Severin Schwan NZZ x

«NZZ»-Interview mit dem Roche-Präsidenten Severin Schwan am 7. März 2026. © nzz

«NZZ» lässt den Roche-Präsidenten die Medi-Preise verharmlosen

Urs P. Gasche /  Im Jonglieren von Zahlen zu ihren Gunsten ist die Pharmabranche spitze. Schiefe Vergleiche von Severin Schwan blieben stehen.

In einem ganzseitigen Interview konnte Roche-Verwaltungsratspräsident Severin Schwan die rekordhohen Medikamentenpreise in der Schweiz herunterspielen und noch höhere Preise fordern. Die beiden «NZZ»-Wirtschaftsredaktoren Dieter Bachmann und Dominik Feldges, die das Interview ohne Gegenrede führten, setzten gleich ein passendes Zitat als Titel: «Es steht für alle viel auf dem Spiel». Schwan beklagte insbesondere «das fehlende Gefühl für die Dringlichkeit». 

Ob denn Schweizer Patienten künftig «deutlich mehr für Medikamente zahlen müssen als bis anhin», wollte die «NZZ» wissen. Antwort Schwan: 

«Die Preisverhandlungen werden sicher schwieriger werden, keine Frage.»

Auch die «NZZ» verstand diese Frage als ein «Ja» und fuhr deshalb fort:

«Wird Roche neue Medikamente in der Schweiz nicht einführen, wenn man sich nicht einigen kann?» 

Schwan wich wieder aus: 

«Lassen Sie uns doch die Verhandlungen abwarten.»

Es folgte alsbald die einzige «heikle» Frage der «NZZ»-Redaktoren: 

«Für viele Prämienzahler sind die steigenden Gesundheitskosten ein Problem. Haben Sie Verständnis dafür?»

Schwan antwortete mit «Ja, aber». Sein Verständnis ist offensichtlich minim:

«Ja. Allerdings dürfte den wenigsten Leuten bewusst sein, was die Schweizer im Schnitt effektiv für innovative Medikamente bezahlen. Pro Kopf sind es gerade einmal 37 Franken im Monat. Zieht man die Apothekermarge und die Mehrwertsteuer ab, sind es nur noch 27 Franken. Einmal auswärts essen gehen, kostet mehr.»

Die «NZZ» hinterfragte diese Zahlen nicht, sondern setzte das Zitat gleich prominent auf die Titelseite: 

260307 NZZ Titelseite

Welcher Pharma-Lobbyist wünscht sich keine solche Schlagzeile?

Schwan doppelte nach: 

«Wenn Sie das ins Verhältnis mit den gesamten Gesundheitskosten setzen, sind es nur 3,5 Prozent.»

Seine Botschaft: Wer die steigenden Gesundheitskosten als ein Problem sieht, soll sich um andere Kostenfaktoren kümmern und die Medikamente am besten schnell vergessen. 

Die Täuschung beruht auf verschiedenen Methoden:

  1. Schwan berücksichtigte bei den Kosten von 37 Franken pro Monat lediglich die «innovativen Medikamente». Die meisten Lesenden werden dies überlesen und annehmen, er rede von sämtlichen Medikamenten. Die «NZZ» fragte nicht zurück, welche «innovativen Medikamenten» er denn meine.
  2. Schwan zieht die Apotheker- und Handelsmargen sowie die Mehrwertsteuer von den Medikamentenkosten ab, obwohl die Prämienzahlenden auch diese zahlen müssen.
  3. Obwohl sich die Frage der «NZZ» ausdrücklich auf die «Prämienzahler» bezog, vergleicht Schwan die Kosten dieser «innovativen» Medikamente in seiner Antwort nicht etwa mit den Kosten der Krankenkassen, sondern mit den mehr als doppelt so hohen gesamten Gesundheitskosten der Schweiz. Nur so kommt er auf die mickrigen 3,5 Prozent. Dieser falsche Vergleich ist eine gängige Irreführung, wenn von den hohen Prämien die Rede ist.
  4. Selbst bei diesem schiefen Vergleich hat Schwan noch geschummelt. Als Basis seines Vergleichs nahm er nicht etwa die Kosten, welche Krankenkassen und Spitäler für diese «innovativen» Medikamente tragen müssen, sondern die viel tieferen Fabrikpreise (ohne Handels- und Apothekermargen und ohne Mehrwertsteuer). Hätte er die Preise genommen, die Kassen und Spitäler für die Medikamente zahlen müssen, wäre er auf 4,5 Prozent der gesamten Gesundheitskosten gekommen.


25 Prozent aller Grundversicherungskosten

Was Roche-Verwaltungsratspräsident Severin Schwan geflissentlich verschweigt:

  • In der obligatorischen Grundversicherung verschlingen die Medikamente mehr als einen Viertel aller Kosten (Laut Bundesamt für Gesundheit sind es allein bei den ambulant verschriebenen Medikamenten 22 Prozent aller Bruttokosten der Kassen. Dazu kommen die Spitalmedikamente, darunter sehr teure. Sie sind in den Spitalpauschalen enthalten und gehen je etwa zur Hälfte zu Lasten der Kassen und der Steuerzahlenden. 
  • In keinem andern Land Europas verschlingen Medikamente einen so hohen Anteil an den Ausgaben der Grundversicherung.
  • In Dänemark und Schweden profitieren die Kassen von viel günstigeren Medikamentenpreisen. Auch in Norwegen – obwohl dort die Kaufkraft noch höher ist als in der Schweiz– sind die Preise für Medikamente deutlich niedriger.

US-Präsident Donald Trump will, dass die Pharmakonzerne die Medikamente in den USA nicht teurer verkaufen als in Europa – aufgrund eines kaufkraftbereinigten Auslandvergleichs. Im «NZZ»-Interview erklärte Roche-Präsident Schwan:

«Weil die Schweiz wohlhabender ist (als die USA), wollen die Amerikaner für sich nur einen Preis akzeptieren, der tiefer liegt als derjenige in der Schweiz.» 

Auch diese Aussage des Roche-Präsidenten ist nicht korrekt: Bei allen bisherigen Vorschlägen soll ein Warenkorb mehrerer europäischer Länder als Grundlage für die US-Preise dienen und nicht etwa die Preise in einem einzigen Land wie der Schweiz (Norwegen ist nicht im Warenkorb!).

Severin Schwan und die Pharmalobby bauen maximalen Druck auf, damit das Bundesamt für Gesundheit die Preise in der Schweiz erhöht. Und Medien wie die «NZZ» geben Schwan eine Plattform dafür.

Zu seinen Aussagen in der «NZZ» stellte Infosperber Severin Schwan einige Fragen. Die Roche-Medienstelle liess den Leiter Kommunikation des Branchenverbands Interpharma antworten: Mit «innovativen» Medikamenten habe Schwan sämtliche rezeptpflichtigen Medikamente gemeint. Diese seien «innovativ», auch wenn sie oft nur «einen kleinen Zusatznutzen generieren». Meistens seien wie etwa bei Krebserkrankungen «kleine Schritte notwendig». Die Margen und die Mehrwertsteuer habe Schwan bei den Kosten für die Prämienzahler weggelassen, weil «die Industrie diese nicht beeinflussen kann».

Schwans Zahlenakrobatik ist nicht neu

Als Severin Schwan noch Roche-Konzernchef war, meinte er im Jahr 2013 in einem Interview mit der «Nordwestschweiz»: 

«Es ist kaum jemandem bekannt, dass die Pharmaindustrie in den letzten Jahren sogar zur Entlastung der Prämien beigetragen hat, denn in der Schweiz sinken die Medikamentenpreise.»

Und er fügte diesem Satz gleich noch an:

«Schreiben Sie das, das müssen die Leute wissen!»

Infosperber titelte am 11. September 2013: «Roche-CEO Severin Schwan verbreitet Unwahrheiten». Schwan reagierte nicht.

Tatsächlich waren damals die Medikamentenpreise nicht gesunken, sondern nur etwas weniger stark gestiegen. Von «Entlastung der Prämien» konnte keine Rede sein. Infosperber damals:

«Mein lieber Schwan! Wenn dies die dummen Leute nicht wissen, liegt es allein daran, dass die Behauptung des Roche-CEO nicht stimmt. Bis 2008 waren die Kosten für Medikamente zwar noch stärker gestiegen. Aber auch seit 2008 ging die Spirale weiter aufwärts, wenn auch etwas abgeflacht.»

In Zahlen: Die Kosten von Medikamenten zu Lasten der Krankenversicherungen waren von 2008 bis 2012 um 11 Prozent auf damals 5,89 Milliarden gestiegen. Von 2012 bis 2024 verdoppelten sie sich einschliesslich der Spitalmedikamente auf 11 Milliarden Franken. 

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