Mit Rechten reden in Mecklenburg-Vorpommern
Morgen Sonntag wird in Mecklenburg-Vorpommern gewählt, und wenn man den Umfragen glaubt, wird die AfD auf 38 Prozent kommen, die SPD auf 33 – und die CDU auf 7. Und während in Berlin weiter über Brandmauern gesprochen wird, kann man in den Dörfern Mecklenburg-Vorpommerns das Leben hinter der Brandmauer besichtigen, zum Beispiel aktuell durch die Augen von Jan Gorkow, genannt Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, einer Band aus der tiefsten (blauen) Provinz «Meck-Pomms» und in den vergangenen fünfzehn Jahren eine der lautesten linksradikalen Stimmen Deutschlands.
Eine Band, millionenfach gestreamt und gekauft, die 2011 und 2012 wegen ihrer Texte im Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommerns geführt wurde: Konzerte der Band mussten wegen Bombendrohungen von Rechtsextremen abgesagt werden, und da hat sich die Linke dann darüber lustig gemacht, also über die Beobachtung der Band durch den Verfassungsschutz, dieselbe Linke, die heute den Verfassungsschutz heranzieht als Hauptzeuge, weil dieser die AfD in Teilen als «gesichert rechtsextrem» bezeichnet, und da kann der Verfassungsschutz nicht Zeuge genug sein für die Linke, und die Rechte sagt, dieser Verfassungsschutz, der kann uns mal, und das ist eine der unzähligen bitteren Pointen in dieser bitteren Zeit, in der radikale Linke plötzlich die Demokratie retten wollen, weil sie offenbar das einzige ist, was von der Utopie geblieben ist. Allen voran Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet. Eine Konzertkampagne gegen den Rechtsruck in Mecklenburg-Vorpommern durch Kleinstädte und Dörfer nannte die Band «Noch nicht komplett im Arsch», und dafür gab es für die Punks einen lobenden Tweet des damaligen Bundesjustizministers Heiko Maas, als müsste bewiesen werden, dass eben doch alles im Arsch ist.
Der Punk bei Axel Springer
Monchi hat nun eine Biografie geschrieben mit dem Titel «Jenseits der Brandmauer», die von seinem Leben in der ostdeutschen Provinz erzählt. Heute lebt der 38-Jährige, der inzwischen Vater geworden ist und dessen grosse Liebe der FC Hansa Rostock ist (und der unbedingt auf der Ostsee bestattet werden will) wieder in Jarmen, seiner Heimat in Vorpommern. Knapp dreitausend Menschen leben hier, und bei der letzten Bundestagswahl wählten 54 Prozent AfD.
Und weil man sich im Provinzalltag nicht ständig Mauern bauen kann, nun also dieses Buch, über das er im Podcast mit Paul Ronzheimer von der «Bild»-Zeitung Auskunft gegeben hat, und um diesen Podcast soll es in diesem Text gehen. Der Punk und Axel Springer, ein eigentümliches Konstrukt. Aber die Zeiten haben sich bekanntlich geändert, und eigentlich ist dieser Podcast, der knapp zwei Stunden dauert, Balsam auf die Seele in einem Land, wo man aus der Distanz, aus den Sozialen Medien, das Gefühl hat, der kollektive Nervenzusammenbruch stehe kurz bevor, und alle brüllen sich nur noch gegenseitig an, und das Vierte Reich klopft an und will sein Dachau zurück.
«Wenn ich in Kreuzberg stehe, da fühle ich mich eher konservativ. Und wenn ich aufs Dorf fahre und bei uns auf dem Dorf beim Skatepark ein paar Hakenkreuze wegmache, die da gesprüht wurden, dann fühle ich mich irgendwie ganz schön links», sagt Monchi über sein Leben zwischen zwei Welten, der linken Stadt, dem blauen Land.
In Jarmen hat Monchi mit anderen vier Jahre dafür gekämpft, diesen Skatepark, der dann manchmal von Nazis versprüht wird, durch die kommunalen Instanzen zu bringen: Anträge, Behörden, Widerstände, Debatten ums Geld. Gebaut wurde er schliesslich mit Hilfe von 60 bis 70 Leuten aus der Gegend, zur Eröffnung kamen 400 bis 500 Menschen. Heute trainieren dort Kinder und Jugendliche BMX, Meisterschaften finden hier statt und lokale Kids gewinnen regionale Meisterschaften, und das sei für ihn politischer Aktivismus, wie er ihn von Lothar König, dem 2024 verstorbenen Jenaer Jugendpfarrer und Antifa-Aktivisten gelernt habe: Nazis entschieden entgegentreten, aber nicht dieselben Methoden anwenden wie die. «Das empfinde ich als tausendmal politischer, menschlicher und gewinnbringender, als wenn ich irgendwelchen Leuten hinterherfahre, die ich scheisse finde.»
«Wasted in Jarmen»
Seit 2016 organisiert er mit seiner Band das Dorffest «Wasted in Jarmen», das jeweils innerhalb weniger Stunden ausverkauft ist, aber nicht nur Fans anzieht, sondern dem auch Hass entgegenschlägt. Kürzlich tauchten Sticker im ganzen Dorf auf mit Monchis Gesicht drauf, dazu Hakenkreuze, Keltenkreuze, Neonazis standen vor seinem Haus, spuckten ihn an, aber dann ist die Welt auf dem Land natürlich komplizierter als im Antifa-Instagram-Traumland. Und so traf er dann im Dorf auf AfD-Wählende, die ihm sagten, sie hätten den ganzen Morgen damit verbracht, die Sticker wegzumachen, denn sowas gehe gar nicht, echt schlimm sei das.
«Wenn ich in der Stadt gewohnt habe, da ist es mir viel einfacher gefallen, alle AfDler über einen Kamm zu scheren. Aber umso näher ich an den Menschen bin, umso schwerer fällt mir auch das Hassen», sagt Monchi, der nach Jahren in Rostock nun wieder dort lebt, wo er aufgewachsen ist, wo die Eltern schon immer lebten, die Mutter Zahnärztin und der Vater Gemeinderat und Gemeindekirchenrat, und die AfD-Wähler von denen er spricht, das sind ehemalige Schulkolleginnen und Bekannte und Nachbarn, also Leute, die er seit dreissig Jahren kennt oder länger.
«Das ist nicht so, dass auf dem Dorf die ganze Zeit über Politik gequatscht wird», sagt er. Aber nach dem Wahlergebnis von 54 Prozent für die AfD sei er trotzdem anders durch den Ort gegangen. «Du denkst: Hat er oder hat er nicht? Hat sie oder hat sie nicht? Du jetzt auch, ja?»
Und ja, es gebe für ihn eine Grenze, wo das Reden aufhöre: Das seien die organisierten Nazis, frühere Aktivisten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), die seit Jahren rechtsextreme Strukturen aufbauten und Demonstrationen organisierten: «Da muss man halt klare Kante zeigen.» Aber 54 Prozent eines Ortes seien nicht plötzlich alles organisierte Nazis – «Wenn alle Nazis sind, dann ist nachher keiner mehr Nazi», sagt Monchi.
Die Vorstellung, jeder rechten Aussage jederzeit laut widersprechen zu müssen, hält Monchi aus der Perspektive eines Ortes wie Jarmen für lebensfremd. «Nur Leute, die nicht in so 54-Prozent-Orten wohnen, die labern irgendwas von: In jeder Situation, bei jeder AfD-Parole musst du was machen. Nur Leute, die das nicht kennen. Manchmal will man ja auch einfach nicht. Manchmal will man auch einfach nur chillen. Mit den Leuten ‹Tanz in den Mai› reinfeiern. Oder will Netflixen.»
«Die Brandmauer gibt es hier nicht»
Monchi beschreibt bei «Ronzheimer» eine Begegnung mit zwei Journalisten in einem «grossen Glaspalast», die ihm vorwerfen, in seinem Buch zu kritisch gegenüber Linken und zu unkritisch gegenüber der AfD zu sein, und Monchi sagt, dass er am Abend wieder nach Jarmen fahre, einen Ort mit 54 Prozent AfD-Wählern, wo er gerade kürzlich aus seinem Buch vorgelesen habe über Putin-Fans und Mitläufer und organisierte Rechtsextreme. Die Menschen, über die er schreibe, die würden dort leben, wo er lebe, würden vielleicht sogar zu seinen Lesungen kommen und einige wüssten auch, dass sie gemeint seien.
«Wann haben Sie das letzte Mal mit einem AfDler gestritten? Und wann Sie?», fragte er die beiden Journalisten. «Dann sitzen die und ziehen die Schultern hoch. Und ich denke: Genau das ist das Problem.»
Er sei derjenige, der danach wieder zurückfahre, und die anderen halt nicht in ihrer wunderbaren Blase, wo alle ähnlicher Meinung sind. Aber «am besten werden die noch vollgequatscht, die noch irgendwie was machen, die wenigen, die da noch irgendwie die Fresse hinhalten». Denn die Brandmauer, über die seit Jahren bundespolitisch diskutiert wird, die gebe es auf lokalpolitischer Ebene nicht. «Gesellschaftlich existiert sie nicht mehr», sagt der Sänger. «Im Kreistag existiert sie nicht mehr. Auf dieser kommunalpolitischen Ebene ist das alles ein Witz.»
Am Morgen vor der Aufnahme des Podcast, wurde in Jarmen ein Kreisverkehr eröffnet. Der Bürgermeister hatte lange dafür gekämpft, weil es an der Stelle immer wieder Unfälle gab. Rund 200 Menschen kamen. Ein Minister war da, Kommunalpolitiker, Bürger, CDU-Leute und AfD-Leute. «Die stehen da einfach mit den CDUlern. Da gibt es einfach keine Brandmauer.» Und das habe nichts damit zu tun, ob er das nun gut finde oder nicht, aber der Titel seines Buchs «Jenseits der Brandmauer» beschreibe die Realität in der Provinz im Osten. «Das ist einfach Normalität. Dass ich das nicht geil finde, ist doch völlig irrelevant. Das ist der Punkt.»
«Gesichert scheissegal»
Wenn dann am Festival «Wasted in Jarmen» als freiwillige Helfer Jugendliche auftauchten, die Höcke cool finden würden, dann weise man die nicht einfach ab, sondern lasse sie mitmachen. Mit einer Ansage: «Drei Regeln: Haut hier richtig schön auf die Kacke, lebt euch aus. Zweitens: Hier sind alle gleich scheisse, wir haben keinen Bock auf Nazi-Scheiss. Drittens: Wenn ihr morgen wiederkommt, seid ihr Teil der Crew.» Am nächsten Morgen seien sie wiedergekommen, und innerhalb eines Tages seien aus zwei Jugendlichen sieben geworden.
Ostdeutsche Provinz: Kids sprühen «FC Hansa» und «Feine Sahne» und «AfD», in dieser Reihenfolge, und das Durcheinander aus Fussball und linkem Punk und rechter Politik sei für die kein Widerspruch.
Wenn er an sein eigenes 16-jähriges Ich denke, das Stress und Ärger gesucht habe, dann frage er sich, wer denn diese «Crash-Kids» abhole. Kampagnen, wo Künstler moralisch erhaben sich von der AfD distanzierten, würden das mit Sicherheit nicht tun, würden eher das Gegenteil bewirken.
Was tun?
Zum Beispiel einen Skatepark bauen.
Der Monchi von vor zehn oder fünfzehn Jahren, sagt er, hätte ein solches Projekt womöglich als «angepasste Spiesser-Scheisse» belächelt. Heute empfinde er das «als tausendmal politischer, menschlicher und gewinnbringender, als wenn ich irgendwelchen Leuten hinterherfahre, die ich scheisse finde». Und dass der Verfassungsschutz die AfD als gesichert rechtsextrem einstufe, quasi ein Standardargument der Linken, dann sei er aus der eigenen Erfahrungen in seiner AfD-Hochburg überzeugt, «dem Grossteil der Leute ist das gesichert scheissegal». Er glaube nicht daran, dass dieses Argument etwas bewirke, und auch nicht, dass die anderen Parteien in Mecklenburg-Vorpommern die Entwicklung Richtung AfD als stärkste Kraft noch umkehren können. «Jedenfalls nicht da, wo ich lebe. Und schön, wenn ich Unrecht habe.»
Als Mensch, der in der Provinz in Mecklenburg-Vorpommern lebe, sei er inzwischen davon überzeugt: «Ich darf mich nicht abhängig von Wahlen machen.» Früher habe er die Demokratie immer für «total selbstverständlich genommen». Heute hoffe er, «dass ich sagen kann, in zehn Jahren gibt es noch eine stabile Demokratie». Der Rest sei «bei sich bleiben, aber nicht stehen bleiben.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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