Das sind die Forderungen der Hunderttausenden Studenten
Bis zum letzten Sonntag hatten vor dem Bildschirm wahrscheinlich alle die Bilder vom Samstag, dem 17. Oktober, aus Frankreich gesehen: Hunderte geplünderte Geschäften in vielen Grossstädten; das 143 Jahre alte, niedergebrannte Rathaus in Limoges; Randalierer, die in das Rathaus von Marseille eindrangen; in Lyon das 1852 erbaute und in Brand gesetzte Tourismusbüro.
Die Regierung geht von mindestens 3000 betroffenen Geschäften im ganzen Land aus.
Verständlich, dass die Medien zunächst die Gewalttaten und die Schäden in den Vordergrund stellten. Gleichzeitig stellten sie fest, dass für die Schäden – im Verhältnis zu den etlichen Hunderttausenden Demonstrierenden – eine kleine gewaltbereite Minderheit verantwortlich war. Doch auch Tage später haben grosse Medien über die konkreten Forderungen der Gymnasiasten und Studierenden nur spärlich informiert.
Datawrapper hat die internationalen Berichte vom Dienstag, dem 20. Oktober, ausgewertet: Auch drei Tage nach den Massendemonstrationen informierte nur jeder siebte Artikel über die Gründe des Massenprotestes oder über die konkreten Forderungen (in der Grafik in blau).

Gewalt: Ausschreitungen, Plünderungen, Brände, Verletzte (schwarz)
Reaktion: Ausgangssperren, Verhaftungen, Truppen, Demonstrationsverbote (dunkelgrau)
Politik: Regierung, Wahlen, Rechtsextremismus, Migrationsdebatte, Finanzmärkte (grau)
Sonstiges: Reisehinweise, gefälschte Bilder, Slogans, Proteste in anderen Ländern (hellgrau)
Demonstranten: Gründe, Forderungen, Anliegen (blau)
Forderungen mit 80’000 Unterschriften
Am 5. Oktober hatten Schüler- und Studentenorganisationen in Frankreich «10 Sofortmassnahmen für junge Menschen» gefordert. 80’000 Personen, darunter viele Eltern und Lehrer, haben den Forderungskatalog unterschrieben. Datawrapper hat nebeneinandergestellt, wie die Regierung auf die einzelnen Forderungen bisher reagiert hat (KI-Übersetzung):
| Forderung | Stand am 22. Oktober |
|---|---|
| DIE 10 SOFORTMASSNAHMEN DER GYMNASIAST- UND STUDIERENDENGEWERKSCHAFTEN FÜR JUNGE MENSCHEN | |
| 1. Schul- und Universitätsgebäude sanieren Sie fordern einen Notfallplan, um baufällige Gebäude zu sanieren und an Hitzewellen und Kälte anzupassen, mit Personal und Geld für Unterhalt und saubere Toiletten. |
VERSPROCHENDie Gebäude stehen auf der Liste des Premierministers vom 4. Oktober und sollen gemeinsam mit den Regionalräten angegangen werden. Entscheide sind bis Ende Oktober vorgesehen, Geld gibt es aber noch keines. (franceinfo, 4. Okt.) |
| 2. Massive Einstellung von Lehr-, Gesundheits-, Betreuungs- und Berufsberatungspersonal Sie fordern eine Pflegefachperson, eine Psychologin oder einen Psychologen und eine Berufsberaterin oder einen Berufsberater pro 500 Schülerinnen und Schüler sowie mehr feste Lehrstellen statt Vertragspersonal, damit jede Klasse eine Lehrperson hat. Zudem fordern sie einen ordentlichen Status und 800 zusätzliche Stellen für Assistenzpersonen von Schülerinnen und Schülern mit Behinderung (AESH). |
TEILWEISEAb dem 9. Oktober wurden 3000 Stellvertretungslehrpersonen entsandt, 2000 davon waren bis zum 16. Oktober im Einsatz. Das Budget 2027 streicht jedoch 1588 Lehrstellen. (LCP, AFP, Café pédagogique) |
| 3. Stundenpläne an Schulen und Universitäten neu denken Sie fordern eine Neugestaltung des Schultags nach dem Vorbild des Bürgerkonvents zur Zeit der Kinder, eine Mittagspause von mindestens 90 Minuten sowie die Rücknahme der Bac- und Lycée-Reform von 2019. |
VERSPROCHENDie Schultage stehen auf der Liste des Premierministers vom 4. Oktober. Der Bildungsminister versprach «eine erste Reihe von Entscheiden» für Montag, 26. Oktober. (franceinfo, 4. Okt.; franceinfo, 21. Okt.) |
| 4. Keine Selektion durch Parcoursup und Mon Master, mehr Studienplätze Parcoursup und Mon Master sind die Online-Plattformen für die Bewerbung um Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Gewerkschaften wollen sie beibehalten, aber ohne algorithmische Auswahl, und ab 2027 250’000 zusätzliche Studienplätze. |
ABGELEHNTDer Hochschulminister bezeichnete die Abschaffung von Parcoursup am 20. Oktober als «reine Demagogie». Für 2027 wurde mehr Transparenz versprochen, aber keine neuen Plätze. (franceinfo, L’Étudiant) |
| 5. Mehr Demokratie an den Lycées Sie fordern direkte Listenwahlen für die Schülerräte (CVL, CAVL), mehr Sitze für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in den Schulgremien und ein Stimmrecht für alle Lycée-Schülerinnen und -Schüler bei den Wahlen in den nationalen Bildungsrat (CSE). |
TEILWEISEBis zum 9. Oktober fand an jedem Lycée ein halber Tag «interne Demokratie» statt. Mehr Sitze für Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im nationalen Bildungsrat wurden versprochen, zu den CVL-Wahlen und den Schulgremien gibt es jedoch nichts. (LCP, Reuters) |
| 6. Höhere Stipendien und Wohnbeihilfen Sie fordern Stipendien von 200 Euro mehr pro Monat, ausbezahlt über 12 Monate, für 300’000 zusätzliche Studierende und längerfristig ein monatliches Studieneinkommen von 1337 Euro. Ausserdem soll die Wohnbeihilfe (APL) erhöht und für ausländische Studierende wieder eingeführt werden, und ihre Kürzungen sowie die neue Berechnungsmethode sollen zurückgenommen werden. |
NICHTSDie Studierendengewerkschaft sagte, in Macrons Ansprache vom 18. Oktober sei «kein Wort» zu Stipendien oder Wohnen gefallen. (BFMTV, 19. Okt.) |
| 7. Eine 1-Euro-Mahlzeit, die alle Studierenden tatsächlich erhalten Sie fordern, dass das Netz der Studierendenwerke (CROUS) genug Geld bekommt, um die Nachfrage zu decken. |
NICHTS (BFMTV, 19. Okt.) |
| 8. Höhere Gebühren für Nicht-EU-Studierende und CVEC-Gebühr abschaffen Sie fordern die Abschaffung der höheren Gebühren für aussereuropäische Studierende im Rahmen des Plans «Bienvenue en France» (Willkommen in Frankreich) sowie der CVEC, einer jährlichen Abgabe für das Campusleben. |
NICHTS |
| 9. Mieten einfrieren und mehr Studierendenwohnungen bauen Sie fordern, dass die Mieten in den CROUS-Wohnheimen (staatliche Studierendenwohnungen) auf dem Stand vor 2023 eingefroren werden und die Mietpreisbremse dauerhaft gilt. Zudem sollen baufällige Wohnheime saniert, ab 2027 15’000 neue Wohnungen gebaut und Platz für 10 Prozent der Studierenden geschaffen werden. |
NICHTS (BFMTV, 19. Okt.) |
| 10. Schluss mit Repression und Polizeigewalt gegen die Bewegung Sie fordern, dass gewalttätige Polizistinnen und Polizisten strafrechtlich verfolgt werden, dass das Fernbleiben vom Unterricht wegen Protesten nicht bestraft wird und dass junge Menschen Meinungsfreiheit und das Recht auf Organisation erhalten. |
DAS GEGENTEILAm 17. Oktober wurden wieder Blendgranaten eingesetzt, am 19. Oktober folgten Ausgangssperren und 72 Stunden Polizeigewahrsam. Am 24. Oktober wird Militär eingesetzt; dann sind nur noch von Gewerkschaften angemeldete Demonstrationen erlaubt. (L’Express; France 24, 19. Okt.; LCP; France 24, 22. Okt.) |
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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