Hände weg vom Fussball
Für Arsenal zählt jeder Punkt im Kampf um den Meistertitel. West Ham braucht jeden, um nicht abzusteigen. Im Olympiastadion von London läuft die fünfte Minute der Nachspielzeit. Ein letzter Corner (nicht die neumodische «Ecke») für West Ham, das 0:1 zurückliegt. 22 Spieler versammeln sich im Strafraum, die meisten sind in einen Ringkampf verwickelt. Noch bevor der Ball in der Nähe ist, liegen einige vom ihnen auf dem Rasen, niedergedrückt, zu Boden gerissen. Der Ball kommt gut zur Mitte und fliegt vom Kopf von Callum Wilson aufs Tor und wird erst hinter der Linie abgewehrt.
Die West-Ham-Spieler jubeln, doch der Video-Schiedsrichter greift ein. Die Bilder zeigen: Arsenal-Goalie Raya wird von einem West-Ham-Arm am Hals niedergedrückt. Eine West-Ham-Hand hält ihn am Leibchen zurück. Ein klarer Fall: Der Schiedsrichter schaut sich die Bilder an und annulliert das Tor.
So weit, so gut. Nur: Der Entscheid ist umstritten. Experten finden ihn grenzwertig. Im Fussball finden sie sich mit Reportern im Konsens, dass ein Foul im Strafraum für einen Penalty nicht genügt, wenn Hände und Arme nur «leicht» stossen, reissen oder drücken. Mit dem Fuss genügt eine ebenso «leichte» Berührung, damit der Elfmeter diskussionslos ist.
«Wo bleibt die Einheitlichkeit?»
Alan Shearer, Rekordtorschütze der Premier League und heute angesehener Experte, sagte: «Ich schätze, manche Leute werden denken, dass es ein Foul war, andere wiederum nicht. Und manche werden sich fragen: Wo zur Hölle bleibt die Einheitlichkeit? Weil wir so etwas praktisch jede Woche sehen.»
Damit trifft er genau ins Latten-Dreieck. Im Fussball ist mit den Füssen alles klar. Doch mit den Händen tut er sich schwer. Als ich noch Fussball spielte, wurde ein Hands nur dann gepfiffen, wenn eine Absicht erkennbar war. Alles andere war angeschossen.
Heute wird schon gepfiffen, wenn es dem Spieler nicht gelingt, dem Ball mit Armen und Händen aus dem Weg zu gehen. Oft wird von natürlicher Bewegung gesprochen, doch die hilft, wenn der Arm nicht angelegt ist, selten. Das führt zu der grotesken Natürlichkeit, dass die Verteidiger die Arme hinter dem Rücken verstecken, wenn der Ball in der Nähe ist.
Schiesst dann der Gegner aus kurzer Distanz aufs Tor, drehen sie sich ab, eine Bewegung, bei der die Arme nicht angelegt bleiben können. Entscheid, zuletzt beim Champions-League-Halbfinal Paris St-Germain gegen Bayern München: Penalty. Ähnlich ist es, wenn ein Spieler freiwillig oder unfreiwillig zu Boden geht und sich abstützt. Der Ball trifft ihn am Arm: Penalty. Neulich, bei einem Spiel im Berner Wankdorf, war der «Sünder» nach einem Stossen des Gegners am Boden.

Reporter sind mehrheitlich für harte Hands-Entscheidungen. Ihre Floskel: Dort hat die Hand (oder der Arm) nichts zu suchen.
Wenn gestossen, gerempelt oder gerungen wird, fällt dieser Satz nie. Dann ist es «zu wenig für einen Strafstoss» (wird in der Sportberichterstattung kaum mehr «Penalty» genannt). Auch wenn ein gut getimter, leichter Stoss oder ein sanftes Zurückhalten ebenso «Torraub» sein kann wie eine mit der roten Karte bestrafte «Blutgrätsche».
Schluss mit dem Gerangel!
Warum gilt das «Hände weg» nur beim Ball und nicht auch beim gegnerischen Körper? Das Ringen, Schwingen, Zupfen und Niederdrücken in den Strafräumen bei Cornern und Freistössen liesse sich unterbinden, wenn der Schiedsrichter beim ersten Vergehen, das er entdeckt, Foul pfeifen würde. Das gäbe Penalty oder Entlastungsfreistoss. Es würde das Gerangel abstellen. Zu Beginn aber wohl auch zu noch längeren Video-Schiedsrichter-Sessions führen.
Beim Spiel West Ham gegen Arsenal war klar zu sehen, dass ein Arsenal-Spieler einen Gegner zu Boden riss, lange bevor Goalie Raya gefoult wurde. Das hätte gepfiffen werden müssen. Mit der Folge, dass Arsenal vielleicht nicht Meister und West Ham vielleicht nicht absteigen würde.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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