Medienqualität, abgesehen von Einseitigkeit und Intransparenz
Das «Fög – Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft an der Universität Zürich» hat die neuste Ausgabe des Jahrbuchs «Qualität der Medien» vorgestellt. Das Kernstück des Jahrbuchs ist die Messung der Qualität der Nachrichtenmedien in der Schweiz. Die Indikatoren für Qualität sind klar definiert. Die Berechnung der «Gesamtqualität» ist zwar komplex und etwas willkürlich, aber nachvollziehbar.
Methodische Fragen gehen unter
Unklar bleibt, ob das Jahrbuch tatsächlich misst, was es zu messen vorgibt. Die entscheidende Frage, wie Qualität gemessen wird, geht bei den Präsentationen des Fög und in Medienberichten gern unter. 2025 zog eine Vertiefungsstudie über sogenannte «News-Deprivierte» fast die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Auch in der neusten Ausgabe 2026 lenkt eine Vertiefungsstudie von den methodischen Problemen des Jahrbuchs ab.
Wie Qualität heute gemessen wird
Das Fög erfasst sieben Indikatoren für «Relevanz», «Einordnungsleistung» und «Professionalität» der Medienbeiträge:
| Dimension | Kriterium | Kategorien und Punktzahlen |
| Relevanz | Beitragsrelevanz | Politik=10 […] Human Interest=3 |
| Akteursrelevanz | Makroebene=10 […] Mikroebene, rollenfern=1 | |
| Einordnungsleistung | Themenorientierung | thematisch=10, episodisch=2 |
| Interpretationsleistung | Porträt, Reportage=10 […] Inhalt zugeliefert, Ticker=1 | |
| Professionalität | Sachlichkeit | Stil kognitiv-normativ = 10, Stil moralisch-emotional=2 |
| Quellentransparenz | Gezeichneter Beitrag = 10, ungezeichneter Beitrag=1 | |
| Eigenleistung | Redaktion, Korrespondent=10 […] Agentur, Pressedienst=1 |
Zwei Lesebeispiele: Beitragsrelevanz wird am Thema gemessen, wobei Artikel über Politik grundsätzlich die maximale Punktzahl 10 erhalten und Artikel im Bereich Human Interest, also persönliche Schicksale oder alltägliche Erlebnisse, die Punktzahl 3. Zwischen diesen Extremen gibt es weitere Kategorien wie Wirtschaft (9 Punkte) und Sport (4 Punkte). Quellentransparenz wird daran gemessen, ob ein Beitrag mit einem Namen oder Kürzel gezeichnet ist (10 Punkte) oder nicht (1 Punkt).
In den Berechnungen für die Medientitel wie Tages-Anzeiger oder SRF-Online werden die vergebenen Punktzahlen noch mit der Beitragslänge gewichtet. Lange Beiträge mit hoher Relevanz (Politik) schlagen also stärker positiv zu Buche als kurze. Lange Beiträge mit tiefer Relevanz (Human Interest) schlagen stärker negativ zu Buche als kurze.
Die Indikatoren erfassen die Qualitätsdimensionen zwar akribisch, aber nur extrem partiell und oberflächlich. In den Ergebniskapiteln wird trotzdem unbekümmert von «Gesamtqualität» gesprochen. Es fehlen Hinweise, dass die Ergebnisse auf extrem eingeschränkten Kriterien beruhen. Viele Aussagen gehen deshalb über das wissenschaftlich Zulässige hinaus. Die Darstellung suggeriert eine Aussagekraft, die nicht vorhanden ist. Tatsächlich sagt die Qualitätsmessung wenig aus, weil wichtige Aspekte der Qualität fehlen.
Unabhängigkeit und Transparenz gehen weitgehend unter
Die hochtrabenden Bezeichnungen wie «Beitragsrelevanz», «Interpretationsleistung» und «Quellentransparenz» lenken auch von zentralen Problemen ab, die überhaupt nicht erfasst werden.
Diese Problembereiche sind insbesondere:
- Extreme Abhängigkeit der Auslandnachrichten von grossen Quellen, die wirtschaftlichen und strategischen Interessen der USA nahestehen. Zum Beispiel die US-Regierung, Presseagenturen, US-Zeitungen und US-Thinktanks.
- Einseitigkeit und Voreingenommenheit aufgrund westlicher und liberaler Interessen und kultureller Prägungen.
- Weitgehend fehlende Transparenz hinsichtlich Abhängigkeiten, Interessen und ideologischer Ausrichtung – der Eigentümer, der Medienschaffenden und der Quellen.
Diese Probleme scheinen die Autoren des Jahrbuchs wenig zu kümmern.
Die Abhängigkeit der Auslandnachrichten wird in keiner Weise gemessen. Obwohl sie die freie Meinungsbildung in internationalen Themen und damit auch die Souveränität der Schweiz grundlegend in Frage stellt.
Transparenz umfasst viel mehr als das, was das Jahrbuch als Quellentransparenz (gezeichneter vs. ungezeichneter Beitrag) erfasst: Es geht auch um Transparenz über wirtschaftliche Abhängigkeiten und Interessen der Medienhäuser, der Quellen und der Autoren und um Transparenz über die ideologische Ausrichtung der Medienhäuser und Medientitel.
Wer steckt hinter dem ISW?
Ein Beispiel: Die NZZ, der Tages-Anzeiger und auch die SRG verlassen sich in der Berichterstattung über internationale Konflikte mit Beteiligung der USA stark auf die US-Denkfabrik Institute for the Study of War. Eine Archivabfrage für Januar 2022 bis Januar 2026 ergab für die NZZ 56 Treffer und für den Tages-Anzeiger sogar 111 Treffer.
Transparenz würde in den Beiträgen auch die Information über die Ausrichtung und Finanzierung dieser Quellen erfordern. Wenn Quellen von Aussagen oder Recherchen nicht in jedem Beitrag erwähnt werden, müssten gut sichtbare Websites der Medientitel oder Medienhäuser über die wichtigsten Quellen und ihre Abhängigkeiten informieren. Solche wichtige Aspekte von Transparenz werden im Jahrbuch nicht erfasst.
Auch Einseitigkeit und Voreingenommenheit wird in der Qualitätsmessung nicht erfasst, obwohl das wichtig wäre. Denn schon vor Jahren identifizierte eine Studie des «Reuters Institute for the Study of Journalism» Einseitigkeit, Manipulation und versteckte Absichten als Hauptursachen für das geringe Vertrauen in die Nachrichtenmedien.
Wenn, wie im Jahrbuch steht, «das Nachrichteninteresse sinkt» und nur 42 Prozent der Befragten den Nachrichtenmedien «eher» oder «voll und ganz» vertrauen, dann wäre es naheliegend, die in der Reuters-Studie genannten Ursachen – Einseitigkeit, Manipulation und versteckte Absichten – in der Qualitätsmessung ernst zu nehmen.
Das Jahrbuch tut das nicht. Stattdessen beschönigen die Autoren das geringe Medienvertrauen. Sie legen die Antwortkategorien «eher» und «voll und ganz» zusammen und schreiben: «2026 bilden Personen mit hohem Vertrauen in Nachrichtenmedien mit 42,0 % die grösste Antwortgruppe.»
Auch Problembereiche vermessen
Aussagekräftige Indikatoren für Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit und Transparenz sind möglich. Es ist beispielsweise nicht schwierig zu erfassen, ob Beiträge, Medientitel und Medienhäuser für ihre wichtigsten Quellen auch ideologische Ausrichtungen und finanzielle Abhängigkeiten offenlegen und ob die Medienhäuser auf ihren Websites ihre wichtigsten Quellen deklarieren.
Auch für Unvoreingenommenheit gibt es gute Indikatoren. Beispielsweise lässt sich mit einfachen Abfragen voreingenommene Sprache erfassen. Die folgende Tabelle zeigt, wie das Wort «Propaganda» in einer Stichprobe von Beiträgen in SRF online, Tages-Anzeiger und der Neuen Zürcher Zeitung in den Jahren 2020 bis 2026 verwendet wurde.
Verwendung des Wortes «Propaganda» in Prozent der Fälle
| Verwendung | SRF | Tages-Anzeiger | NZZ | Alle |
| Allgemein (unkonkret oder unpolitisch) | 11 | 6 | 3 | 7 |
| Für «beide Seiten» (parteiisch oder unparteiisch) | 6 | 1 | 3 | 3 |
| Westen, «liberale» Akteure | 0 | 0 | 3 | 1 |
| Westen, andere Akteure | 16 | 19 | 31 | 22 |
| Nichtwesten (nicht abhängig von USA) | 66 | 59 | 51 | 59 |
| Indirekt/Vorwürfe (angebliche Propaganda) | 1 | 14 | 9 | 8 |
| Total | 100 | 100 | 100 | 100 |
Wie sich zeigt, wurde das Wort meistens im Zusammenhang mit nichtwestlichen, also nicht-US-abhängigen Akteuren oder anderen als nicht liberal geltenden Akteuren verwendet. Dies ungeachtet der Tatsache, dass die grosse Bedeutung von staatlicher Propaganda auch – oder sogar gerade – in liberalen Demokratien bestens bekannt ist. Auf die Kategorie «Westen, ‹liberale› Akteure», entfallen nur gerade 2 von 210 Fällen.
«Propaganda» ist nur eines von unzähligen Wörtern und Begriffspaaren wie «Krieg» und «Angriffskrieg», die in Medien einseitig verwendet werden und Voreingenommenheit offenbaren. Im Fall der SRG verstösst das nicht nur gegen die eigenen Leitlinien («sachgerecht», «vermeiden jede Verzerrung oder Auslassung wesentlicher Informationen», «Fairness bei der Darstellung unterschiedlicher Perspektiven»), sondern verletzt wohl auch und die rechtliche Vorgabe im Radio- und Fernsehgesetz: «Redaktionelle Sendungen mit Informationsgehalt müssen Tatsachen und Ereignisse sachgerecht darstellen, so dass sich das Publikum eine eigene Meinung bilden kann. Ansichten und Kommentare müssen als solche erkennbar sein.»
Leicht zu analysieren wäre auch, wie oft in den Medientiteln und im Mediensystem insgesamt die Gegenseite zu Wort kommt. Immerhin hat die SRG diesen Anspruch («audiatur et altera pars»). Und auch der Tages-Anzeiger schreibt: «Alle im Text kritisierten kommen mit ihren besten Argumenten vor. Wenn sie keine Stellung nehmen, wird das explizit erwähnt.» Die NZZ hat den Vorsatz gefasst, über die Welt zu berichten, wie sie ist, und «faktentreu, fair und vorurteilslos» zu informieren.
Reflexion fehlt
Mark Eisenegger, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IKMZ), Zentrumsleiter des Fög und Stiftungsratspräsident der Kurt-Imhof-Stiftung, die das Fög finanziert, betont auf der Website der Kurt-Imhof-Stiftung: «Nur die Wissenschaft kann Informationsmedien unvoreingenommen und neutral beobachten.»
Ein wichtiges Merkmal, in dem sich Wissenschaft von Journalismus unterscheidet, ist die Reflexion der Methoden: Was leisten die Indikatoren des Jahrbuchs? Was können sie nicht leisten? Davon erfährt man im Jahrbuch so gut wie nichts. Auch im Fachbeitrag zu den Indikatoren erfährt man praktisch nichts. Die Autoren geben vor, die Indikatoren herzuleiten und berufen sich dabei auf Theorien von ganz Grossen wie Jürgen Habermas. Aber am Ende ziehen sie die Indikatoren trotzdem wie weisse Kaninchen aus dem Zylinder. Da es sich um eine nachträgliche Rechtfertigung der bereits bestehenden Indikatoren handelt, ist das auch nicht verwunderlich.
Der Interessenkonflikt
Das Fög und die beteiligten Medienwissenschafter sind in einem Interessenkonflikt. Sie werden von Stiftungen finanziert, die von Medien finanziert werden. Sie sind nicht unabhängige Beobachter der Medien, sondern Teil des erweiterten Mediensystems. Sie sind wie bei Auftragsstudien in einem Konflikt zwischen ihrer Rolle als Wissenschaftler und den Interessen der Geldgeber – auch wenn sie das selber vielleicht nicht einmal wahrnehmen. Es ist deshalb gar nicht zu erwarten, dass sie die wichtigen Probleme der Abhängigkeit, Voreingenommenheit und Intransparenz der Medien unvoreingenommen, transparent und aussagekräftig messen.
Im Blindflug
Dass Journalisten nicht die Ressourcen und die Unabhängigkeit haben, über diese Probleme zu berichten, ist nachvollziehbar. Erstaunlicher – zumindest für Nichtwissenschafter – ist die Tatsache, dass sich die Medienwissenschaftler an anderen Schweizer Hochschulinstituten bisher kaum kritisch zum Jahrbuch geäussert haben. Erstaunlich ist zudem, dass die Medienwissenschafter der Schweiz bisher kaum etwas zu den Problemen der Abhängigkeiten, Intransparenz und Voreingenommenheit der Medien einschliesslich der «Qualitätsmedien» zu sagen haben. Die Schweiz – wie auch Europa – ist diesbezüglich wohl weitgehend im Blindflug.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Felix Schläpfer ist Ökonom und unabhängiger Forscher. Bis Ende 2024 leitete er als Professor den Bereich Empirische Wirtschaftsforschung an der Fachhochschule Kalaidos in Zürich.
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.
Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








Ihre Meinung
Lade Eingabefeld...