Vsion1

Visionen für das Kleinbasler Matthäusquartier im Jahr 2050: Angehende Architekten und Architektinnen entwickeln neue Konzepte für die Stadtentwicklung

Der städtische Strassenraum als schlummernder Schatz

Alfred Schlienger /  Wie könnten Stadtquartiere wohnlicher werden? Architekturstudierende haben Visionen für das Basler Matthäusquartier entwickelt.

Wie könnten unsere Wohnquartiere, die aktuell stark vom automobilen Durchgangsverkehr geprägt sind, in ein, zwei Jahrzehnten vielleicht auch aussehen? Falls es denn gelingen sollte, den Privatverkehr so zu reduzieren, wie das die Basler Stimmbevölkerung im Hinblick auf die bis 2037 zu erreichenden Klimaziele beschlossen hat? Im Rahmen eines Semesterprojekts haben sich Architekturstudierende der FHNW am Campus Muttenz unter der Leitung ihrer Professorin Friederike Kluge mit der Zukunft des Kleinbasler Matthäusquartiers beschäftigt. So sind Visionen entstanden, wie das Quartier bis 2050 noch lebenswerter werden könnte.

Allee
Die kleine Quartierstrasse als Matthäus-Allee – eine Vision des Architektur-Studios Puglisi

Jetzt sind diese, zum Teil sehr phantasievollen, Visualisierungen in zahlreichen Schaufenstern, Restaurants, Bars und Galerien des Matthäusquartiers aufgehängt und laden zum Mitdenken ein. Jedes Plakat ist mit einem QR-Code versehen, mit dem vertiefende Informationen zum Hintergrund des Projekts abrufbar sind. Wie kann das Vorhandene transformiert und weiterentwickelt werden? Wie können wir uns den künftigen Anforderungen und den veränderten klimatischen Bedingungen anpassen? Wie lässt sich der Fokus vom reinen Durchqueren zur vielfältigen Nutzung des Möglichkeitsraums Strasse verschieben? Vom trennenden hin zum verbindenden Sozialraum? Das sind Fragen, mit denen sich wohl alle beschäftigen müssen, die an einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung interessiert sind.

Über 100 Nationen auf engem Raum

Das Kleinbasler Matthäusquartier ist der Stadtteil mit der schweizweit höchsten Einwohnerdichte. Hier leben auf engem Raum Menschen aus mehr als hundert verschiedenen Nationen zusammen. Und hier ist gerade auch ein einjähriger Testlauf für einen künftigen Superblock durchgeführt worden. Im Gegensatz zum Basler Nobelviertel Bruderholz mit 71 Prozent Grünraumanteil besitzt das Matthäus gerade mal 17 Prozent davon. Das bevölkerungsmässig so vielfältig durchmischte Quartier drängte sich als ideales Experimentierfeld für neue Stadtentwicklungskonzepte geradezu auf. Die Nutzungsfrage, wem dieser öffentliche Raum eigentlich gehört und wie er zu gestalten ist, kann hier neu diskutiert werden. Infosperber hat mit der Architekturprofessorin Friederike Kluge über ihr Projekt und die Ergebnisse gesprochen.

Infosperber: Frau Kluge, was hat Sie dazu bewogen, die Semesterthematik in Ihrem Architektur-Seminar dieses Sommers dem Superblock zu widmen?

kluge
Die 46-jährige Friederike Kluge ist seit 2022 Professorin für Analyse, Entwurf und Konstruktion an der Fachhochschule Nordwestschweiz im Campus Muttenz

Friederike Kluge: Der Superblock erschien uns als interessante Versuchsanordnung, denn er ist ein Prototyp, der bestehende Konventionen unter den neuen Rahmenbedingungen hinterfragt und die Nutzung von Raum neu verhandelt. Er generiert Ideen und gibt Denkanstösse, wie Formen des zukünftigen Zusammenlebens aussehen könnten – und wie die gebaute Umwelt darauf reagiert, die zum grössten Teil bereits existiert, aber dennoch vor tiefgreifenden Veränderungen steht.

Wie haben die Studierenden darauf reagiert? War das Interesse für dieses aktuelle, lokale und sehr praxisbezogene Thema besonders gross?

Die Studierenden haben uns mehrfach signalisiert, wie sehr sie es wertschätzen, an relevanten Aufgabenstellungen zu arbeiten. Sie merken, dass sie einen Beitrag zu einer Debatte leisten können, indem sie Bilder generieren, die einen Blick in die Zukunft ermöglichen.

Welches waren die grössten Schwierigkeiten der Studierenden bei der Annäherung an diese Thematik?

Sich von dem zu lösen, was sie kennen. Menschen sind Gewohnheitstiere. Gleichzeitig gewöhnen wir uns auch schnell an neue Dinge – wir sind anpassungsfähig. Der Strassenraum wurde über die Jahrhunderte immer wieder anders genutzt. Aber wir haben dennoch den Eindruck, dass das, was wir kennen, die Normalität ist. Durch den Klimawandel werden wir in Zukunft vor neuen Fragestellungen und neuen Normalitäten stehen. Im Architekturstudium suchen wir nach guten räumlichen Lösungen für diese Herausforderungen.

Matthäusstrasse
Matthäusstrasse als Lebensraum im Quartier

Sie spannen den Horizont deutlich weiter als die aktuelle politische Diskussion um die Superblocks und peilen das Jahr 2050 als Zielgrösse an für mögliche Veränderungen im Strassenraum. Weichen Sie damit bewusst auch einer zu sehr aktualitätsgetriebenen und oft etwas kontroversen Diskussion aus?

Die Superblock-Diskussion fokussiert sehr stark auf den Verkehr und den Strassenraum. Wir wollten mit den Studierenden ganzheitliche Visionen entwickeln, die auch die benachbarten Gebäude und Hinterhöfe mit einschliessen. Die Studierenden sollten sich ganz grundlegend fragen: Wie könnte ein gutes Leben auf diesem Planeten und in unseren stetig wachsenden Städten aussehen? Und was braucht es dafür? Welche ungenutzten Potentiale kann man in den Häusern aktivieren, wenn sich der Strassenraum davor verändert? Raum entwerfen bedeutet oft, langfristige und möglichst zeitlose Strategien zu entwickeln. Viele der Studierenden haben das Matthäusquartier als Raum für sozialen Austausch verstanden und ihn stark begrünt. Die Arbeitsergebnisse waren vor dem Sommer fertig. Interessant wäre, zu sehen, ob und wie sich die Visionen nach der extremen Hitze der Sommermonate verändern würden.


Einige Visualisierungsvorschläge der Studierenden bewegen sich stark im fiktiven oder gar utopischen Bereich. Fotorealistische Visualisierungen, wie man sie aus anderen Architekturkontexten kennt, werden eher vermieden. Manchmal scheint der Fokus fast mehr auf der künstlerisch freien Gestaltung zu liegen. Ein bewusster Entscheid – oder das Resultat eines betont offenen Prozesses?

Grundsätzlich war es ein sehr offener Prozess. Es gab Collagen, digitale und manuelle Zeichnungen, KI-generierte Bilder und auch Bilder, die verschiedene Techniken vereinen. Wichtig war uns, dass die Studierenden eine eigene Vision formulieren und diese möglichst präzise umsetzen. Es ging darum, sich an eine Vision für die Stadt heranzutasten.

Hammerstrasse
Die Hammerstrasse als Flaniermeile und Raum für Begegnung

Auffällig oft wird bei diesen Visionen in die Höhe gedacht. So entstehen etwa Türme mit gewächshausartigen Gebilden in luftiger Höhe – oder die Hammerstrasse bekommt eine Art dreistöckige Flaniermeile aus schmalen Stegen. Soll so die Enge dieses sehr dicht besiedelten Quartiers überwunden und etwas durchlüftet werden?

Oft ging es darum, hindernisfreie Zugänge zu schaffen, den Strassenraum zu verschatten und geteilte Räume hinzuzufügen, zum Beispiel Gemeinschaftsräume oder Gästezimmer. Begrünte Fassaden und Laubengänge kühlen die Fassaden und Wohnungen. Kinder erhielten mehr Raum zum freien Spielen, ältere Menschen, Schwangere oder Menschen mit Gehbehinderungen oder schweren Einkaufstaschen erhielten Aufzüge für eine direkte Erschliessung ihrer Wohnungen. Die Dachterrassen wurden stärker genutzt, oder es wurde aufgestockt, um neue Nutzungen ins Quartier einzuschreiben.

Für wie nachhaltig schätzen Sie die Visionen Ihrer Studierenden ein?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt davon ab, ob der Fokus mehr auf Ökologie, Sozialem oder Ökonomie liegt. Grundsätzlich waren die Studierenden angehalten, ganzheitlich zu denken. Nur den Boden zu öffnen, zu begrünen und Bäume zu pflanzen, ist sicherlich die effektivste, ökologischste und ökonomischste Methode, um den Stadtraum auch in immer heisser werdenden Sommern langfristig nutzen zu können – und zwar ohne dabei zu viel Energie und Ressourcen in neue Konstruktionen zu investieren.

Bläsiring
Begrünte Quartierstrasse Bläsiring

Ein sicherlich wesentlicher Punkt war, dass die Studierenden Häuser umgebaut haben, statt sie komplett zu ersetzen. Es wurde auf Low-tec Grundrissanpassungen gesetzt anstatt auf Klimageräte. Fast allen Studierenden waren soziale Aspekte sehr wichtig: Sie vernetzten die Quartierbewohner:innen miteinander und schufen neue Gemeinschaftsräume und Begegnungszonen. Das Quartier wurde durch die Eingriffe stark aufgewertet, was vielschichtige ökonomische Auswirkungen hat. In jedem Fall wurde in diesem Sommer klar, dass Schatten und Kühle ein ökonomischer Faktor sind: Schattige Ladenlokale oder Cafés wurden stärker frequentiert, während solche an zu sonnenexponierter Lage mancherorts sogar vorübergehend geschlossen wurden.

Was hat Ihnen selber am meisten Freude gemacht an diesem akademischen Praxis-Projekt im lebendigen Quartier?

Die Diskussionen mit den Studierenden. Dass wir uns gemeinsam austauschen konnten, wie die Stadt der Zukunft aussehen könnte. Mich begeistert immer wieder die Vielfalt der architektonischen Lösungsmöglichkeiten. Und es hat uns gefreut, dass Anwohnende sich engagierten, die Visionen der Studierenden im Quartier durch eine Pop-up-Ausstellung in Schaufenstern, Cafés und Privatwohnungen vom Strassenraum aus sichtbar zu machen. So konnten die Studierenden die Diskussion über den improvisierten Test des Superblocks mit konkreteren Bildern bereichern.

Rundgang
Architekturprofessorin Friederike Kluge bei einem Rundgang zu den Visualisierungen ihrer Studierenden im Matthäusquartier

So zentral sind klare Ziel- und Leitbilder

Die Pop-up-Ausstellung der Architekturstudierenden hat unter der Anwohnerschaft auch kontroverse Diskussionen ausgelöst. So wunderten sich einige darüber, dass verschiedene Visualisierungen sich nicht um die realistischen Rahmenbedingungen des Kantons kümmerten, dass auch in einem Superblock Müllabfuhr, Rettungsfahrzeuge und Feuerwehr die Quartierstrassen durchqueren müssen. Das schränkt das Umsetzungspotenzial dieser Visionen entscheidend ein.

Trotzdem kommt dieser ungewöhnlichen und anwohnernahen Quartierausstellung das unschätzbare Verdienst zu, dass die Visionen einen künftigen Superblock visuell und atmosphärisch erlebbar machen und zu angeregten Diskussionen einladen. Zahlreiche Studien zu den vielen weltweit bereits existierenden Superblocks zeigen klar, dass konkrete Ziel- und Leitbilder absolut zentral sind, um die Bevölkerung erfolgreich in einen solchen Transformationsprozess mitzunehmen. Die Studierenden füllten so eine Lücke, die von der ideenlosen kantonalen Projektleitung geschaffen worden war. Auch private Architektinnen haben die Chance gepackt und Bilder entworfen, die jetzt an Hausfassaden im Quartier hängen.

Reale Erlebbarkeit ist das A und O für einen Erfolg

Eine ganz konkrete Erlebbarkeit der vielfältigen Vorteile für die Mehrheit der Anwohnenden herzustellen, ist das A und O einer solchen Stadtentwicklungsidee, die mit Durchfahrtsverbot und Parkplatzabbau stark in die eingefleischten Alltagsgewohnheiten der Autofahrenden eingreift.

Weil die Polizei sowohl das Durchfahrts- wie das Parkverbot in keiner Weise durchsetzte, entstand in Basel ein rechtsfreier Raum für Automobilisten, was den Testcharakter grundsätzlich infrage stellte. «So können meine Kinder den Superblock gar nicht im gedachten Sinn nutzen», empörte sich eine junge Mutter. Die Sicherheit sei nicht gewährleistet. «So werden wir um einen realen und fairen Test betrogen.»

Die Anwohnerschaft griff zur Selbsthilfe, malte Plakate und spannte Banner über die Strasse. Der Architekturhistoriker Erik Wegerhoff kommentierte in einem Fachartikel der Architekturzeitschrift «espazium»: «De facto aber stellen auf der Verkehrsfläche spielende Kinder die wirkungsvollste Intervention dar. Eine solche Delegierung an die verletzlichsten Verkehrsteilnehmenden und Privatisierung der Verantwortung für die Strasse ist an Zynismus kaum zu überbieten.»

Superblock
Spielende Kinder
Kinder spielen Asphalt-Polo auf der Matthäusstrasse

Kultur bringt Leben ins Quartier

Den wichtigsten Erlebbarkeitsfaktor schufen zweifellos die Anwohnenden selber, die mit ihren Kindern die Begegnungszonen in den aufgehobenen Parkfeldern in Besitz nahmen. Vielfältiges Leben ins Quartier brachte auch eine spontan gebildete nachbarschaftliche Kulturgruppe, die ein facettenreiches partizipatives Kulturprogramm auf die Beine stellte:

  • Seit dem Frühling blühten überall im Quartier laminierte Gedichte auf, die zudem in einem Lyrik-Spaziergang mit lokalen Autorinnen und Autoren zu einem Live-Erlebnis wurden.
  • Mehr als zwei Dutzend partizipative Tanz- und Musikveranstaltungen für Gross und Klein belebten den Superblock über vier Monate hinweg.
  • Für die Fotoausstellung «LEBENS(T)RAUM MATTHÄUS» haben Anwohnende über 300 Fotos eingeschickt. Die besten wurden von einer Jury ausgewählt, auf Plakate gedruckt und manifestierten so ein grosses und bewegendes Identifikationspotenzial mit dem nicht eben privilegierten Kleinbasler Wohnquartier zwischen Realität und Sehnsucht.

Viele Anwohnende sind während des Superblock-Testjahres auf ganz neue Art miteinander in Kontakt getreten. Wahrscheinlich ist das der schnellste und offensichtlichste Effekt der Superblocks: Die nachbarschaftlichen Kontakte explodierten förmlich. «In den paar Monaten des Superblocks habe ich hier mehr Menschen kennengelernt als in den drei Jahrzehnten davor, seit ich hier lebe», bilanziert sichtlich stolz ein alteingesessener Anwohner.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor wohnt selber im Superblock Matthäus. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem Test (wegen des dilettantischen Aufgleisens durch die kantonalen Behörden) hat er sich zu einem überzeugten Befürworter der Superblocks entwickelt, unter anderem, weil schon der Zauber, auf eine nicht beidseits von Autos zugeparkte Strasse zu treten und sich dort wirklich aufhalten zu können, unbeschreiblich und bezwingend schön ist.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Städtebau

Städtebau und Bauwirtschaft

Bauen im Hinblick auf eine sich verschärfende Klimakrise. Welche Materialien machen Sinn und wieviel Grün brauchen wir. Vorbildliches und weniger Vorbildliches.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden


Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...