Kommentar
Es gibt ein Recht auf ein analoges Leben
Es gibt ein Recht auf ein analoges Leben. Es gibt dieses Recht, auch wenn es tagtäglich und millionenfach missachtet wird. Es gibt dieses Recht, auch wenn so getan wird, als wäre der Mensch nur dann ein richtiger Mensch und Bürger, wenn er digital unterwegs ist – wenn er also ein Smartphone mit sich führt und im Internet zu Hause ist. Es gibt dieses Recht, weil es aus dem Allgemeinen Persönlichkeitsrecht und aus dem Gleichbehandlungsgebot folgt.
Es gibt dieses Recht, auch wenn die Terminbuchung bei Behörden oder beim Arzt immer öfter nur noch online funktioniert. Es gibt dieses Recht, auch wenn Theater- und Konzertkarten nur noch online erworben werden können. Es gibt dieses Recht, auch wenn die Deutsche Post ihre Packstationen so umgerüstet hat, dass man sein Paket nur dann noch abholen kann, wenn man ein Smartphone mit extra installierter Post- und DHL-App hat.
Wie lästige Störer
Es gibt dieses Recht auf ein analoges Leben, auch wenn die Deutsche Bahn es leugnet und Kunden, die ohne Handy unterwegs sind, wie lästige Störer behandelt, die bei jeder Bahnfahrt nachhaltig abgeschreckt werden sollen. Die Deutsche Bahn hat ihre Bahncard komplett auf digital umgestellt. Und Fahrkarten an Bord kann der Kunde nicht mehr beim Zugpersonal kaufen, sondern nur noch dann, wenn er die Bahn-App «DB Navigator» installiert hat. Schnelle und verlässliche Informationen über Verspätungen, Anschlüsse oder die aktuelle Wagenreihung erhalten nur Handy-Nutzer.
Die Grundversorger, also die Behörden und die Unternehmen der Daseinsvorsorge, stehen in der Verantwortung, ihre Dienste allen Menschen gleichermassen zugänglich zu machen: Die Nutzung der Infrastruktur und die Teilnahme am öffentlichen und am gesellschaftlichen Leben dürfen daher nicht quasi unter Smartphone-Vorbehalt stehen. Das ist rechtswidrig.
Auch Technikkenner sind empört
Es gibt ein Recht auf ein analoges Leben; es ist ein noch ungeschriebenes Grundrecht. Dessen Missachtung irritiert und beschwert nicht nur viele alte und sehr alte Menschen, für die «die Welt von Computer, Smartphone & Co ein undurchdringlicher Dschungel» ist, wie das die Caritas formuliert. Die Missachtung des Rechts auf ein analoges Leben empört auch Technikkenner und Technikliebhaber, die die Gefahren der Digitalität gut kennen und daher vor dem Digitalzwang und der damit verbundenen Überwacherei warnen – wie der Verein Digitalcourage und das Netzwerk Datenschutzexpertise.
Der Bundespräsident hat einen «bundesweiten Ehrentag» ausgerufen. Er soll am 23. Mai stattfinden: Dann wird nämlich das Grundgesetz 77 Jahre alt. Gut wäre es, dem Land und seiner Verfassung eine Diskussion zu schenken – eine Diskussion, die schon lange fällig ist:
Es gibt ein Recht auf ein analoges Dasein. Die Diskussion sollte davon handeln, wie es künftig geachtet und beachtet wird. Wer glaubt, ein Grundrecht auf ein analoges Leben sei unmodern und überflüssig, der wird sich eines Tages auch damit abfinden müssen, dass es keine Geldautomaten und kein Bargeld mehr gibt. Das will ich mir lieber nicht vorstellen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Dieser Kommentar des Kolumnisten und Autors Heribert Prantl erschien zuerst als «Prantls Blick» in der Süddeutschen Zeitung.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Zur Aussage im Artikel: «Es ist in Deutschland nicht anders als in der Schweiz: Ein Leben ohne Smartphone wird zunehmend beschwerlich.» Ist wohl auch die Frage, ob Väterchen Staat erkannt haben könnte, wenn seine Schützlinge Tag und Nacht mit der digitalen Welt verbunden sind, dann ist die total-fürsorgliche Ueberwachung möglich. Die Politiker wissen dann was geht «draussen im Lande» und können sofort reagieren, wenn es brenzlig wird.
Gunther Kropp, Basel
Vielen Dank für Ihren Beitrag zum analogen Leben.
Ich bin keine Computergegnerin, habe vor Jahrzehnten den ersten Olivetti M24 gekauft mit zwei Floppies. Damals musste man noch MS-DOS, Turbo Pascal und Basic programmieren, um effizienter arbeiten zu können. Heute habe ich natürlich auch einen PC und bin weiterhin sicherheitsbewusst. Ich speichere nichts in Clouds, mache regelmässig Backups auf die externe Harddisk, die nur beim Erstellen des Backups angeschlossen ist.
Heute hat mir die Post einen Brief der Graubündner Kantonalbank gebracht. Bisher stieg ich ins e-Banking mit Hilfe eines Lesegeräts ein, neu muss ich das mit dem Smartphone über die «Futurae Authentifizierungs-App» tun und sollte auch QR-Codes lesen. Wenn ich etwas zahle, dann tippe ich immer die Daten ein, niemals scanne ich QR-Codes.
Das Positive: Nun werde ich Zahlungen wie früher an einem GKB-Schalter machen oder beim Bancomat Geld abheben und bei der Post einzahlen, denn ich will kein Smartphone. Brave old World.
Aldous Huxley beschrieb die perfekte Diktatur als Gefängnis ohne Mauern, in dem Sklaven ihre Unfreiheit lieben. Heute sind Smartphones diese Mauern: hochbezahlte Wanzen, die uns an Big Tech ausliefern.
Ich habe mich gegen den Zwang zur AGOV-App gewehrt, da diese faktisch Google- oder Apple-Systeme voraussetzt, mein Huawei Smartphone wird nicht unterstützt… Nach hartnäckiger Intervention bei der Berner Steuerverwaltung errang ich einen Sieg: Die Behörde bestätigte schriftlich, dass ich meine Steuern künftig persönlich und in bar am Inkassoschalter in Burgdorf begleichen kann. Mehrere Personen aus meinem Umfeld werden nun dasselbe machen.
Warum dieser Widerstand?
Bargeld ist Freiheit: Gemäss Art. 99 BV ist es das einzige gesetzliche Zahlungsmittel ohne Datenspur.
Kontrolle entziehen: Barzahlung entzieht dem System die Nahrung – unsere Daten.
Schutz: Digitales Geld ist auf Knopfdruck sperrbar; Bargeld nicht.
Wehrt euch gegen die Bequemlichkeit. Besteht auf Bargeld!
Leider geht der Artikel nicht darauf ein, ob – und wenn ja, mit welchem Erfolg – versucht wurde, dieses Grundrecht juristisch geltend zu machen. Zum Beispiel gegen die Deutsche Bahn.
Schafft es jetzt die SZ auch in den Infosperber?
Ja, wenn wir finden, eine Kolumne sei lesenswert.
So wie es keine Pferdekutschen mehr gibt, die Reisende über den Gotthard fahren, wird es bald einmal kein Bargeld mehr geben. Und das Privatauto wird irgendwann auch ausgedient haben. Dann nämlich, wenn die Autolobby ihren Widerstand gegen die selbstfahrenden Elektroautos aufgibt. Analog tönt im Gegensatz zu digital irgendwie vernünftiger. Noch. Tönt nach Menschenrecht. Ist aber immer mehr Menschen nicht mehr recht.
Aufrechterhaltung analoge Systeme ist für mich auch ein Sicherheitsaspekt.
Ich war bis ca. 2015, 20 Jahre in der Def.Industry, u.a. im Thema «Electronic Warfare» (EW) unterwegs. Nur auf Projektebene, und im milit. Vertrieb, nicht als Elektronik-Spezialist!
Aber die mir bekannten Fähigkeiten im Cyberwarfare (Teildisziplin v. EW) waren damals schon so erschreckend, unglaublich effektiv, dass ich mich gewundert habe, warum die einstigen strikten Sicherheitsanforderungen (z.B. Elektro-optische, analoge Glasfasersysteme, stand alone,
ohne physischen Kontakt zu Internet, großen Netzen etc.) so leichtherzig (blauäugig?) aufgegeben wurden?
Anyway… ich hoffe nicht, dass die Menschen erst aufwachen, wenn es einen Smartphone Black out gibt – mit all den dann nicht verfügbaren vitalen Funktionen, die man heute ausschließlich den Smartphones anvertraut hat. Cheers MMS
Vielleicht sollten wir einen Verein zur Beibehaltung des Bargeldes oder sogar einen «Verein für eine analoge Schweiz» gründen.
Ich wäre bereit, mit für dieses Anliegen zu engagieren.
Besitze einiges an Erfahrung an solchen Engagements.
Ich wundere mich auch, wie treuherzig wir uns in wichtigen Bereichen digitalen Systemen ausliefern, obwohl wir doch fast täglich erfahren, wie fehlerhaft diese sind. Früher gab es doch einmal das kluge Motto: Never put all your eggs into one basket. Wenn der Korb digital ist, ignorieren heute ganz viele dieses Motto begeistert.
Finanzinstitute setzen länger schon voraus, dass der Kunde «digital angebunden» ist, mindestens einen PC und einen Drucker besitzt; dafür sind die Kontogebühren gestiegen.
Wenn dereinst behördliche Prozesse und Dienste nur noch per Smartphone möglich sind, dann erwarte ich vom Staat, dass er mir ein solches «Spionage-Gerät» zur Verfügung stellt.
Zu denken geben muss uns aber auch die damit einhergehende Abhängigkeit von stets verfügbarer Elektrizität.
Es ist jedoch ein Privileg der heute über 55-Jährigen, dass sie «analog» aufwachsen durften – und ich sehe mich in der Verantwortung dieses Wissen und Können den Jungen ganz alltäglich anzubieten.