Patientin mit Schulterschmerzen

Schulterschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden am Bewegungsapparat. © Andy Dean Photography / Depositphotos

Schulterschmerzen: MRI kann auf die falsche Fährte führen

Martina Frei /  Normale Verschleisserscheinungen werden oft als Grund für die Beschwerden diagnostiziert. Ein Irrtum.

Schulterschmerzen – MRI – Befund: Sehnenschaden an der Rotatorenmanschette, teilweiser oder kompletter Sehnenriss. Damit ist die Ursache der Beschwerden klar – meint der Laie. Falsch, ergab eine finnische Studie. 

Dort wurden 602 Erwachsene zu einer ärztlichen Untersuchung inklusive MRI beider Schultergelenke eingeladen. 

Von den 1204 Schultern bereiteten 1076 ihren Trägern keine Probleme. Trotzdem fanden die Radiologen bei 96 Prozent Auffälligkeiten: 537-mal einen teilweisen Sehnenriss, 427-mal eine «Tendinopathie» (Sehnenerkrankung) und 75-mal einen kompletten Sehnenriss. Als normal stuften die Röntgenärzte – es waren drei erfahrene Fachärzte mit mindestens zehn Jahren Berufserfahrung – nur 37 Schultergelenke ein. 

Bei den 128 Schultern, die in der Woche zuvor mindestens einen Tag lang geschmerzt hatten, erkannten die Radiologen in 98 Prozent der Fälle etwas Auffälliges auf den MRI-Bildern. Also praktisch genauso oft wie bei den schmerzfreien Schultergelenken. 

«Normale Alterserscheinungen» wie das Ergrauen der Haare

Komplette Sehnenrisse diagnostizierten sie bei 96 Schultergelenken – 75 davon in schmerzfreien Schultern und 17 in solchen, die Schmerzen verursacht hatten. Wobei mehrere Patienten zwar an beiden Schultern solche Sehnenrisse hatten, aber weh tat nur eine: Von 26 Personen, denen sogar beidseits eine Sehne komplett gerissen war, hatten 17 dennoch keine Beschwerden, 5 verspürten nur in einer Schulter Schmerzen und 4 in beiden.

Das Sehnenleiden fanden die Ärzte eher bei Erwachsenen mittleren Alters, die Risse bei den ab 55-Jährigen. «Man kann diese strukturellen Veränderungen mit dem Ergrauen der Haare vergleichen. Das sind normale Alterserscheinungen und sie bedeuten nicht zwangsläufig, dass ‹etwas kaputt› ist oder repariert werden muss», sagte der Studienleiter Thomas Ibounig dem «Kurier».

Der Rat: Arztbriefe anders formulieren

Das alles zeige, wie schlecht Schulterbeschwerden und MRI-Befunde übereinstimmen, schreiben die Studienautoren in «Jama Internal Medicine». Selbst bei Einsatz modernster MRI-Technik und detaillierter Beurteilung durch erfahrene Schulterspezialisten «sind wir derzeit nicht in der Lage, klinisch relevante MRI-Auffälligkeiten von Zufallsbefunden zu unterscheiden.» In der Schweiz wurden 2024 76’817-mal Schultern und/ oder Oberarme im MRI untersucht.

Die Studienautoren raten den Radiologen, in ihren Arztbriefen andere Wörter zu wählen: Anstatt «Riss» sollten sie beispielsweise besser Läsion, Defekt oder Abnützung schreiben, damit die Patienten nicht automatisch dächten, an ihrer Schulter sei etwas kaputt, das in Ordnung gebracht werden müsse.

Einschränkend ist zu erwähnen, dass an dieser Studie ausschliesslich 41- bis 76-Jährige teilnahmen, die wegen der Schmerzen vielleicht nicht zum Arzt gegangen wären, wenn sie nicht an der Studie teilgenommen hätten.

Das Fazit der Studienautoren: Ein MRI-Befund allein beweise nicht automatisch, dass dies auch der Grund für die Schulterschmerzen sei. Wenn ein auf dem MRI-Bild erkennbarer Schaden aber eindeutig auf ein traumatisches Ereignis zurückzuführen sei oder mit akutem Kraft- oder anhaltendem Funktionsverlust einhergehe, dann sei es wahrscheinlicher, dass die Läsion tatsächlich der Grund sei.

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