Aufrüsten gegen ein bedrohliches Russland ist Geldverschwendung
Seit vier Jahren scheitert die russische Armee daran, die östlichen Teilrepubliken der Ukraine, die sie in die Russische Föderation eingegliedert hat, vollständig zu besetzen. Seit dem Einmarsch am 24. Februar 2022 hat Russland 1,2 Millionen Soldaten verloren – durch Tod, Verwundung oder Desertation. Diese Zahl nennt das Center for International Strategic Studies.
Die Verluste wurden mit der Zeit immer grösser: Allein 2025 verlor die russische Armee nach Angaben der Nato an den Fronten 400’000 Soldaten.
Trotz dieses gewaltigen Aderlasses blieben die Gebietsgewinne 2025 mit 0,8 Prozent des ukrainischen Territoriums minimal.
Ein Beispiel: Schon im August 2024 hatte Russland verkündet, die Armee sei «kurz vor der Einnahme» der Industriestadt Pokrowsk. Doch die vollständige Eroberung gelang erst im Januar 2026. Drei Viertel der Infrastruktur der Stadt sind seit Langem zerstört.
Gleichzeitig konnte die Ukraine im Donbas den Schutzring um die wichtigen ukrainischen Industriestädte Slowjansk, Kramatorsk, Druschkiwka und Kostjantyniwka verstärken. Nach russischer Lesart gehören diese Städte zur Russischen Föderation. Doch Russland schaffte es in den letzten vier Jahren nicht, sie einzunehmen.
In den aktuellen «Friedensverhandlungen» fordert Präsident Putin von der Ukraine, die vier Städte kampflos an Russland abzutreten. Präsident Selensky und seine Berater zeigen sich jedoch überzeugt, sie noch lange halten zu können.
Russland verfolgt weiterhin das Ziel, die beiden Oblaste (Verwaltungsbezirke) Donezk und Luhansk im Donbas sowie die Oblaste Cherson und Saporischschja ausserhalb des Donbas vollständig zu kontrollieren. Nach Volksabstimmungen im Jahr 2022 nahm Russland diese Gebiete in die Russische Föderation auf.
Seither ist es der russischen Armee nicht gelungen, diese Regionen im Osten der Ukraine zu erobern – obwohl kein einziger Nato-Soldat auf ukrainischer Seite kämpfte.
Der Krieg um den Donbas reicht bis 2014 zurück, als sich die mehrheitlich prorussische Bevölkerung mit russischer Unterstützung gegen den prowestlichen Umsturz in Kiew stellte.
Inzwischen verschlingen Russlands Ausgaben für Militär, Sicherheit, Zahlungen an Kriegsopfer und die Zinsen auf Staatsschulden mehr als die Hälfte des gesamten russischen Haushalts. Defizite, Inflation, Versorgungsengpässe und Rekrutierungsprobleme verschärfen die Lage weiter.
Rüstungslobby überzeichnet Bedrohungslage
Die verbreitete Darstellung, Russland könne in wenigen Jahren einen Nato-Staat angreifen, falls der Westen nicht massiv aufrüste, erscheint vor diesem Hintergrund als Propaganda des militärisch-industriellen Komplexes. Dahinter stehen lukrative Milliardengeschäfte. Neben der Rüstungsindustrie profitieren auch viele Investoren.
Rüstungskonzerne und das Pentagon finanzieren Think‑Tanks mit harmlos klingenden Namen, die Feindbilder zeichnen, Ängste schüren und die militärische Stärke von Gegnern übertreiben. Sie beliefern Nachrichtenagenturen und grosse Medien mit passenden Informationen.
Sie kümmern sich wenig um reale Risiken. Jedes Bedrohungsszenario ist ihnen recht – egal, wie unrealistisch es ist, solange die Kassen klingeln und die Aktienkurse steigen. Im Hinblick auf Irak und Afghanistan hatten sie Siegesszenarien verbreitet. Und jetzt wieder für Iran.
Es gilt die alte PR-Regel: Wiederholt man eine Behauptung oft genug – oft gestützt auf «Geheimdienstinformationen» –, wird sie irgendwann als Wahrheit empfunden.
Schon vor fünfzehn Jahren prangerte Tom Curley, Chefredaktor der Nachrichtenagentur AP, den immensen Einfluss des US-Kriegsministeriums auf seine Journalisten an. Als ihm der Kragen platzte, enthüllte er unglaubliche Details über die PR-Maschinerie des Pentagons.
Im Brüsseler EU-Zentrum haben die zehn grössten Rüstungskonzerne ihr Lobby-Budget in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte aufgestockt. Diese Investition zahlt sich offensichtlich aus.
Die Tatsache bleibt: Russland ist Westeuropa militärisch, technologisch, ökonomisch und demographisch unterlegen. Ein Frontalangriff auf ein Nato-Land ist höchst unwahrscheinlich, selbst wenn Putin solche Absichten überhaupt hätte.
Die hybride Kriegsführung
Manchmal räumen selbst Rüstungs- und Nato-Lobbyisten ein, dass ein konventioneller Angriff Russlands auf ein Nato-Land in absehbarer Zeit höchst unwahrscheinlich sei. Trotzdem beharren sie darauf, mit Raketen, Kampflugzeugen, Panzern und Drohnen massiv aufzurüsten.
Ihr Argument: Russland bedrohe die Nato und Europa schon heute mit hybriden Aktivitäten im Cyberraum. Barbara Gallo, Leiterin der Abteilung für hybride Bedrohungen im Europäischen Auswärtigen Dienst, sprach Ende Oktober 2025 von der «Militarisierung aller Bereiche von Lebensmitteln über Energie bis hin zur Migration». Sie sprach von Informationsmanipulation, Wahlbeeinflussung, Sabotage, Störungen der Satellitenkommunikation und Ähnlichem. Russland handle «aggressiv, gewalttätig und rücksichtslos». Ein Ziel bestehe darin, «die Einigkeit der Verbündeten politisch zu testen, sie zu spalten und die Beziehungen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten zu belasten». So habe Weissrussland «Schmugglerballons» nach Litauen geschickt und in europäischen Militäreinrichtungen seien verdächtige Drohnen aufgetaucht.
Der Einsatz hybrider Mittel, um Gegner mit offenen und versteckten Aktionen politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich zu schwächen oder zu erpressen, war besonders während des Kalten Krieges weit verbreitet – sowohl bei den USA als auch bei der Sowjetunion. Heute greifen Russland, die USA, Israel und andere Mächte zu ähnlichen Methoden.
Laut dem Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich kombiniert die «hybride Kriegsführung» politische, wirtschaftliche, mediale, geheimdienstliche, cybertechnische und paramilitärische Einsatzformen.
Es sei kein neues Phänomen: «Die Tendenz von Staaten, ihre Interessen gegenüber anderen Staaten auch mithilfe von subversiven Mitteln und unterhalb der Kriegsschwelle durchzusetzen, ist wohl ebenso alt wie zwischenstaatliche Konflikte an sich. […] Angriffe, die man heutzutage als hybrid bezeichnen würde, waren während des Kalten Krieges weit verbreitet (oft als Aktive Massnahmen oder Covert Action der Geheimdienste CIA oder KGB bezeichnet).»
Zu den wirksamsten nicht-militärischen Mitteln zählen wirtschaftliche und finanzielle Boykotte, die vor allem die USA und die EU nutzen würden, erklärte Olga Nemanezhyna, Expertin für Schwedens System der totalen Verteidigung.
Gängige Abwehrmassnahmen
Was dem militärisch-industriellen Komplex weniger gefällt: Raketen, Kampfflugzeuge, Panzer und Drohnen sind gegen hybride Aktivitäten nutzlos. In der aktualisierten Strategie zur Abwehr hybrider Bedrohungen, welche die Nato am 29. Januar 2026 vorstellte, spielen schwere Waffen keine Rolle. Im Fokus stehen Informationsbeschaffung durch Geheimdienste und Polizei, Abwehr von Desinformation, der Schutz vor Angriffen auf Datenbanken und Infrastrukturen.
Nur wenn hybride Aktionen – was äusserst unwahrscheinlich ist – die «Schwelle eines bewaffneten Angriffs» überschreiten, etwa durch das Zerstören der Militärinfrastruktur, der Stromversorgung oder der Kommunikationssysteme, käme militärisches Eingreifen in Frage. Eine starke Cyberabwehr soll jedoch sicherstellen, dass es nie so weit kommt.
Georg Häsler fordert in der «NZZ» ein schnelleres Aufrüsten
Georg Häsler, «NZZ»-Bundeshausredaktor und Miliz-Oberst der Schweizer Armee, wirft dem Bundesrat und seiner «Blase aus Beratern, Verbandsfunktionären und Parlamentariern» vor, die Kriegsgefahr zu unterschätzen.
Mit ihrer zögerlichen Aufrüstung handelten sie «gelinde gesagt fahrlässig». Seine Begründung:
«Die Nachrichtendienste der Länder an der Nato-Ostflanke – die skandinavischen und baltischen Staaten und auch Polen – rechnen mit einer Eskalation mit Russland ab 2028. Schweden schliesst auch eine frühere Eskalation nicht aus.»
Auf ein solches Szenario sei die Schweiz nicht vorbereitet, kritisiert Häsler in der «NZZ» vom 13. März 2026. Er sieht weniger einen Einmarsch fremder Truppen in die Schweiz als vielmehr ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen, die den Alpenraum erreichen und die Knotenpunkte des europäischen Stromnetzverbundes und andere kritische Infrastrukturen zerstören. «Von diesen hängen der Wohlstand und die Sicherheit Europas ab.»
Warum die Nato solche Raketen, Marschflugkörper und Drohnen vor dem Überflug über ein Nato-Land nicht abfangen und unschädlich machen würde, lässt Häsler offen.
Da weder auf die SP noch auf die SVP Verlass sei, fordert Häsler «dringend eine Koalition der Vernünftigen, die die Dinge an die Hand nehmen». Er denkt an «Politikerinnen und Politiker, die nicht ihre eigene Blase bespassen, sondern im Landesinteresse handeln wollen.»
Für den Oberst der Schweizer Armee steht fest: «Ein Gemeinwesen muss sich verteidigen können und auch wollen, sonst verliert es seine Daseinsberechtigung.»
Ländern wie Panama oder Costa Rica, die keine Armee unterhalten, spricht Häsler diese Daseinsberechtigung offensichtlich ab.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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