Zahnarzt Dr. Rizq Sufyan Abo Halima

Wegen der exorbitanten Mietpreise behandelt dieser Zahnarzt seine Patienten in einem Zelt. © Nour Abo Aisha / Al Jazeera

Zähne ziehen lassen, um zu überleben

Josef Estermann /  In Gaza fehlt zahnärztliches Material. Israel blockiert die Einfuhr. Behandlungen sind unerschwinglich und die Zahnschmerzen gross.

In letzter Zeit ist der Gazastreifen in den westlichen Leitmedien kaum mehr ein Thema. «Al Jazeera» oder kleine Medien wie die unabhängige Nachrichtenagentur «Drop Site» aber berichten immer wieder von unsagbarem Leid, wie etwa im Gastbeitrag von Mohanad El-Hemrawi, einem Journalisten, Autor und Übersetzer aus Gaza. Er beschreibt die unsäglichen Zahnschmerzen von Bewohnerinnen und Bewohnern.

Der Leidensweg einer 22-jährigen Frau

Die 22-jährige Nour Abo Shamala zum Beispiel hatte kurz vor dem verheerenden Krieg Israels gegen die Hamas in Gaza an der Universität ihre Ausbildung für das Lehramt abgeschlossen, aber eine Arbeit an einer Schule konnte sie vergessen. Ihre Familie wurde fünfmal aus ihrem Haus im Flüchtlingslager Dschabaliya im Norden des Gazastreifens vertrieben, bevor sie sich im Mai letzten Jahres in Deir al-Baleh im Zentrum niederliess.

Im Februar dieses Jahres begannen die Zahnschmerzen. Aber erst drei Monate später besuchte sie einen der wenigen noch praktizierenden Zahnärzte. Im Verlaufe des Krieges wurden über hundert Zahnärztinnen und Zahnärzte im Gazastreifen getötet. Der Zahnarzt stellte bei Abo Shamala eine fortgeschrittene Karies fest, die bereits den Nerv erreicht hatte. Er stellte sie vor das Dilemma, eine teure Wurzelbehandlung machen oder den Zahn ziehen zu lassen. Die Wurzelbehandlung würde sie 300 Schekel (rund 90 Franken) kosten, das Ziehen des Zahnes dagegen «nur» 50 Schekel (rund 15 Franken). 

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Sie konnte den Betrag für die Wurzelbehandlung unmöglich auftreiben, aber als junge Frau wollte sie auch nicht eine Zahnlücke bei den vorderen Schneidezähnen riskieren. Einen späteren Stiftzahn erachtete sie sowieso als völlig illusorisch. So wartete sie in der Hoffnung, dass der Preis für die Wurzelbehandlung sinken würde. Sie hielt die höllischen Schmerzen aus und versuchte, sie mit Salzwasser zu lindern; Schmerzmittel waren nur schwer zu bekommen und verursachten bei ihr eine akute Magenentzündung. Wenn die Wurzelbehandlung 80 Schekel gekostet hätte wie vor dem 7. Oktober 2023, hätte sie keinen Moment gezögert, sagte Abo Shamala zur Nachrichtenagentur «Drop Site».

Zerstörung der gesamten Infrastruktur

Im Verlaufe des Krieges wurden in den letzten drei Jahren das gesamte Gesundheitssystem und damit auch die Zahnbehandlung in Gaza praktisch vollständig zerstört. Die anhaltenden Angriffe von Israel haben 80 Prozent der Zahnkliniken in Gaza ganz oder teilweise vernichtet, und der anhaltende Belagerungszustand seit dem «Waffenstillstand» macht einen Wiederaufbau praktisch unmöglich.

Dieser wird auch deshalb verunmöglicht, weil die israelische Armee seit drei Jahren die nötigen Utensilien, Geräte und Materialen nicht durchlässt. Denn ihrer Ansicht nach handelt es sich um Dual-Use-Güter, also solche, die auch als Waffen benützt werden könnten. Neben den fehlenden zahnärztlichen Geräten und Materialien gibt es auch kaum verlässlich Strom, fliessendes Wasser und Medikamente. Weil die Mieten in den verbliebenen Häusern «exorbitant hoch» seien, behandeln manche Zahnärzte ihre Patienten in Zelten, berichtete «Al Jazeera».

Ein anderes Schicksal, eine andere Entscheidung

Der heute 34-jährige Ahmed Abo Dan war ebenfalls bei Kriegsbeginn aus dem Norden des Gazastreifens vertrieben worden. Im März dieses Jahres begannen seine Zahnschmerzen. Schmerzmittel waren in der öffentlichen Krankenstation kaum zu erhalten und privat konnte er solche nicht bezahlen. So musste er den Schmerz wohl oder übel ertragen, bis er im Juni schliesslich einen der wenigen Zahnärzte fand. 

Auch dieser stellte ihn vor die Wahl: eine Wurzelbehandlung für 450 Schekel (rund 130 Franken) oder das Ziehen des schmerzenden Zahnes für 30 Schekel (ca. 9 Franken). Abo Dan sagte dem Nachrichtenportal «Drop Site»: «Ich bin vertrieben worden und kann kaum das Geld für das Brot für die Kinder aufbringen.» Er borgte von einem Freund die 30 Schekel und liess sich im Juli den Zahn ziehen. «Der Krieg hat uns dazu gebracht, unsere Zähne ziehen zu lassen, um zu überleben», meinte er. Inzwischen beginnt ein anderer Zahn zu schmerzen.

Kariöse Zähne
Einen kariösen Zahn ziehen zu lassen, ist für viele die einzig mögliche Behandlung.

Protest der Zahnärzte

Die hoffnungslose Situation hat die Zahnärzte auf die Strasse gebracht. Im September fand vor dem Hauptquartier des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Gaza-Stadt eine Demonstration von Dutzenden Zahnärzten in weissen Kitteln statt. Sie forderten, dass Israel die nötigen Materialien und Geräte für die Zahnmedizin durch die Absperrungen lasse, was Israel eigentlich gemäss dem «Waffenstillstand» von fast schon einem Jahr sowieso tun müsste.

Dank einigen gewieften Händlern gelangen kleine Mengen an Schmerzmitteln, Materialien und Ersatzteilen, die auf dem Schwarzmarkt zu hohen Preisen gekauft wurden, nach Gaza. Die überhöhten Preise werden dann auf die Patientinnen und Patienten abgewälzt. Laut dem ehemaligen Dekan der zahnmedizinischen Fakultät der Palästina-Universität Az-Zahra in Gaza, Osama Jaber Al-Shanti, kostete das Material für eine Zahnfüllung vor dem Krieg rund 80 Schekel, heute aber 1200 Schekel.

Eine Wurzelbehandlung beläuft sich auf 500 bis 700 Schekel; vor dem Krieg kostete diese 70 bis 150 Schekel. Er biete sie immer noch für 300 Schekel an, weil er noch Vorräte von früher habe und keine Patientinnen und Patienten abweisen möchte. Aber auch das ist, wie wir gesehen haben, für die meisten unerschwinglich. Nour Abo Shamala wartet mit den wenigen noch verbliebenen Zahnärzten immer noch darauf, dass Israel die unabdingbaren Utensilien für eine einigermassen gute und bezahlbare Zahnbehandlung durch die Absperrungen lässt.

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