Kommentar
Dichtestress? – Darf man sagen!
In diesem Beitrag vertritt der Kollege Felix Schneider die These, dass es so etwas wie Dichtestress nicht gebe und dass der Begriff nur verwendet werde, um Fremdenfeindlichkeit zu rechtfertigen oder gar Fremdenhass zu schüren. Schneider wundert sich deshalb, dass das «trübe» Wort sogar im Infosperber auftaucht. Er belegt dies mit zwei Links auf Texte dieses Autors.
Schneider hat nicht ganz unrecht: Ein Teil des Stresses der mit Dichte beziehungsweise mit der steigenden Zahl von Menschen auf beschränktem Raum zusammenhängt, kommt zweifellos daher, dass es sich bei diesen zusätzlichen Menschen um Fremde handelt. Dass es «eine natürliche kausale Verbindung» zwischen Dichte und Stress geben könnte, schliesst Schneider schon deswegen kategorisch aus, weil diese These oft mit Beispielen aus dem Tierreich begründet werde. Diese Theorien bezeichnet Schneider als «biologistisch», «rassistisch», «konservativ», «reaktionär» sowie als «falsch und wissenschaftlich widerlegt.»
Sind sie das wirklich? Eine Anfrage auf KI unter dem Stichwort «Crowding-Forschung» zeigt, dass es durchaus Indizien für «echten» Dichtestress gibt, etwa die Beobachtung, dass in überbelegten Gefängnissen der Blutdruck, die Krankheitsraten und die Gewalt zunehmen. Auch in der überbelegten Schweiz hat der Stress zugenommen: Aktuell geben 37 Prozent der Jugendlichen an, sich gestresst zu fühlen. Seit 1980 hat sich der Anteil der psychischen Erkrankungen an allen Arbeitsausfällen verdreifacht. Auch die tiefe Geburtenrate von 1,3 Kindern pro Frau kann als Zeichen von Stress gewertet werden.
Das ist sehr viel Stress für ein kleines bisschen mehr Einkommen. Seit 2014 sind die realen Lohneinkommen im Schnitt gerade mal um 0,16 Prozent gestiegen. Das sei – so will man uns weismachen – nur dank der Einwanderung möglich gewesen. Dank sehr viel Ein- und Auswanderung! Konkret sind in diesen 10 Jahren im Schnitt jährlich 154’000 Arbeitskräfte (samt Angehörigen) ein- und 67’000 wieder ausgewandert. Die Asylbewerber kommen noch dazu. Von den jährlich 87’000 Nettoeinwanderern sprechen rund zwei Drittel keine der Landessprachen und viele von ihnen verdienen entweder deutlich mehr oder deutlich weniger als die für Einheimische üblichen gut 7’000 Franken monatlich. Auch das ist ein sozialer Stressfaktor.
Seit 1980 ist die Schweizer Bevölkerung von 6,3 auf 9,1 Millionen gestiegen. Der Bestand an Motorfahrzeugen hat sich in dieser Zeitspanne von 2,7 auf 6,6 Millionen mehr als verdoppelt, und die Länge des durchschnittlichen Arbeitsweges hat sich von 5,5 auf 14 Kilometer pro Wegstrecke fast verdreifacht. Die realen Bodenpreise sind um den Faktor vier gestiegen und um eine Stelle bewerben sich oft Hunderte, wovon ein grosser Teil aus dem Ausland. Uff!
Nehmen wir nun an, die Bevölkerung sei nicht durch Einwanderung von 6,3 auf 9,1 Millionen angewachsen, sondern dank einer auf 2,7 Kinder pro Frau gestiegenen Geburtenrate. Wir Eingeborenen wären dann unter uns. Und weil der Stress laut Schneider nicht von der Dichte sondern von den Fremden kommt, müssten wir uns dann wohler fühlen.
Dafür spricht in der Tat einiges: Die Staus wären zwar immer noch gleich lang und auch die Mieten wären kaum tiefer. Aber die per Saldo 2,8 Millionen Neuen hätten alle rund 20 Jahre Zeit gehabt, um die Regeln unseres Zusammenseins zu lernen. Sie würden alle die lokale Sprache sprechen, wären hier aufgewachsen und erzogen worden. Sie würden eher in ihrer Heimatgemeinde bleiben wollen, statt den jeweils gerade optimalen Steuerstandort zu wählen. Wir hätten vermutlich weniger Gentrifizierung und bessere Schulen.
Kurz: Wir würden uns weniger gestresst fühlen. Die Dichte wäre zwar nicht weniger dicht, aber bekömmlicher. Dichte unter Gleichgesinnten – im Fussballstadion, Konzertsaal, Fasnachtsumzug und so weiter – fühlt sich gut an. Gleich und Gleich gesellt sich gern. So sind wir Menschen nun mal. Im Umkehrschluss heisst das aber auch, dass wir Fremden gegenüber tendenziell misstrauisch sind. Vertrauen entsteht nur aus wiederholten Begegnungen. Es muss erst aufgebaut werden.
Doch ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn wir Dichte unter Unseresgleichen leichter ertragen als unter Fremden? Man kann das so sagen. Aber man sollte auch zur Kenntnis nehmen, dass diese so definierte Fremdenfeindlichkeit nicht einfach ein schlechter Charakterzug einer rassistischen Minderheit ist, sondern Teil unserer Natur. Die Evolution hat das «Tier Mensch» (siehe Martha Nussbaum) so programmiert.
Wir haben überlebt, weil wir extrem soziale und kooperative Wesen sind. Dieser soziale Kitt beruht auf Vertrauen und dieses setzt voraus, dass wir Trittbrettfahrer, die das Vertrauen missbrauchen wollen, bestrafen können. Die billigste, sprich evolutionstauglichste Art der Bestrafung ist die soziale Ächtung, beziehungsweise die Angst vor einem Reputationsschaden.
Das aber funktioniert nur in einigermassen geschlossenen, von unten her aufgebauten Gemeinschaften: Familie, Nachbarschaft, Gemeinde, National- und Sozialstaat. In den modernen durchlässigen Top-Down-Gesellschaften funktioniert das nicht. Da gilt eher das Gegenteil: Die (reichen) Individuen drohen der Gemeinschaft beziehungsweise den Gemeinden mit ihrem Wegzug, wenn sich diese punkto Steuern unziemlich verhalten.
Die hohe Einwanderung wird dadurch gerechtfertigt, dass wir ihr unseren Wohlstand verdanken. Doch erstens ist es mit dieser Wohlstandsteigerung nicht weit her (siehe oben), und vor allem ist das der falsche Massstab. Der Mensch ist kein Konsument, sondern ein soziales Wesen. Die Wirtschaft beeinflusst unser Wohlergehen nicht durch eine noch höhere Produktion, sondern dadurch, wie sie unsere Gesellschaft (des)organisiert.
Und um den Kollegen Schneider mit noch einem «biologistischen» Vergleich zu ärgern: Das Wohlergehen einer Kuh hängt nicht von der Menge der produzierten Milch ab, sondern davon, ob sie artgerecht gehalten wird. Das gilt auch für die Gattung Mensch.
Wie viel Einwanderung ein Land braucht und erträgt, ist eine offene Frage. Aber selbst wenn wir eine stabile Bevölkerungszahl anstreben würden, könnten – gemäss den Zahlen von 2014 bis 2024 – immer noch rund 70’000 Fachkräfte ein- und auswandern. Dazu kommen weitere rund 50’000, die wir bald brauchen werden, um die tiefe Geburtenrate zu kompensieren. Andere Länder wie etwa Italien haben mit einer sinkenden Zahl von Einwohnern mehr Wachstum pro Kopf zustande gebracht als die Schweiz. Geht doch.
Gewiss, das sind die Ideen eines konservativen Linken. Die Progressiven von links und rechts denken anders – europäischer, globaler. Sie glauben, dass uns nur offene Grenzen weiterbringen. Vielleicht haben sie ja recht. Aber wir möchten von ihnen sachliche Argumente hören, statt nur Hinweise darauf, dass wir «Dichtestress» sagen und eigentlich laut Schneider wissen müssten, dass dieser Ausdruck früher auch schon von dubiosen und rassistischen Reaktionären mit ihren biologistischen Ideen verwendet worden ist.
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Felix Schneider hat auf eine Duplik verzichtet.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.








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