Man suffering emotional pain

Oft überschneiden sich die Symptome: Bipolare Störung? Depression? Krankhafte Angst? © 142937881/Depositphotos

Für ADHS, Depression, Autismus gibt es keine klaren Diagnosen

upg. /  Selbst bipolare Störungen kann weder ein Gen- noch ein Bluttest feststellen, warnt ein auf Diagnosen spezialisierter Psychiater.

Alle diese Diagnosen beruhen auf Gesprächen, Beobachtungen und Einschätzungen darüber, ob Verhalten und Erleben einer Person zu einem bekannten Muster passen. Patientinnen und Patienten dürfen nicht davon ausgehen, dass ein Psychiater– ähnlich wie bei einer Infektion oder genetischen Krankheit – eine klar identifizierbare Störung im Gehirn «finden» kann. Für psychische Erkrankungen gibt es weder einen Gen- noch einen Bluttest. Das sagt Psychiater Awais Aftab, der sich auf psychiatrische Diagnosen spezialisiert hat.

Die Diagnosen, die im amerikanischen Handbuch DSM und der europäischen ICD-11 von der WHO definiert sind, dienen hauptsächlich dazu, dass Krankenkassen die Behandlungen zahlen müssen. «Die Diagnose-Definitionen in diesen Handbüchern sind unwissenschaftlich und willkürlich», schrieb Peter C. Gøtzsche in seinem 2016 erschienenen Buch «Tödliche Psychopharmaka».

In der «New York Times» zählte Aftab auf, was Patientinnen und Patienten wissen sollten:

  1. Grauzonen und Schwellenwerte
    Psychische Symptome sind unter der Bevölkerung ähnlich verteilt wie etwa Intelligenz oder Körpergrosse. Diagnosen sind Schwellenwerte in einem fliessenden Spektrum.
  2. Symptome verstärken sich gegenseitig
    Es sind selbst verstärkende Wechselwirkungen zwischen Symptomen, die psychische Störungen entstehen lassen. Beispiel: Schlaflosigkeit → Nervosität → Erschöpfung → sozialer Rückzug →Grübeln → weitere Schlafprobleme.
  3. Offene Entwicklung und Stadien
    Frühe Symptome sind unspezifisch und können sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Ein ängstlicher Jugendlicher kann später Depression, eine Angststörung, Sucht, Psychose oder gar keine Störung entwickeln. Frühe Diagnosen sind daher häufig unsicher.
  4. Kontext und Lebensanforderungen zählen
    Viele Probleme entstehen nicht aus einer «inneren Störung», sondern aus einem Missverhältnis zwischen individuellen Eigenschaften und äusseren Anforderungen. Beispiel: ADHS-Symptome werden erst unter hoher Belastung klinisch relevant.
  5. Symptome haben eine Bedeutung und Funktion
    Emotionen wie Angst oder Traurigkeit sind evolutionsbiologisch sinnvolle Signale, warnen beispielsweise vor Gefahren oder signalisieren notwendige Veränderungen. Sie können jedoch «fehlzünden» oder sich verselbstständigen.
  6. Die Persönlichkeit prägt Ausprägung und Therapie
    Hinter ähnlichen Symptomen können sehr unterschiedliche psychologische Dynamiken stehen, beispielsweise Verlustangst contra Selbstkritik. Deshalb benötigen Patientinnen und Patienten mit gleicher Diagnose oft unterschiedliche Behandlungsansätze.

Aftab warnt vor dem Zuweisen von Etiketten. In der Praxis würden Patientinnen und Patienten im Lauf ihres Lebens unterschiedliche Diagnosen erhalten – auch je nach Perspektive des Psychiaters oder der Psychologin.

Deshalb laute die ehrliche Antwort auf die Frage «Welche Störung habe ich wirklich?» oft: «Keine eindeutige – gleichzeitig mehrere, die teilweise zutreffen.»

Psychische Störungen sind häufig keine Krankheit

Es gibt kein definiertes psychisches Krankheitsbild, sondern nur Symptome, die das Leben eines Menschen beeinträchtigen, schrieb Peter C. Gøtzsche in seinem Buch «Tödliche Psychopharmaka». Diese Symptome seien ständig weiter gefasst worden, so dass man mehr Menschen auf Kosten der Krankenkassen Psychopharmaka verkaufen könne: «Stimmungsschwankungen kommen bei normalen Menschen oft vor. Die Pharmaindustrie nutzt diese Tatsache geschickt, um Ärzten einzureden, viele depressive Menschen hätten eine bipolare Störung.» 

Die US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention, die für die öffentliche Gesundheit zuständig ist, stellte im Jahr 2010 fest, dass neun Prozent der befragten Erwachsenen die Kriterien für Depression erfüllen würden. Für die Definition einer Depression genügte es, wenn man in den vergangenen zwei Wochen acht Tage lang wenig Interesse oder Spass daran hatte, etwas zu tun. Dazu musste eines der folgenden Symptome kommen: Schlafstörung, Nervosität, Unruhe, Appetitlosigkeit oder – im Gegenteil – zu üppiges Essen. Gøtzsche hält dies für unvernünftig: «Wenn die Freundin mit ihm Schluss macht, fühlt sich ein Jugendlicher während der gesamten zwei Wochen mies, schläft schlecht und isst wenig oder zu viel.»

Angst wiederum sei in der Regel ein psychisches Problem. Eltern wüssten gut, wie man mit Angst von Kindern umgehe.

Den heute massiven Einsatz von Psychopharmaka nennt der Wissenschaftler «die schlimmste Arzneimittelepidemie aller Zeiten». Nicht nur das Einnehmen sei gefährlich, sondern auch das unsorgfältige und rasche Absetzen. Statt dass die Kassen so viele Psychopharmaka bezahlen, sollten sie mehr für Psychotherapien beitragen, forderte Gøtzsche.

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7 Meinungen

  • am 27.05.2026 um 11:35 Uhr
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    Es ist mir wichtig zu ergänzen, dass viele Symptome auch auf eine komplexe Posttraumatische Belastungsstörung oder eine Posttraumatische Belastungsstörung zutreffen. Dabei handelt es sich nicht um eine «Störung» der Betroffenen, sondern um eine gesunde Reaktion der Psyche auf Gewalt im Aussen. Traumata gibt es durch physische aber eben auch durch psychische Gewalt (z.B. Mobbing am Arbeitsplatz, Abwertungen durch den Partner, systemische Gewalt durch Institutionen etc.), was leicht zu übersehen ist, insbesondere von den Betroffenen selber. Traumata kann man nicht mit Reden lösen, der Körper muss dazu zwingend einbezogen werden. Fehldiagnosen haben schwerwiegende Folgen.

  • am 27.05.2026 um 13:35 Uhr
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    Der Begriff «Diagnose» sollte auf physisch nachweisbare Störungen beschränkt bleiben. Psychische Störungen, wenn sie sich nicht physisch manifestiert haben, sollten nicht dem Diagnosebegriff zugeordnet werden. Sie sind lediglich Beschreibungen ohne physische Entsprechungen. Es stellt sich hier die Frage, wo Inhalte des Bewusstseins bzw. des Unterbewusstseins gespeichert werden. So wie zB Wasser einen feststofflichen, einen flüssigen und einen gasförmigen Schwingungsbereich aufweist, so kann die Psyche und das Bewusstsein/Unterbewusstsein Schwingungsbereichen zugeordnet werden, die für die gegenwärtige Wissenschaft noch nicht nachweisbar, d.h. noch nicht diagnostizierbar sind. Auf jeden Fall sollte man bei psychischen Störungen nicht von Diagnosen reden, sondern vielleicht von Bewusstseinsstörungen, die durch richtiges Denken (Verstand und Vernunft) korrigiert werden können, nicht aber mittels Psychopharmaka.

    • am 29.05.2026 um 18:21 Uhr
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      Das ist ein guter Ansatz.

  • am 28.05.2026 um 06:38 Uhr
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    Es ist soweit ich verstanden habe mittlerweile auch klar, dass Menschen die Antidepressiva einnehmen ohne wirklich eine Depression zu haben sogar gegenteilig reagieren und stärker zu Suizid neigen.
    Noch schlimmer finde ich allerdings das Verhalten vieler Schulen/Lehrer: Lehrer stellen „Diagnosen“, meist ADHS. Ritalin wird dann schneller verschrieben als ich ein Glas Bier bestellen kann. Mit gravierenden Folgen. Mir wurde unter vorgehaltener Hand gesagt, am einfachsten wäre es doch, wenn gleich die ganze Klasse Ritalin einnehmen würde, dann würden ja alle die ADHS haben mit behandelt und das hätten sowieso die meisten. Wehre ich mich dagegen, handle ich gegen das Wohl des Kindes. Das ist tragisch.
    Es geht um viel zu viel Geld. Ein Raubzug an der Gesellschaft, seit mehreren Jahrzehnten!

    • am 29.05.2026 um 21:34 Uhr
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      Ich muss präzisieren: mir ist keine Lehrerin und kein Lehrer bekannt (und ich kenne viele), die Diagnosen erstellen. Höchstens beobachten sie Auffälligkeiten und empfehlen zu einer Abklärung. Auch können und dürfen Lehrerinnen und Lehrer keine Rezepte ausstellen oder Medikamente verschreiben. Diagnosen erstellen z.B. Schulpsychologinnen und -psychologen oder Psychiater. Diese können auch Rezepte ausstellen. Und es entscheiden alleine die Eltern, ob sie ihrem Kind Medikamente geben wollen (ich gebe zu, da wird teilweise ziemlich Druck aufgebaut, was ich verwerflich finde). Mir sind durchaus einige Lehrerinnen und Lehrer bekannt, die gegenüber erwähnten Medikamenten auch skeptisch sind und Eltern unterstützen und stärken, die ihren Kindern keine Medis geben möchten.

  • am 28.05.2026 um 09:55 Uhr
    Permalink

    Ich finde es gut, wenn ein Psychiater die grassierende Unwissenschaftlichkeit in der Psychiatrie und die Machenschaften der Pharmaindustrie beschreibt. Es sollte mehrere solche geben.

    • am 29.05.2026 um 18:23 Uhr
      Permalink

      yep!

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