Egli_PFAS

Kann voller PFAS sein: ein frisch gefangener Egli. © SRF Kassensturz

Wer viel Fisch isst, riskiert hohe PFAS-Werte

Pascal Sigg /  Das BAG verwedelte Resultate der Biomonitoring-Studie. Probanden aus Lausanne hatten deutlich mehr PFAS im Blut als jene aus Bern.

An Blutanalysen liesse sich besonders gut zeigen, wie verbreitet und gefährlich PFAS für Menschen in der Schweiz überhaupt sind. Im Rahmen einer Pilotstudie des Bundesamts für Gesundheit (BAG) in Bern und Lausanne wurden Blutproben der ProbandInnen deshalb auch auf Ewigkeitschemikalien untersucht.

Das Pilotprojekt förderte bereits Resultate zutage, die so brisant waren, dass das BAG sie bewusst verschwieg. Dies zeigen Dokumente, die das Berner Online-Magazin «Hauptstadt» mit Verweis auf das Öffentlichkeitsgesetz erhielt und Infosperber erstmals publiziert.

Menschen, die ihr Blut in Lausanne untersuchen liessen, hatten nämlich deutlich mehr PFAS im Blut als jene, die das in Bern taten. Auf einem Infoblatt, welches nur für den internen Gebrauch vorgesehen war, ist die Rede von einer «signifikant höheren Konzentration». Dies kommunizierte das BAG den beiden betroffenen Kantonen bereits im September 2023. Besonders hoch war dabei der Anteil der Ewigkeitschemikalie Perfluoroctansulfonsäure (PFOS).

Die Differenz war «sensibles Thema»

Dem BAG war die Brisanz der Differenz offenbar bewusst, werden diese Resultate auf dem Blatt doch unter «sensible Themen» gelistet.

Statt über diese Resultate der beiden Standorte unterrichtete das BAG die Öffentlichkeit ursprünglich nur über die Durchschnittswerte aller fast 800 ProbandInnen. Demnach wies mehr als die Hälfte ihrer Blutproben Werte über der Unbedenklichkeitsgrenze auf. Bei etwa vier Prozent waren sie besorgniserregend.

Die aufgegliederten Resultate zeigen gemäss einer internen Präsentation hingegen beträchtliche Unterschiede. Im Studienzentrum Lausanne wiesen 25 von 423 Proben eine PFAS-Konzentration im besorgniserregenden Bereich auf. In Bern hingegen nur 5 von 355 Proben.

Die Resultate zeigen auch, was man eigentlich schon lange weiss: Die PFAS-Belastung ist lokal unterschiedlich. Durchschnittswerte aus zwei Kantonen haben nur sehr beschränkte Aussagekraft. Die Pilotstudie war denn auch als Vorläuferin für ein permanentes Monitoring der ganzen Schweizer Bevölkerung gedacht. Eine derartige grosse Gesundheitsstudie versenkte das BAG aber aus Kostengründen (Infosperber berichtete).

Wahrscheinlichste Quelle: Fische auf dem Speiseteller

Besonders brisant ist: Die internen BAG-Dokumente liefern gleich auch noch einen möglichen Grund für die erhöhte Belastung in der Waadt. Denn es wurde «ein signifikanter Zusammenhang zwischen den PFOS-Konzentrationen im Blut und dem Verzehr von Fisch (mindestens einmal pro Woche) festgestellt, insbesondere für den Verzehr von Süsswasserarten, die typisch sind für Mitteleuropa und somit aus lokalen Gewässern stammen könnten.»

Mit anderen Worten: Besonders viele Menschen, die besonders hohe PFOS-Werte vorwiesen, hatten angegeben, besonders viel Fisch zu essen.

Weshalb die brisanten Resultate aus Lausanne nicht gleich kommuniziert wurden, wollte das BAG auf Infosperber-Anfrage nicht sagen. In Kooperation mit dem Lausanner Spital Unisanté untersuche man aber die Quellen für PFOS im Blut weiter mit Hilfe moderner statistischer Verfahren. Diese Ergebnisse würden demnächst in einer wissenschaftlichen Publikation veröffentlicht.

Dass sich besonders die als gefährlich bekannte und verbotene Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) in Fischen ansammelt, ist mittlerweile bekannt. Die Zeitschrift K-Tipp berichtete (Paywall) vor wenigen Wochen vom Fall eines Fischers, der sein Blut auf PFAS untersuchen liess und eine stark erhöhte Konzentration der Ewigkeitschemikalien feststellte. Er verzichtet seither darauf, einheimischen Fisch zu essen.

Im Artikel rechnete der ETH-Experte Martin Scheringer zudem vor: Isst jemand pro Woche eine bis zwei Portionen Egli oder Felchen, die mit dem erlaubten PFAS-Höchstgehalt belastet sind, liegt nach 30 Jahren die PFAS-Konzentration in seinem Blut um das 27-fache über der Unbedenklichkeitsgrenze. Dies liegt daran, dass die Lebensmittelgrenzwerte zu hoch angesetzt sind.

Letzten Herbst verhängte der Kanton Zug einen Verkaufsstopp für Fische aus dem Zugersee und vermutete Löschübungsplätze der Feuerwehr und frühere Fabrikareale in Seenähe als mögliche PFAS-Quellen. Schweizer Feuerwehren benutzten jahrzehntelang PFAS-haltigen Löschschaum.

2024 waren bereits im Tessin hohe PFAS-Werte in Fischen gemessen worden. Und die SRF-Sendung Kassensturz hatte erstmals 2023 mit einer eigenen Untersuchung gezeigt, dass Fische die PFAS-Höchstwerte überschreiten können.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Zum Infosperber-Dossier:

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PFAS-Chemikalien verursachen Krebs und können Erbgut schaden

Die «ewigen Chemikalien» PFAS bauen sich in der Natur so gut wie gar nicht ab. Fast alle Menschen haben PFAS bereits im Blut.

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Pascal Sigg

Pascal Sigg ist Redaktor beim Infosperber und freier Reporter.

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