Margrethe-Vestager-Executive-Vice-President-of-the-European-Commission-for-a-Europe-Fit-for-the-Digital-Age-2

Auch die Vizepräsidentin der Europäischen Kommission, Margrethe Vestager, liess sich im Sommer 2025 Blut abnehmen. Das Labor wies darin sieben verschiedene PFAS nach. © EEB, Chemsec

Belastung mit zwei verbotenen PFAS sinkt weltweit

Daniela Gschweng /  Regulierung hilft – die Blutwerte der lange verbotenen PFAS, PFOA und PFOS, sinken. Nun rücken die Ersatzstoffe in den Fokus.

Es ist eine der wenigen guten Nachrichten in der PFAS-Diskussion: Die Belastung der Bevölkerung mit den beiden bekanntesten «Ewigkeitschemikalien» geht seit Jahren zurück. PFOA (Perfluoroktansäure) und PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) werden in der Umwelt weiterhin so gut wie nicht abgebaut, es gibt aber immer strengere Gesetze und Verbote. An die Stelle der schädlichen Chemikalien treten jedoch zunehmend neue, über deren Risiken oft noch nichts bekannt ist.

Die Konzentration von PFOA und PFOS im menschlichen Blut geht weltweit zurück. Was unterschiedlich gut dokumentiert ist. Die meisten Daten gibt es aus Ländern, die sowohl zu den Herstellernationen gehören wie auch selbst betroffen sind.

Zum Beispiel aus den USA, dem Land der grössten Hersteller, wo die Giftigkeit von PFOA und PFOS als erstes auffiel. Seit Anfang des Jahrtausends ist die Belastung der Bevölkerung deutlich gesunken, zeigen Daten aus dem US-Programm NHANES, das in regelmässigen Abständen Gesundheitsdaten der US-Bevölkerung erhebt.

ATSDR NHANES-Graph-ng-per-mL
Die Belastung der US-Bevölkerung vor allem mit PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) ist seit Anfang des Jahrtausends deutlich gesunken.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in Europa. Die Daten unterscheiden sich leicht zwischen den verschiedenen Ländern, der Trend ist jedoch einheitlich. PFOS und PFOA wurden ab den 1960er-Jahren breit eingesetzt. Die höchste Belastung wird in den USA und in Europa in den 1980er- und 1990er-Jahren beobachtet, danach nimmt die Konzentration im Blut der Proband:innen kontinuierlich ab.

«Für PFOS und PFOA waren die Belastungen im Jahr 1986 am höchsten. Heute liegen sie für PFOS bei rund zehn Prozent und für PFOA bei rund 30 Prozent der damaligen Werte», gibt zum Beispiel das deutsche Umweltministerium an.

Screenshot 2026-06-28 135541_b
PFOS- und PFOA-Belastung in Deutschland. 100 Prozent entsprechen der Belastung um 1986.

Ähnliche Studien gibt es zum Beispiel auch aus Dänemark. Für die Schweiz gibt es nur wenige Daten. Fachleute gehen davon aus, dass die Entwicklung jener in den USA und der EU gleicht.

Regulierung hilft

Wesentlicher Grund für den Rückgang ist die sich immer weiter verschärfende Gesetzeslage. Bis Mitte der Nullerjahre gab es nur wenige Vorschriften oder gar keine Regulierung der beiden Chemikalien. Der Hauptproduzent 3M kündigte 2000 jedoch an, die Produktion von PFOS freiwillig einzustellen. Danach griffen zunächst Richtwerte, dann Grenzwerte, die schrittweise verschärft wurden.

PFOS wurde 2009, PFOA 2019 in das Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe aufgenommen. Wo nicht bereits geschehen, wurden Herstellung und Nutzung beider Chemikalien in Folge weltweit stark eingeschränkt oder verboten. Die Zahl der Ausnahmen wurde geringer, Übergangsfristen wie zum Beispiel für Feuerlöschschäume liefen ab. Am Ende stand ein fast umfassendes Verbot.

Vor allem Trinkwasser entscheidend

In Hotspots wie dem bayerischen Altötting oder dem deutschen Rastatt, wo Wasser und Böden durch ehemalige chemische Produktion beziehungsweise Papierschlämme stark verschmutzt sind, kann die Belastung deutlich höher sein. Dort werden Böden, Wasser und Gesundheitsparameter aber auch am genauesten beobachtet.

Weltweit am höchsten belastet sind Menschen, die mit PFAS arbeiten, in belasteten Gebieten wie um Produktionsstätten oder ehemalige Feuerwehrübungsplätze wohnen, und solche, die grössere Mengen belasteter Lebensmittel wie Fisch verzehren. Über Lebensmittel und Trinkwasser gelangen die meisten PFAS wie PFOA und PFOS in den Körper. Besonders belastet sind tierische Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte.

Eine grosse Rolle spielt Trinkwasser, zeigen Kontrolluntersuchungen aus diesen Gegenden. Sowohl im Kreis Rastatt wie auch im Kreis Altötting gehen die Blutwerte der Bevölkerung zurück. An beiden Orten wird das Trinkwasser durch Aktivkohlefilter gereinigt und ständig überprüft. Im Kreis Rastatt sank auch die Belastung der Menschen, die zusätzlich über belastete Böden PFAS aufnahmen und die von Personen ohne wesentliche Belastungsquellen.

Innovation hilft – trotz aller Schwarzmalerei

Die sinkenden Blutwerte sind das Resultat erfolgreicher Chemikalienpolitik. Obwohl PFAS in der Umwelt äusserst langlebig sind, liess sich die Belastung durch Produktionsverbote und strenge Grenzwerte deutlich verringern. Grossflächige Regulierung hilft. Die sinkenden Werte bedeuten auch:

  • Die Menge der PFAS, die der Mensch bereits in die Umwelt eingebracht hat, wird nur sehr langsam geringer. Dennoch ist es möglich, die Gesundheit der Bevölkerung durch Verbote besser zu schützen.
  • Auf PFAS könne keinesfalls oder wenigstens lange nicht verzichtet werden, sagen die Hersteller seit Jahren. Entgegen aller Schwarzmalerei hat die herstellende Industrie in vielen unterschiedlichen Produktbereichen Alternativen zu den beiden giftigen Stoffen gefunden. Für Feuerlöschschäume gibt es beispielsweise inzwischen gute, PFAS-freie Alternativen, die breit angewendet werden.
  • Die sinkende Belastung betrifft die im Körper noch immer häufigsten PFAS, die auch lange dort bleiben. Ihre Halbwertszeit im Körper liegt bei mehreren Jahren. Das wiederum liegt an ihrer Kettenlänge, also der Anzahl der Kohlenstoffatome im Molekül. Nach Ansicht von Fachleuten ist die lange Verweilzeit einer der Hauptgründe dafür, dass PFOA und PFOS so schädlich sind.

Noch längere Perfluorkarbonsäuren mit einer Kettenlänge grösser als C9 sind in der EU bis auf wenige Ausnahmen verboten. Kürzerkettige PFAS sind womöglich nicht weniger giftig, haben aber weniger Zeit, im Körper Wirkung zu entfalten.

Keine Entwarnung – das Problem der Ersatzstoffe

Das sind sehr gute Nachrichten. Eine Entwarnung in Sachen PFAS ist es nicht. Während die Kurven für die klassischen, langkettigen PFAS wie PFOA und PFOS nach unten zeigen, steigen diejenigen der kurzkettigen wie GenX (HFPO-DA oder FRD-903), PFHxA (Perfluorhexansäure) oder PFBS (Perfluorbutansulfonsäure) – Stoffe, mit denen die nachgewiesen schädlichen «Originale» ersetzt wurden.

GenX ist seit Jahren als «sehr besorgniserregend» eingestuft. Von vielen anderen Ersatzstoffen weiss man noch wenig. Dazu rücken neue kurzkettige PFAS wie Trifluoracetat (TFA) in den Fokus. Ein seit Jahren verfolgtes Vorhaben der EU, die gesamte PFAS-Stoffgruppe zu verbieten, droht momentan zu scheitern.

PFOA – Perfluoroktansäure

war die erste PFAS-Chemikalie, die wegen ihrer Giftigkeit Aufmerksamkeit erregte. Wesentlichen Anteil daran hatte der US-Anwalt Robert Bilott. Die Chemikalie gilt als besonders besorgniserregend, fortpflanzungsgefährdend, persistent, bioakkumulierbar und toxisch und ist in der europäischen Chemikalienverordnung als
«fruchtbarkeitsschädigend Typ 1B» eingeordnet. PFOA wurde und wird zum Beispiel bei der Herstellung von Teflon eingesetzt. 2019 wurde PFOA in das Stockholmer Übereinkommen über persistente organische Schadstoffe aufgenommen. Die Herstellung und das Inverkehrbringen von PFOA und seinen Vorläuferverbindungen ist in der EU seit dem 4. Juli 2020 und in der Schweiz seit dem 1. Juni 2021 verboten. Es gelten Höchstwerte für Trinkwasser und Lebensmittel.

PFOS – Perfluoroktansulfonsäure

wurde wie PFOA ab den 1960er-Jahren von dem US-Unternehmen 3M in grossen Mengen produziert und breit eingesetzt, zum Beispiel in Feuerlöschschäumen und Imprägnierungen. PFOS gilt als persistent, bioakkumulierbar, giftig und ist als «möglicherweise krebserregend» eingestuft. PFOS ist das im Körper am häufigsten gefundene PFAS.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Laufen_ElizabethTable4Five

Öffentliche Gesundheit

Ob wir gesund bleiben, hängt auch von Bewegungsmöglichkeiten, Arbeitsplatz, Umwelt und Vorsorge ab.

PFAS.Dossier.M&P

PFAS-Chemikalien verursachen Krebs und können Erbgut schaden

Die «ewigen Chemikalien» PFAS bauen sich in der Natur so gut wie gar nicht ab. Fast alle Menschen haben PFAS bereits im Blut.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...