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Der wöchentliche Newsletter des «Schweizer Monat», herausgegeben von Giuseppe Gracia, ehemals Sprecher des Churer Bischofs. © Newsletter Schweizer Monat

Der «Schweizer Monat» und der Grosse Austausch

Daniel Ryser /  Wie eine rechtsextreme Verschwörungserzählung die bürgerliche Mitte erreicht.

Giuseppe Gracia gibt seit Kurzem den «Schweizer Monat» heraus, ein Magazin mit liberaler Tradition. Gracia selbst ist kein Liberaler. Zehn Jahre Sprecher des ultrakonservativen Churer Bischofs Vitus Huonder, bekennender Abtreibungsgegner, Autor bei der Achse des Guten, einem deutschsprachigen Meinungsportal, das sich als liberal versteht und regelmässig rechtspopulistische Positionen vertritt. Den wöchentlichen Newsletter seines Magazins nennt der Mann, der ein Jahrzehnt lang Gottes Stellvertreter auf Erden verteidigte, «Advocatus Diaboli».

2021 trat er aus der Landeskirche aus, bekannte sich zu liberalen Grundwerten, zur Trennung von Kirche und Staat. Gracia ist ein Mann der rechtskonservativen Deutschschweiz, der seinen Ton im «Schweizer Monat» so sorgfältig pflegt – gemässigt, besorgt, um Ausgewogenheit bemüht –, dass man fast überlesen könnte, wem er sich da in seinem aktuellen Newsletter zur 10-Millionen-Schweiz bedient.

«Die linke Politik basiert auf der Vorstellung, es gebe eine moralische Pflicht, Ausländer mitsamt Familiennachzug ohne Vorleistung ins Sozialsystem aufzunehmen», schreibt Garcia. «Migration wird so zum Geschäftsmodell eines sozialistischen Versorgungsstaates, dessen Funktionäre sich auf Kosten der Allgemeinheit als Gutmenschen aufspielen und glauben, Ausländer als neue SP-Wähler zu gewinnen.»

Der Masterplan

Die Linke importiert Wähler, der Sozialstaat ist das Lockmittel, die Einwanderer sind das Instrument: Hinter der Migration steckt kein Wandel, sondern ein Plan. Es ist eine Verschwörungserzählung in drei Sätzen, aufgeschrieben in der ruhigen Sprache eines liberalen Herausgebers. Und es ist, Wort für Wort, der Kern der rechtsextremen Verschwörungstheorie des Grossen Austauschs.

Der Begriff stammt von Renaud Camus, einem französischen Schriftsteller, der 2011 beschrieb, wie das angestammte europäische Volk durch Einwanderung verdrängt werde, nicht zufällig, sondern planmässig. Die «politische Klasse» betreibe diesen Austausch absichtsvoll. Die Linke umgarne Einwanderer, versorge sie mit Rechten und Sozialleistungen, um sie als neue Wähler zu gewinnen.

Die Loyalität der Linken zur eingewanderten Bevölkerung, schreibt Camus in «Revolte gegen den Grossen Austausch», sei «nichts anderes als eine provisorische Notlösung», die andauern werde, bis ihre Schützlinge «zahlreich und stark genug sein werden, um die linke Schützenhilfe hinter sich zu lassen, und die Führung des Landes selbst in die Hand zu nehmen».

Der Begriff reiste von französischen Intellektuellenzirkeln über Telegram-Kanäle um die Welt. In Christchurch 2019 benannte ein Attentäter, der 51 Menschen in zwei Moscheen erschoss, sein Manifest danach.

Demographie als Waffe

Was diese Erzählung wirkmächtig macht: Sie beginnt mit etwas Wahrem. Parteien verändern ihre Wählerkoalitionen. Der französische Thinktank Terra Nova empfahl der Sozialistischen Partei bereits 2012, die Arbeiterklasse aufzugeben und auf Einwandererfamilien zu setzen, und Jean-Luc Mélenchon von La France Insoumise mobilisiert derzeit die Banlieues über seinen Anti-Israel-Kurs. Aber dann kommt der entscheidende Schritt: Aus einer politischen Verschiebung wird ein Plan. Aus Arithmetik wird Demographie als Waffe. Einwanderer sind keine Menschen mehr mit individuellen Geschichten, Träumen, Hoffnungen, Positionen, sondern ein homogener Block, reine Funktionen in einem Austauschmechanismus.

Gracia vollzieht denselben Schritt und bietet dann eine liberale Lösung an – wer arbeitet, darf kommen, wer zehn Jahre einzahlt, darf bleiben – und steht als Mittler da. Die Prämisse aber bleibt im Raum, unwidersprochen, weil sie nie explizit gemacht wurde. Das ist die Methode: Die Bombe zünden, dann Feuerwehr spielen. Ein Mann, der jahrzehntelang gelernt hat, unliebsame Positionen elegant zu verpacken, weiss, was er tut.

Camus hat eine Erzählstruktur gebaut, die man wiederholen kann, ohne sie zu kennen. Das ist seine eigentliche Leistung: kein Buchtitel mehr, sondern ein Deutungsmuster, das in unzähligen Varianten zirkuliert – in Telegram-Kanälen und bürgerlichen Newsletters, mit Fackeln und ohne.

Gracia will eine liberale Migrationspolitik. Er hat die Prämisse übernommen, gegen die er zu schreiben vorgibt.


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