So erlangt Google endgültig Hoheit über unsere Mobiltelefone
Red. Unter dem Pseudonym G. Schwarzschild schreibt ein:e IT-Expert:in und Entwickler:in freier Software. Das Pseudonym dient sowohl dazu, ehrlich und klar Kritik zu äussern, als auch frei von den Interessen der Arbeits- und Auftraggebenden Tatsachen und Meinungen wiederzugeben. Die Person ist der Redaktion bekannt.
Im August 2025 kündigte Google an, neue Sicherheitsmassnahmen für zertifizierte Android-Geräte einzuführen. Das betrifft vor allem Smartphones und Tablets. Google betont zwar, dass auch künftig Programme ausserhalb ihres Play-Stores vertrieben werden könnten — dies entspreche ihrem Verständnis eines offenen Systems. Doch Google will die Quellen dieser Programme kontrollieren. Die Urheber von Android-Apps müssen deshalb bei Google mit offiziellen Dokumenten registriert sein. Die neuen Regeln sollen ab Herbst 2026 in ersten Regionen gelten und ab 2027 alle derzeit etwa 3,9 Milliarden Android-Geräte weltweit betreffen.
Bisher können Apps, die nicht von Google stammen, relativ einfach auf Android-Geräten installiert werden: Beim ersten Klick wird die Installation von solchen Apps – ob selbstgebaut, im Internet gefunden oder durch Bekannte via Messenger verteilt – zwar verhindert, doch dann wird man dazu aufgefordert die Installation der App in einem speziellen Menu zu erlauben. Beim nächsten Versuch gelingt es dann.
Unter dem Vorwand, die auf die Fahne geschriebene Offenheit mit Sicherheit ausgleichen zu müssen, erschwert Google künftig die Installation von Software auf zwei Dritteln der mobilen Geräten weltweit ungemein. Der Konzern stützt sich dabei auf eine nicht weiter belegte Behauptung, nämlich, dass der Konzern in Apps aus dem Internet 50-mal mehr Schadsoftware gefunden habe als in den Apps, die Google in seinem Play-Store verbreitet.
Neu sollen alle Nutzer und Nutzerinnen eine neun Schritte umfassender Prozedur absolvieren, um ihre Entwicklereinstellungen zu aktivieren und dann eine 24-stündige «Abkühlperiode» abwarten, die der Abwehr von Betrügern dienen soll. So zementiert der Techgigant endgültig seine Vormachtstellung auf der eigenen, ursprünglich als offene Alternative zu Apples iOS-Betriebssystem vermarkteten Plattform. Die Wahl liegt also künftig zwischen Teufel und Beelzebub, deren Hauptsitze bloss eine Viertelstunde Autofahrt auseinanderliegen.
Die grundlegende Frage: Wem gehört ein gekauftes Gerät?
Oberflächlich betrachtet betrifft die Neuerung lediglich schlechter betuchte Entwickler und deren Apps, also Studentinnen, Hobby-Entwickler und allenfalls Entwicklerinnen aus den Peripherien der kapitalistischen Zentren, welche sich die anfallenden Gebühren nicht leisten können.
Doch es geht auch um die grundsätzliche Frage: Wem gehört ein Gerät? Früher war dies einfach zu beantworten: Wer ein Objekt erwarb, dem gehörte dieses auch. Ob Hammer, Pfanne, Akkuschrauber, Kühlschrank, Toaster oder Computer, einer Besitzerschaft stand es grundsätzlich frei, die Geräte wie von der Herstellerin vorgesehen zu nutzen, oder nach eigenem Gutdünken zu verwenden, verändern oder anpassen zu lassen. Was im Kühlschrank gekühlt, was im Toaster getoastet und wozu die Drehung des Akkuschraubers wie lange genutzt wird, ging ausser die Nutzenden niemanden etwas an.
Mit den digitalen Geräten ist dies anders. Computer waren einmal einfach Werkzeuge, welche brav den Programmcode hinunter ratterten, den ihre Nutzer ausführen wollten. Apple und Microsoft haben den Weg in jene Zukunft geebnet, in welcher unsere digitalen, allgegenwärtigen Werkzeuge lediglich noch ferngesteuerte Endgeräte sind. Ob unerwünschte Softwareupdates, neue «Features» die niemand braucht oder möchte: längst haben wir uns daran gewöhnt, dass uns unsere Geräte «zu unserem Schutz» im Zweifelsfall nicht gehorchen.
Die essenzielle Infrastruktur unseres Lebens
Unser Problem ist, dass wir unsere Begegnungen mit der digitalen Welt als Konsumerfahrungen wahrnehmen. Dabei nutzen wir mit unseren digitalen Werkzeugen essenzielle Infrastruktur unseres modernen Lebens. Allen ist klar, dass das Bestreiten eines Alltags ohne digitale Begleiter geradezu unmöglich ist. Und trotzdem tun wir so, als müsste die Herrschaft über die Geräte natürlicherweise bei den US-amerikanischen Konzernen liegen. Selbstverständlich würden Strombetreiber vom Markt verbannt, die sich anmassten mitzubestimmen, wofür der Strom gebraucht werden soll. Ohne, dass irgendjemand dies in Frage zu stellen wagte, unterstellen wir die Versorger unserer Mobilitätsbedürfnisse essenzieller Regulierung zum Schutz der Bevölkerung. Doch in digitalen Angelegenheiten scheint dies anders.
Die Diskussionen um die Neuerung drehen sich in Tech-Kreisen vor allem darum, dass Google seine einst selbst geschaffene Vormachtstellung verliert im Markt der Geräte, welche sich von ihren Nutzern und Nutzerinnen kontrollieren lassen. Doch der gesellschaftliche Diskurs müsste sich grundlegenderer Themen annehmen. Mit der Neuerung droht nämlich ein System verloren zu gehen, welches von Unternehmen oder Staaten nach eigenen Bedürfnissen konfiguriert und erweitert werden kann, ohne von einem kalifornischen Tech-Giganten gesteuert zu werden. Was Google bei dieser Neuerung bewusst weg lässt: Ist die neue Regelung erst einmal in Kraft, ist es allein an Google, über die Möglichkeit zu bestimmen, ob eine App ausgeführt werden darf. Das Tor zur Zensur ist geöffnet.
Soll Google nicht von der geplanten Verschärfung absehen, sind die Möglichkeiten an einer Hand abzählbar. Da die wenigsten Nutzer und Nutzerinnen selber so genannte Android Package Kits (AKP) zur Installation von Apps verwenden, werden sie auch keine Veränderung bemerken. Auch wer keine quelloffene Software nutzt, wie sie zum Beispiel durch F-Droid vertrieben wird, ist nicht direkt betroffen.
Android-Derivate erlauben auch andere Software
Ist man aber — aus welchen Gründen auch immer — auf die gemeinschaftliche Nutzung solcher Apps angewiesen, möchte man zum Beispiel die quelloffene Version von Threema oder Telegram nutzen oder will man sich von der potenziellen Zensurinstanz Google befreien, hilft nur der Schritt weg von den zertifizierten hin zu Android-Derivaten. Diese erlauben auch in Zukunft die Nutzung von Software, die nicht durch Google zertifiziert ist. Dies bedeutet allerdings eine grobe Einschränkung bei der Auswahl der Geräte, denn nicht alle Android-Derivate laufen auf allen Smartphones. Es braucht ausserdem eine gewisse Erfahrung, die man sich entweder selbst aneignen muss oder die von Freunden, Bekannten und IT-Experten erbracht wird.
Wirkliche Alternativen bieten sich also kaum. Google wagt den Rundumschlag gegen die Entwicklerinnen und Nutzenden von Freier und Open-Source-Software und tut dies unter dem Deckmantel von Sicherheit. Dabei dürfte inzwischen allen klar sein, dass quelloffene Software, gerade wenn sie durch freie Lizenzen unabhängige Erweiterungen und Derivate explizit erlaubt, die sicherste und nachhaltigste Lösung ist. Freie Software hat die Welt in jedem Segment erobert, welches lange genug auf dem Markt ist, damit die Heerscharen von freiwilligen Entwickler anfängliche Marktvorteile der proprietären Softwarefirmen wett machen konnten. Sie ist das nachhaltige Rezept für sichere, unabhängige Infrastruktur und gegen Elektroschrott — beides wird immer wichtiger.
Spielregeln oder Verbote
In einer halbwegs funktionierenden Welt gäbe es noch eine weitere Möglichkeit. Einerseits könnten Gesetzgeber festlegen, dass solche Praktiken — also ans Internet angeschlossene zu Geräte verkaufen, welche zentral von internationalen Grosskonzernen gesteuert werden — eine Gefahr für die nationale Sicherheit darstellen und jeglicher Marktlogik widersprechen. Folgerichtig müssten sie entweder Spielregeln dafür festlegen oder solche Praktiken ganz verbieten. Andererseits müssten wir auf gesellschaftlicher Ebene die Dringlichkeit anerkennen, mit welcher unser Leben vom intellektuellen Eigentum des Silicon Valleys abhängt und präventiv nachhaltig in Alternativen investieren. Denn diese existieren und sind bereit, auch massenhaft genutzt zu werden. Sie benötigten aber teilweise Anpassungen an Kontexte und Bedürfnisse und — um denn tatsächlich Sicherheit zu garantieren — unabhängige Sicherheitsprüfungen.
Alternative Software-Vertriebe wehren sich
F-Droid und zahlreiche weitere Vertreiber von alternativen Open-Source-Programmen fürchten um ihre Existenz, wenn Google die Apps von nicht-registrierten Entwicklern auf allen Android-Geräten sperrt. Sie rufen zum Widerstand auf und haben gemeinsam die Initiative Keep Android Open gestartet. Deren Botschaft lautet: «Dein Handy wird bald nicht mehr dir gehören.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
G. Schwarzschild ist Entwickler:in von Open-Source-Programmen und nutzt ein Google-freies Androidgerät.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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