Mehr Touristen aus der Ferne, mehr globale Umweltbelastung: Asiaten auf der Kleinen Scheidegg © SRF
Logiernächte, aufgeteilt nach Herkunf © Guggenbühl

Warum klimaverträgliches Reisen auf Widerstand stösst

Hanspeter Guggenbühl / 30. Jun 2019 - Öfter, schneller, weiter – das gilt nicht nur für die Schweizer Bevölkerung, sondern auch für Gäste, die in die Schweiz reisen.

Red. Mit der Serie «Anders Reisen» weist Infosperber auf die Konflikte zwischen wachsendem Reisekonsum und Umweltbelastung hin und zeigt, wie sich diese Konflikte entschärfen lassen. Heute zum Abschluss: Wie sich die Reisen vom Ausland in die Schweiz entwickelten, wo sich das ökologisch negativ auswirkt, und warum eine Umkehr ökonomisch auf Widerstand stösst.

In unserer Serie "Anders Reisen" analysierten wir das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung und stellten einen klaren Trend fest: Wir reisen immer öfter, immer schneller, immer weiter. Damit verlagert sich der Reiseverkehr, vom In- ins Ausland und vom Land- zum Luftverkehrsmittel, was den Konflikt zwischen Reiselust und Klimafrust verstärkt. Folglich empfahlen wir: Weniger weit, wo möglich umsteigen, und wir informierten über konkrete Beispiele von alternativem Reisekonsum, der sich weniger negativ auf Umwelt und Klima auswirkt.

Reisen in die Schweiz: Öfter, schneller, von weiter

Die Fernreisen der Schweizer Bevölkerung zeigen aber nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte resultiert aus den Reisen, welche die Schweiz als Tourismusdestination im In- und vor allem im Ausland auslöst. Bei diesen Reisen in die Schweiz zeigt sich die gleiche Entwicklung wie bei jenen aus der Schweiz: Öfter, schneller und von weiter her, bevorzugt im Flugzeug. Das belegt ein Zehnjahresvergleich der Ankünfte und Logiernächte in den inländischen Hotels zwischen 2008 und 2018:

o Öfter: Die Zahl der Ankünfte in Schweizer Hotels stieg nach dem vorübergehend durch Frankenstärke verursachten Rückgang wieder, im Jahr 2018 gegenüber 2008 um 12 Prozent.

o Schneller: Die Zahl der Logiernächte in diesen Hotels stieg 2018 ebenfalls, mit 4 Prozent aber weniger stark als die Zahl der Ankünfte. Denn die Gäste reisen schneller wieder ab. So betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in Schweizer Hotels 2018 nur noch 2,0 Nächte, 2008 noch 2,3. Der stetige Rückgang der Aufenthaltsdauer ist schon seit Jahrzehnten zu beobachten.

o Weiter: Dieser Trend ist besonders ausgeprägt. Das zeigt die Statistik über die Herkunft der Hotelgäste in der Schweiz: Die Zahl der Logiernächte von Gästen aus dem nahen Europa schrumpfte von 2008 bis 2018 um 26 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der Logiernächte von Reisenden aus allen andern, weiter entfernten Kontinenten um 86 Prozent. Besonders ausgeprägt war der Anstieg der Gäste aus Asien (plus 140 %), insbesondere aus China (plus 535 %).

Diese Verlagerung vom Nah- zum Ferntourismus illustrieren auch die folgenden zwei Grafiken: Der Anteil der Logiernächte von Gästen, die von ausserhalb Europas anreisten (Asien, Amerika, Afrika und Australien), nahm von 2008 bis 2018 stark zu, während der Anteil aus Europa deutlich schrumpfte. Der Anteil der Logiernächte von Gästen aus dem Inland stieg leicht, was auch auf das sonnige Wetter im Jahr 2018 zurückzuführen ist.

Logiernächte in Schweizer Hotels pro Jahr in den Jahren 2008 (Total: 37,3 Mio.) und 2018 (Total 38,8 Mio.), aufgeteilt nach Herkunft der Gäste. Quelle: Bundesamt für Statistik/Grafik: Guggenbühl.

Die Hotelstatistik ist allerdings unvollständig. Denn nicht alle Leute, die in die Schweiz reisen, logieren in Hotels. Viele übernachten in Ferienwohnungen, bei Bekannten oder überhaupt nicht, weil sie am gleichen Tag ein- und ausreisen (Tagesgäste). In der Parahotellerie und bei Tagesreisen ist der Anteil der Gäste aus dem Ausland und insbesondere aus fernen Kontinenten generell kleiner. Deshalb ist die Verlagerung insgesamt etwas weniger krass, als die Grafik über die Hotellogiernächte zeigt.

Mehr Fernreisende: Ökonomisch zweischneidig

Trotz dieser Einschränkung: Die Verlagerung vom Nah- zum Ferntourismus findet statt. Und sie akzentuiert sich in Regionen wie Luzern/Vierwaldstättersee oder Interlaken/Jungfrau (siehe Infosperber-Bericht: "Dort bleiben, wo die halbe Welt hinwil"). In diesen Destinationen war der Anteil an Gästen aus Übersee schon immer grösser als in den ländlichen oder alpinen Regionen Wallis und Graubünden.

An der wachsenden Zahl von Fernreisenden möchte jetzt auch die Tourismusbranche in Graubünden partizipieren, einer Region, die bisher primär Gäste aus der Schweiz und Deutschland beherbergte und – als Folge des schwachen Euro – seit 2008 Marktanteile verloren hat. So will der Präsident von "Graubünden Ferien", Jürg Schmid, die wegbleibenden Gäste aus Deutschland vermehrt durch Feriengäste aus China, den USA und den Golfstaaten ersetzen. Unter dem Titel "Der Bündner Tourismus soll in Asien und Amerika Fuss fassen", sagte Schmid letzten Sommer gegenüber der Regionalzeitung "Südostschweiz", das sei "die letzte Chance, die wir haben" (mehr darüber hier auf Infosperber).

Ökonomisch ist die Förderung dieses Ferntourismus zweischneidig: Einigen Branchen bringen wohlhabende Touristen aus Golfstaaten oder Asien zwar viel Umsatz, insbesondere dem gehobenen Detailhandel; das zeigen etwa die Umsätze der Bijouterie- und Uhrengeschäfte am Schwanenplatz in Luzern. Auch die Bahnen aufs Jungfraujoch oder den Titlis profitieren vom Zulauf von Inderinnen und Chinesen.

Doch für die Hotellerie und Gastronomie sind Reisende aus Ostasien und andern fernen Weltgegenden aus zwei Gründen nur bedingt attraktiv: Sie reisen meist als Pauschaltouristen, drücken mit Rabatten auf die Margen und bleiben in der Regel weniger lang als Gäste aus Europa. Das belegt der Vergleich über die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im Jahr 2018: Gäste aus China verzeichneten im Schnitt nur 1,3 Logiernächte, aus Japan 1,8, während die Kundschaft aus Grossbritannien pro Reise 2,3 Mal, aus Deutschland 2,2 Mal und aus den USA 2,1 Mal in Schweizer Hotelbetten übernachteten.

Ökologische Belastung wächst global

Mit der Verlagerung von Nah- zu Fernreisen – ob vom Ausland in die Schweiz oder von der Schweiz ins Ausland – verstärkt der Tourismus die globale Umweltbelastung und den Klimawandel. Das gilt vor allem ausserhalb der eigenen Landesgrenzen.

Beispiel: Wer von Peking nach Zürich und wieder heim fliegt, verursacht allein mit diesem Flug in der Economy-Klasse Treibhausgase im Umfang von drei Tonnen CO2-Equivalent (Quelle: My Climate). Das ist rund die Hälfte an Treibhausgasen, die eine in der Schweiz lebende Person in einem ganzen Jahr im Inland verursacht.

Innerhalb der Schweizer Grenze hingegen belasten Pauschalreisende aus Fernost die Umwelt deutlich weniger stark als Schweizerinnen oder Europäer. Denn ein grosser Teil der Touristen aus dem Inland oder aus Nachbarstaaten reisen mehrheitlich im ökologisch ineffizienten Auto in und durch die Schweiz, und sie sind auch die Treiber des Baus von landschaftsfressenden Zweitwohnungen, die monatelang beheizt, aber nur wenige Wochen genutzt werden.

Lieber Nah- als Fernreisen fördern

Aus national-ökonomischen und global-ökologischen Gründen ist es sinnvoller, den Nah- statt den Ferntourismus zu fördern. Das jedenfalls empfiehlt Hansruedi Müller, langjähriger und inzwischen emeritierter Professor für Tourismus an der Universität Bern, den Tourismusverantwortlichen in der Schweiz.

Gleichzeitig betont Müller, der Einfluss des Tourismusmarketings auf den globalen Tourismus sei kleiner, als viele meinen. Denn wie viele Gäste aus welchen Weltgegenden in die Schweiz reisen, hänge in erster Linie von der Wohlstandsentwicklung in den Herkunftsländern ab, aber auch von den Wechselkursen. "Ein starker Euro", sagt Müller, "hat auf das Reiseverhalten der Europäer mehr Einfluss als das Marketing der Schweizer Tourismusbranche."

Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie

Will man die Umweltbelastung des Reisens generell begrenzen, gelten für die Bevölkerung in der Schweiz und allen andern Staaten die gleichen Regeln, die wir schon zu Beginn unserer Serie aufgestellt haben: Weniger weit reisen, und auf den kürzeren Reisen wo möglich umweltfreundliche Verkehrsmittel benutzen, also Zug statt Flug oder Velo statt Auto.

Klimapolitisch konsequent wäre zum Beispiel, wenn Schweizerinnen und Schweizer nur noch im Inland und mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisten, während Chinesinnen und Chinesen in China blieben und ihr Land auf dem Velo erkundeten, wie sie es bis vor dreissig Jahren im Alltag taten. Doch diese ökologische Konsequenz wäre unter den bestehenden Verhältnissen ökonomisch fatal. Denn die direkten und indirekten Umsätze des globalen Tourismus tragen annähernd zehn Prozent zur globalen wirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Das zeigt: Wenn alle Menschen die Ratschläge befolgten, die wir mit unserer Serie "Anders Reisen" machten, brächen Flugverkehr sowie Autobranche und damit die Weltwirtschaft massiv ein.

Das erklärt, warum die Reiselobby schon bescheidene Vorschläge wie etwa eine Flugticket-Abgabe mit allen Mitteln bekämpft. Was allerdings nicht von einer langen Sicht zeugt. Denn langfristig ist ein Umwelt- oder Klimakollaps weit teurer und schmerzhafter als die ökonomischen Folgen eines schrumpfenden Reisekonsums.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Dossier: Anders Reisen - Umwelt schützen
Dossier: Klimapolitik kritisch hinterfragt

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Eine Meinung

Ich habe da eine Frage: die Wertschöpfung aus dem Tourismus, geht die nicht zu 99 % in private Taschen und für die Allgemeinheit bleiben nur die Schäden an Umwelt und Sozialgemeinschaft?
Anna Baur, am 04. Juli 2019 um 13:38 Uhr

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