Kommentar
Die Uni, von allen Seiten gerettet
Es ist eine dieser Wochen, in denen eine Institution das seltene Kunststück vollbringt, von allen Seiten gleichzeitig angegriffen zu werden – was entweder bedeutet, dass sie versagt hat, oder dass sie als einzige noch weiss, wozu sie eigentlich da ist.
Die Universität Zürich, Flaggschiff des helvetischen Geisteslebens, steht unter Beschuss. Von links: Roger Köppel, ehemaliger Nationalrat, Chefredaktor der «Weltwoche», hat sich selbst eingeladen, um mit Studierenden zu debattieren. Der Studierendenverband VSUZH heisst ihn diese Woche willkommen. Das kritische Stadtmedium Tsüri.ch findet das in seinem Newsletter «problematisch», jenes Modewort, das so tut, als ob es ein Argument wäre, und es einem erspart, eines zu liefern.
Von rechts: Zwei Professorinnen organisieren heute Montag ein Podium zur «Nachhaltigkeitsinitiative», zu dem ausnahmslos Gegnerinnen und Gegner der Vorlage geladen sind, moderiert von einem WOZ-Redaktor, der in seiner Zeitung soeben selbst eine Kampagne gegen diese Initiative lanciert hat, eine Konstellation, die man, wäre sie Fiktion, womöglich als zu wenig subtil zurückweisen würde. Inside Paradeplatz findet das skandalös.
Beide Medien ziehen aus der Sache den Schluss, ohne ihn je so zu formulieren: dass Redefreiheit dort endet, wo die falsche Person zu reden beginnt. Es ist das bekannte Muster politischer Debatten der letzten zwanzig Jahre.
Ein langer Abend
Beginnen wir mit einer Frage, die so grundlegend ist, dass sie offenbar niemand mehr für nötig hält: Was ist ein Podium? Es ist kein Tribunal. Es ist keine Volksabstimmung. Es ist ein Raum mit Stühlen, einem Mikrofon und einer Uhrzeit, zu der man erscheinen oder nicht erscheinen kann. Eine Entscheidung, die in einer Demokratie der Einzelnen und dem Einzelnen überlassen bleibt, ohne dass darüber in den Medien Trauer geäussert werden müsste. Ein Podium, das «Debate a politician» heisst und Roger Köppel einlädt, ist kein Angriff auf die Demokratie. Es ist ein Abend mit Roger Köppel. Die Schweiz hat Schlimmeres überlebt. Zum Beispiel die Entlassung von Patrick Fischer.
Ein Podium, das «Fragwürdige Framings» heisst und ausschliesslich Menschen einlädt, für die der Titel bereits die Antwort enthält, ist kein Skandal. Es ist jene ehrwürdige, traditionsreiche akademische Veranstaltungsform, wo es Apéro gibt und man am Ende so denkt wie vorher, nur gesättigter. Auch das ist in einer Demokratie glücklicherweise erlaubt. Die Meinungsfreiheit war zudem auch nie davon abhängig, dass die Meinungen überraschend sind.
Aber darf denn eine Professorin universitäre Infrastruktur für eine einseitige Veranstaltung nutzen, wie Inside Paradeplatz das kritisiert? Natürlich darf sie das. Ein Podium mit sechs Personen derselben Überzeugung ist kein institutionelles Versagen. Es ist höchstens ein sehr langer Abend.
Das Urteil steht bereits fest
Was bemerkenswert ist: Tsüri.ch legt nahe, Köppels Auftritt schade der demokratischen Debatte bereits durch seine blosse Existenz: «Egal, wie und in welcher Form ‹Debate a politician› schliesslich stattfinden wird, der VSUZH hat der demokratischen Debatte bereits jetzt einen schlechten Dienst erwiesen.»
Inside Paradeplatz wiederum lässt einen anonymen «Insider» auftreten, der sagt, die UZH verletze ihren eigenen Ethikgrundsatz, wonach Studierende sich frei von «ideologischen Einflussnahmen» entfalten sollen. Dass dieser Satz von jemandem stammt, der anonym bleibt, ist vielleicht das Eleganteste an der ganzen Angelegenheit.
Beide Medien ziehen aus der Sache den Schluss, dass Redefreiheit dort endet, wo die falsche Person zu reden beginnt. Es ist das bekannte Muster politischer Debatten der letzten zwanzig Jahre. Das aber ist keine Debattenkultur, sondern ihre Negation.
Prinzipien gelten, wenn es wehtut
Die ACLU – jene amerikanische Bürgerrechtsorganisation, die einst die Redefreiheit von Neonazis vor Gericht verteidigte, weil Prinzipien eben dann gelten müssen, wenn es wehtut – hat das schöner formuliert, als es hier möglich wäre: «Wie sehr wir das Recht auf freie Meinungsäusserung schätzen, zeigt sich am deutlichsten, wenn der Redner jemand ist, mit dem wir überhaupt nicht einer Meinung sind.» Man kann diesen Satz auswendig lernen. Man kann ihn an die Wand hängen. Man kann ihn, wenn man möchte, auch ignorieren. Das scheint momentan leider die beliebteste Option zu sein.
Man wünschte sich, Tsüri.ch würde schreiben: «Geht hin, stellt die schwierigen Fragen, lasst Köppel nicht unwidersprochen stehen.» Man wünschte sich, Inside Paradeplatz würde schreiben: «Ein einseitiges Podium ist ein einseitiges Podium, kein Staatsstreich.» Beide schreiben das nicht. Beide haben ihre Gründe, und beide Gründe sind, bei näherer Betrachtung, dieselben.
Was beide Seiten der Universität vorwerfen, ist nicht Versagen, sondern Gastfreundschaft gegenüber den Falschen, wobei «die Falschen» in beiden Fällen jene sind, die man selbst nicht eingeladen hätte. Das ist eine Kritik, die man, wenn man sie konsequent zu Ende denkt, lieber nicht zu Ende denkt.
Tsüri.ch tröstet sich mit dem Hinweis, es gäbe in der SVP geeignetere Gäste, ohne Namen zu nennen, was klug ist, denn ein Name würde die Frage aufwerfen, nach welchen Kriterien er oder sie denn wirklich geeigneter wäre. Inside Paradeplatz empört sich über Aktivistinnen im Tarnmantel der Wissenschaft, als wäre die Wissenschaft ein Mantel, den man nur mit Genehmigung einer Redaktion tragen darf.
PS: Inzwischen hat auch die SVP Zürich «politische Indoktrination» an der Universität gewittert. Die UZH-Pressestelle bat die Veranstalterinnen daraufhin, bis Montagmorgen schriftlich zu bestätigen, dass ihr Podium dem Code of Conduct entspreche, ein Dokument, das «ausgewogene Debatten», «Meinungsfreiheit» und «Akzeptanz unterschiedlicher Positionen» im selben Absatz als gleichwertige Grundsätze nennt. Das einseitige Podium: Geht nicht. Aber auch: Geht sehr wohl. Ein Ein-Mann-Podium wie mit Köppel: Geht selbstverständlich. Aber auch: Geht gar nicht. Ein Unentschieden in Prosa. Lektüre des Dokuments für alle Beteiligten empfohlen, wobei zu befürchten ist, dass jede Seite es bereits gelesen und für sich gewonnen hat. Dazwischen die Universität, dieses alte, wunderlich geduldige Konzept, das sich seit Jahrhunderten einbildet, ihr eigentliches Geschäft sei der Widerspruch.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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