Schöne Schweiz – aber kein anderes Land lebe so stark auf Kosten anderer Länder, sagt eine Studie © Pixabay/cc
Die Schweiz, Singapur und Luxemburg verursachen durch ihr Konsumverhalten die höchsten Kosten für die Weltgemeinschaft in den Bereichen Umwelt, Sicherheit und Wirtschaft. © Bertelsmann Stiftung

Schweiz belastet andere Länder am stärksten

Markus Mugglin / 16. Jul 2019 - Die Schweiz ist top – im negativen Sinne. Sie behindere wie niemand sonst andere Länder in ihrer nachhaltigen Entwicklung.

Die Schweiz ist es gewohnt, gelobt zu werden. Als innovativer als alle andern, wettbewerbsfähiger als die meisten oder als Recycling-Weltmeisterin. Also nicht nur in wirtschaftlicher und technologischer Hinsicht, sondern auch beim umweltschonenden Umgang mit kostbaren Ressourcen erhält die Schweiz zuweilen Höchstnoten. Da kommt die Warnung der Bertelsmann-Stiftung im jüngst publizierten «Sustainable Development Report 2019» geradezu überraschend. Erst recht, da das Urteil happig ausfällt: Die Schweiz lebe stärker als jedes andere Land der Welt auf Kosten der anderen Länder. Niemand behindere die anderen so stark daran, die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO-Agenda 2030 zu erreichen.

Die Bertelsmann-Stiftung ist nicht irgendwer. Und da mit Jeffrey Sachs einer der renommiertesten Ökonomen zu Fragen der nachhaltigen Entwicklung dem Bericht Pate steht, lässt sich das Verdikt nicht leichtfertig ignorieren. Die Schweizer Medien haben es dennoch getan und die schlechte Nachricht verschwiegen.

Belastende Produktions- und Konsumstrukturen

Klar, die Sache ist nicht so einfach, wie es die Schlagzeile «Die zehn grössten Kostenverursacher» ausdrückt. Es geht um sogenannt negative Spillover-Effekte, die nationale Volkswirtschaften durch ihre Verflechtungen mit der Aussenwelt auslösen. Wie wirkt sich ihr Handeln für die Umwelt, die Wirtschaft, die Finanzen, die Gouvernanz und die Sicherheit der anderen Länder aus? Wie belastend sind die Produktions- und Konsumstrukturen für andere Länder – beispielsweise über Palmöl- oder Sojaimporte, wodurch Waldrodungen in tropischen Ländern verstärkt werden? Negativ ins Gewicht fallen auch Tiefsteuerpolitiken, die zur Veruntreuung von Staatsgeldern und zu Korruption verleiten. Bewertet wird auch das Engagement der reichen Länder bei der Entwicklungshilfe, damit sich die armen Länder aus der Armutsfalle befreien können. Im Bereich Sicherheit beurteilt die Bertelsmann-Studie beispielsweise negative Folgen der Exporte leichter Waffen und die Bemühungen für Konfliktprävention und Friedenssicherung.

Solche Zusammenhänge haben die Spezialisten hinter dem «Sustainable Development Report 2019» für 160 Länder von Afghanistan bis Zimbabwe nach aktuellem Kenntnis- und Forschungsstand gewichtet. Die Schweiz kommt bei ihnen am schlechtesten weg, knapp vor Singapur. Mit grösserem Abstand folgt auf Rang drei Luxemburg, vor den Vereinigten Arabischen Emiraten, vor Mauritius, Zypern und den Niederlanden, vor Kuwait, Grossbritannien, den USA und Norwegen auf Rang 10.

Die Schweiz, Singapur und Luxemburg verursachen durch ihr Konsumverhalten die höchsten Kosten für die Weltgemeinschaft in den Bereichen Umwelt, Sicherheit und Wirtschaft. (Quelle: SDG-Report)

Zwei Dinge fallen dabei auf. Kleinen, stark aussenorientierten Wirtschaften werden die grössten Lasten auf Kosten anderer vorgehalten. Keinen engen Zusammenhang gibt es hingegen zwischen Pro-Kopf-Einkommen und den anderen Ländern aufgebürdeten Lasten. Schweden beispielsweise fällt trotz des mit der Schweiz vergleichbaren Einkommensniveaus anderen Ländern viel weniger zur Last. Es rangiert an 25. Stelle. Noch deutlich besser schneidet Dänemark ab. Es steht auf Rang 39, obwohl auch es zu den reichsten Ländern der Welt zählt.

Die Autoren des Bertelsmann-Rankings folgern deshalb, dass die Länder mit den hohen negativen Effekten durchaus die Möglichkeit hätten, ihr Verhalten zugunsten anderer Länder zu ändern, ohne Wohlstandseinbussen erleiden zu müssen.

Auch wenn es im Bericht nicht ausdrücklich formuliert ist, liegt die Vermutung nahe, dass dessen Autoren nicht zuletzt von der Schweiz erwarten, dass sie künftig die anderen Länder weniger an der Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele hindert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Sustainable Development Report 2019 (PDF)

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7 Meinungen

Ein kleines, sehr dicht besiedeltes Land wie die Schweiz, dessen Ressourcen sich auf Wasser und Salz beschränken, importiert zwangsläufig viele Rohstoffe und Industrieprodukte. Ist gar nicht anders möglich. In das Ranking einfliessen müsste auch die Siedlungsdichte / Bevölkerungsdichte pro b e w o h n b a r e n Quadratkilometer Landesfläche. Dann sähe die Sache ganz anders aus! Ich habe den Verdacht, es geht der Berthelsmann-Stifung darum, den Schweizern ein schlechtes Gewissen einzureden, damit sie dem EU-Rahmenvertrag zustimmen. Dass Entwicklungshilfe sehr oft negative Folgen hat, die örtliche Wirtschaft (beispiel Tomatenproduktion in Afrika / Weizenmehl als Ersatz für Hirse) behindert, indem der Import subventionierter EU-Produkte die örtlichen Bauern konkurrenzunfähig macht, wurde sicher in der Studie nicht berücksichtigt. Weiter muss auch die Frage einfliessen, ob Exportprodukte wie Schokolade oder Käse in Nachhaltigkeitsfragen dem Produzentenland oder dem Konsumentenland anzurechnen sind. Analoges gilt hinsichtlich des Konsums durch Migranten. Wenn EU-Bürger in die Schweiz einwandern, verursachen sie hier Abfall, konsumieren Energie und Güter. Diese Belastungen entfallen in ihrem Herkunftsland und belasten die Schweizer Bilanz. Hinsichtlich eines Einwanderungslandes verzerren Studien, welche die Migrationsbelastungen ausblenden, die Bilanz. Analoges gilt für den Tourismus, wobei hier wenigstens die Wertschöpfung in der Schweiz gegeben ist.
Urs Lauper, am 16. Juli 2019 um 12:14 Uhr
"Die Bertelsmann-Stiftung ist nicht irgendwer. Und da mit Jeffrey Sachs einer der renommiertesten Ökonomen...»
Das stimmt zwar, aber es haben auch beide einen höchst zweifelhaften Ruf. Beide verstehen unter Entwicklungshilfe vor allem die Hilfe für global agierende Konzerne, die Privatisierung von Allgemeineigentum sowie den Abbau sozialer Strukturen. Und dies vor gerade auch in anderen Ländern.

Bezüglich Abfallentsorgung gibt es eine Rangfolge, welche Massnahme die Umwelt und Mitmenschen am wenigsten belastet: 1. Abfall vermeiden 2. Abfall wiederverwenden 3. Abfall rezyklieren 4. Abfall energetisch verwerten (verbrennen und Strom draus machen) 5. Abfall endlagern.
In den Punkten 1 + 2 ist die Schweiz extrem schlecht und ihre Nachhaltigkeit dementsprechend mangelhaft. Da nützt auch das ständige drauf hin weisen bzl. wie gut wir im (Energieintensiven) rezyklieren sind. Auch ist es so, dass wir durch unsere Exportwirtschaft Arbeitslosigkeit mit exportieren und das wir ein paar der grössten Rohstoffräuber, Umweltzerstörer und Ausbeuterfirmen zu günstigen Konditionen beherbergen. Das alles, zusammen mit extremem Konsumverhalten, garantiert uns zweifelsfrei einen Spitzenplatz wenn es um die Belastung der Erde und anderer Menschen geht.
Aber bzl. Belastung anderer Länder noch vor den USA? Da lief wohl etwas schief, oder hat Sachs da evt. die Kriege im Jemen, Irak, Syrien, Somalia,... als Entwicklungshilfe einkalkuliert? Zutrauen würde ich es ihm durchaus.
Stöckli Marc, am 16. Juli 2019 um 14:52 Uhr
Es ist gut, dass Infosperber das Thema aufgreift. Es scheint mir aber zu einfach, wenn nun einfach der Mahnfinger erhoben wird. Vielmehr müsste man jetzt genau schauen, wie die einzelnen Faktoren operationalisiert werden. Die Schweiz verliert beispielsweise Punkte im Bereich Nachhaltigkeit, weil sie die «Sustainable Development Goals» nicht im «federal budget» erwähnt. Ein klassischer Fehler ist auch, wenn in Unkenntnis des föderalen Aufbaus nur die Bundesgesetzgebung betrachtet wird, wenn bei uns die Zuständigkeit bei den Kantonen und den Gemeinden liegt. Ebenso stellt sich die Frage, ob alle Länder mit dem gleichen Massstab messen.
Im Übrigen ist es so, dass die Schweiz als kleines Land mit wenigen Rohstoffen und wenig Landwirtschaft auf Importe angewiesen ist. Das heisst, unsere Bevölkerung verbraucht nur schon für das tägliche Essen mehr importierte Nahrung, als unser Boden hergibt.
Titus Meier, am 16. Juli 2019 um 21:47 Uhr
Wer ist die Bertelsmann-Stiftung schon wieder? Ich habe in Erinnerung, dass sie vorallem von linker Seite kritisiert wird, dass sie nicht so selbstlos weltweit agiert, wie es den Anschein macht? Wenn sie etwas publiziert, soll es immer eine bestimmte Stossrichtung haben? Wer weiss hier mehr?
Peter Aebersold, am 16. Juli 2019 um 22:09 Uhr
Einmal mehr: welche lust an der selbstkasteiung! Und bist du nicht schlecht, so finde ich sicher was! Woher diese lust am masochismus?
Christian von Burg, am 16. Juli 2019 um 23:09 Uhr
Die Frage, ob der «Sustainable Development Report» Schlagseite hat oder nicht, sei hier vertiefter Hinterfragung überlassen. Aber nicht abstreiten können wir Schweizer die Tatsache, dass wir uns ungern kritisieren lassen und dass wir bereit sind, unsere Privilegien, auch schmutzige, hartnäckig zu verteidigen. Hauptsache: Rendite!
Ein Beispiel: Mit der Konzernverantwortungsinitiative versuchen besonnene Schweizer, den Kreisen, die unsere freiheitliche Ordnung für unfaire Geschäftemacherei missbrauchen, in die Schranken zu weisen. Den Rohstoffhandel, den Goldhandel, fairen Umgang im Textilgeschäft, usw. Den Widerstand, der Wirtschaftslobbys und der Regierung kennen wir. Marktwirtschaft auch über Leichen, ist die Devise. Es lebt sich ja gut in der «sauberen» Schweiz. Das dürfte halt dem Bertelsmann-Report nicht entgangen sein.
Walter Schenk, am 19. Juli 2019 um 12:50 Uhr
@ Peter Aebersold: Urs Lauper hat in seinem obigen Beitrag bereits angedeutet, was die Bertelsmann-Stiftung ist. Hier ist noch ein Link für diejenigen, welche das wahre Gesicht dieser Stiftung mal sehen möchten: https://kenfm.de/tagesdosis-20-7-2019-die-luege-die-infame-luege-und-bertelsmann/
Christoph Erni, am 21. Juli 2019 um 17:40 Uhr

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