Fabrikmässige Informationsproduktion im Hause SRF: Geplanter «News-Room 2019» © SRF
Gysling dirigiert © SRG

Das Mediensystem ist die Botschaft

Robert Ruoff / 29. Aug 2018 - Der künftige SRF-Newsroom produziert gleichzeitig für zahlreiche Kanäle. Er ist eine arbeitsteilige Informationsfabrik.

Der «Newsroom» des Schweizer Fernsehens SRF ist einfach eine etwas grössere, technologisch aufgemotzte Redaktionsstube. Das schreibt sinngemäss Alexandra Stark in ihrem Blog «Journalism Reloaded». Und sie hat Recht.

Matthias Zehnder wiederum verlangt in seinem Blog MatthiasZehnder.ch, man müsse unterscheiden zwischen automatisierter Informationsproduktion durch algorithmisch gesteuerte Maschinen und von Menschen gemachten journalistischen Texten. Maschinen würden demnach sozusagen wertfrei funktionieren, in die Arbeit von Menschen würden hingegen immer auch Wertmassstäbe einfliessen. Das ist eine heikle Unterscheidung. Auch die Steuerung von Maschinen oder Robotern durch mathematische Regeln wie Algorithmen macht immer (noch) der Mensch. Automatisch produzierte News etwa in Form von Sportnachrichten oder Börsenmeldungen sehen nur aus wie «die reine Wahrheit». Das sind sie aber nicht.

Und es gibt auch nicht den «Newsroom» an sich. Es geht immer um die Frage, welchen publizistischen Zielen ein solcher Redaktionsraum mit seiner technischen Struktur und seiner Arbeitsorganisation dient. Welchen Dienst diese publizistische Einrichtung also der Medienrepublik leisten soll und tatsächlich leistet. Die Medienrepublik: Das sind die gebührenzahlenden Einwohnerinnen und Einwohner.

Ein Rückblick zum Redaktionsstudio von 1985

Ruedi Matter war schon 1983, vor 35 Jahren, ein engagierter Verfechter des «Newsroom»-Konzepts. Ich auch. Mehr noch: Wir waren beide zusammen im Einsatz für den «Newsroom». Man nannte es damals einfach «Redaktionsstudio». Es ging um einen neuen Auftritt der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens DRS, das jetzt SRF heisst. Auf Sendung ging das 1985.

Redaktionsstudio ab 1985: Erich Gysling dirigierte damals mit erhobener Hand

Wir beide hatten etwas gegen die «absolute Wahrheit», die sich im gängigen Nachrichtenformat verkörperte. In der sterilen Kabine trat zuvor noch der «neutrale» Sprecher Léon Huber auf als möglichst emotionsloser Verkünder der Wahrheit. Vor dem Bildschirm versammelte sich täglich um halb acht die Fernsehgemeinde, oder schon mittags um halb eins vor einem anderen Sprecher die Radiogemeinde, andächtig schweigend.

15 Jahre nach 1968 war auch im öffentlichen Radio- und Fernsehbetrieb der Schweiz klar geworden, dass Ideologie und Interessenbindungen auf die quasi offizielle Nachrichtengebung der SRG ihre Wirkung ausübten. Damit ist nicht das schrecklich vereinfachende Konzept der «fake news» gemeint, sondern die einfache Tatsache, dass die professionellen Medienschaffenden wissen müssen, dass sie bei der Berichterstattung Menschen mit einer Haltung und mit Interessen gegenüberstehen, und dass sie selber aus einem bestimmten Blickwinkel heraus Fragen stellen und Berichte erarbeiten.

Das müssen nach Möglichkeit auch die gebührenzahlenden Mitglieder der Medienrepublik wahrnehmen können. Nachrichten werden immer von Menschen gemacht – und es war damals die aufklärerische publizistische Absicht, diese Tatsache mit dem Redaktionsteam im Studio sichtbar zu machen. Es war ein bildhafter Aufruf an die Zuschauenden, mit Vertrauen (wegen der Transparenz) und mit einer vernünftigen Dosis Skepsis die Medien-Botschaft aufzunehmen – nicht als die ganze Wahrheit sondern als ein Beitrag zu realitätsgerechter Information und Meinungsbildung.

Die Idee ist dann nach wenigen Jahren aufgegeben worden. Sie scheiterte an äusseren Bedingungen (zu wenig Tiefe im Raum), an der Spaltung in der Redaktion (das führte, anders als in der Suisse romande, zur Trennung von «Tagesschau» und «10vor10»), und an der Wankelmütigkeit der Führung. – Ruedi Matter hatte sich schon vorher auf seinen mehrjährigen Weg durch das deutsche Privatfernsehen gemacht.

Mensch und Technik im News-Room 2019

Der «Newsroom 19», der nach einem Vorlauf bereits im Herbst 2019 starten soll, unterscheidet sich selbstverständlich vom einstigen Redaktionsstudio. Die Studioversion von 1985 bediente nur die Fernsehnachrichten. Der Newsroom hingegen verbindet das alte «lineare» Fernsehformat mit seinen zeitlich festgelegten Sendungen mit einem viel grösseren Angebot auf konkurrierenden Kanälen.

«Wir müssen die Digital Natives, aber auch die Nutzerinnen und Nutzer, die von den programmierten Sendungen wie «Tagesschau» oder «10vor10» abwandern zu den digitalen Plattformen, auch dort erreichen und an das SRF-Angebot binden», sagt der heutige Tagesschau-Chef und Newsroom-Projektleiter Urs Leuthard im Gespräch. Er meint damit die eigene Website srf.ch und die SRF-News-App. Er meint aber auch die SRF-News-Angebote auf Plattformen wie Facebook, Instagram oder Twitter. «Und für diese unterschiedlichen Plattformen», so Urs Leuthard, «müssen wir die Geschichten mit den grundsätzlich gleichen Inhalten in unterschiedlicher Form erzählen.»

Alexandra Stark, Journalistin und zugleich Dozentin am Medienausbildungszentrum MAZ, sieht in ihrem Blog grundsätzlich eine grosse Chance in der Organisationsform des Newsrooms, betont aber für den Erfolg zugleich die zentrale Rolle der «Führung der Redaktion». Auf Rückfrage präzisiert sie: «Im Newsroom wird Führung komplexer. Für mich ist eine sinnvolle Balance von Technik, Mensch und publizistischer Absicht eine grundlegende Führungsaufgabe. Deshalb muss die Führung einer Redaktion von Anfang involviert sein.» Das heisst: Das Beziehungssystem von Technik und Menschen und publizistischer Absicht muss von Anfang an zusammen gedacht werden. Sonst sind Konflikte, Fehlleistungen und Reibungsverluste strukturell eingebaut.

Das Medien-System ist die Botschaft

Beim SRF-Newsroom scheint diese Abstimmung für zwei Bereiche zu funktionieren: für die Technik und für die publizistische Absicht. Wenn es nämlich die publizistische Absicht ist, «News», also Nachrichten im engeren Sinn des Wortes, zu produzieren und schnelle Information in Kürze über einen Vorgang von einiger Wichtigkeit zu verbreiten. Unter den Bedingungen der lokalen, regionalen und globalen Konkurrenz heisst das: schnell, mobile first, mit dem eigenen Markenauftritt versehen, – kurz: ein komplexer Produktionsprozess, für vielfältige Kanäle, in hoher Geschwindigkeit.

Für die Empfänger hingegen bedeutet das mehr denn je: «Das Medium ist die Botschaft», wie der revolutionär denkende kanadische Kommunikationsforscher Marshall McLuhan sagt. Matthias Zehnder bezieht sich in der «Newsroom»-Debatte zu Recht auf ihn. Es macht schon einen Unterschied, ob uns eine Botschaft über die «Tagesschau» erreicht oder über Facebook oder über Twitter.

Und heute ist es ja nicht ein einzelnes Medium. Es gibt eine Vielzahl von Medien und Kanälen – Facebook, Twitter, Instagram, Youtube, Tagesschau, SRF News usw., über die wir mit der gleichen Botschaft beschossen werden. Es muss also neu heissen: Das Medien-System ist die Botschaft. Und damit wird McLuhans Theorie definitiv zur Wirklichkeit: Mit der Computer-Kommunikation fallen wir tatsächlich von der individualistischen Schrift-Kultur mit ihren Büchern zurück in die Stammeskultur, in das «globale Dorf». Und da «kommt dann der Grosse Bruder hinein» (McLuhan in: Die Gutenberg Galaxis. Das Ende des Buchzeitalters, 1962 (!)). Will heissen: Am Ende denken wir unter dem Einfluss des globalen oder regionalen Mediensystems alle dasselbe.

Zentrale Steuerung, arbeitsteilige Produktion

Der komplexe Produktionsprozess für die verschiedenen Kanäle wird im «Newsroom» gesteuert vom Decision Desk. Dieses wird gegebenenfalls mit neuen Entwicklungen aufdatiert, und es wird – mit Blick auf das User-Verhalten, auf Reichweite, Verweildauer und so fort – kontrolliert vom Community/Analytics Desk. Kurz: Es entsteht ein höchst arbeitsteiliger Ablauf, der aber zugleich einer zentralen Lenkung unterliegt. Dabei zeigt sich: Der Newsroom ist auch ein Überwachungsraum. Nach innen und nach aussen.

In manchen Teilen findet dort tatsächlich die abstrakte, arbeitsteilige Kooperation statt, die man in der Industrie als Taylorismus bezeichnet, in Erinnerung an den US-amerikanischen Ingenieur Frederick Winslow Taylor. «Abstrakt» ist diese Kooperation, weil sie nicht im unmittelbaren Zusammenwirken mehrerer Menschen stattfindet, sondern vermittelt über die Organisation der Maschinerie – hier Textproduktion, dort Bildproduktion und wieder woanders die Sendung oder das Branding.

Das ist heute möglicherweise nicht zu vermeiden. Man darf sogar sagen: Newsproduktion ist für ein Unternehmen von der Grössenordnung der SRG in der Welt der digitalisierten Konkurrenz vielleicht gar nicht anders zu machen.

Information aus der Fabrik

Aber es ist – sorry – nichts anderes als fabrikmässige Info-Produktion auf digitaler Basis. Eine Informationsfabrik halt. Das ist nichts als eine kühle, sachliche Feststellung, die nur deshalb vielleicht «heftig» wirkt, weil die Betroffenen sie möglicherweise als heftig empfinden. Nicht ohne Grund. Der Mensch wird wie Charlie Chaplin in «Modern Times» zum Teil der Organisation und der Maschinerie.

«Teamwork» ist bei den Audio- und den audiovisuellen Produktionen (und schon zu Gutenbergs Zeiten beim Druck) im Übrigen keineswegs neu. Im Gegenteil, lebendiges Teamwork gehört im Fernsehschaffen zu meinen besten Erinnerungen. Etwa als der Kameramann Werner Schneider in der aufgewühlten Zeit vor dem Fall der Mauer in Berlin nach unserem Vorgespräch loszog und mir dann auf dem vereinbarten Drehplatz schon die Bilder zeigte, die meine Geschichte erzählten. Oder der Westschweizer Kollege, der am israelischen Checkpoint für die palästinensischen Taglöhner ohne Worte die Kamera schulterte und in einer einzigen Einstellung von anderthalb Minuten die ganze Bildgeschichte drehte, die wir noch erzählen wollten.

«Kongenial» heisst in diesem Zusammenhang, dass alle Beteiligten einander durch die bewusst gestaltete Zusammenarbeit bereichern, ohne einander zu instrumentalisieren. Das war – und ist sicher heute noch bei guten Gelegenheiten – kreatives Teamwork auf höchstem Niveau.

Die fast vollendeten Tatsachen

Nun ist diese Diskussion über den SRF-Newsroom im Grunde müssig, weil die Bauten und die ganzen Vorbereitungen ja schon weit gediehen sind. Und wahrscheinlich wäre niemand der SRG- und SRF-Führung in den Arm gefallen, wenn sie nur dem ursprünglichen Konzept eines Newsrooms für Online und TV treu geblieben wäre. Denn die Vorbereitungen für den SRF-Newsroom laufen ja offiziell schon seit zwei Jahren. Von den Radio-Abteilungen in Bern hingegen war aber bis April 2018 keine Rede.

Doch die Chefs sind wankelmütig geworden, wie die «Tagesschau»-Verantwortlichen von 1983 sowie in den folgenden Jahren, und sie haben das Konzept geändert. Heute (nach dem Artikel zum Newsroom in der «Medienwoche» vom 5. Juli 2018») ist offiziell bestätigt, dass der Umzug für einen grossen Teil der Berner Radioleute kurzfristig ins Auge gefasst wurde. Offiziell ist auch, dass die Planung für den Start des Newsroom gegenwärtig nur für Fernsehen und Online im Gang ist, also nicht auch noch für ein integriertes Radio. Festgestellt haben die Verantwortlichen lediglich, dass für die Radioleute am Leutschenbach genug Platz vorhanden wäre.

Auf der anderen Seite häufen sich die Probleme. Heute sind die technischen und organisatorischen Planungen auf «News» ausgerichtet, nicht auf Hintergrund-Sendungen wie das «Echo der Zeit» oder auf eine vielfältige Audio-Strategie, mit der sich die Berner Belegschaft seit einiger Zeit durchaus erfolgreich befasst. Die Basis für ein Audio-Kompetenzzentrum in Bern wäre also vorhanden. Es fehlt aber jedes Anzeichen dafür, dass die Unternehmensführung bereit wäre zu einem freien, offenen Dialog mit der Belegschaft für eine solche Option. Es wäre ein aktiver Beitrag für den Abbau der vielfältigen Spannungen zwischen Zürich und Bern.

Radio-Umzug zerstört publizistisches Kapital

Die Unternehmensleitung könnte so vielleicht ein Stück Glaubwürdigkeit und Vertrauen zurückgewinnen. Denn die technischen Gründe für den Umzug wirken bis heute nicht überzeugend. Und der mögliche Spareffekt ist unklar. Zehn oder drei oder vielleicht doch fünf Millionen? Klar steht nur die Drohung im Raum, dass ohne Umzug ein schmerzhafter Stellenabbau stattfinden soll. Und sie wird aus den Chefetagen regelmässig wiederholt.

Für den Umzug und die Integration des Radios in den «Newsroom 19» wäre aber eine Überarbeitung des ganzen Leutschenbach-Konzepts erforderlich. Denn es war ja bis Anfang April 2018 offiziell nie die Rede davon, dass die Radioinformation nach Zürich umgesiedelt werden sollte. Der Newsroom war und ist noch immer ein Vorhaben für die News des Fernsehens und der Online-Redaktion am Leutschenbach, und viel Audio-Kompetenz sitzt in Bern.

Sehr viele Zeichen zu einer entspannten Lösung weisen für vernunftbegabte Menschen in diese föderalistische Richtung, zum langfristigen Vorteil auch für die SRG. Und Ruedi Matter könnte sich zum Ende seiner Amtszeit den Traum vom grossen Newsroom am Leutschenbach wohl ohne grössere Probleme erfüllen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Beitrag ist die leicht überarbeitete Version eines Textes, der unter dem gleichen Titel am 23. August 2018 in der «Medienwoche» erschienen ist.

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