Glosse
Unsicherer Ausgang: Eine Zugreise in Deutschland
Am 3.Mai bin ich von Zürich nach Deutschland gefahren. An einen Ort namens Müden an der Mosel. Die Fahrt sollte gemäss Fahrplan rund sechs Stunden dauern. Sie dauerte elf Stunden. Ich kam müde nach Müden. Es ging über Köln nach Koblenz und dann an die Mosel. Von Zürich über Köln nach Koblenz fahren ist etwa so wie von Zürich über Bern nach St. Gallen fahren. Es fällt unter die Kategorie Schwabenstreiche und ist erklärungsbedürftig. Aber der Reihe nach.
Die erste Überraschung kam schon in Basel. Der Zug stand lange still, bis eine Durchsage ertönte: «Sehr geehrte Fahrgäste, wir können leider nicht weiterfahren. Der Grund ist ein Personalproblem.»
Nach einer halben Stunde erneut die Durchsage des Zugchefs, die Stimmband-Strapazierung liess auf den Faktor «not amused» schliessen: «Wir bitten um Entschuldigung für den Aufenthalt. Schuld ist die Deutsche Bahn wegen fehlerhafter Personal-Disponierung.» Vermutlich warteten der Schweizer Lokführer und die Zugbegleiter vergeblich auf ihre Ablösung.

Als der Zug endlich in Bewegung kommt, frage ich die deutsche Schaffnerin, wie es nun weitergehen soll, da mein Anschluss in Mannheim weg ist. Die Frau ist im überfüllten Zug gestresst, findet aber Zeit, mir im Weggehen zuzurufen: «Nehmen Sie den Intercity nach Hamburg, der ist hinter uns.» In Mannheim sehe ich auf der Anzeigetafel zwei Züge nach Hamburg: auf dem rechten Gleis einer nach Hamburg Hauptbahnhof und links einer nach Hamburg Altona. Eine Angestellte der Deutschen Bahn, die von gestrandeten Passagieren belagert wird, frage ich, welches mein Zug ist: «Nehmen Sie den nach Hamburg Altona, der andere fährt über Kassel.»
Hinlänglich beruhigt steige ich in den Zug nach Hamburg Altona und werde kurz darauf von der Zugbegleiterin gefragt: «Wo wollen Sie denn aussteigen?» «In Koblenz.» «Der Zug hält aber nicht in Koblenz.» Die Frau nimmt sich einigermassen feinfühlig meiner einsetzenden Traurigkeit an und erklärt nach langem Suchen in Fahrplänen: «Das sieht nicht gut aus für Sie. Das Kürzeste, was ich finden kann, wäre, dass Sie bis Köln mitfahren und dann mit dem Regionalzug auf der Rheinstrecke zurück nach Koblenz.»

Auf dem Bahnsteig in Köln herrscht an diesem Sonntagnachmittag Hauen und Stechen. Man hat den Eindruck, wer hier umfällt, wird von dem Menschenstrom platt gemacht. Über allem wacht dunkel und schweigsam der alte Riese: Der Kölner Dom steht direkt beim Hauptbahnhof. Der Bau der gotischen Kathedrale wurde 1248 begonnen und dauerte mehrere Jahrhunderte. Am Ende des Zweiten Weltkrieges war der Dom völlig unversehrt in den Ruinen der zerstörten Stadt stehen geblieben. Das gewaltige Monument erhebt sich über dem Menschengewühl des Bahnhofs. Da steht mehr als ein halbes Jahrtausend der Langsamkeit und Unerschütterlichkeit. Das hilft mir ein wenig, das Display der Bahnhofsanzeige zu ertragen: «Der Regionalzug nach Koblenz fällt aus.»
Eine Stunde später sitze ich im nächsten Zug nach Koblenz, welcher in jedem der vielen Dörfer am Rhein hält und lange braucht, bis schliesslich bei der Einfahrt nach Koblenz der Lautsprecher ertönt: «Ihre nächsten Anschlüsse: DB-Regio nach Trier über Bullay. Abfahrt wahrscheinlich um siebzehn Uhr fünfunddreissig.»
Dass ein Zug «wahrscheinlich» fahren wird, würde bei den Quechua sprechenden Marktfrauen am Titicaca-See kaum Erstaunen auslösen. Die Hühner, die sie in ihren Körben haben, kennen keine Bahnhofsuhren. Hier aber, am Zusammenfluss von Rhein und Mosel, wo Kaiser Wilhelm am Nationaldenkmal Deutsches Eck hoch zu Ross Preussens Gloria statuiert, scheint mir diese Ansage, sagen wir mal: «nicht sehr preussisch korrekt». Aber keiner meiner Mitreisenden verzieht eine Miene. Fünf Minuten später ahne ich den Grund. Ich sehe Velofahrer mit Gepäck, die einen DB-Beamten fragen, weswegen sie zurückgehalten werden. Der Mann sagt: «Wegen Überfüllung.»

Der Zug nach Trier ist Schauplatz von Ringkämpfen an den Eingängen. Der Zug ist zum Bersten voll, und einige Leute versuchen, mit brachialer Gewalt einzudringen. Ein Mann brüllt mich an: «Dat is voll hier. Hier jeht keiner mehr rein.» Als ich ohne ernst zu nehmende Blessuren einen Stehplatz erkämpft habe, ertönt die Durchsage: «Sehr geehrte Fahrgäste, infolge von Bauarbeiten kann der Zug nicht abfahren. Wir müssen uns 40 Minuten gedulden. Wir bitten Sie um Verständnis.» Eine Frau sagt: «Dat is jez hier so in Deutschland.» Ich erfahre, dass an diesem Nachmittag alle Züge nach Trier ausgefallen sind. Wegen Bauarbeiten. Kein Sonderzug nach Trier, könnte Udo Lindenberg singen, kein Treffen mit Charly.
Der alte Charly Marx aus Trier würde noch im Grabe den Kopf schütteln, könnte man ihm berichten, was die Deutsche Bahn heutzutage anstellt. Im 19. Jahrhundert war die Eisenbahn Synonym für Fortschritt durch Geschwindigkeit. Die Lokomotive war von Marx bis Engels ein Sinnbild der gesellschaftlichen Reise der Menschheit in eine bessere Zukunft. Aber schon in den dreissiger Jahren formulierte der Philosoph Walter Benjamin eine radikale Abkehr vom klassischen Geschichtsoptimismus. Er wendet sich gegen die Vorstellung, der historische Fortschritt sei ein unaufhaltsamer, linearer Zug, an dessen Spitze die Revolution als «Lokomotive» fungiert.

«Aber vielleicht ist es gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des im Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.» Für Benjamin ist das stetige «Weiter so» der Geschichte kein Fortschritt, sondern eine kontinuierliche Katastrophe, da sie auf der Ausbeutung von Mensch und Natur sowie dem Leiden der Unterdrückten beruht. Stattdessen begreift Benjamin die Revolution als dringend notwendige Unterbrechung, um das Abgleiten in den Abgrund zu verhindern.
Eine der Durchsagen auf meiner Zugreise lautete: «Bitte achten Sie beim Aussteigen auf den Höhenunterschied zwischen Zug und Bahnsteig.» Ein böswilliger Journalist könnte behaupten, der Satz sei eine verkappte Formel für den Höhenunterschied zwischen dem Fahrplan der Deutschen Bahn und der Realität. Aber genau in der Wahrnehmung dieses Höhenunterschiedes liegt vielleicht eine Chance. Wer auf dem harten Boden der Realität landet, hat etwas gelernt. Vielleicht lernen wir fürs Leben mehr aus Rückschlägen als aus Erfolgen. Heute lehrt uns die Deutsche Bahn unfreiwillig Entschleunigung, so sarkastisch es auch klingen mag. Die chronische «Verspätung» kann uns gemahnen, innezuhalten und einen möglicherweise unkontrollierbaren technischen Fortschritt zu hinterfragen.
Gelassenheit war ein wichtiges Ziel der antiken stoischen Philosophie. Stoiker wie Mark Aurel, der römische «Philosoph auf dem Kaiserthron» (121-180 n. Chr.). wollten sich zu Gelassenheit und innerer Unabhängigkeit erziehen. Die Stoiker lehren, es gelte im Leben zu unterscheiden, was man beeinflussen kann und was nicht. Man muss erkennen, dass man selbst Herr über seine Gedanken und Gefühle ist. Mit dieser Freiheit und Selbstverantwortung erhält man einen neuen Blick auf die Welt und das eigene Leben und lernt, mit schwierigen Situationen besser umzugehen. «There is a crack in everything, that’s where the light gets in», sang Leonard Cohen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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