Boris Pistorius Verdacht

Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius am 25. September 2025 über die Urheberschaft Russlands: «Der Verdacht liegt nahe.» © SRF

Drohnenangriffe: Plötzlich gibt es Zweifel an Russlands Rolle

Urs P. Gasche /  Drohnen über dänischen Flughäfen machten Furore. Eine TV-Recherche stellt alles in Frage. Ein Musterbeispiel von Desinformation.

«Keine Beweise für Drohnenangriff», titelte die «NZZ» am 27. Mai 2026 und informierte über eine Recherche des öffentlich-rechtlichen Fernsehens in Dänemark, welche «die Attacke auf Dänemark in Frage stellt». 

Das Fernsehen und andere grosse Medien informieren nicht darüber, obwohl sie im September 2025 Aussagen von Politikern und Sicherheitsexperten verbreitet hatten, Russland habe im Rahmen des hybriden Kriegs dänische Flughäfen mit Drohnen bedroht. 

Drohnensichtungen in Dänemark
Schlagzeilen am 25. September 2025: Drohnen über vier Flughäfen in Dänemark gesichtet.

Der Flughafen Kopenhagen hatte nach angeblicher Sichtung von zwei bis drei grossen Drohnen den gesamten Flugverkehr für mehrere Stunden komplett eingestellt.

Es besteht kein Zweifel, dass Russland gegen den Westen hybride Mittel einsetzt, um ihn mit offenen und versteckten Aktionen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich zu schwächen oder zu erpressen.

Die gleichen Mittel verwenden die USA, Israel und andere Mächte (Informationen dazu in diesem Artikel).

Zur hybriden Kriegsführung gehört das Manipulieren von Medien. Geheimdienste, vom Militär finanzierte Think-Tanks sowie Experten mit Interessenkonflikten versorgen Medien mit einseitig ausgewählten und irreführend aufbereiteten Informationen und geben auch eine wertende Wortwahl vor. 

Die Drohnen über Dänemark sind ein Beispiel dafür. Niemand sagte damals, es gebe Beweise oder auch nur Indizien, dass Russland hinter dem «Drohnenangriff» stecke. Doch die Informationen wurden so aufbereitet und formuliert, dass bei den Zuschauern und Leserinnen der klare Eindruck entstand, Russland sei für diese «hybride Kriegsführung» verantwortlich.  

«Wird Dänemark nun Polen und Estland folgen und Artikel 4 des Nato-Vertrags aktivieren?», fragte etwa Skandinavien-Korrespondent Alex Rühle im «Tages-Anzeiger» und der «Süddeutschen Zeitung». Mit dieser Frage suggerierten die Zeitungen, dass der Nato-Staat Dänemark von Russland angegriffen worden sei.

«NZZ»-Inlandchefin Christina Neuhaus kommentierte: «Russische Kampfjets über der Ostsee, Drohnen über skandinavischen Flughäfen, Cyberattacken gegen europäische Infrastruktur – Europa rüstet sich für den Ernstfall: Die Nato will russische Jets im Notfall künftig abschiessen.» Neuhaus schrieb nicht explizit, dass die Drohnen über skandinavischen Flughäfen aus Russland stammten, aber die Leserinnen und Leser mussten ihre Formulierung so verstehen.

Die ARD-Tagesschau meldete: «Wer die Drohnen gesteuert hat, ist noch unklar. Eine Verantwortung Russlands wird aber nicht ausgeschlossen.»
«Ausschliessen» kann man fast nie etwas.

Die SRF-Tagesschau verbreitete: «Dänemark und auch Deutschland vermuten Russland hinter den Flügen.» Als «Bestätigung» folgte die Aussage von Deutschlands Verteidigungsminister Boris Pistorius: «Der Verdacht liegt nahe.»

SRF verbreitet Marc Rutte

Die SRF-Tagesschau verbreitete auch unkommentiert einen Post des Nato-Generalsekretärs Mark Rutte: «Die Nato-Verbündeten und Dänemark arbeiten eng zusammen, um die Sicherheit unserer kritischen Infrastruktur zu gewährleisten.» Auch dies eine Aussage, die Russland als Täter nahelegt.

Der Korrespondent der «Süddeutschen Zeitung» schrieb am 26. September 2025 im «Tages-Anzeiger» zwar: «Der (dänische) Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen betonte gestern auf einer Pressekonferenz, dass man nicht wisse, wer hinter den Flügen stecke. Derzeit gebe es keine Hinweise darauf, dass Russland dafür verantwortlich sei.» Doch habe Poulsen hinzugefügt: «Länder oder Akteure haben ein Interesse daran, die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben. Es ist wichtig, dass wir uns davon nicht einschüchtern lassen.» Es sei angesichts der «systematisch durchgeführten Aktion», die er als «hybride Angriffe» bezeichnete, klar, dass man es mit einem «professionellen Akteur» zu tun habe. «Poulsen sagte, man stehe in engem Kontakt mit der EU und der Nato, habe aber noch nicht entschieden, ob Artikel 4 aktiviert werden sollte.»

Damit suggerierte Poulsen trotz des erklärten «Unwissens», Russland stecke dahinter.

Um Russlands Täterschaft noch stärker nahezulegen, zitierten die «Süddeutsche» und der «Tages-Anzeiger» den Sicherheitsexperten Stiig Waever, der jahrelang für den dänischen Geheimdienst gearbeitet hatte: Es seien «professionell koordinierte Angriffe gewesen, die uns austesten sollen». Waever wird weiter zitiert: «Es ging denjenigen, die das ausgeführt haben, darum, Angst zu säen und zu zeigen, dass sie in der Lage sind, tief in unsere Verteidigungssysteme einzudringen und danach unerkannt zu verschwinden». Genau das mache es so unheimlich. […] Wer immer das war, wollte gesehen werden, sonst wären die nicht mit grell blinkenden Lichtern herumgeflogen.»

Wer konnte das sein, wenn nicht Russland?

Die «Süddeutsche» und die Tamedia-Zeitungen fuhren fort: 

«Die Zeitung ‹Berlingske› wiederum schreibt von einem Schiff unter norwegischer Flagge mit russischer Besatzung, das während des Drohnenvorfalls in Kastrup nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt an der Küste gelegen habe. Die Polizei habe dasselbe Schiff auch während eines Drohnenflugs über dem Hafen von Køge im Januar auf dem Radar ausgemacht.»

Einen Tag später schrieb der Brüssel- und Nato-Korrespondent der «NZZ», Antonio Fumagalli: «Die Nervosität ist gross. ‹Russland testet die EU und die Nato – und unsere Antwort muss kraftvoll, geeint und umgehend sein›, sagte EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius am Freitagnachmittag. Dass er sich dabei auf die jüngsten Luftraumverletzungen in Polen, Estland, Rumänien und nun auch in Dänemark bezog, die mutmasslich allesamt auf das Konto des russischen Regimes gehen, musste er gar nicht erwähnen.»

Die zitierten Zeitungen und auch andere Medien übernahmen ungeprüfte Behauptungen und Vermutungen und wählten die Wortwahl so aus, dass Russland als Täter rüberkam. 

Weder Beweise noch Indizien

Auch die ausgiebigen Recherchen des dänischen Fernsehsenders können die Urheberschaft Russlands «nicht ausschliessen». Man kann selten etwas «ausschliessen», solange keine Beweise vorliegen. Doch auch Indizien gebe es keine, sondern nur Überlegungen, dass ein Drohnen-Angriff zum geopolitischen Kontext oder zur Interessenlage Russlands passe. 

Ganz «ausschliessen» kann man auch nicht, dass die Videos mit den Drohnen Fälschungen waren, um die Öffentlichkeit zum allgemeinen Aufrüsten zu gewinnen.

Da trotz Abwehrdispositiv keine einzige der Drohnen abgeschossen wurde, gibt es keine Überreste. Deshalb wird die Herkunft der Drohnen ein Geheimnis bleiben.

Zum «verdächtigen» Schiff unter norwegischer Flagge mit russischer Besatzung, das während des Drohnenvorfalls in Kastrup nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt an der Küste gelegen habe, kommt eine Recherche der «NZZ» zu folgendem Befund: «Zum gegebenen Zeitpunkt befanden sich zwei Frachter und ein Tanker mit Verbindungen zu Russland in der Meerenge. Das französische Militär enterte später eines der Schiffe und nahm zwei Besatzungsmitglieder fest. […] Einen Nachweis, dass der Öltanker ‹Pushpa› am Drohnenangriff beteiligt war, gibt es bis heute nicht.»

Fazit der «NZZ» am 27. Mai 2026: «Noch heute fehlt der Beweis, dass die Drohnen von einem der Schiffe kamen. Oder dass es überhaupt Drohnen gab.» Rasmus Dahlberg, ausserordentlicher Professor für öffentliche Sicherheit an der Universität Roskilde, erklärte der «NZZ», «er könne und wolle nicht ausschliessen, dass sich überhaupt keine Drohnen über Dänemark befunden hätten». Dahlberg und andere Experten seien «nicht sicher, ob auf den damals verbreiteten Videos wirklich Drohnen zu sehen seien», informierte die «NZZ».

Die Zeitung ergänzte: «Das Fehlen von Beweisen beweist nicht das Gegenteil.» Russland profitiere jedoch selbst dann, falls es gar nicht Russland gewesen war: «In diesem Fall stünden die dänische Regierung und ihre Nato-Verbündeten als paranoid da – etwas, was die russische Propaganda schon lange glauben zu machen versucht.»

Vertrauen könne nur zurückgewonnen werden, schliesst «NZZ»-Nordeuropa-Korrespondentin Lina Koponen, «wenn die Ereignisse lückenlos aufgeklärt werden».

Weiterführende Informationen


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