der einst Bill Clinton ins Weisse Haus gebracht hatte, habe seit vierzig Jahren keine Wahl mehr gewonnen. David Axelrod, der Chefstratege hinter Obamas Aufstieg, habe in seinem Leben genau einen Erfolg gehabt, und der heisse Barack Obama, nicht Axelrod. Die Hosts von «Pod Save America», dem einflussreichsten linksliberalen Polit-Podcast des Landes, betrieben von früheren Obama-Redenschreibern, seien vier Millionäre aus Beverly Hills, die seit sechzehn Jahren von ihrer einstigen Nähe zu Obama zehrten. Und Jake Tapper, der CNN-Starmoderator, dessen Enthüllungsbuch über den geistigen Verfall seines Vaters gerade die Bestsellerlisten füllte, betreibe schlicht Geldmacherei und solle endlich erwachsen werden.

Das linksliberale Establishment reagierte mit peinlich berührtem Wegsehen: CNN fragte, ob überhaupt irgendjemand diesem Mann zuhören solle, und die Antwort, die mitschwang, war ein höfliches Nein. Er war das Sinnbild des Scheiterns, der lebende Beweis, dass mit den Bidens etwas schiefgegangen war, ein Name, den man in den Sälen der Vernunft lieber nicht mehr aussprach. Heute kann es nicht genug von ihm sein. Dieselben Häuser, die seinen Namen mieden, sezieren ihn nun seitenweise: «Newsweek» macht ihn «Blitzableiter der Nation», die «Washington Post» bestaunt den Mann, der endlich kein Blatt mehr vor den Mund nehme, und dem «Atlantic» dämmert unter dem Titel «Das Leben nach der Scham», was hier gerade am Passieren ist – einer, den kein fremder Schlag mehr treffen kann.

Ein Mann weigert sich, zu verschwinden

Sein erstes grosses Gespräch nach seinem Comeback auf X im Mai 2026 führte er nicht mit einem Wohlmeinenden, sondern packte den Stier bei den Hörnern: Er traf sich mit Candace Owens, der MAGA-Scharfmacherin, die ihn jahrelang als Crackhead verspottet und seine Laptop-Inhalte durch ihre Kanäle gejagt hatte. Zwei Stunden sass sie ihm gegenüber. Am Ende entschuldigte sie sich und gestand, sie fühle sich «grauenhaft» wegen allem. Seine Methode war so schlicht wie verheerend: Als Owens ihn mit der Sucht konfrontieren wollte, kam er ihr zuvor: «Die Wahrheit ist: Ich war ein Crackhead.»

Hunter Bidens Fall wird zum Lehrstück über die Logik der Gegenwart. Die Cancel Culture – ob von links oder von rechts betrieben – verfolgt im Grunde ein einziges Ziel: dass bestimmte Menschen nicht mehr stattfinden. Dass sie verschwinden, dass sie sich auflösen, dass sie aufhören, einen Ort in der Öffentlichkeit zu beanspruchen. Sie ist eine Maschine zur Herstellung von Abwesenheit. Und sie funktioniert, solange der Beschämte den Befund über sich selbst unterschreibt und freiwillig von der Bühne tritt. Hunter Biden tritt nicht ab. Er postet das Foto, das ihn vernichten sollte – den unrasierten Körper auf einem Motelbett, die Zigarette im Mundwinkel –, und kontert damit den alten Vorwurf, ein korrupter, von der Macht seines Vaters gemästeter Elitenspross zu sein: «Sehe ich etwa so aus, als gehöre ich zur elitären Oligarchenklasse? Das Foto wurde übrigens in einem Super-8-Motel an der I-95 aufgenommen.»

Als ein anonymer Account ihm ein gestohlenes Foto entgegenhielt – er selbst, schlafend, die Crackpfeife noch im Mund, eines der Millionen Fundstücke aus dem geplünderten Laptop – und dazu schrieb, seine ganze Familie sei eine Schande, da antwortete Biden nicht mit Hohn. Er sah nur das Profilbild des Absenders, Johnny Cash, und gab dem Fremden die Geschichte seines eigenen Helden zurück:

«Ich sehe dein Profilbild. Das ist Johnny Cash. Ebenso mein Held. Er wurde sieben Mal verhaftet. Schmuggelte 1965 668 Amphetamine über die mexikanische Grenze. Er probierte jede Droge aus, die es gab, und trank genauso viel wie ich. Er betrog seine erste Frau. Er schlief mit mehr Frauen, als ich es je tat. 1968 erreichte er in einer Höhle in Tennessee den Tiefpunkt, als er versuchte, davonzukriechen und zu sterben. Und dann stand er wieder auf. Er wurde clean. Er verbrachte den Rest seines Lebens damit, für Gefangene und Süchtige und die Menschen zu singen, die das Land weggeworfen hatte, weil er wusste, dass er einer von ihnen war. Das war der Sinn hinter dem Man in Black. Er trug den Anzug für die Armen und die Niedergeschlagenen. Er trug ihn für den Gefangenen, der längst für sein Verbrechen gebüsst hatte. Er trug ihn für diejenigen, die noch nie ein Wort von Jesus gehört hatten. Er trug ihn für die Süchtigen und die Sterbenden. Er trug ihn als ständiges Zeugnis dafür, dass jeder gerettet werden kann. Du hast sein Bild ausgewählt. Aber du hast seine Botschaft nicht angenommen. Versuch doch mal, auf seine Worte zu hören.»

Mit einer einzigen Drehung hatte er dem Angreifer das eigene Idol aus der Hand genommen.

Das zurückeroberte Gesicht

Dieselbe Bewegung kehrt in seinem schönsten Dokument wieder, und es ist kein Text, sondern ein Bild – Biden ist in den sieben Jahren seiner Abstinenz zu einem ernsthaften Maler geworden. Er nahm jenes eine Foto, das die New York Post und die Daily Mail jahrelang immer wieder neben ihre Schlagzeilen druckten, weil sie darin etwas Degeneriertes zu erkennen glaubten – ein Mann am Tiefpunkt seiner Sucht, erschöpft, der überlegte, wie er allem ein Ende setzen könnte –, und malte daraus ein Selbstporträt. Es heisst schlicht «Self Portrait #2» und zeigt ein Gesicht aus tausend Kacheln, Stück für Stück, Pixel für Pixel durch die harte Arbeit der Genesung wieder zusammengesetzt. Ihr Porträt, schreibt er darunter, sei das eines Monsters gewesen; seines zeige einen Menschen, der es wert ist, gerettet und vergeben zu werden. Und dann jener Satz, der das transparente Zeitalter dort trifft, wo es den Menschen für lesbar und damit für besitzbar hält: Der Mann auf diesen Bildern gehöre nicht mehr ihnen. «Er gehört mir, und ich liebe ihn.» Darunter, in zwei Worten, das ganze Programm: «Wir genesen.»

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Pixel für Pixel zurück ins Leben: Aus dem Material seiner Demütigung wird Kunst – Hunter Bidens «Self Portrait #2».

Nicht «Ich», sondern «Wir»

Womöglich ist die aktuelle Faszination für Hunter Biden ein Reflex der Erschöpfung an einem Politbetrieb, der sich wie ein makelloser Dauerwerbespot inszeniert, in dem das Versagen im Drehbuch nicht vorgesehen ist. Aber die Bedeutung dieses Falls hat sowieso nie in der Wahlarithmetik gelegen, sondern woanders, und das ist viel wichtiger.

Das transparente Zeitalter hatte sich einen Menschen gesucht, um an ihm seine Macht zu beweisen. Zwanzig Jahre lang hat es ihn ausgeschlachtet, jede Zeile, jedes Bild, und in dem Augenblick, in dem es ihn zu besitzen glaubte, ist er entglitten. Nicht, weil er etwas verschwieg, sondern weil er nichts mehr verschwieg. Einen Menschen, der sich entschieden hat, ganz sichtbar zu sein, kann man nicht mehr zum Verschwinden bringen.

Und das Grösste ist, dass er nicht sagt: «Ich genese», sondern: «Wir genesen.» Die Cancel Culture wollte, dass er nicht mehr stattfindet. Er findet statt.


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7 Meinungen

  • am 4.07.2026 um 11:42 Uhr
    Permalink

    Einer der nützlichsten Artikel seit langem! Viele können das nicht verstehen.

    • am 5.07.2026 um 06:13 Uhr
      Permalink

      Das verstehe ich wirklich nicht. Ein Lob auf einen ehemaligen CEO von Biowaffenlabore in der Ukraine? Der die Reparatur seines Laptops nicht bezahlen wollte und so sein Skandal-Leben Preis gab? Der heute Bilder malt, damit Geld gewaschen wird und er schön schweigt?
      «Die Cancel Culture wollte, dass er nicht mehr stattfindet. Er findet statt.»?

      Da sage ich nur, leider ja und das schon viel zu lange…

  • am 4.07.2026 um 12:40 Uhr
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    «Das Einzige, was schlimmer ist, als dass über einen geredet wird, ist, dass man nicht über einen redet.»
    OSCAR WILDE

  • am 4.07.2026 um 21:23 Uhr
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    So erfreulich die Aufarbeitung Hunter Bidens Crack-Sucht ist, da war doch ein seltsamer Korruptionsskandal mit dem ukrainischen Oligarchen Mykola Slotschewskij, der den Energiekonzern Burisma besass und Biden im April 2014 als Berater oder was auch immer anheuerte und monatlich 50.000 Euro überwies. Die kurz zuvor von den USA unterstütze Maidan-Protestbewegung, die von Rechtsextremisten gekapert und erfolgreich bis zum Umsturz eskaliert wurde (Ermordung von Polizisten als Auslöser der Racheaktion der Berkhut), war der Turbo für die darauf folgende Eskalationsspirale bis zum blutigen Krieg, der nach viereinhalb Jahren und weit über 100.000 Toten (plus Kriegsinvalide, Kriegswitwen und -waisen sowie hunderte zerstörte Dörfer und Städte) immer noch keine Aussicht auf ein Ende des Mordens und Verwüstens gibt. Für mich ist Hunter Biden erst dann voll rehabilitiert, wenn er in dieser global wichtigen Angelegenheit von Krieg und Frieden nach bestem Wissen seinen Beitrag zur Aufklärung leistet.

  • am 5.07.2026 um 03:26 Uhr
    Permalink

    REPS und DEMS sind für mich dieselbe Partei und das Theaterspielen in den USa USus seit deren Vorhandensein – zulasten der Nichtelite wie uns.

  • am 5.07.2026 um 15:09 Uhr
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    Und wenn jetzt noch die Schweinereien von Joe Biden und seinem Sohn Hunter in der Ukraine ebenfalls so offen besprochen werden, wird es so richtig rührselig, und die Welt ist wieder in Ordnung…

  • am 5.07.2026 um 18:37 Uhr
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    Das Grösste an Hunter Biden ist sein PR-Berater und sein Textschreiber. Wie naiv muss man sein um über diesen vom Papa noch rechtzeitig Begnadigten ein Lobeslied anzustimmen und aus ihm – gerade aus ihm – eine Figur des Widersstands zu formen. Lächerlich.

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