Fast Food Restaurant

Hochverarbeitete Lebensmittel sind ein Teil des Übergewichts-Problems. © teamtime / Depositphotos

Milliardengeschäft mit «Fett weg»-Pillen weckt grossen Appetit

Martina Frei /  Das neueste Produkt soll innert Kürze über 15 Milliarden Dollar einspielen. Die US-Arzneiaufsicht half mit schneller Zulassung.

Zürich, Bern, Basel: Alle paar Meter eine Essbude. Hochverarbeitete Lebensmittel, extra so hergestellt, dass sie möglichst Suchtcharakter haben. Kleidung, die jedes zusätzliche Kilo verzeiht, weil sie elastisch nachgibt. Viele übergewichtige Menschen, mittlerweile 43 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz. 12 Prozent sind sogar adipös.

In Entwicklung: Dutzende von neuen «Fett-weg-Pillen». Nach nur 50-tägiger Prüfungszeit liess die US-Arzneiaufsicht FDA im April den Wirkstoff Orforglipron zu, der das Abnehmen noch einfacher machen soll. Die britische Arzneiaufsicht folgte nun im August, die Entscheide der europäischen EMA und von Swissmedic stehen aus.  

US-Hersteller im Milliarden-Wettstreit

Die Orforglipron-Tabletten werden vom US-Konzern Eli Lilly hergestellt, der für das Zulassungsgesuch von der FDA einen «Prioritäts-Gutschein» erhielt. Solche Gutscheine kann der FDA-Leiter vergeben, wenn eine neue Substanz «wichtige, nationale Gesundheitsprioritäten» betrifft. Die FDA prüfte das Zulassungsgesuch innerhalb von ein bis zwei Monaten anstatt wie sonst in zehn bis zwölf – und verschaffte damit dem US-Hersteller einen Vorteil. Es sei die schnellste Zulassung eines neuen Arzneimittels seit 2002, lobte sich die FDA.

Von allen 13 neuen Wirkstoffen, welche die FDA im zweiten Quartal 2026 zuliess, ist Orforglipron derjenige, der – bei weitem – das meiste Geld einspielen soll: Bis 2030 über 15 Milliarden Dollar, bis 2032 sogar etwa 27,5 Milliarden, laut einer Schätzung in «Nature Reviews Drug Discovery».

Zum Vergleich: Der «Fett weg»-Wirkstoff Semaglutid in Form von Spritzen und Tabletten brachte seinem dänischen Hersteller Novo Nordisk letztes Jahr rund 35 Milliarden Dollar ein. Eli Lilly überholte ihren europäischen Konkurrenten mit den Tirzepatid-Spritzen: 36 Milliarden Dollar. Bis 2030 sollen es sogar über 67 Milliarden werden, stellt «Nature Reviews Drug Discovery» in Aussicht.

Bis zu 40 Prozent des Gewichtsverlusts sind Muskeln

Orforglipron wirkt zwar vergleichsweise schwächer als bereits auf dem Markt befindliche «Fett weg»-Medikamente, soll aber das Abnehmen «komfortabler» machen, heisst es. Die Semaglutid-Tablette zum Beispiel, die bereits auf dem Markt ist, hat einen Nachteil: Sie muss morgens auf nüchternen Magen geschluckt werden, gefolgt von einer mindestens 30 Minuten dauernden Ess- und Trinkpause. Orforglipron dagegen kann jederzeit eingeworfen werden.

Ausserdem gibt es bei den bisherigen Mitteln Probleme: Die Anwendungsdaten hätten erstens gezeigt, dass viele Patienten die in den Studien verwendeten Dosierungen nie erreichen würden. Und zweitens, dass weniger als die Hälfte nach einem Jahr noch in Behandlung verblieben seien, sei es wegen der Nebenwirkungen, sei es, weil das Geld für das Medikament fehlte oder weil sich die Prioritäten verschoben, stellte ein Übersichtsartikel in «Nature Reviews Drug Discovery» fest. Auf 20 Seiten werden dort die neuesten «Fett weg»-Entwicklungen beschrieben. Mindestens 22 weitere «Fett weg»-Pillen sind demnach derzeit in Entwicklung, darunter solche, die Orforglipron toppen sollen.

Ein anderes Problem bei den «Fett weg»-Wirkstoffen ist, dass die Anwender nicht nur Fett verlieren: 24 bis 40 Prozent des Gewichtsverlusts sei «fettfreie Masse», insbesondere Muskeln. «Ich sehe Patienten, die nicht mehr aus dem Stuhl aufstehen können», sagte die Leiterin des Zentrums für Adipositas- und Stoffwechselmedizin dem «Tages-Anzeiger». Das seien Menschen, die dann im Alter von 70 Jahren bettlägerig würden.

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So viel Prozent ihres Körpergewichts nahmen Versuchspersonen im Lauf von Monaten mit verschiedenen Substanzen ab, verglichen mit Placebo. Links Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas, rechts zusätzlich mit Diabetes Typ 2. Für eine grössere Auflösung bitte hier klicken.

In Aussicht gestellte Abhilfe: «Präzisionsbehandlung» des Übergewichts

Um solche unerwünschten Entwicklungen zu verhindern, tüfteln manche Entwickler daran, «Fett weg»-Wirkstoffe mit solchen zu kombinieren, die den Muskelabbau bremsen. Andere synthetisieren Wirkstoffe, die nicht mehr nur einen «Angriffsort» haben, sondern drei, um die Wirkung zu verstärken.

Das Fernziel sei eine «Präzisionsmedizin», bei der Menschen mit Übergewicht eine auf sie zugeschnittene Behandlung erhalten, abhängig von ihren Genen, Begleiterkrankungen, ihrem Stoffwechsel etc. 

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