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Der Broccoli weiss nicht, dass seine Markenrechte in Genf liegen. Der Konzern schon. © Follow the Money

740 Millionen Gewinn in der Schweiz, aber kein einziger Laden

Daniel Ryser /  Ahold Delhaize preist sich als Vorzeigekonzern für Steuertransparenz. Gleichzeitig parkt der Supermarktriese Gewinne in Genf.

Noch nie von Ahold Delhaize gehört? Wir auch nicht. Trotzdem versteuert das Unternehmen über 100 Millionen Euro im vergangenen Jahr in der Schweiz. Kein einziger Laden. Kein einziger Einkaufswagen. Aber Gewinne, jede Menge.

Ahold Delhaize ist ein niederländisch-belgischer Einzelhandelsriese mit rund 220’000 Vollzeitangestellten weltweit. Das Unternehmen betreibt bekannte Supermarktketten wie Albert Heijn in den Niederlanden, Delhaize in Belgien sowie Food Lion, Giant und Stop & Shop in den USA. In der Schweiz hingegen existiert kein einziger Laden des Konzerns.

Wie das Amsterdamer Investigativmedium «Follow the Money» in einer aktuellen Recherche zeigt, hat Ahold Delhaize im Jahr 2025 im Kanton Genf Körperschaftssteuern in Höhe von 109 Millionen Euro bezahlt — das entspricht mehr als einem Fünftel der gesamten weltweiten Steuerrechnung des Konzerns. Zum Vergleich: In den USA, wo Ahold Delhaize über 2000 Filialen betreibt, bezahlte das Unternehmen 147 Millionen, in den Niederlanden mit 2300 Filialen 137 Millionen. In Rumänien mit 2700 Filialen waren es 54 Millionen. Und in Genf — ohne einen einzigen Laden — 109 Millionen.

Der Anreiz ist offensichtlich: In Genf liegt der Unternehmensteuersatz bei 14,7 Prozent. In den Niederlanden sind es 25,8 Prozent, in Belgien 25, in den USA 21.

Markenrechte, interne Banken, Rückversicherung

Wie landet so viel Gewinn in einem Land, in dem man gar nicht tätig ist? «Follow the Money» hat die Konzernstruktur durchleuchtet und dabei mehrere Genfer Tochtergesellschaften identifiziert. Eine davon, die «Ahold Delhaize Finance Company», fungiert als konzerninterne Bank und kassiert Zinszahlungen von Tochtergesellschaften in anderen Ländern. Eine weitere, «Ahold Delhaize Licensing Sàrl», hält hunderte Markenrechte, darunter die Namen amerikanischer Supermarktketten wie Food Lion und Stop & Shop, aber auch europäische Marken wie die niederländische Apothekenkette Etos und den tschechischen Supermarkt Albert. Auch die kleinen V-Etiketten, die in niederländischen Albert-Heijn-Filialen vegane und vegetarische Produkte kennzeichnen, sind als Markenrecht in Genf registriert.

Konzerntöchter in anderen Ländern zahlen für die Nutzung dieser Marken Lizenzgebühren, die dann als Gewinn in Genf auflaufen. Der Kniff dabei: Markenrechte lassen sich kaum objektiv bewerten. Wieviel ist das Recht wert, einen Vegi-Sticker auf eine Zucchini zu kleben? Das weiss niemand so genau, und genau das ist der Vorteil. Wer den Wert einer Marke grosszügig ansetzt, pumpt Gewinne aus Hochsteuerländern in die Schweiz, ohne dass die dortigen Steuerbehörden das wirksam anfechten können. Steuerforscher Vincent Kiezebrink vom Zentrum für die Erforschung multinationaler Konzerne (SOMO) sagt gegenüber «Follow the Money», es sei «nahezu unmöglich», Markenrechte korrekt zu bewerten. Die Verlagerung von Markenrechten in Steueroasen wie die Schweiz sei deshalb ein «Hinweis darauf, dass in anderen Ländern Steuern vermieden werden». Die Schweiz ihrerseits profitiert: Mit einem Körperschaftssteuersatz von 14,7 Prozent in Genf bietet sie Konzernen wie Ahold Delhaize einen legalen, aber von Steuerkritikern seit Jahren angeprangerten Rahmen.

Dazu kommt eine dritte Einnahmequelle: Seit 2024 gehört der Genfer Rückversicherer Readel zum Konzern. Operative Gesellschaften zahlen Versicherungsprämien, die letztlich in dieser eigenen Rückversicherungsgesellschaft im Niedrigsteuerumfeld landen — eine im Steuervermeidungsbereich seit Langem dokumentierte Praxis, wie Giulia Aliprandi vom Internationalen Steuerobservatorium gegenüber «Follow the Money» erklärt.

Transparenzbericht mit blinden Flecken

Das alles wäre vielleicht weniger pikant, wenn Ahold Delhaize nicht gleichzeitig mit Steuertransparenz werben würde. Wie «Follow the Money» berichtet, veröffentlichte der Konzern im Februar 2025 erstmals einen eigenen Steuertransparenzbericht und pries sich darin als «verantwortungsvollen und vertrauenswürdigen Nachbarn» in den Gemeinschaften, in denen man tätig sei.

Steuerforscher Kiezebrink sagt: «Ahold Delhaize hat keine Wurzeln in der Schweiz, die Marken wurden dort nicht entwickelt, und der Konzern hat nicht einmal Supermärkte dort — warum um alles in der Welt sollen die Gewinne dann dort landen?»

Wie viele Angestellte Ahold Delhaize in der Schweiz tatsächlich beschäftigt, wollte das Unternehmen auf Anfrage von «Follow the Money» nicht mitteilen. Bekannt ist lediglich, dass weltweit rund 500 Vollzeitstellen auf Konzernebene in den USA, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz zusammen entfallen. «Follow the Money» rechnet vor: Die 109 Millionen Euro Steuern bei einem Satz von 14,7 Prozent implizieren einen Vorsteuergewinn von mindestens 740 Millionen Euro in der Schweiz. Geht man von 400 Schweizer Angestellten aus, entspräche das einem Gewinn von fast zwei Millionen Euro pro Person und Jahr. Bei 20 Angestellten wären es 37 Millionen pro Kopf, pro Jahr.

Und die Schweiz? Kassiert die Steuereinnahmen und stellt keine Fragen.


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