Wahltag in Ungarn: Nichts bleibt beim Alten
«Was trotz allem beim Alten bleibt», schrieb Infosperber. Denn Viktor Orban hatte dafür gesorgt, dass man in Ungarn eine Zweidrittelmehrheit nicht nur für «reine» Verfassungsänderungen braucht, sondern für weite Teile der Politik, die in sogenannten «Schwerpunktgesetzen» geregelt sind.
Doch jetzt bleibt nichts beim Alten: Oppositionsführer Peter Magyars Partei Tisza hat am Sonntag die Zweidrittelmehrheit erreicht. Damit kann die neue Regierung sowohl die Verfassung als auch die «Schwerpunktgesetze» ändern.
Schwerpunktgesetze regeln folgende Bereiche:
| Bereich | Inhalte mit 2/3‑Schutz |
| Wirtschafts-/Finanzpolitik | Steuergrundsätze, Schuldenbremse, Haushaltsregeln |
| Sozial-/Rentenpolitik | Grundstruktur der Rentenversicherung, zentrale Sozialleistungen |
| Familienpolitik | Definition Familie, Förderinstrumente, steuerliche Familienvorteile |
| Wahl- und Parteienrecht | Wahlrecht, Parteilandschaft, Mandatsverteilung |
| Institutionen/Justiz | Verfassungsgericht, Justizorganisation, Staatsanwaltschaft |
| Medien/Kirchen | Medienaufsicht, öffentlich-rechtliche Medien, Anerkennung Kirchen |
Einige betroffene Bereiche im Detail
Wirtschafts- und Finanzpolitik
- Die Flat Tax, besondere Steuererleichterungen für Familien oder strukturelle Unternehmenssteuern gegen einfache Mehrheiten abgesichert.
- Schuldenbremse, Defizitgrenzen, Rolle des Haushaltsrates.
- Bestimmte Sonderabgaben und wirtschaftspolitische Leitprinzipien.
Konsequenz: Eine neue Regierung könnte zwar kleine Steuersätze anpassen, aber keinen grundlegenden Steuerkurswechsel vollziehen, ohne mit Minderheiten eine Zweidrittelmehrheit zu finden.
Sozial- und Rentenpolitik
- Die Grundstruktur des Rentensystems (Rentenalter, Anspruchs- und Berechnungsprinzipien).
- Verschiedene Sozialleistungen sind mit der 2/3-Regel abgesichert.
Familien-, Gesellschafts- und Kulturpolitik
- Die Verfassung definiert Ehe als Verbindung von Mann und Frau: «Der Vater ist ein Mann und die Mutter ist eine Frau». Der Mensch ist «entweder Mann oder Frau».
Eine rechtliche Anerkennung anderer Geschlechtsidentitäten bräuchte eine Zweidrittelmehrheit. - Ein Schwerpunktgesetz regelt den Schutz der Familie. Dazu gehören
- der Begriff der Familie,
- viele familienpolitische Förderinstrumente,
- steuerliche Familienprivilegien.
- 2025 beschloss das Parlament mit Zweidrittelmehrheit Änderungen der Verfassung, die es erlauben, Pride‑Paraden und LGBTQ‑Veranstaltungen unter Berufung auf den «Schutz von Kindern» und die «öffentliche Moral» zu verbieten.
Straf-, Ordnungs- und Migrationspolitik mit Verfassungsrang
- Kriminalisierung von Obdachlosigkeit: Das «Nutzen des öffentlichen Raums für Wohnzwecke» ist verboten.
- Das «Ansiedeln fremder Völker» in Ungarn ist verboten.
- Elemente der inneren Sicherheit wie Anti‑NGO‑Regelungen und Einschränkungen für bestimmte Organisationen sind teilweise durch Zweidrittelgesetze abgesichert.
Wahlrecht und Parteien
- Das Wahlrecht – Zuschnitt der Wahlkreise, Verhältnis zwischen Direktmandaten und Listen, Sperrklauseln – ist als Schwerpunktgesetz ausgestaltet.
- Die Finanzierung von Parteien und deren Zugang zu Medien sind ebenfalls teilweise durch Zweidrittelgesetze abgesichert.
Justiz und Verfassungsgericht
- Organisation der Gerichte, Befugnisse der Justizverwaltung und Teile der Staatsanwaltschaft sind in Zweidrittelgesetzen geregelt.
- Eingeschränkte Kompetenzen des Verfassungsgerichts.
Medien und Kirchen
- Das Medien-Schwerpunktgesetz von 2010/2011 sieht eine stark politisierte Medienaufsicht und Sanktionierungsmöglichkeiten vor.
- Die Anerkennung von Kirchen und Religionsgemeinschaften ist teilweise in Zweidrittelgesetzen geregelt.
«Eingefrorene Politik» oder «illiberale Demokratie»
Damit ist jetzt Schluss. Denn die vielen Zweidrittelgesetze – von Steuer- und Rentenpolitik über Familien‑ und Migrationspolitik bis hin zu Wahlrecht und Medienordnung – können jetzt mit einer Zweidrittelmehrheit geändert werden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Die Hauptvorwürfe gegen Orbán und den FIDESZ sind nicht diese Regelungen, sondern das was die normalen Menschen tatsächlich immer am meisten interessiert: 1) wirtschafliche Probleme, die sich in den letzten Jahren verschlimmert haben, 2) die endemische Korruption um Orbán, die dazu führt dass keiner mehr Geschäfte tätigen kann, der nicht vor Orbáns Vertrauten den Kotau macht. Ich empfehle hierzu das Interview von Éva Péli mit Gábor Stier vom 11.04.2026 auf den nachdenkseiten.
Kriegsprojekt («Friedensprojekt» redete man uns ein) EU weibelt gegen Orban (und gegen Fico). Verliert Orban die Wahlen, hat die EU ihr Ziel erreicht. Gewinnt Orban trotzdem die Wahlen, will die EU das Einstimmigkeits-Prinzip (vergleiche etwa die Graue Eminenz Manfred Weber im EU-Parlament à la von der Leyen und Kallas) kippen (Hinwendung zur «qualifizierten Mehrheit»). So oder so, die Kriegstreiber wollen bzw. werden sich durchsetzen. Zu unser aller Schaden.
Es geht um mehr als vdL, Kallas, ein teils korruptes EU-Parlament oder einen Bückling namens Rutte! Es betrifft die EU-Annäherung der CH für wenige Gewinner um den Vorsatz der CH-Souveränität per status quo!
Cave canem!
Diktatoren wissen genau welche Gesetze sie einführen müssen um auf jeden Fall an der Macht zu bleiben.
Mit 30–51 % Gesetze zu beschließen und Regierungsprogramme durchzusetzen, ist auch nicht unbedingt besser. In einigen westlichen Systemen läuft es aufgrund der Höhe von Sperrklauseln für Parteien oder durch zusätzliche Parlamentssitze für den Wahlgewinner genau darauf hinaus. Über beides kann ich nur die Stirn runzeln. Was passiert zum Beispiel, wenn die Opposition mit 15 % den besten Vorschlag macht? In 80–99 % der Fälle hat dieser Vorschlag in westlichen Demokratien nicht die geringste Chance.
Man muss wirklich nicht Orbán und Ungarn bemühen, um festzustellen, dass auch viele andere westliche Demokratien in zahlreichen Fällen mehr Schein als echte Demokratie sind. Darauf hinzuweisen und Alternativen anzubieten, wäre weitaus wichtiger, als ständig einzelne Länder zu kritisieren, die nicht auf dem Kurs verschiedener Interessenverbände liegen.
Die Autokratisierung einstiger Demokratien gewinnt unter der Prämisse der KI besonderer Gewichtung.
Die «Netze» gewinnen an Bedeutung, deren Knopfdrücker unter Generalverdacht und streng reguliert…