Kommentar

Wir haben schon genug Milliardäre!

Werner Vontobel © zvg

Werner Vontobel /  Europa brauche mehr Milliardäre, meint die «NZZ». Solche, die ihren Reichtum «selbst erarbeitet» hätten. Wirklich?

Warum bitte brauchen wir mehr Milliardäre? Das zentrale Argument der «NZZ» steckt in diesen drei Sätzen: «Es macht die Armen kein bisschen reicher, wenn man die Reichen ärmer macht oder gar vertreibt. Die Wirtschaft funktioniert eben nicht wie ein statisches Nullsummenspiel, in dem der Kuchen stets gleich gross bleibt. Stattdessen profitiert die gesamte Gesellschaft davon, wenn es innovative Unternehmer zu Erfolg und Reichtum bringen.» Und noch in einem vierten: «Die zunehmende Missgunst den Reichen gegenüber untergräbt das Fundament unseres Wohlstandes.»

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Warum?

Und warum braucht gerade Europa mehr von diesen Superreichen? Dazu liefert die «NZZ» eine lange Story, die im Wesentlichen darauf hinausläuft, dass Europas Superreiche überwiegend Erben sind, während diejenigen in den USA ihre Milliarden dank Fleiss und Ehrgeiz «selbst erarbeitet» hätten. «Sie heissen: Elon Musk, Jeff Bezos, Larry Page, Michael Dell, Sergey Brin, Mark Zuckerberg, Jensen Huang, Larry Ellison, Steve Ballmer sowie Warren Buffett. Sie alle haben als Gründer von Konzernen wie Amazon, Google, Microsoft, Facebook, Nvidia, SpaceX oder Tesla die Welt verändert», so die NZZ.

Die Welt verändert? Ok. Kann man sagen. Doch sind die Produkte und Dienstleistungen dieser Firmen wirklich das «Fundament unseres Wohlstandes»? Haben sie dazu beigetragen, dass wir mehr Nahrungsmittel, bessere Wohnungen, gute Schulen, eine reichere Kultur, eine funktionsfähige Infrastruktur, eine sichere Energieversorgung haben? Immerhin: Elon Musk hat die Entwicklung der Elektroautos vorangetrieben. Er hat dazu beigetragen, dass die Produktion eines Autos weniger Arbeitskraft braucht und dass wir pro 100 Kilometer weniger Energie verbrauchen. Doch hat er unser Leben besser gemacht?

Erarbeitet?

Einverstanden: Unsere Gesellschaft braucht ehrgeizige und fleissige Leute. Aber müssen wir sie deshalb gleich mit Milliarden belohnen? Haben diese Leute ihre Vermögen wirklich mit hohem Einsatz Million für Million, Milliarde für Milliarde selbst erarbeitet? Oder haben sie sich vielleicht auch auf Kosten der Arbeit von anderen bereichert? Auf Kosten derer, die in ihren Fabriken wirklich gearbeitet haben oder die Extraschichten leisten müssen, um die überhöhten Preise zahlen zu können, die sich zu den Gewinnen der Superreichen zusammenläppern. Machen die wenigen Superreichen die vielen Armen wirklich weniger arm?

Werfen wir einen Blick zurück: Einst wurde alle Arbeit innerhalb der Sippe erledigt. Es gab wenig Spezialisierung und das Leben war entsprechend karg. Dann gab es mit der Erfindung des Geldes einen neuen Gesellschaftsvertrag: Alle spezialisieren sich und machen nur noch das, was sie am besten können. Teil des Vertrages war aber das Versprechen, dass alle spezialisierten Tätigkeiten so entlöhnt werden sollten, dass alle vom steigenden Wohlstand profitieren sollten. Die einen zwar etwas mehr, die anderen etwas weniger, aber alle sollten einen Wohlstand geniessen können, welcher der gestiegenen gesamtwirtschaftlichen Produktivität in etwa entspricht.

Es reicht nicht

Konkret würde das heissen, dass auch einfache Arbeiten so gut entlöhnt werden, dass sich eine Familie mit zwei Kindern zwar keine Milliarden, aber einen angemessenen Lebensstandard selbst erarbeiten kann. Rechnen wir: Der höchste kommunale Mindestlohn liegt (in Zürich) bei 23.90 Franken. In diesem Lohnsegment sind Vollzeitjobs die Ausnahme. Mehr als jährlich 3000 Arbeitsstunden pro Paar plus lange Arbeitswege sind ohne gesundheitliche Schäden kaum möglich. Nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben bleiben monatlich rund 5400 Franken. Drei Kitatage pro Wochen fressen noch einmal gut 500 Franken weg. Bleiben weniger als 5000 Franken.

Davon kann man sich keinen, der Wirtschaftskraft der Schweiz angemessenen Lebensstandard leisten. Und selbst wenn man sich – etwa dank einer sehr niedrigen Miete – damit durchschlagen könnte, würde man sowieso und erst recht im Fall von Krankheit, Arbeitslosigkeit oder Alter auf Kosten des Staates leben. Das heisst: Der Gesellschaftsvertrag wird nicht eingehalten.

Oder anders gesagt: Der Fleiss und die harte Arbeit unserer innovativen Unternehmer hebt den gemeinsamen Wohlstand nicht in dem Ausmass, der ihnen erlauben würde, ihre Milliarden zu kassieren, ohne anderen etwas wegzunehmen, auf das sie aufgrund unseres impliziten Gesellschaftsvertrages eigentlich Anrecht hätten. Das weckt Missgunst.

Immer einseitiger

Und noch etwas: Unser Gesellschaftsvertrag beruht auch auf unseren demokratischen Spielregeln. Darauf, dass es uns die demokratische Ausmarchung erleichtert, Entscheide zu akzeptieren, die zuweilen auch zu unseren Ungunsten ausfallen. Doch wenn unser Wirtschaftssystem das gemeinsame Bruttoinlandprodukt immer einseitiger verteilt, wenn es eine Kaste von Ultrareichen schafft, die Parteien kaufen, die Medien beherrschen und mit ihren Investitionsentscheiden Regierungen erpressen, dann geht die Demokratie zugrunde und dann bröckelt der Kitt, der unsere Gesellschaft schon heute immer weniger zusammenhält

Siehe Marseille, siehe Limoges, Mailand, Berlin, siehe die USA. Und man lese auch die Leitartikel der Journalisten und Journalistinnen, welche die Zeichen der Zeit immer noch nicht sehen wollen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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