im Operationssaal

Wenn es zu Komplikationen kommt, sind Patienten nicht in allen Spitälern gleich gut aufgehoben. © pressmaster /Depositphotos

Geheimniskrämerei lässt Patienten im Ungewissen

Martina Frei /  In zwei Schweizer Uni-Spitälern kam es nach Operationen deutlich öfter zu tödlichen Komplikationen. Welche das sind, bleibt geheim.

In Schweizer Spitälern wird fleissig kodiert: Krankheiten der Patienten, Komplikationen, Todesfälle – alles wird mit Codes erfasst. Die Arbeitszeit, die dafür drauf geht, bezahlen Krankenkassen und Kantone. Also die Bevölkerung. Vor lauter administrativen Aufgaben bleibe immer weniger Zeit für die Patienten, klagen viele Spitalmitarbeiter. Die Spitaldaten, die sie erheben, gehen ans Bundesamt für Statistik. 

Mit diesen Daten haben drei Wissenschaftler eine Studie durchgeführt. Sie wollten wissen, wie es um die Patientensicherheit in Schweizer Spitälern steht. 

Über 1000 Todesfälle wären vermeidbar gewesen

Als ein etabliertes Qualitätsmerkmal gilt das «Failure to rescue» (FTR), auf deutsch das «Rettungsversagen». Die FTR-Rate gibt an, welcher Anteil an operierten Patienten im Spital an einer Komplikation verstirbt, bezogen auf alle Operierten mit dieser Komplikation. Typische Komplikationen nach Operationen sind beispielsweise eine Lungenentzündung, eine Beinvenenthrombose, ein Magengeschwür, eine schwere Blutvergiftung (Sepsis) oder ein Herzstillstand. 

Spitäler mit aufmerksamen und gut ausgebildeten Mitarbeitern, die sehr gut nach ihren operierten Patienten schauen und bei einer Komplikation rasch adäquat handeln, haben eine niedrige FTR-Rate. Sie können einen fatalen Verlauf oft noch abwenden. 

Die drei Wissenschaftler werteten die Spitaldaten für die Jahre 2019 bis 2023 aus – und fanden mehrere starke «Ausreisser»: Zwei Spitäler schnitten besonders schlecht ab, eines besonders gut. Würden alle Spitäler so arbeiten wie dieser Spitzenreiter, hätten sich in den fünf Jahren mindestens 1250 Todesfälle verhindern lassen, so das Ergebnis der in «Jama Network Open» veröffentlichten Studie. 

Über alle 61 ausgewerteten Spitäler hinweg starben rund 18 Prozent der Patienten, die eine von fünf analysierten Komplikationen bekamen. Das sei mit den USA vergleichbar, schreiben die drei Forscher, deren Studie Kommentatoren als «wichtigen Fortschritt» einstufen. 

«Wir kennen die Namen auch nicht»

Die meisten dieser – potenziell vermeidbaren – Todesfälle konzentrierten sich in der Schweiz auf sieben Spitäler. Fast 40 Prozent ereigneten sich allein in den zwei Universitätsspitälern, die negativ hervorstachen. Welche Kliniken das waren, verrät die Studie aber nicht. Denn keines der Spitäler ist namentlich genannt. Stattdessen sind alle nur mit nichtssagenden Nummern bezeichnet.

«Die Daten, die wir vom Bundesamt für Statistik erhalten haben, sind anonymisiert. Wir kennen die Namen der Spitäler auch nicht», sagt Studienleiter David Schwappach, Professor am Institut für Sozial-und Präventivmedizin an der Universität Bern. 

Auch für Patienten oder zuweisende Hausärztinnen ist es nicht möglich, herauszufinden, welche Spitäler gut oder schlecht abschnitten. Aus der Studie lässt sich nur herauslesen: Die Schlusslichter waren zwei grosse Spitäler mit je rund 80’000 operierten Patienten (von 2019 bis 2023). Ein anderes Spital mit ebenfalls etwa 80’000 chirurgischen Patienten hingegen stach nicht negativ heraus. Der positive Ausreisser war ein Spital mit rund 60’000 Operierten.

Schwappach zufolge handelt es sich bei allen drei «Ausreissern» um Universitätsspitäler. Zwei weitere Universitätsspitäler hätten unauffällig abgeschnitten.

Offenlegung «gesetzlich nicht erlaubt»

Das Bundesamt für Statistik teilt auf Anfrage mit: «Leider können wir Ihnen die Namen der Spitäler nicht mitteilen. Es ist es uns gesetzlich nicht erlaubt, Namen von Spitälern an Dritte weiterzugeben.» Das Bundesstatistikgesetz verbiete dies.

Das unbefriedigende Fazit: Um die Patientensicherheit ist es nicht überall in der Schweiz gleich gut bestellt. Es gibt verlässliche Daten. Aber sie dürfen nicht veröffentlicht werden.

Schwappach hält es nicht für zielführend, Spitäler, die schlecht abschneiden, an den Pranger zu stellen. «Zu schauen, wer die Versager sind, führt nirgendwo hin. Viel wichtiger wäre, zu ergründen, warum ein Spital besonders gut dasteht. Was machen die dort besser?» 

Das sollte im Sinne der Patientensicherheit alle Spitäler und Gesundheitsdirektionen interessieren. Eigentlich hätte er deshalb erwartet, dass sich Spitaldirektoren oder kantonale Gesundheitsdirektionen nach der Veröffentlichung der brisanten Studienergebnisse bei ihm melden würden, sagt Schwappach. Doch: «Ich habe keine einzige Nachfrage von dort bekommen. Die FTR sollte aber eine Priorität bei den Bemühungen um mehr Patientensicherheit sein.»

Andere Länder sind transparenter

«Patientinnen und Patienten haben ein berechtigtes Interesse zu wissen, wie Spitäler bei bestimmten Eingriffen oder Komplikationen abschneiden. Solche Informationen können helfen, informierte Entscheidungen zu treffen und die Qualität im Gesundheitswesen zu verbessern», sagt Mario Fasshauer, Geschäftsleiter der Patientenstelle Zürich. Solche Daten müssten jedoch sorgfältig aufbereitet und erklärt werden, denn «ohne Einordnung besteht die Gefahr von Fehlinterpretationen.»

Andere Länder seien da transparenter. Fasshauer verweist zum Beispiel auf Schweden, wo Qualitätsregister und vergleichbare Daten teilweise öffentlich zugänglich seien und regelmässig ausgewertet werden. Auch der staatliche britische Gesundheitsdienst NHS veröffentliche für viele Behandlungen Qualitätsindikatoren einzelner Kliniken. «Aus Sicht einer Patientenorganisation wäre es wünschenswert, mehr Transparenz auch in der Schweiz zu schaffen – allerdings mit verständlicher Erklärung und fairer Vergleichbarkeit der Daten, damit Patientinnen und Patienten diese Informationen sinnvoll nutzen können.»

Erfahrungen in den USA zeigen, dass die Veröffentlichung der betroffenen Spitalabteilungen und Chirurgen zu einer raschen und deutlichen Verbesserung der Behandlungsqualität führte.

«Man sollte die Spitäler mit den Ergebnissen konfrontieren»

Auch Michael Jordi, der Präsident der Eidgenössischen Qualitätskommission, findet es «wünschenswert, wenn Qualitätsdaten öffentlich zugänglich sind und Leistungserbringer verglichen werden können. Die Sache hat jedoch drei ‹Aber›», gibt Jordi zu bedenken.

Erstens müssten die Daten hohen Qualitätsanforderungen genügen und wirklich vergleichbar sein. Ein möglicher Einwand bei dieser Studie, den die drei Forscher selbst benennen: Falls in Schweizer Spitälern nicht einheitlich kodiert würde, könnte dies zu unterschiedlichen FTR-Raten beitragen. Gerade bei den auffälligen Spitälern «haben wir aber keine Hinweise darauf und ich denke auch nicht, dass solche Kodierungseffekte unsere Befunde erklären», so Studienleiter David Schwappach.

Zweitens, so Jordi, müssen die Leistungserbringer ein Interesse daran haben, ihre Qualität zu verbessern. Sobald Spitäler wüssten, dass die Qualität ihrer Leistungen publiziert werden, bestehe die Versuchung, die erhobenen und gelieferten Daten zu beschönigen, weil dann der Wettbewerb zwischen den Leistungserbringern im Vordergrund stehe und nicht mehr das Ziel der Qualitätsverbesserung.

Drittens «müssen die Daten zeitnah vorliegen. Die erwähnte Studie bezieht sich auf die Jahre 2019 bis 2023. Seither hat sich in einzelnen Spitälern sehr viel verändert, personell, baulich, technologisch und kulturell – sowohl bei den damaligen ‹best performers› wie auch bei den ‹worst performers›.» Jordi findet es daher nachvollziehbar, die einzelnen Spitäler nicht zu veröffentlichen. «Aber man sollte sie mit ihren Ergebnissen konfrontieren.»

An vielen Spitälern wird wenig operiert – ohne Wissen um die Qualität

«Dramatisch» findet Schwappach einen Nebenbefund der Studie. Rund 50 bis 60 Schweizer Spitäler wurden in seiner Analyse gar nicht ausgewertet. Der Grund: Dort gab es in den fünf untersuchten Jahren weniger als 100 FTR-Fälle – zu wenig, um belastbare Schlüsse ziehen zu können. «Wir lassen es also zu, dass in der Schweiz in 50 bis 60 Spitälern Patienten operiert werden, aber wir können nicht sagen, wie viele davon Komplikationen bekommen und daran sterben.» Er würde sich wünschen, «dass man sich mit offenem Blick um Verbesserung bemüht». Aber er mache sich da nichts vor: «Ich bin nicht mehr so naiv wie vor 20 Jahren, als ich mit der Forschung zur Patientensicherheit begonnen habe.»


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Zum Infosperber-Dossier:

Arztfehler_Schere

Vermeidbare Arzt- und Spitalfehler

In Schweizer Spitälern sterben jedes Jahr etwa 2500 Patientinnen und Patienten wegen vermeidbarer Fehler.

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