Wie muss ein Mensch leben, damit er als Frau gilt?
Manchmal lässt einem etwas keine Ruhe. Mir geht es so, seit ich im Zusammenhang mit einem Vorfall im Berner Marzilibad über die Neudefinition des weiblichen Geschlechts geschrieben habe. Die Stadt Bern hat neu definiert, wer als Frau gilt und wer nicht. Quintessenz: Es kommt nicht mehr auf die Chromosomen an, sondern auf anderes. Das brachte mich ins Grübeln. Und deshalb bin ich mit Fragen an die Verantwortlichen gelangt.

Doch zuerst nochmals zum Vorfall vom 28. Juni. Die Kurzfassung geht so: Eine Transfrau – das ist ein Mann, der findet, er sei eine Frau – lässt sich im FKK-Frauenabteil «Paradiesli» nieder. Ein paar Frauen stören sich an der Transfrau, ein paar solidarisieren sich. Es kommt zu einem wüsten Streit.
Zuerst greift der Sicherheitsdienst ein. Dann die Polizei. Bilanz: eine leicht verletzte Polizistin, eine in Handschellen abgeführte Transfrau und eine Neudefinition des weiblichen Geschlechts. Diese lautet, wie einer Medienmitteilung der Stadt Bern zu entnehmen ist, so:
«Alle Personen, die sich als Frau identifizieren und als solche leben, haben Zugang zum freiwilligen FKK-Bereich ‹Paradiesli›.»
Diese Neudefinition macht es natürlich nicht einfacher. Deshalb fragte ich bei der Stadt Bern:
- Wie lebt eine Frau?
Die Antwort war dann etwas komplizierter als die Frage. Die Quintessenz:
«‹Als solche leben› heisst, dass die Person auch ihren sozialen Rollenwechsel vollzogen hat und in ihrem Alltag als Frau lebt. Sie gibt sich auch nach aussen unabhängig von körperlichen Merkmalen als Frau zu erkennen. Wie eine Frau das ausdrückt, ist individuell. Es kann sich beispielsweise über den Namen, die Anrede, das Erscheinungsbild oder das Auftreten zeigen.»
Der erste Satz ist Unsinn. Er besagt letztlich: «‹Als solche leben› heisst, dass die Person (…) als Frau lebt.» Ein schönerer Zirkelschluss kann einem fast nicht einfallen.
Der letzte Satz wirft Fragen auf. Wie muss das «Erscheinungsbild» eines Menschen sein, damit er «als Frau lebt». Muss der Mensch die Haare lang tragen? Muss er sich schminken? Die Nägel lackieren? Darf er keine Hosen tragen?
Und wie muss das «Auftreten» eines Menschen sein, damit er «als Frau lebt»? Muss er elegant sein? Oder unterwürfig?

Das wären dann Vorstellungen aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sie wollen so gar nicht zur Stadt Bern passen, die sich gerne fortschrittlich gibt. Deshalb fragte ich nochmals nach:
- Worin unterscheidet sich das Erscheinungsbild einer Frau vom Erscheinungsbild eines Mannes?
- Worin unterscheidet sich das Auftreten einer Frau vom Auftreten eines Mannes?
Auch hier war die Antwort komplizierter als die Fragen. Die Stadt Bern teilte mit, es gebe «keinen Katalog äusserer Merkmale, anhand dessen der Zugang zum ‹Paradiesli› beurteilt wird. Entscheidend ist, dass sich eine Person als Frau identifiziert und den sozialen Rollenwechsel vollzogen hat.»
Nun hätte ich natürlich gerne gefragt:
- Was ist ein vollzogener «sozialer Rollenwechsel»?
Aber ich widerstand der Versuchung. Die Antwort wäre noch komplizierter geworden.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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