Wenn das Poulet als Lachs wiederkehrt
Der Lachs war einst ein einheimischer Fisch. Das kann man heute noch sehen. Entlang des Rheins erinnert in zahlreichen Ortschaften ein Gebäude oder Restaurant namens «Salmen» daran. Das Rheinufer ist mit Fischergalgen gesäumt. Spätestens um 1960 hatten diese nur noch dekorative Bedeutung. Durch Umweltverschmutzung und Überfischung war der Lachs in den meisten grossen europäischen Flüssen und auch in der Schweiz ausgestorben.
Abhilfe schaffte die Aquakultur. Seither stammt das beliebte Lachsfilet im Supermarkt vor allem aus Lachsfarmen in Nordeuropa, Irland und Grossbritannien. Das hat seinen ökologischen Preis. Die Massenzucht von Lachsen ist entsprechend umstritten. Und seit Kurzem um ein neues Kapitel reicher: Aus Poulet wird jetzt Lachs.
Die häufigsten Kritikpunkte an der Aquakultur
Lachse werden in Tanks an Land oder in grossen Netzkäfigen im Meer gehalten. Für die normalerweise räuberisch lebenden Wanderfische ist das alles andere als ideal. Viele Tiere sterben in Folge der Enge oder an Krankheiten. Chemikalien, Futterreste, Kot oder Antibiotika aus der Massenhaltung belasten die Umgebung.
Der grosse Proteinbedarf der Fische wird mit Fischmehl aus Wildfängen gedeckt, deren Fehlen dann anderswo für Nahrungsmittelknappheit und ökologische Probleme sorgt. Die Anlagen, die meist aus mehreren Käfigen bestehen, vernichten teils wertvolle Lebensräume. Entkommene Fische konkurrenzieren Wildbestände, verbreiten Krankheiten und beeinflussen den Genpool von Wildlachsen.
Umweltschutz- und Tierwohl-Labels haben sich als begrenzt verlässlich erwiesen. Dabei gibt es grosse Unterschiede, wie umweltfreundlich und nachhaltig Lachs im Einzelnen gehalten wird.
Der Bestand an Futterfisch ist endlich
Die neueste Wendung: Das bisherige Futter geht aus. Dass die Bestände an verwertbaren Kleinfischen nicht unerschöpflich sind, war den Produzenten schon länger klar. «Infosperber» berichtete vor zwei Jahren darüber, wie der massenhafte Fang von Sardinellen vor der westafrikanischen Küste ökologische Schäden verursacht und für Lebensmittelknappheit sorgt.
Dazu kommen Schwankungen wie zuletzt durch El Niño, der die Sardellen-Fischerei vor der peruanischen Küste zum Erliegen brachte. In durchschnittlichen Jahren stammt ein Fünftel des globalen Fischmehlbedarfs aus Peru.
Den grössten Bedarf daran hat China, das aktuell 35 bis 40 Prozent der weltweiten Gesamtproduktion verbraucht und 80 Prozent der peruanischen Produktion abnimmt, mit steigender Tendenz. Als jüngste Lachs-Nation gelten die USA, die die Produktion der beliebten Speisefische deutlich ausbauen wollen. Den Fischen drohen dabei Zustände wie in den Hühnerfarmen an Land, auch darüber habe ich im «Infosperber» berichtet.
Pouletfutter war bis 2013 verboten
Der Preis für Fischmehl aus Wildfang jedenfalls ist deutlich gestiegen. Futtermischungen enthalten zunehmend Pflanzenprotein wie Sojamehl und -öl oder Algen. Die grossen Lachsproduzenten haben angefangen, ihre Zuchtlachse mit Poulet zu füttern. Das berichtet unter anderen die «Financial Times» (FT). Nicht mit ganzen Tieren, sondern mit Schlachtabfällen wie Knochen, Leber und Gehirn, die zu Pellets verarbeitet werden. In Ländern wie Chile und Kanada ist das schon länger üblich.
In den europäischen Ländern zögerten die Hersteller bisher. Als Massnahme gegen die Rinderkrankheit BSE, die auf Menschen übergehen kann, war das Verfüttern von Landtieren oder deren Bestandteilen an Fische in der EU und Grossbritannien von 2001 bis 2013 verboten. Man befürchtete die Ablehnung der Käuferinnen und Käufer. Inzwischen dürfen Fische mit Tiermehl aus Schwein und Geflügel gefüttert werden. Tiermehl aus Wiederkäuern (Rindern, Schafen und Ziegen) ist weiterhin untersagt.
Laut «Financial Times» füttern folgende Produzenten ihren Lachs mit Poulet:
- Das norwegische Unternehmen Mowi, weltgrösster Lachsproduzent und Zulieferer vieler grosser Supermarktketten,
- das norwegische Unternehmen Lerøy Seafood Group,
- Grieg Seafood (ebenfalls Norwegen), seit Juli.
- Der weltweit zweitgrösste Produzent, das norwegische Unternehmen SalMar, «testet» Pouletfütterung seit März.
Für Konsumentinnen und Konsumenten gibt es keine Möglichkeit, nachzuvollziehen, ob der Fisch in der Supermarkt-Kühltruhe mit Poulet gefüttert wurde. Die Fütterung muss nicht gekennzeichnet werden.
Der Markt jubelt, die Bank auch
Immerhin werden jetzt möglicherweise weniger gemahlene Kleinstfische aus Westafrika nach Norwegen gebracht. Stattdessen reisen europäische Schlachtabfälle aus der Pouletmast, die anschliessend als Lachsfilet in die Supermärkte zurückkehren. Die kürzere Transportstrecke als Nachhaltigkeitsgewinn zu sehen, fällt dabei einigermassen schwer.
Der British Retail Council jedenfalls sieht die neue Futtermittelquelle als nachhaltiger an. Sie könne Wildbestände schützen, sagt die Industrievereinigung. Auch die britischen Pouletmäster freuen sich, weil der Wert von Schlachtabfällen steigt. «Aquakultur ist zum wichtigen Markt geworden», sagt Alistair Collins, Geschäftsführer des Verarbeiters JG Pears gegenüber der «Financial Times».
Der Vorteil von Poulet sei, dass der Markt mit dem Verbrauch wachse, während die Fangmengen von Wildfisch seit den 1980er-Jahren gleich geblieben seien, sagt Stein Alexander Aukner, Leiter der Aktienanalyse bei der Bank DNB Carnegie.
Als nächstes Schweinepellets?
Zumindest bleibt ein Teil des Konsums lokal: Am meisten Lachs pro Kopf wird in Dänemark, Schweden und Norwegen verzehrt, beim Gesamtkonsum sind Spanien, Frankreich und Deutschland führend. Es deutet sich auch bereits an, was als nächstes kommen könnte: Schweinefleisch als Lachspellet. Am meisten Schweine werden in Spanien gehalten, gefolgt von Deutschland und Frankreich. Wenigstens muslimischen Konsumentinnen und Konsumenten dürfte der Fisch dann im Hals stecken bleiben.
Ratschläge zum nachhaltigen Konsum von Fisch
- Ein- bis zweimal im Monat Fisch genügt.
- Nutzen Sie beim Einkauf Ratgeber wie den Fischratgeber von WWF oder die «Guter-Fisch-Liste».
- Achten Sie auf zertifizierte Produkte und Labels wie MSC, Naturland, Bioland oder ASC. Diese sind zwar nicht immer voll verlässlich aber besser als gar kein Label.
- Achten sie bei Wildfängen auf eine schonende Fangmethode wie Handleinen oder Angelleinen.
- Wählen Sie bevorzugt kleinere Fische vom Anfang der Nahrungskette oder solche, die sich pflanzlich ernähren wie Karpfen oder Pangasius.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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