Für ADHS, Depression, Autismus gibt es keine klaren Diagnosen
Alle diese Diagnosen beruhen auf Gesprächen, Beobachtungen und Einschätzungen darüber, ob Verhalten und Erleben einer Person zu einem bekannten Muster passen. Patientinnen und Patienten dürfen nicht davon ausgehen, dass ein Psychiater– ähnlich wie bei einer Infektion oder genetischen Krankheit – eine klar identifizierbare Störung im Gehirn «finden» kann. Für psychische Erkrankungen gibt es weder einen Gen- noch einen Bluttest. Das sagt Psychiater Awais Aftab, der sich auf psychiatrische Diagnosen spezialisiert hat.
Die Diagnosen, die im amerikanischen Handbuch DSM und der europäischen ICD-11 von der WHO definiert sind, dienen hauptsächlich dazu, dass Krankenkassen die Behandlungen zahlen müssen. «Die Diagnose-Definitionen in diesen Handbüchern sind unwissenschaftlich und willkürlich», schrieb Peter C. Gøtzsche in seinem 2016 erschienenen Buch «Tödliche Psychopharmaka».
In der «New York Times» zählte Aftab auf, was Patientinnen und Patienten wissen sollten:
- Grauzonen und Schwellenwerte
Psychische Symptome sind unter der Bevölkerung ähnlich verteilt wie etwa Intelligenz oder Körpergrosse. Diagnosen sind Schwellenwerte in einem fliessenden Spektrum. - Symptome verstärken sich gegenseitig
Es sind selbst verstärkende Wechselwirkungen zwischen Symptomen, die psychische Störungen entstehen lassen. Beispiel: Schlaflosigkeit → Nervosität → Erschöpfung → sozialer Rückzug →Grübeln → weitere Schlafprobleme. - Offene Entwicklung und Stadien
Frühe Symptome sind unspezifisch und können sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Ein ängstlicher Jugendlicher kann später Depression, eine Angststörung, Sucht, Psychose oder gar keine Störung entwickeln. Frühe Diagnosen sind daher häufig unsicher. - Kontext und Lebensanforderungen zählen
Viele Probleme entstehen nicht aus einer «inneren Störung», sondern aus einem Missverhältnis zwischen individuellen Eigenschaften und äusseren Anforderungen. Beispiel: ADHS-Symptome werden erst unter hoher Belastung klinisch relevant. - Symptome haben eine Bedeutung und Funktion
Emotionen wie Angst oder Traurigkeit sind evolutionsbiologisch sinnvolle Signale, warnen beispielsweise vor Gefahren oder signalisieren notwendige Veränderungen. Sie können jedoch «fehlzünden» oder sich verselbstständigen. - Die Persönlichkeit prägt Ausprägung und Therapie
Hinter ähnlichen Symptomen können sehr unterschiedliche psychologische Dynamiken stehen, beispielsweise Verlustangst contra Selbstkritik. Deshalb benötigen Patientinnen und Patienten mit gleicher Diagnose oft unterschiedliche Behandlungsansätze.
Aftab warnt vor dem Zuweisen von Etiketten. In der Praxis würden Patientinnen und Patienten im Lauf ihres Lebens unterschiedliche Diagnosen erhalten – auch je nach Perspektive des Psychiaters oder der Psychologin.
Deshalb laute die ehrliche Antwort auf die Frage «Welche Störung habe ich wirklich?» oft: «Keine eindeutige – gleichzeitig mehrere, die teilweise zutreffen.»
Psychische Störungen sind häufig keine Krankheit
Es gibt kein definiertes psychisches Krankheitsbild, sondern nur Symptome, die das Leben eines Menschen beeinträchtigen, schrieb Peter C. Gøtzsche in seinem Buch «Tödliche Psychopharmaka». Diese Symptome seien ständig weiter gefasst worden, so dass man mehr Menschen auf Kosten der Krankenkassen Psychopharmaka verkaufen könne: «Stimmungsschwankungen kommen bei normalen Menschen oft vor. Die Pharmaindustrie nutzt diese Tatsache geschickt, um Ärzten einzureden, viele depressive Menschen hätten eine bipolare Störung.»
Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention, die für die öffentliche Gesundheit zuständig ist, stellte im Jahr 2010 fest, dass neun Prozent der befragten Erwachsenen die Kriterien für Depression erfüllen würden. Für die Definition einer Depression genügte es, wenn man in den vergangenen zwei Wochen acht Tage lang wenig Interesse oder Spass daran hatte, etwas zu tun. Dazu musste eines der folgenden Symptome kommen: Schlafstörung, Nervosität, Unruhe, Appetitlosigkeit oder – im Gegenteil – zu üppiges Essen. Gøtzsche hält dies für unvernünftig: «Wenn die Freundin mit ihm Schluss macht, fühlt sich ein Jugendlicher während der gesamten zwei Wochen mies, schläft schlecht und isst wenig oder zu viel.»
Angst wiederum sei in der Regel ein psychisches Problem. Eltern wüssten gut, wie man mit Angst von Kindern umgehe.
Den heute massiven Einsatz von Psychopharmaka nennt der Wissenschaftler «die schlimmste Arzneimittelepidemie aller Zeiten». Nicht nur das Einnehmen sei gefährlich, sondern auch das unsorgfältige und rasche Absetzen. Statt dass die Kassen so viele Psychopharmaka bezahlen, sollten sie mehr für Psychotherapien beitragen, forderte Gøtzsche.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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