Ataluren: Elf Jahre auf dem Markt – ohne erkennbaren Nutzen
Das extrem teure Ataluren wurde 2014 in der EU unter Vorbehalt aufgrund – Zitat aus dem «Pharma-Brief» – «extrem dürftiger» Daten zugelassen. Obwohl die Folgestudien keinen Nutzen aufzeigen konnten, wurde die Zulassung zweimal erneuert und dem Pharmaunternehmen PTC Therapeutics erst vor rund einem Jahr, am 28. März 2025, definitiv entzogen. Die Food and Drug Administration (FDA) der USA hat das Medikament nie zugelassen. Ataluren war also in Europa elf Jahre auf dem Markt, ohne nennenswerten Effekt und mit horrenden Kosten für Versicherer und Versicherte. Die Anwendung erfolgte täglich in drei Dosen zum Einnehmen. Geschätzte Kosten: 180’000 SFr. pro Person und Jahr.
DMD: eine schreckliche Krankheit
Bei der genetisch bedingten Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) bilden die Muskelzellen viel zu wenig Dystrophin. Dieses Muskelstrukturprotein stabilisiert die Muskelzellen. Die betroffenen Patienten – es sind fast ausschliesslich Knaben – leiden an fortschreitender Muskelschwäche und sterben vorzeitig.
Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA schätzt, dass es in Europa rund 25’000 Personen mit der einen oder anderen Form von Duchenne-Muskeldystrophie gibt, davon liege bei 13 Prozent, also 3250 Personen, eine sogenannte Nonsense-Mutation im Dystrophin-Gen vor. Diese Mutation wirkt wie ein vorzeitiges Stoppsignal, sodass kein Dystrophin mehr von den Muskelzellen gebildet wird.
Ataluren zielt auf diese genetisch bedingte Störung ab: Es soll der «Proteinfabrik» in der Zelle, dem Ribosom, helfen, das vorzeitige Stopp-Codon zu überlesen. Allerdings verbessert Ataluren die Produktion von Dystrophin nicht signifikant.
Ataluren wird bzw. wurde vom US-amerikanischen Pharmaunternehmen PTC Therapeutics International Limited produziert. Inzwischen wurde der Eintrag auf der Webseite von PTC Therapeutics entfernt; das Unternehmen ist auf die Herstellung von so genannten orphan drugs (Waisen-Medikamente) spezialisiert, also auf Arzneimittel zur Linderung und/oder Heilung sehr seltener Krankheiten wie zum Beispiel DMD.
Es scheint, dass die Verzweiflung der Eltern und der von ihnen ausgeübte Druck die Zulassungsbehörde EMA (European Medicines Agency) dazu gebracht hat, die (bedingte) Zulassung von Ataluren wider besseres Wissen und trotz ungenügendem Nutzennachweis zu veranlassen und mehrmals zu verlängern. Angesichts der Symptome und der geringen Lebenserwartung von Kindern, die von DMD betroffen sind, ist die Haltung betroffener Eltern durchaus verständlich. Nicht verständlich aber ist die Haltung der Behörden, das Mittel trotz gegenteiliger Beurteilung durch die Wissenschaft zuzulassen und die Eltern in einer falschen Hoffnung zu belassen.
Ein Team aus Navarra in Spanien dokumentiert den Skandal
Eine spanische Wissenschaftlerin und zwei Wissenschaftler vom Instituto de Investigación Sanitaria de Navarra (IdiSNA) veröffentlichten in «BMJ Evidence-Based Medicine» unter dem Titel «Ataluren für Duchenne: Wie die Politik und sozialer Druck evidenz-basierte Entscheidungen übergingen» die Resultate ihrer Recherche zur Zulassung von Ataluren.
Dass dies gerade in Spanien erfolgte, hat einen Grund. Aufgrund der negativen Daten hinsichtlich der Wirksamkeit von Ataluren hatte 2017 das spanische Gesundheitsministerium die Finanzierung des Medikaments abgelehnt. Doch viele Regionen ignorierten diesen Beschluss, und Angehörige von Duchenne-Betroffenen machten erheblichen Druck auf die politischen Entscheidungsträger, traten bei TV-Shows auf oder gingen auf die Strasse mit der Forderung, Ataluren wieder zuzulassen.
Eine unglaubliche Geschichte
2005 wurde Ataluren von der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA (European Medicines Agency) als orphan drug, also Medikament für eine sehr seltene Krankheit, anerkannt. Darauf fanden die entsprechenden Studien statt, um eine Zulassung zu erwirken. Obwohl in keinem der Hauptziele eine signifikante Veränderung bei den Probanden gegenüber jenen festzustellen war, die nur ein Placebo verabreicht bekamen, schritt die EMA 2014 zu einer «bedingten Zulassung» mit der Auflage, weitere Studien durchzuführen.
Ausschlag für diese vorsichtig positive Beurteilung von Ataluren gab der Umstand, dass die Knaben, die zu Beginn der Studie innerhalb von sechs Minuten noch mindestens 150 m laufen konnten, eventuell von Ataluren profitieren könnten. Dies ergab eine nachträgliche Auswertung. Solche nachträglichen Auswertungen von bestimmten Patientengruppen sind jedoch mit Vorsicht zu bewerten. Trotz der Zulassung hielt die EMA fest: «Die Vorteile [von Ataluren] für die Volksgesundheit wurden durch die im Dossier vorgelegten Daten nicht belegt.»
Der Hersteller gab also eine weitere Studie in Auftrag, bei der Ataluren wiederum keine nennenswerten positiven Veränderungen bei den Betroffenen aufzeigen konnte.
Dennoch erteilte die EMA 2017 eine Verlängerung der Zulassung, wiederum mit der Auflage, dass eine weitere Studie Klarheit schaffen sollte. So startete im selben Jahr eine dritte Studie, deren primäres Untersuchungsziel während der laufenden Studie abgeändert wurde, was höchst fragwürdig ist. Die Studie wurde erst 2023 abgeschlossen bzw. über sechs Jahre hinausgezögert. Im September 2023 empfahl die EMA, einer Verlängerung der Zulassung wegen der «erwiesenen Unwirksamkeit» des Medikaments nicht mehr zuzustimmen. Der Hersteller legte Einspruch ein, der aber von der EMA zurückgewiesen wurde.
Damit ist aber die Geschichte noch nicht ganz zu Ende. Die EU-Kommission forderte im Mai 2024 die EMA auf, erneut zu beraten, denn die Beschlüsse der Behörde vom September 2023 und Januar 2024 seien ungültig. Als Begründung für diesen ungewöhnlichen Schritt berief sich die EU-Kommission auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 14. März 2024 zu einem anderen Medikament. Das Gericht erachtete Interessenkonflikte in einer wissenschaftlichen Beratungsgruppe der EMA als problematisch, sodass der Bewertungsprozess durch eine andere Beratungsgruppe nochmals durchlaufen werden müsste. Für den Hersteller PTC Therapeutics bedeutete dies einen weiteren Zeitgewinn und satte Gewinne.
Im Juni 2024 entschied die EMA auf Basis derselben Daten erneut gegen Ataluren – worauf der Hersteller nochmals eine Neubewertung verlangte. Im Oktober desselben Jahres traf die EMA ihre vierte und letzte Entscheidung: Sie lehnte die Verlängerung der Zulassung endgültig ab. Am 28. März 2025 erlosch die Zulassung, und eine unrühmliche Geschichte fand endlich ihr Ende.
US-Behörde machte etwas ganz Ähnliches
Elf Jahre lang wurden junge Menschen mit einem unwirksamen und sehr teuren Medikament behandelt. Von allem Anfang an haben sich die Behörden über die Erkenntnisse der Wissenschaft hinweggesetzt. Obwohl die EMA seit Beginn selber Bedenken gegen die Zulassung hatte, liess sie sich von «falschen Hoffnungen», dem sozialen und politischen Druck und den Beteuerungen des Herstellers umstimmen, das Medikament zeige auf lange Sicht Wirkung.
Die Hinhaltetaktik der Behörden bleibt unverständlich. Die Fristen für die Einreichung der Ergebnisse von Studien, die aufgrund einer an Bedingungen geknüpften Zulassung erfolgen mussten, waren viel zu lang und ermöglichten dem Hersteller, elf Jahre lang ein Medikament zu exorbitanten Preisen zu verkaufen, das «wirkungslos» war.
Die US-Food and Drug Administration (FDA) war in diesem Fall konsequent und klar: keine Zulassung von Ataluren, weil die Wirkung nicht aufgezeigt werden konnte. Die Zulassungspraxis der FDA war allerdings nicht weniger problematisch als die der EMA. Denn die FDA liess 2016 ein Mittel namens Eteplirsen gegen DMD zu, von dem in einem FDA-Gutachten stand: «Kein klarer Beweis für die Wirksamkeit.» Behandlungskosten: 300’000 bis über eine Million Dollar pro Jahr und pro Patient.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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