Seniorin auf Balkon

Die Mehrzahl der alten Menschen möchte so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben. © pikselstock / Depositphotos

Zu Hause leben anstatt im Heim – diese Dinge nützen

Martina Frei /  Dutzende von Hilfsmitteln können die Selbständigkeit erhalten. Selbst ein Umbau kommt oft günstiger als der Umzug ins Pflegeheim.

Wie isst man eine Suppe, wenn die Hand zittert? Wie kommt man leichter in die Badewanne und wieder heraus? Wie öffnet man ein Schraubglas, wenn eine Hand gelähmt ist? Vor allem aber: Wie kann man – trotz körperlichen oder geistigen Einschränkungen – so lange wie möglich selbständig zu Hause wohnen? 

Für solche Fragen sucht Markus Reimann zusammen mit den Betroffenen Antworten. Reimann ist Wohnberater und Sozialpädagoge am «Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen» in München. «Meist ist es akut», sagt Reimann. Acht von zehn Ratsuchenden melden sich, wenn es «brennt», etwa einer von zehn informiert sich präventiv.  

Bad, Küche, Treppen und Schwellen – dort kommt es am häufigsten zu Problemen, die einen Eintritt ins Heim erzwingen. Dabei wären Hilfsmittel oder ein Umbau zu Hause oft die bessere und mittelfristig auch preiswertere Lösung.

«Ich komme im Bad nicht mehr zurecht»

Reimann führt durch die rund 100 Quadratmeter grosse Ausstellung und geht als Erstes ins Bad. «Ich komme im Bad nicht mehr zurecht», sei einer der am häufigsten geäusserten Gründe für eine Beratung, die das Zentrum kostenlos anbietet. 

Ein Badewannenlift oder -sitz oder gar ein Systemumbau zur Dusche sei längst nicht immer nötig, weiss er aus jahrelanger Erfahrung. «Das Badewannenbrett mit Decken-Boden-Stange genügt oft schon.» Die Stange sei wichtig, betont Reimann. Sie werde nur eingeklemmt, nicht gebohrt, und lasse sich auch bei schräger Decke befestigen. 

Badewannenbrett und Decken-Boden-Stange
Markus Reimann führt vor, wie die Decken-Boden-Stange rechts, das Badewannenbrett und der Fussheber das Einsteigen in die Badewanne erleichtern.

Griffe farblich stark von der Wand abheben

Die Duschhalterung genüge nicht als Haltegriff, warnt Reimann, es brauche fest montierte Haltestangen, die am besten farblich einen starken Kontrast zur Wand bilden, «damit man sie auch bei Wasserdampf sofort erkennt. Vor der Montage sollte man die Bewegungsabläufe beobachten, damit die Griffe an den richtigen Stellen montiert werden.» 

Duschstuhl
Der drehbare Duschstuhl kann in der Mitte etwas auseinandergezogen werden.

Armaturen sollten im Sitzen erreichbar sein, der Spiegel am besten schräg gestellt, damit man sich sitzend besser betrachten kann, und der erhöhte Toilettensitz mit (wegklappbaren) Armlehnen ausgestattet, so dass das Aufstehen leichter fällt. «Die Badtüre muss sich nach aussen öffnen, damit Helfer im Fall eines Sturzes ins Bad gelangen», rät der zertifizierte Wohnberater. Oft lasse sich der Türanschlag ganz einfach versetzen.

Farbige Markierungen können Menschen mit leichter Demenz helfen, damit sie intuitiv erfassen, wo sie die WC-Spülung drücken müssen oder den Wasserhahn betätigen. 

Waschbecken Armatur
Alles, was wichtig ist, wird rot markiert. Das kann es Menschen mit Demenz erleichtern, sich im Bad zurecht zu finden.

Hunderte von praktischen Alltagshilfen

Reimann führt weiter zu einer langen Ablage, auf der lauter nützliche Alltagshilfen liegen: Vom Meterstab, der als Kartenhalter dient, über die einhändig zu bedienende Schere bis zum «Handigood» – ein kleines Gerät, das Schraubgläser, Milchbehälter oder Büchsen festsaugt, so dass sie nicht verrutschen und einhändig zu öffnen sind. Die Besucher staunen ob vielen kleinen Helfer. 

Handigood
Das Glas wird am «Handigood» festgesaugt und lässt sich dann mit einer Hand öffnen.

Wenn die Sinne nicht mehr so scharf sind wie einst, macht ein mit der Türklingel gekoppeltes Vibrationskissen das Läuten spürbar und ein Blitzlicht zeigt das Telefonklingeln an.

Die Website «Digitale Wohnberatung Bayern» listet alle ausgestellten Produkte auf, beschreibt sie kurz und verweist auf die jeweiligen Hersteller. Unter den über 400 Produkten findet man beispielsweise einen Löffel, der bei zittrigen Händen gegensteuert. «Das Besteck ‹lernt› quasi, das Zittern auszugleichen», sagt Markus Reimann, der für Parkinson-Patienten noch einen anderen Tipp hat. Er sei zuerst skeptisch gewesen, als er von einem Rollator für Menschen mit Parkinson-Erkrankung gehört habe. Inzwischen aber habe ihn das Produkt überzeugt. Der Rollator soll nicht nur Stürze verhindern, sondern kann durch einen Metronom-Ton, rhythmisch vibrierende Griffe und eine Lichtschranke in Bodennähe auch zu flüssigerem Gehen verhelfen. 

Tremorlöffel
Der Tremorlöffel.

Stolperfallen beseitigen, Handläufe benützen

Immer wieder kommt Reimann bei dem Rundgang auf das Thema Stürze zu sprechen. Denn der ungewollte Übertritt ins Alters- oder Pflegeheim wird oft durch Sensibilitätsstörungen an den Füssen eingeläutet, durch Muskelschwäche, schwindlig oder müde machende Medikamente – und dann folgt der Sturz mit Hüftbruch.

Die typischen Stolperfallen heissen: lose Teppiche, herumstehende Dekoartikel, Kabel, Treppenkanten, die sich schlecht von der Umgebung abheben, Schwellen, rutschige Bodenbeläge … Handläufe, am besten beidseits, sind eine wichtige Massnahme. Eine Steckdosenleiste mit Auswurfhilfe erleichtert das Ausziehen von Kabeln.  

«Ein weiterer Grund für Stürze ist, dass Gehstöcke oft zu Boden fallen. Beim Aufheben verliert die gehbehinderte Person dann das Gleichgewicht», sagt Reimann. Um dem vorzubeugen, gibt es aufsteckbare Stockhalter, dank derer der Stock dort bleibt, wo man ihn hinhängt.

Herdwächter schaltet den Herd ab

Markus Reimann geht zum nächsten «Brennpunkt»: die Küche. «Der Geschirrspüler muss nicht am Boden stehen. Er kann auch auf Hüfthöhe angebracht werden», sagt er und führt das Serienmodell vor. Mit einem Rollstuhl unterfahrbare, idealerweise höhenverstellbare Küchenzeilen sind bei einer Behinderung praktisch. Bereits beim Kauf einer Küche sollte man auf eine spätere Unterfahrbarkeit hinwirken, rät eine sehr informative Broschüre, welche die Ausstellung ergänzt. 

Bei Vergesslichkeit hilft ein kleiner, über dem Kochherd angebrachter «Herdwächter»: Er stellt den Kochherd ab, sobald dieser zu heiss wird.

Betreuungspersonen, die sich Sorgen machen, ob alles in Ordnung ist, kann beispielsweise ein mit dem Internet verbundener Bewegungsmelder am Kühlschrank beruhigen. Er übermittelt ihnen immer dann einen Hinweis, wenn die Türe geöffnet wird. 

Raus aus dem Bett

Im Schlafzimmer stellt sich Reimann als Testperson zu Verfügung. Die Füsse auf eine Art Sackkarre gestellt, den Gurt umgelegt und dann: «1, 2, 3 – hopp!». So gelingt es mit relativ wenig Kraft, ihn hochzuziehen und dann mühelos herumzufahren. Sehr praktisch ist auch eine Aufstehhilfe am Bett, die einfach unter die Matratze gelegt wird und für Halt sorgt.

Hebehilfe
Mit Hilfe des Gurts und etwas Eigenkraft kann eine Person aus dem Bett gehoben und stehend transportiert werden.

Die Treppen erklimmen

«Ich komme die Treppenstufen nicht mehr hoch.» Auch diesen Satz hört Markus Reimann oft. Rampen zum Überbrücken sind nicht überall geeignet, denn sie dürfen nicht zu steil sein. Um eine 18 Zentimeter hohe Stufe zu überwinden, sollte die Rampe drei Meter lang sein. Aber auch hier gibt es technische Helfer, die den Umzug ins Heim hinauszögern können. Zum Beispiel den elektrischen Treppensteiger. «Damit bringt man eine gehbehinderte Person sogar eine enge Wendeltreppe hoch», sagt Reimann und führt das Gerät vor. Oben angelangt, kann eine Schlüsseldrehhilfe das Türöffnen erleichtern. 

Die Führung durch die Ausstellung habe ihn «tief beeindruckt», sagt ein fast 90-jähriger Senior noch Tage später. Die Rückmeldungen sind Reimann zufolge durchwegs positiv. 

Treppensteiger
Eine Person bedient den Treppensteiger, die andere wird hochbefördert.

Beratung bei Umbauten

Die Ausstellung ist aber nur ein Angebot des Vereins, der das Kompetenzzentrum im Auftrag der Stadt und des Landkreises München seit über 30 Jahren betreibt. Schon damals habe man erkannt, dass es zu wenig barrierefreien Wohnraum gebe. Inzwischen ist das Problem viel akuter, was sich auch in der seit Jahren steigenden Anzahl von Anfragen niederschlägt. Fast 2400 Personen haben sich letztes Jahr am «Kompetenzzentrum Barrierefreies Wohnen» Rat geholt oder informiert.

Das Team besteht aus Architektinnen, Pflegewissenschaftlerinnen, Sozialwissenschaftlern und Innenarchitekten. Sie beraten unabhängig, begleiten die Ratsuchenden bei einem Umbau und schliessen sich mit Handwerkern kurz. In einem solchen Fall hatte Reimann mit einer Person 94 Beratungskontakte.

Zur täglichen Arbeit von Markus Reimann gehören auch Hausbesuche, bei denen er vor Ort zusammen mit den Betroffenen schaut, wie das Leben zu Hause besser werden könnte. Immer wieder stellt er dabei fest, dass der Gesundheitszustand der betagten Menschen schlechter ist, als sie es selbst realisieren. Und immer öfter scheitern Umbaumassnahmen am Geld. «Mittlerweile bleiben Menschen mit schmalem Geldbeutel auf der Strecke», sagt Reimann. 

Nicht immer ist es mit kleineren Umgestaltungen getan. Ein Umbau des Badezimmers beispielsweise könne über 20’000 Euro kosten. Verglichen mit einem Pflegeheimplatz komme das zwar günstiger. Trotzdem gelinge es nicht immer, genügend Geld von der Pflegeversicherung, von Stiftungen oder öffentliche Fördergelder zu erhalten.

«Das Thema barrierefreies Wohnen müsste politisch viel mehr in den Fokus rücken» findet Reimann. Doch das Gegenteil scheint der Fall. Als soziale Einrichtung bangt das Kompetenzzentrum – trotz immer mehr Anfragen – um die öffentlichen Fördergelder.

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Beratung in der Schweiz

Im solothurnischen Oensingen befindet sich die grösste Hilfsmittelausstellung der Schweiz. Rund 3000 Personen informieren sich dort pro Jahr. Lesen Sie demnächst mehr dazu auf Infosperber. 

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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