«Nie zuvor so viele Menschen mit schweren Verletzungen gesehen»
Der niederländische Arzt Rik Peeperkorn war fünf Jahre lang für die WHO im Einsatz in Palästina und vorher, von 2013 bis 2020, in Afghanistan. Nach seiner Pensionierung teilte er einem Reporter der Ärztezeitung «The Lancet» mit, was er in den letzten Jahren in Gaza erlebt hat: «Ich habe nie zuvor eine solche Menge an Kindern, Heranwachsenden, Frauen, Männern und älteren Menschen mit schweren Verletzungen gesehen.»
Die Arbeit der Helfer habe unter «unaufhörlichen Bombardierungen und Angriffen stattgefunden», mit «zahlreichen Attacken auf das Gesundheitssystem und dessen Mitarbeitende». Manche Situationen seien «jenseits von verzweifelt» gewesen, so Peeperkorn, der sich bereits während seiner Zeit in Gaza verschiedentlich zu Wort gemeldet und ein Ende des «sinnlosen Tötens» gefordert hatte.
Immer wieder hätten die WHO-Mitarbeiter medizinische Vorräte von einem Ort zum anderen schaffen müssen, weil das israelische Militär die Lagerstätten vernichtet habe. Das Al-Shifa-Hospital, grösstes Spital in Gaza, wurde praktisch völlig zerstört.

Massengräber unter zwei Spitälern entdeckt
Unter diesem Spital sowie unter dem Nasser Hospital in Kahn Younis wurden im April Massengräber mit hunderten von palästinensischen Leichnamen entdeckt, tief im Boden vergraben und mit Abfall bedeckt. «Unter den Toten waren dem Vernehmen nach ältere Menschen, Frauen und Verwundete, während andere mit gefesselten Händen – gefesselt und ausgezogen – aufgefunden wurden», sagte eine Sprecherin des UN-Hochkommissars für Menschenrechte.
Der Waffenstillstand im Oktober 2025 habe laut Peeperkorn «enttäuschend wenig Fortschritt» gebracht. Auch wenn sich die katastrophale Lage für die Kinder dadurch etwas entschärft habe, seien im März 2026 trotzdem rund 2800 Babys und Kleinkinder wegen Unterernährung zugewiesen worden, darunter 600 in akut bedrohlichem Zustand; im April 2026 waren es rund 3500 Kinder, die wegen Unterernährung behandelt werden mussten.
Israel habe «höchst willkürliche» und «drakonische» Regeln erlassen, was die Einfuhr medizinischer Güter betreffe, ergänzte Leonard Rubenstein, Professor an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, im «Lancet»-Artikel. Alles, was aus israelischer Sicht sowohl für medizinische als auch für militärische Zwecke benützt werden könnte, dürfe nicht eingeführt werden. Laborzubehör und -reagenzien, Ersatzteile für Generatoren, orthopädische Gegenstände und vorgefertigte Spitäler: «Man weiss nie, welches Ausrüstungsteil neu als Dual-Use-Gut eingestuft und verboten wird.»
Jede Wunde eitrig
Im «British Medical Journal» berichtete ein Chirurg Ende April, dass jede Wunde, die er in Gaza gesehen habe, infiziert gewesen sei. Die Unterernährung und die schlechten Lebens- und Hygienebedingungen tragen dazu bei. Der Gestank von ungeklärten Abwässern hänge überall in der Luft. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnten sich zwischen zwei Behandlungen die Hände nicht desinfizieren.
Angesichts der Mangellage würden medizinische Einmalprodukte mehrmals verwendet. Dazu zählen beispielsweise Metallstäbe und -schrauben, um Knochenbrüche von aussen zu stabilisieren. Sie seien bei Verstorbenen ausgebaut und wiederverwendet worden.
«Ich erinnere mich an einen Patienten, der mit einer extrem schweren Sprengverletzung am Bein kam und das Bein verlor. Als er mit dieser schrecklichen offenen Wunde in die Notaufnahme kam, war das Sauberste, was ich finden konnte, um den verbliebenen Teil seiner Gliedmasse abzudecken – etwas, das nicht schon völlig blutdurchtränkt war –, eine unbenutzte Kinderwindel.»
Hitzeschläge, Krätze, Unterernährung – und immer wieder Appelle an die internationale Gemeinschaft
Fast 90 Prozent der palästinensischen Bevölkerung lebe in Zelten, die bei heissem Wetter oft zur Hitzefalle mit Temperaturen über 45 Grad Celsius würden, wenn weder Strom noch Belüftung vorhanden seien. Das berichtete das palästinensische Sozialministerium auf seiner Website. In einigen Regionen hätten die Menschen weniger als drei Liter Wasser pro Tag. Es gebe «Tausende Fälle von Hitzeerschöpfung und Hitzschlag sowie einen starken Anstieg von Hautkrankheiten wie Hitzepickeln, Krätze, Pilzinfektionen». Durchfall und Virushepatitis verbreiten sich über verunreinigtes Wasser, Abfälle und Fäkalien. Es bestehe ein «gravierender Mangel an grundlegenden Hygieneartikeln».
An einer Medienkonferenz am 3. August 2026 berichtete die palästinensische Sozialministerin, dass etwa 74’000 Kinder an «akuter Mangelernährung» litten. Zum x. Mal appellierte Palästina an die internationale Gemeinschaft, «ihrer Verantwortung nachzukommen, indem sie die vollständige und dauerhafte Öffnung der Grenzübergänge sicherstellt, den sicheren und ungehinderten Fluss humanitärer Hilfe und kommerzieller Güter gewährleistet, Wiederaufbauprogramme und die Wiederherstellung lebenswichtiger Dienstleistungen unterstützt, die Zivilbevölkerung schützt, ihre Würde wahrt und dem palästinensischen Volk eine echte Chance gibt, sein Leben wieder aufzubauen und seine Zukunft zu sichern.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Entsetzlich, ich wusste nicht, dass es immer noch so schlimm ist in Gaza. Und ich glaube dem Infosperber. – Palästina appelliert und appelliert. Ich unterschreibe und unterschreibe die paar Petitionen die ich kriege, gehe jede Woche zur Mahnwache, diskutiere auf Social Media. Alles umsonst. Eine Schande für die Schweiz und alle andern Länder.
Wut und Entsetzen! Aber die Welt schaut weiterhin zu – schlimmer, wendet den Blick weg! Warum die internationale Gemeinschaft ihren Verpflichtungen nicht nachkommt? Jetzt kommt die grausame Wahrheit zum Vorschein: Wenn die USA nicht mitmachen, können die andern Länder nichts tun. Mit Israel können nur die Waffen sprechen, auch wenn die internationale Gemeinschaft bewaffnet in Gaza eindringen wollte, würde sie von Israël und den USA zermalmt! Was bringen all diese humanitären Institutionen noch? Alle sind von den USA abhängig. Wie lange wollen wir dieses mörderische Spiel mitmachen? Weg von den USA, weg von Israel, auch wenn es wirtschaftliche Einbussen und Sanktionen bedeutet! Vielleicht wird die Schweiz endlich verstehen, was das heisst, blindlings Sanktionen zu übernehmen, die Länder, Bevölkerungen aushungern! Es ist höchste Zeit, dass jedes Land zu seiner Souveränität steht, erst dann werden die Supermächte schwach!
Voll einverstanden!
Ich stimme den beiden vorangegangenen Kommentaren völlig zu.Ich gebe aber zu bedenken : solange auch nur ein ernst zu nehmender Journalist sich nicht getraut, Israel mit der nackten , unverblühmten Wahrheit über sein Verhalten öffentlich zu konfrontiern, wird Israel sein Verhalten nicht ändern.
Ein Genozid ist in vollem Gang, mit IDF-Soldaten, für die es gemäss eigenen Aussagen sogar ein Hobby ist, Menschen einschliesslich Kleinkinder und schwangere Frauen zu töten oder schwerst zu verletzen. Und die westliche „Wertegemeinschaft“? Sie lässt den Verbrecherstaat Israel gewähren. Beihilfe zum Völkermord oder dessen Duldung durch einen Signatarstaat der Genozid-Konvention ist ein Kriegsverbrechen. Dafür müssen sich unsere „Eliten“ in Politik und Mainstream-Medien rechtlich oder moralisch verantworten, spätestens wenn der ICJ den Genozid nicht nur im vorsorglichen, sondern auch im Hauptverfahren verbindlich feststellt.
Ja, wir schauen alle gerne weg. Es ist so unbequem, etwas dagegen zu tun, wirklich etwas dagegen zu tun. Wir werden dauernd vollgepumpt mit unterschiedlichsten Themen wie Klima, Hitze und Waldbrände: tun wir etwas dagegen? Nein, wir fahren und fliegen munter weiter. DT und seine Drohungen: tun wir etwas dagegen? Nein, wir bringen ihm Goldbarren und Uhren. Massenflucht nach Europa. Warum wohl geht es diesem Menschen in Ihren Heimatländern nicht so gut? Genozid in Gaza: tun wir etwas dagegen? Nein, aber wir tätigen weiterhin Rüstungskäufe mit den Verbrechern. Warum gehen wir Menschen nicht mehr auf die Strasse um Ungerechtigkeiten anzuprangern??? Wo nur sind Parteien und Organisationen, die hier etwas bewegen? Viele Fragen, keine Antworten! Oder vielleicht doch?