UNWRA

Standbild aus dem Film «UNRWA – 75 Jahre einer provisorischen Geschichte», junge Frauen in einem UNWRA-Berufsausbildung-Programm © Akka Films/RTS/SRF/Schweizerische Eidgenossenschaft

Der Film, den SRF nicht zeigen wollte

Gabriela Neuhaus /  «UNRWA – 75 Jahre einer provisorischen Geschichte»: Der von der SRG koproduzierte Dokfilm interessiere die Deutschschweiz nicht.

Die UNRWA, das 1949 von der UNO geschaffene Flüchtlingshilfswerk für Palästinenser:innen, ist so unverzichtbar wie umstritten. Unverzichtbar, weil Millionen von Menschen im Nahen Osten auf seine Unterstützung, Dienstleistungen und Infrastruktur angewiesen sind. Umstritten, weil Israel der UNRWA vorwirft, der verlängerte Arm der Hamas zu sein, und mit allen Mitteln versucht, das verhasste Hilfswerk endgültig zu vernichten.

So erreichte Israel etwa mit seinem Vorwurf, mindestens ein Dutzend UNRWA-Mitarbeiter hätten sich am Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 beteiligt, dass zahlreiche Länder ihre Zahlungen an das UNO-Hilfswerk stoppten. Darunter auch die Schweiz. Obschon unvoreingenommene und unabhängige Untersuchungen zum Schluss gekommen sind, dass von einer systematischen Beteiligung an den Massakern vom 7. Oktober 2023 keine Rede sein kann, hatte die israelische Kampagne zur Folge, dass die UNRWA bis heute von vielen Politiker:innen und Journalist:innen im Westen als Terror unterstützende Organisation abgestempelt wird.

Dieses weitverbreitete Vorurteil ist jedoch nicht nur falsch, es verkennt auch die Bedeutung und Rolle der UN-Organisation in einer seit Jahren von Kriegen, Gewalt und Unsicherheit dominierten Region. Was die UNRWA geleistet hat und bis heute immer noch leistet, zeigt der Dokumentarfilm «UNRWA – 75 Jahre einer provisorischen Geschichte» mit eindrücklichen Bildern und Interviews. Er nimmt das Publikum mit auf eine Zeitreise durch die wechselvolle Geschichte des UNO-Hilfswerks für Palästinaflüchtlinge, vom Ende des 2. Weltkriegs bis heute. Der Genfer Filmemacher Nicolas Wadimoff schöpft dabei aus einem reichhaltigen Fundus von Archivmaterial, das belegt, wie untrennbar die Gründung und Entwicklung des Staates Israel, die Vertreibung der Palästinenser:innen (Nabka) und die UNRWA miteinander verwoben sind. Zusätzlich kommen zahlreiche Fachleute zu Wort, welche die Bedeutung der Organisation in den verschiedenen Phasen ihres Bestehens aus unterschiedlichen Perspektiven kommentieren. Während zum Beispiel die israelische Politologin und ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf kritisiert, die palästinensische Identität und somit auch der palästinensische Terrorismus seien Produkte der UNRWA-Schulen, weist der palästinensische Historiker und ehemalige UNESCO-Botschafter Elias Sanba auf das Grunddilemma des Konflikts hin: «Es ist klar, dass sich die Israelis wünschen, wir würden in unseren Geschichtsbüchern ihre Version unserer Geschichte erzählen» – was aber niemals geschehen könne.

«Der Film zum 75-Jahr-Bestehen war für mich eine einmalige Chance, Informationen über die Hintergründe der UNRWA zu vermitteln und die Komplexität des Themas aufzuzeigen», sagt Irène Challand. Die langjährige Leiterin der Dok-Abteilung des Westschweizer Fernsehens RTS hat den Film als Produzentin von Anfang an begleitet und war massgeblich an dessen Umsetzung beteiligt: «Für mich ist der Nahe Osten das geopolitische Labor der Welt – das hat mich schon mein ganzes Berufsleben lang bewegt.» Als Nicolas Wadimoff 2024 im Auftrag der Sendung «Temps présent» den Schweizer UNRWA-Direktor Philippe Lazzarini auf seiner internationalen Tour zur Rettung der in finanzielle Notlage geratenen Organisation mit der Kamera begleitete, entstand die Idee für den Hintergrundfilm, der massgeblich von RTS, der SRG sowie dem Bundesamt für Kultur finanziert wurde. Die Erstausstrahlung erfolgte im März 2025 auf RTS, im gleichen Monat feierte er seine Kinopremière anlässlich des Human Rights Filmfestival FIFDH in Genf. Es folgten die Ausstrahlung im Tessiner Fernsehen RSI sowie eine Reihe von Kinovorführungen mit anschliessender Diskussion, unter anderem im Sommer 2025 am Institut du Monde Arabe in Paris und im Januar 2026 im Rahmen der Solothurner Filmtage.

Der Palästina-Röstigraben

Für die Programmierung an den Solothurner Filmtagen hatte sich Irène Challand kräftig ins Zeug gelegt. Dies, weil sie sich davon erhoffte, den Film endlich auch in die Deutschschweiz zu bringen. Ein Unterfangen, das sich als äusserst zäh erwies. Die Verantwortlichen von SRF der Abteilung für Dokumentarfilme in Zürich haben einer Aufnahme des von der SRG und RTS koproduzierten Films ins SRF-Programm schon vor einem Jahr eine definitive Absage erteilt. Irène Challand: «Zwar attestierten sie dem Film Ausgewogenheit und einen hohen Informationsgehalt. Trotzdem lehnten sie eine Übernahme ab, mit der Begründung, das Deutschschweizer Publikum interessiere sich nicht für dieses Thema.»

Die Ablehnung des Films zeige ein Muster, das sie schon länger beobachte, sagt Irène Challand: «In der Westschweiz ist man sensibilisierter und hat einen differenzierten Zugang zu Themen wie Völkerrecht oder den Genfer Konventionen. Man ist näher am internationalen Genf, während in der Deutschschweiz die wirtschaftlichen und politischen Interessen spielen.» Bereits in der Vergangenheit habe sie zudem immer wieder festgestellt, so die in der TV- und Filmbranche bestens vernetzte Produzentin, wie gross in der Deutschschweiz die Angst davor sei, in Bezug auf Israel und Palästina einen Fauxpas zu begehen und ins Kreuzfeuer der schlagkräftigen Israel-Lobbyorganisationen zu geraten.

Dies dürfte mit ein Grund sein, weshalb auch Verleiher und Kinobetreiber in der Deutschschweiz lieber die Finger vom UNRWA-Film lassen: Nach anfänglichen Interessensbekundungen anlässlich der in Solothurn vor vollen Rängen erfolgten Präsentation, hätten sich die meisten wieder zurückgezogen, stellt Challand mit Bedauern fest. Um die Dokumentation über die Geschichte der UNRWA trotzdem einem breiteren Publikum in der Deutschschweiz zugänglich zu machen, hat der Verein Swiss Humanity, der sich für die Stärkung der humanitären Werte der Schweiz im Geiste der Genfer Konventionen einsetzt, in Basel und Zürich Kinosäle mieten müssen, um Filmvorführungen mit anschliessender Podiumsdiskussion zwischen Saane und Bodensee zu ermöglichen. Als einziges Kino, das zumindest halb zur Deutschschweiz gerechnet werden kann, hat das Filmpodium Biel den Film in sein Programm aufgenommen.

UNWRA
Plakat zum Film: UNRWA – 75 Jahre einer provisorischen Geschichte

Link zum Film: Playsuisse

Geplante Vorführungen (Französisch, mit deutschen Untertiteln)

21. April und 28. April 2026 – 18 Uhr – Stadtkino Basel

18. Mai 2026 – 18 Uhr  – Kino RiffRaff Zürich

28. Mai 2026 – 18 Uhr – Filmpodium Biel/Bienne


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors


Keine. Gabriela Neuhaus publiziert in ihrem Blog «35+ Zeilen zum Lauf der Welt» regelmässig über die Berichterstattung zum Nahen Osten. Den UNRWA-Film hatte sie im März 2025 auf RTS gesehen.
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