Kommentar
Vorsorge: Steingart fordert einen anderen Menschentypus
Der Anlass zu Gabor Steingarts Projekt der «Demokratisierung des Kapitalismus» ist die neue Rentenreform in Deutschland: Danach sollen zusätzlich zu den üblichen Rentenbeiträgen zwei Prozent der Lohnsumme auf ein individuelles Sparkonto einbezahlt werden. Deutschland soll also von einem reinen Umlageverfahren- auf ein gemischtes System mit Kapitaldeckung umstellen. Nach dem Vorbild der Schweiz.
Für Steingart entsteht dadurch ein neuer Mensch: «Im alten System wartet man auf seine staatlich organisierte Altersvorsorge. Man muss nichts tun. Man muss nichts verstehen.Man muss einfach nur geduldig warten wie ein Esel. Das Engagement am Kapitalmarkt braucht einen anderen Menschentypus – beweglicher, wacher, informierter. Warten funktioniert hier nicht.»

Dazu kommt – immer nach Steingart – noch ein weniger wichtiger, rein technischer Unterschied: nämlich der Effekt von Zins und Zinseszins: «Im alten System lebt man von der Hand in den Mund. Am Kapitalmarkt schickt man das Geld zur Arbeit.»
Das Geld schickt andere zur Arbeit
In diesem Punkt irrt Steingart: Das Geld arbeitet nicht selbst; es schickt andere zur Arbeit und zwackt ihnen mit dem Zinseszins oder mit übersetzten Mieten einen Teil des Lohns ab. Aber Steingart hat das Problem erkannt: Es gibt ihn tatsächlich, den anderen Menschentypus. Er ist das Produkt eines neuen Typus von Wirtschaft: Diese verteilt die Einkommen derart ungleich, dass sich der Staat bei den reicheren Bürgern verschulden muss, um den Lebensunterhalt derer zu decken, die das mit dem eigenen Lohn nicht schaffen.
Das Gegenstück dazu sind die (gemäss Wealth-Report der UBS) weltweit 520’000 Milliarden Dollar Finanzguthaben. Das ist mehr als das Vierfache des globalen Bruttoinlandprodukts von 120’000 Milliarden Dollar. Das heisst: Mit jedem Promille, um welches das Welt-Vermögen pro Handelstag steigt, wird mehr Einkommen geschaffen als mit einen ganzen Tag Arbeit. Das muss man sich mal überlegen!
Bis vor kurzem Lastwagenfahrer
Und genau diese Überlegung bringt Steingarts anderen Menschentypus hervor. Gestatten: Saman Shiripour, bis vor kurzem noch, sagt jedenfalls er, Lastwagenfahrer für monatlich 1500 bis 1800 Euro netto bei einem 12-Stunden-Tag. Mit diesem Lohn kommt man ohne staatliche Hilfe beziehungsweise ohne Verschuldung nie über die Wechselfälle des Lebens wie Kinderkriegen, Krankheit, Arbeitslosigkeit, geschweige denn Pensionierung. Die Aussicht auf Wohlstand durch harte Arbeit ist verschwindend klein.
Jetzt sitzt Shiripour als Gründer der «GS Genius Sales LTD» gemütlich irgendwo in einer Strandbar und zeigt uns den Bildschirm seines Handys. Aus dem geht klar hervor, dass er in den letzten sieben Tagen 37’000 Euro verdient hat. Er spricht seine Kunden in einer eigenartigen Mischung aus Du- und Sie-Form an: «Bitte füllen Sie Deine Email-Adresse aus.» Dann könnten sich die Kunden demnächst auch am Strand bedienen lassen – wie das schon 2700 Kunden von ihm angeblich tun.
Von der Plackerei befreit
Shiripour ist einer von 287 «Finfluencern» mit 28 Millionen Followern (Stand Mitte 2024), die sich allein auf deutschsprachigen Web-Kanälen tummeln. Sie alle versprechen ihren Kunden, dass sie sich dank ihren KI-gestützten Anlagestrategien für immer von der Plackerei der Arbeit befreien können. Einigen gelingt das sogar, doch wer mixt den Finfluencern für fünf Euro die Stunde die Cocktails, wenn die Anlagestrategie immer und für alle funktioniert?
Shiripour verkörpert sozusagen die untere Stufe des anderen Menschentypus. Menschen, die glauben, sich nur durch Finanzspekulationen vor der Armut befreien zu können. Oder indem sie andere Verzweifelte für dumm verkaufen.
Dann gibt es die, die schon Geld haben und dieses härter «arbeiten» lassen wollen. Sie zählen auf die Dienste der – gemäss Vermittlungsregister – gut 400’000 Arbeitskräfte, die als Vermögensverwalter beziehungsweise Finanz- und Versicherungsvermittler tätig sind. Sie alle sind die Speerspitze des neuen, am Kapitalmarkt tätigen Menschentypus, der nicht mehr wie ein Esel passiv abwartet, sondern «beweglich, wach und informiert» sein Geld zur Arbeit schickt – statt selber zu arbeiten.
Die demokratischen Kapitalisten
Dank der Rentenreform sollen nun alle deutschen Lohnempfänger aufhören, passive Esel zu sein, und können sich stattdessen als demokratische Kapitalisten darüber Gedanken machen, wie sie die zwei Prozent ihres Lohns am besten anlegen. Zu diesem Zweck können sie zum Beispiel – wie 75’000 andere Follower – für 25 Euro pro Monat das Investment-Briefing von Gabor Steingart abonnieren. Macht jährlich 22,5 Millionen Euro für Steingarts Firma Media-Pioneer.
Für das Casino der Finanzindustrie wäre die Rentenreform aber nicht nur deshalb eine gute Sache, weil sie neue Kundschaft anfixt. Sie würde auch direkt für Umsatz sorgen: Zwei Prozent einer Lohnsumme von rund 2500 Milliarden Euro sind immerhin jährlich 50 Milliarden Euro, die erst angelegt und dann verwaltet werden müssen. Bei Verwaltungs- und Depotgebühren von einem Prozent sind das jährlich etwa 500 Millionen Euro Einnahmen oder gut 5000 neue Jobs in der Finanzindustrie.
Wer steuert dann noch die Lastwagen
Für die produzierende Wirtschaft sind das allerdings schlechte Nachrichten. 50 Milliarden Euro mehr Zwangsersparnisse sind 50 Milliarden weniger Konsum oder rund eine halbe Million weniger Stellen. Und weil die 50 Milliarden Euro an Einzahlungen nicht versteuert werden müssen, verliert auch der Staat mindestens 20 Milliarden, die er irgendwo einsparen muss.
Doch der grösste Schaden tritt dann ein, wenn das geschieht, was sich Steingart erhofft, wenn sich der andere Menschentypus noch mehr durchsetzt. Wenn noch mehr Menschen ihr Geld (beziehungsweise andere Menschen) für sich arbeiten lassen, statt selber Hand anzulegen oder einen Lastwagen zu steuern.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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