Verletzte Kinder in Gaza

Laut den Vereinten Nationen wurde allein während der ersten sechs Kriegsmonate alle zehn Minuten ein Kind in Gaza verletzt oder getötet. © WHO / Christopher Black

«Nie zuvor so viele Menschen mit schweren Verletzungen gesehen»

Martina Frei /  Ein früherer WHO-Mitarbeiter beschreibt die dramatischen Zustände in Gaza. Das Sauberste in einem Spital war eine Kinderwindel.

Der niederländische Arzt Rik Peeperkorn war fünf Jahre lang für die WHO im Einsatz in Palästina und vorher, von 2013 bis 2020, in Afghanistan. Nach seiner Pensionierung teilte er einem Reporter der Ärztezeitung «The Lancet» mit, was er in den letzten Jahren in Gaza erlebt hat: «Ich habe nie zuvor eine solche Menge an Kindern, Heranwachsenden, Frauen, Männern und älteren Menschen mit schweren Verletzungen gesehen.»

Die Arbeit der Helfer habe unter «unaufhörlichen Bombardierungen und Angriffen stattgefunden», mit «zahlreichen Attacken auf das Gesundheitssystem und dessen Mitarbeitende». Manche Situationen seien «jenseits von verzweifelt» gewesen, so Peeperkorn, der sich bereits während seiner Zeit in Gaza verschiedentlich zu Wort gemeldet und ein Ende des «sinnlosen Tötens» gefordert hatte.

Immer wieder hätten die WHO-Mitarbeiter medizinische Vorräte von einem Ort zum anderen schaffen müssen, weil das israelische Militär die Lagerstätten vernichtet habe. Das Al-Shifa-Hospital, grösstes Spital in Gaza, wurde praktisch völlig zerstört. 

Al-Shifa Hospital
Was vom grössten Spital in Gaza, dem Al-Shifa Hospital, übrig blieb.

Massengräber unter zwei Spitälern entdeckt

Unter diesem Spital sowie unter dem Nasser Hospital in Kahn Younis wurden im April Massengräber mit hunderten von palästinensischen Leichnamen entdeckt, tief im Boden vergraben und mit Abfall bedeckt. «Unter den Toten waren dem Vernehmen nach ältere Menschen, Frauen und Verwundete, während andere mit gefesselten Händen – gefesselt und ausgezogen – aufgefunden wurden», sagte eine Sprecherin des UN-Hochkommissars für Menschenrechte.

Der Waffenstillstand im Oktober 2025 habe laut Peeperkorn «enttäuschend wenig Fortschritt» gebracht. Auch wenn sich die katastrophale Lage für die Kinder dadurch etwas entschärft habe, seien im März 2026 trotzdem rund 2800 Babys und Kleinkinder wegen Unterernährung zugewiesen worden, darunter 600 in akut bedrohlichem Zustand; im April 2026 waren es rund 3500 Kinder, die wegen Unterernährung behandelt werden mussten.

Israel habe «höchst willkürliche» und «drakonische» Regeln erlassen, was die Einfuhr medizinischer Güter betreffe, ergänzte Leonard Rubenstein, Professor an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, im «Lancet»-Artikel. Alles, was aus israelischer Sicht sowohl für medizinische als auch für militärische Zwecke benützt werden könnte, dürfe nicht eingeführt werden. Laborzubehör und -reagenzien, Ersatzteile für Generatoren, orthopädische Gegenstände und vorgefertigte Spitäler: «Man weiss nie, welches Ausrüstungsteil neu als Dual-Use-Gut eingestuft und verboten wird.» 

Jede Wunde eitrig

Im «British Medical Journal» berichtete ein Chirurg Ende April, dass jede Wunde, die er in Gaza gesehen habe, infiziert gewesen sei. Die Unterernährung und die schlechten Lebens- und Hygienebedingungen tragen dazu bei. Der Gestank von ungeklärten Abwässern hänge überall in der Luft. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten sich zwischen zwei Behandlungen die Hände nicht desinfizieren. 

Angesichts der Mangellage würden medizinische Einmalprodukte mehrmals verwendet. Dazu zählen beispielsweise Metallstäbe und -schrauben, um Knochenbrüche von aussen zu stabilisieren. Sie seien bei Verstorbenen ausgebaut und wiederverwendet worden. 

«Ich erinnere mich an einen Patienten, der mit einer extrem schweren Sprengverletzung am Bein kam und das Bein verlor. Als er mit dieser schrecklichen offenen Wunde in die Notaufnahme kam, war das Sauberste, was ich finden konnte, um den verbliebenen Teil seiner Gliedmasse abzudecken – etwas, das nicht schon völlig blutdurchtränkt war –, eine unbenutzte Kinderwindel.»

Hitzeschläge, Krätze, Unterernährung – und immer wieder Appelle an die internationale Gemeinschaft

Fast 90 Prozent der palästinensischen Bevölkerung lebe in Zelten, die bei heissem Wetter oft zur Hitzefalle mit Temperaturen über 45 Grad Celsius würden, wenn weder Strom noch Belüftung vorhanden seien. Das berichtete das palästinensische Sozialministerium auf seiner Website. In einigen Regionen hätten die Menschen weniger als drei Liter Wasser pro Tag. Es gebe «Tausende Fälle von Hitzeerschöpfung und Hitzschlag sowie einen starken Anstieg von Hautkrankheiten wie Hitzepickeln, Krätze, Pilzinfektionen». Durchfall und Virushepatitis verbreiten sich über verunreinigtes Wasser, Abfälle und Fäkalien. Es bestehe ein «gravierender Mangel an grundlegenden Hygieneartikeln».

An einer Medienkonferenz am 3. August 2026 berichtete die palästinensische Sozialministerin, dass etwa 74’000 Kinder an «akuter Mangelernährung» litten. Zum x. Mal appellierte Palästina an die internationale Gemeinschaft, «ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie die vollständige und dauerhafte Öffnung der Grenzübergänge sicherstellt, den sicheren und ungehinderten Fluss humanitärer Hilfe und kommerzieller Güter gewährleistet, Wiederaufbauprogramme und die Wiederherstellung lebenswichtiger Dienstleistungen unterstützt, die Zivilbevölkerung schützt, ihre Würde wahrt und dem palästinensischen Volk eine echte Chance gibt, sein Leben wieder aufzubauen und seine Zukunft zu sichern.»


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