Mikroplastik nicht nur in Städten: Es fusselt auch auf dem Land
Irgendwann bröselt’s immer. Ein Kunststoff oder Polymer wird durch Hitze, Kälte oder UV-Licht recht schnell viel weniger «poly» und zerfällt in seine Bestandteile. Und was hochgewirbelt wird, kommt auch irgendwann wieder runter. Speziell nach einem wirklich knochentrockenen Sommer. Dass es Mikroplastik in der Luft hat, dürfte also niemanden überraschen.
Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) hat nachgesehen, wie viel. Ab Mai 2024 fing sie an fünf Orten in der Schweiz die Partikel ein, die sich aus Luft und Niederschlag absetzten, und analysierte sie anschliessend im Labor.
Am meisten kam dabei wenig überraschend in Zürich zusammen. Die Forschenden zählten 881 Mikroplastikpartikel der Grösse 20 bis 215 Mikrometer pro Quadratmeter und Tag. In den weniger urbanen Gebieten waren es weniger.
Ausserhalb von Zürich kaum Unterschiede
Während es in Zürich viel Mikroplastik in der Luft hat, gibt es ausserhalb von Städten kaum einen Unterschied zwischen den ländlicheren und den weniger ländlichen Orten, fanden die Forschenden heraus. In Dübendorf, Magadino, Payerne und auf dem Chaumont fanden sich recht einheitlich 249 bis 331 Partikel pro Quadratmeter und Tag mit einem Gewicht von 13 bis 21 Mikrogramm.

Empa-Forscher Christoph Hüglin zeigte sich überrascht: «Je näher die Distanz zu dicht besiedelten Gebieten, desto höhere Mengen hätten wir erwartet. Aber einen solchen Unterschied sehen wir so nicht», wird er in einer Pressemeldung der Empa zitiert. Das spricht dafür, dass sich Mikroplastik in der Luft besser verteilt als gedacht.
Wenigstens 219 Tonnen Schweizer Mikroplastik pro Jahr
Hochgerechnet auf die gesamte Schweiz rieseln in Gebieten unterhalb von 2000 Metern pro Jahr mehr als 219 Tonnen Mikroplastik zu Boden oder werden von Regen und Schnee ausgewaschen. Das entspricht der schwer vorstellbaren Anzahl von 380’000’000’000’000 Partikeln. Etwa 78 Tonnen davon gehen auf landwirtschaftlichen Flächen nieder und schätzungsweise 10 Tonnen auf Gewässern.
Mindestens. Als Mikroplastik bezeichnet man Kunststoffpartikel zwischen 1 und 5000 Mikrometer (5 Millimeter) Grösse. Die Empa beschränkte sich aus analytischen Gründen bei ihrer Zählung auf Teilchen von 20 bis 215 Mikrometern Grösse. Reifenabrieb, der einen grossen Teil des Mikroplastiks in der Umwelt ausmacht, zählten die Forschenden nicht mit.
Gesucht: Die Plastikfusseln im Russhaufen
Winzige Plastikkrümel und -fusseln in der Luft zu finden und zu zählen, ist gar nicht so einfach. Der Anteil an Mikroplastik im Feinstaub ist sehr gering – zwischen 0,02 und 0,12 Prozent. Der grösste Teil besteht aus Staub, Russ oder biologischen Partikeln wie Pollen und Sporen.
In Zusammenarbeit mit Agroscope und dem ETH-Wasserforschungsinstitut Eawag entwickelten die Forschenden ein Verfahren, um Mikroplastikpartikel von anderen Teilchen und untereinander zu unterscheiden. Dafür wurden Luft und Niederschlag zuerst gefiltert. Die Filter wurden dann mittels Infrarotspektroskopie analysiert, um die Beschaffenheit der aufgefangenen Partikel zu erkunden. Die Filterfläche wurde anschliessend automatisiert gescannt. Aus Art und Anzahl der Teilchen lässt sich dann auch ihr Gewicht errechnen. Die Studie wurde vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) unterstützt.
Mehr Mikroplastik in der Luft als im Regen
Dabei zeigte sich zum Beispiel, auf welchen Wegen Mikroplastik bevorzugt zur Erde gelangt. Nichts reinigt die Luft so gut wie ein Regenguss, das sagt auch Hüglin. Der grösste Anteil des Mikroplastiks in der Luft – ein Gewichtsanteil von 60 Prozent – sinkt aber einfach so zu Boden.
Aus welchen Produkten die meisten Partikel stammen, können die Forschenden nicht sagen. Die Materialien geben darüber aber in etwa Aufschluss. Mit 31 Prozent des Gesamtplastiks am häufigsten fand die Empa PET (Polyethylenterephthalat), das in Plastikflaschen und Textilien steckt.
Etwa ein Viertel (26 Prozent) des Mikroplastiks in der Luft besteht aus PE (Polyethylen) und ein Fünftel (21 Prozent) aus PP (Polypropylen). Beide Polymere kommen in Kunststoffgegenständen, Folien und Verpackungen vor.
Auf Dauer doch ganz schön viel Plastik
Ein paar Dutzend Mikrogramm Plastikpartikel pro Tag und Quadratmeter klingt nach recht wenig. Erst recht, wenn man bedenkt, dass andere Partikel wie Russ weitaus häufiger sind. Mit der Zeit ergibt das aber doch einen kleinen Kunststoffhügel. Der Kunststoff wandert ins Wasser, ins Gemüse und damit auch in den Körper. Über die Zeit und die Fläche komme einiges an Plastik zusammen, schreibt die Empa. Mikroplastik löse sich ja nicht einfach auf.
Hüglin findet, Kunststoff sei zwar in vielen Anwendungen ein gutes Material, dennoch rät er, es so sparsam wie möglich einzusetzen, Littering zu vermeiden und Stoffkreisläufe zu schliessen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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