Eoliennes Sainte-Croix

100 Meter hoch, aber keine «Säulen» der Stromversorgung: die neuen Windräder in Sainte-Croix VD. © Valentin Flauraud/Romande Energie

Die windigen Behauptungen der Schweizer Wind-Lobby

Esther Diener-Morscher /  Windenergie schliesst keine winterliche Stromlücke – und sie wird es auch künftig nicht können. Sie liefert zu wenig Strom.

Man könnte meinen, im Winter sei die Schweiz so sehr auf Windenergie angewiesen wie auf keinen Strom aus anderer Quelle. Das behauptet jedenfalls Olivier Waldvogel von Suisse-Eole: «Windenergie ist mehr als nur nice to have, vor allem im Winter ist sie die Schlüsseltechnologie unseres erneuerbaren Strommixes.»

Es steht gross auf der Website von Suisse-Eole, einer Vereinigung, die in der Schweiz die Windenergie fördern will. Dass Waldvogel die Windenergie propagiert, ist verständlich. Dass er zu diesem Zweck massiv irreführende Behauptungen aufstellt, darf aber nicht sein.

«Systemrelevant»

So schreibt Suisse-Eole: «Zwei Drittel des Windstroms wird im Winter produziert. Damit ist er für die Versorgungssicherheit systemrelevant.» Und: Der Windstrom kompensiere die Solar- und Wasserkraft. Die Vereinigung untermauert das mit dieser Grafik:

Die Grafik zeigt, dass 67 Prozent des gesamten Stroms aus Windkraft im Winter-Halbjahr produziert wird. Beim Strom aus Wasserkraft fällt nur knapp die Hälfte im Winter-Halbjahr an, beim Strom aus Sonnenenergie sogar nur ein Viertel. Doch diese Darstellung ist trügerisch. Denn sie kaschiert, dass die Windstrom-Produktion in der Schweiz unbedeutend ist.

Stellt man statt der Prozentzahlen die absoluten Zahlen dar, wird das deutlich. Denn 67 Prozent von fast nichts ist noch weniger als fast nichts. Die folgende Grafik zeigt die wahren Verhältnisse. Der Windstrom machte letzten Winter gerade einmal 54 der insgesamt 12’000 erzeugten Gigawattstunden aus.

Stromerzeugung Winter 2025-2026 Energy-Charts
Alles andere als ein «Pfeiler der Stromversorgung im Winter»: Der Strom aus Windkraft ist in der Grafik fast nicht zu sehen (zweite «Säule» von rechts).

«Die tragende Säule»

Diese Tatsache hält aber auch die Bernischen Kraftwerke (BKW) nicht davon ab, Windenergie mit unwahren Aussagen zu bewerben: «Windenergie bleibt tragende Säule», titelt sie. Und: «Die Windenergie bleibt insbesondere im Winterhalbjahr ein zentraler Pfeiler für die Versorgungssicherheit.»

Fatal wird es, wenn sogar Behörden versuchen, mit solchen Behauptungen die Bevölkerung zum Bau von Windanlagen bewegen. Der Kanton Luzern, zum Beispiel, hat zur Förderung seiner Wind-Projekte exakt die Formulierung von Suisse-Eole übernommen, dass Windenergie «für die Versorgungssicherheit systemrelevant» sei und die Solar- und Wasserkraft kompensiere.

«Windstrom reduziert Stromimporte im Winter»

Suisse-Eole stellt weitere Behauptungen auf: «Dank Windstrom können wir in der Schweiz die Stromimporte im Winter reduzieren.» Ein Vergleich der Produktion von Wind- und Solarenergie mit den Stromimporten in den Jahren 2016 bis 2025 zeigt: Die Windenergie ist bei dieser Rechnung vernachlässigbar. Sie kann mit ihren wenigen Gigawattstunden die durchschnittliche Importmenge gerade mal um zwei Prozent reduzieren. Die Solarenergie lieferte bisher im Durchschnitt mehr als das Elffache der Windenergie – im Winter wohlgemerkt.

WinterWindstrom in GWhSolarstrom in GWhImportstrom netto GWh
2016/1767426+ 9754
2017/1883402+ 6718
2018/1987596+ 4553
2019/2090638– 469
2020/2186684+ 1815
2021/2288994+ 7821
2022/23911096+ 3642
2023/241191429– 2040
2024/25921773+ 729
2025/261052212+ 6760
Durchschnitt911025+ 3928
Datenquellen: Bundesamt für Energie und Swiss Energy-Charts

«Die laufenden Projekte liefern 1800 Gigawattstunden»

Suisse-Eole verteidigt den Windstrom trotz dieses vernichtenden Vergleichs. Die Sprecherin Anita Niederhäusern verweist auf die «laufenden Projekte», die «mit einigen hundert Anlagen rund 1800 Gigawattstunden Winterstrom liefern würden».

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese «einige hundert Anlagen» dereinst alle bewilligt und gebaut werden. Aber sogar unter der Annahme dieses unrealistischen Szenarios gäbe es im Winter weiterhin viel weniger Windenergie als Solarstrom. Die bestehenden Photovoltaik-Anlagen haben letzten Winter 2200 Gigawattstunden erzeugt.

Kommt dazu: Bei der Projektierung von neuen Anlagen rechnet Suisse-Eole mit optimistischen Annahmen. Neue Windräder sollen zum Teil über 7 Gigawattstunden Strom pro Jahr liefern.

Die unrentablen Räder

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Auf eine hohe Effizienz kommt in der Schweiz derzeit nur ein einziges Windrad: Jenes in Charrat bei Martigny VS. Mit 6,8 Gigawattstunden produzierte es letztes Jahr am meisten Strom. Alle übrigen 49 Räder in der Schweiz kommen auf durchschnittlich 3 Gigawattstunden – weit von den in Aussicht gestellten 7 Gigawattstunden entfernt. Selbst die neusten Windräder im waadtländischen Sainte-Croix produzierten letztes Jahr nur 3,3 Gigawattstunden.

Überhaupt argumentiert Suisse-Eole mit unrealistischen Zahlen. So zitiert die Vereinigung eine Studie aus dem Jahr 2022, wonach in der Schweiz «Windpotenzial» für rund 30 Terawattstunden – das sind 30’000 Gigawattstunden – vorhanden sei. Das ist und bleibt reine Theorie. Denn zur Nutzung dieses Potenzials müssten mindestens 4500 Windräder gebaut werden, davon 1300 in den Alpen, 1200 im Jura und in den Alpentälern sowie 2000 im Mittelland. In der Schweiz stehen derzeit 50 Windräder.

Zunahme in den nächsten Jahren: 95 Gigawattstunden

In den nächsten Jahren wird diese Zahl nicht gross zunehmen. Im Bau sind derzeit 6 Windräder im Waadtland. Bewilligt sind 3 weitere im Kanton Neuenburg und 6 im Berner Jura. Sollten tatsächlich alle 15 Anlagen einmal in Betrieb sein, gäbe es in der Schweiz geschätzte 95 Gigawattstunden mehr Windstrom pro Jahr. Für eine «Säule im Winter» reicht das noch lange nicht.

Der Vergleich mit Österreich hinkt

Gerne zieht Suisse-Eole unser Nachbarland Österreich als Vorbild für den Ausbau der Windkraft heran. Dort drehen 1450 Windräder, und sie produzieren gut zehn Prozent des Strombedarfs. Wenn die Schweiz von Österreich lernen will, dann lässt sie die Finger vom Ausbau der Windenergie. Denn sämtliche österreichischen Windräder stehen weit weg von der Schweiz im Osten des Landes, wo es auf den weiten Ebenen gleichmässigen Wind gibt. Im Westen Österreichs gibt es kein einziges Windrad.

So unredlich wirbt Suisse-Eole für Windenergie.

Weiterführende Informationen


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Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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