AKW Beznau

Das AKW Beznau soll noch fünf bis acht Jahre weiterlaufen, wenn es nach der Betreiberin Axpo geht. © cc-by-sa-4 JoachimKohler-HB via Wikimedia Commons

«Das Risiko, dass es zu Schäden kommt, ist deutlich erhöht»

Wolfgang Storz /  Schweizer Atomkraftwerke sind in einem Alter, in dem ihre Sicherheit nicht mehr gewährleistet werden könne, sagt ein Experte.

Red. – Wolfgang Storz ist Publizist, Kommunikationsberater und Coach. Das folgende Interview von ihm erschien zuerst im Blog «Bruchstücke». Es wird hier in veränderter und gekürzter Form in zwei Teilen publiziert.

_____________________

Das vor 56 Jahren gebaute Atomkraftwerk Beznau 1 ist das älteste der Welt, sein Reaktordruckbehälter ist stark versprödet. Gilt bei AKWs die Regel: Je älter, umso gefährlicher?

Wolfgang Renneberg: Ganz generell gilt für die Alterung technischer Systemen die «Badewannenkurve». In den ersten Betriebsjahren ist die Fehlerquote höher, um danach zu sinken. In späteren Jahren steigt die Fehlerquote wieder an, wenn die Sicherheitsreserven zunehmend aufgebraucht werden. Grundsätzlich ist dies bei Kernkraftwerken auch der Fall.

An welchen Stellen altern Atomkraftwerke besonders?

Wichtig ist: Sie altern in mehrfacher Hinsicht. Das Material, insbesondere die hochbelasteten Rohrleitungen im Primärkreis und die Ventile dort, die Dampferzeuger und der Reaktordruckbehälter verlieren ihre Zähigkeit. Die Wanddicken von Rohrleitungen verringern sich an kritischen Stellen. Das Risiko gefährlicher Lecks vergrössert sich. Wenn zusätzlich ursprüngliche Herstellungsfehler hinzukommen, wenn beispielsweise die Herstellungsqualität im Fertigungsprozess nicht ausreichend geprüft worden ist, Fehler beim Schweissen nicht entdeckt wurden, falsche Materialien verwendet wurden, dann vergrössert sich das Risiko nochmals, zuweilen unberechenbar.

Gab es bei den Schweizer Atomkraftwerken solche Herstellungsfehler?

Herstellungsbedingte Fehler sind beispielweise im Kernkraftwerk Beznau 1 und im stillgelegten Kernkraftwerk Mühleberg nachgewiesen worden. In Beznau 1 handelte es sich um Aluminiumoxideinschlüsse im Stahl des Reaktordruckbehälters. Im Kernkraftwerk Mühleberg wurde unter anderem der Kernmantel bei der Herstellung nicht spannungsarm geglüht, sodass unzulässige Spannungen im Material verblieben. Den gleichen Effekt gab es bei den Dampferzeugern in Beznau 1 und 2, die frühzeitig ausgetauscht werden mussten.

Zur Person

Wolfgang Renneberg
Wolfgang Renneberg

Wolfgang Renneberg ist Hochschullehrer, Physiker, Jurist und einer der angesehensten Experten für Reaktor-Sicherheit. Er leitete von 1998 bis 2009 die Atomaufsicht im deutschen Bundes-Umweltministerium BMU. Danach arbeitete er als Gutachter und Sachverständiger. Von 2012 bis 2015 war er Professor beim österreichischen Institut für Risiko- und Sicherheitswissenschaften in Wien. Heute ist er Vorstandsmitglied im deutschen Ökoinstitut.

Kann denn das alles überhaupt ständig überprüft werden?

Nein.In konzeptionell alten Kernkraftwerken wurden Rohrleitungen, die unter hohen Belastungen stehen, teilweise so konstruiert, dass sie gar nicht ausreichend geprüft werden können. Damit fällt zusätzlich eine Sicherheitsbarriere aus. Betreiber und Aufsichtsbehörden in der Schweiz können auf konkrete Schädigungen somit möglicherweise nicht rechtzeitig reagieren.

Was altert noch in einem Atomkraftwerk?

Die Alterung betrifft auch elektrische Steuerungs- und Versorgungssysteme. In der Vergangenheit gab es bereits Kabelbrände, die zu schwerwiegenden Schäden geführt hatten, wie beispielsweise im Kernkraftwerk Forsmark 1 in Schweden. Zwei der vier Notstromdiesel fielen aus. Es hatte die Gefahr bestanden, dass auch die beiden anderen Notstromdiesel ausgefallen wären. Eine Kernschmelze wäre dann wahrscheinlich gewesen. Ein weiteres Beispiel ist der Kabelbrand in Brunsbüttel im Jahr 2004. Er führte zum Ausfall der Eigenbedarfsversorgung und zu einer Reaktorschnellabschaltung. Nach der Stilllegung des Reaktors im Jahr 2011 wurden auch die Kabel untersucht. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage im Schleswig-Holsteinischen Landtag (Drucksache 18/254) wurde das Ausmass konkretisiert:
«Insgesamt wurden Mängel an rund 500 Kabeln festgestellt, die sich im Sicherheitsbehälter befinden. Dabei handelt es sich um sicherheitstechnisch wichtige Kabel der Mess-, Steuer- und Regelungstechnik […] Die Versprödung der Isolierung führt dazu, dass die Kabel ihre Schutzfunktion gegen Feuchtigkeit und Kurzschlüsse unter Störfallbedingungen nicht mehr sicher hätten erfüllen können.» Darüberhinaus gibt es mehrere weitere Beispiele. Ebenso altern verlötete elektronische Schaltkarten. Damit wächst das Risiko von Schaltungsfehlern, die im Zusammenwirken mit anderen Fehlern unabsehbare Folgen für den Betrieb der Anlage haben können.

Das Argument der Atomenergie-Anhänger lautet: Auch alte Anlagen werden immer sicherer, da sie mit Nachrüstungen, die technisch auf der jeweiligen Höhe der Zeit sind, quasi qualitativ immer besser werden. Stimmt das?

Nein, das ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Erstens altern die Hauptkomponenten eines Reaktors unaufhaltsam. Sie können nicht ausgewechselt werden. Zweitens werden Nachrüstungen notwendig, weil gravierende Defizite erst nach der Genehmigung entdeckt werden. In einem solchen Fall wird der unabdingbar notwendige Sicherheitszustand mit der Nachrüstung überhaupt erst hergestellt — und das auch noch verspätet. Stellen Sie sich vor: Es stellt sich erst im Betrieb heraus, dass das AKW – entgegen der Annahme bei der Genehmigung – baulich nicht hinreichend gegen Erdbeben geschützt ist. Dann wird erst mit der Nachrüstung die Sicherheit hergestellt, die schon vor der Genehmigung hätte garantiert sein müssen.

Also werden die AKWs mit Nachrüstungen doch besser und sicherer?

Rein technisch gesehen sollte ein Kernkraftwerk durch eine sicherheitstechnische Nachrüstung im Prinzip sicherer sein als vorher. Das gilt auch dann, wenn damit erst diejenige Sicherheit erreicht wird, die in der Genehmigung bereits vorausgesetzt wurde. Nicht selten kam es jedoch vor, dass mit Nachrüstungen neue Fehler eingebaut wurden, teilweise mit gravierenden Auswirkungen, die die Anlage bedeutend unsicherer gemacht haben. Beispielsweise wurden bei einer Nachrüstung zur notwendigen Stabilisierung von Rohrleitungen flächendeckend Dübel falsch montiert. Rohrleitungen und andere Sicherheitskomponenten waren dadurch nicht ausreichend fest in den Wänden verankert. Dies wurde erst später entdeckt. Bei einem anderen Kraftwerk wurden nah am Reaktordruckbehälter Leitungsführungen so geändert, dass sich in einer Leitung freier Wasserstoff ansammeln konnte. Dies wurde erst nach einer Explosion ganz nah am Reaktordruckbehälter festgestellt. Die Explosion war so heftig, dass die Erschütterungen im Kraftwerksgebäude bis in den Kontrollraum spürbar waren. Eine Rohrleitung aus festem Stahl in unmittelbarer Nähe des Reaktordruckbehälters war vollständig zerstört worden. 

Erreichen Atomkraftwerke ein Alter, in dem sie abgeschaltet werden müssen, weil sie zu unsicher geworden sind?

Abgesehen von den Alterungen der Materialien, gibt es auch eine konzeptionelle Alterung. Kernkraftwerke, die seit 40 Jahren Strom produzieren, basieren auf technischen Konzepten, die 50 bis 60 Jahre alt sind. In diesen sechs Jahrzehnten hat sich die Welt der Atomtechnik grundlegend geändert. Das betrifft beispielsweise die Bauweise der Anlagen, die Anzahl der Sicherheitssysteme, ihre Güte, ihre Diversität und ihre Unabhängigkeit voneinander. Es geht auch um die Qualität des Brandschutzes — zwischen damals und heute liegen Welten. Bei konzeptionell alten Anlagen fehlen häufig bauliche Trennungen zwischen möglichen Brandherden. Die alten Anlagen an die heutigen Anforderungen anzupassen, ist nur noch in engen Grenzen möglich. Im Ergebnis werden alte Anlagen einfach weiterbetrieben, obwohl sie gar nicht oder zumindest deutlich weniger gegen mögliche Risiken geschützt sind. Dies gilt sowohl für Risiken, die bereits seit Jahrzehnten bekannt sind, als auch für neue Risiken.

Neben dem 56 Jahre alten AKW Beznau 1 steht der Schwesterreaktor Beznau 2. Er ist 53 Jahre alt. Die Betreiberin Axpo will beide 365-Megawatt-Druckwasserreaktoren noch fünf bis acht Jahre weiterlaufen lassen. Welche Gefahren gehen von diesen Werken aus?

Beznau 2 unterscheidet sich von Beznau 1 nicht wesentlich. Es ging nur etwa zwei Jahre später ans Netz als Beznau 1 und gleicht diesem konzeptionell. Die Sicherheitskonzepte dieser Anlagen sind fast 70 Jahre alt. Die Alterung ihrer Bauteile ist weit fortgeschritten. Dies gilt auch und insbesondere für den Reaktordruckbehälter. Die Sicherheitskonzeptionen sind veraltet. Einige Beispiele: Die bauliche und räumliche Trennung elektrischer Kabel genügt nicht. Dadurch können Sicherheitssysteme bei einem Störfall ausfallen. Die Anforderungen der Basissicherheit der druckführenden Rohre und Ventile im Primärkreis sind nicht erfüllt. Wichtige Rohrleitungsbereiche im Primärkreis sind nur ungenügend prüfbar. Die gravierende Folge: Mögliche Alterungsschäden oder sonstige Fehler bleiben verborgen. Überdies sind die Sicherheitssysteme voneinander nicht ausreichend unabhängig. Der Ausfall eines Sicherheitssystems kann somit möglicherweise nicht durch ein anderes aufgefangen werden. Und: Die Erdbebenauslegung entspricht nicht den Anforderungen, die man nach dem Stand von Wissenschaft und Technik stellen und einhalten müsste. Mein letzter Punkt: Der Schutz gegen Hochwasser ist nicht ausreichend nachgewiesen.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Diagnose?

Wenn eine Vielzahl von Komponenten wegen ihres Alters geschwächt ist und es zudem Konzept-Mängel gibt, dann kann ein Störfall zu einem kaskadenartigen Versagen von Sicherheitssystemen führen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist im Vergleich mit neueren Atomanlagen deutlich höher. Beznau 1 und Beznau 2 würden heute von keiner europäischen Behörde mehr genehmigt werden. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an eine jüngere Studie, die noch einmal gezeigt hat, dass bei einem Kernkraftwerks-Unfall in der Schweiz die deutschen Nachbar-Regionen von der Ausbreitung der Radioaktivität zum Teil stärker betroffen sein können als die Schweiz selbst. Dabei kann es zu Wetterlagen kommen, bei denen nach dem Massstab der geltenden Grenzwerte grosse Regionen in Süddeutschland evakuiert werden müssten.

Ist das Warnen vor angeblich so gefährlichen Risiken nicht übertrieben?

Ein Auto mit einem Einkreis-Bremssystem kann das ganze Autoleben lang möglicherweise ohne Probleme fahren. Trotzdem ist das Risiko, dass die Bremse im kritischen Fall vollständig versagt, deutlich höher als bei einem Auto mit zwei unabhängigen Bremskreisläufen. Real ist also: Das Risiko, dass es zu Schäden kommen kann, ist deutlich erhöht. Und wenn es bei Atomkraftwerken zu Schäden kommt, dann sind sie dramatisch und betreffen viele Menschen.

Wie beurteilen Sie den Reaktor in Gösgen?

Mit 47 Jahren gehört auch Gösgen zu den alten Kernkraftwerken. Der technische Prüfungshorizont in atomrechtlichen Genehmigungsverfahren reicht maximal 30 bis 40 Jahre weit. Er ist also bereits deutlich überschritten. Die Genehmigung mag formal-rechtlich weiter gültig sein – aber die Genehmigung und ihre vorausgehenden Prüfungen legitimieren nicht mehr die Sicherheit der Anlage. In diesem Sinne haben die Genehmigung und das Genehmigungsverfahren ihre Gültigkeit für die Sicherheit verloren. Dies wird auch nicht ausreichend durch die Sicherheitsüberprüfungen der Aufsichtsbehörden kompensiert. Dass das erhöhte Risiko im Fall von Gösgen nicht zu Schäden geführt hat, ist Zufall. Auf den Zufall – nach dem Motto «Es wird schon nichts passieren» – sollte man sich jedoch bei einem Kernkraftwerk auf gar keinen Fall verlassen.

Was müsste Ihres Erachtens in einem solchen Fall gemacht werden?

Wenn die Genehmigungslegitimation für die Sicherheit weitgehend entfallen ist, wäre eine Weiterbetriebsgenehmigung notwendig; technisch gesehen wäre dies für jedes AKW nötig, das 40 Jahre und älter ist. Eine solche Überprüfung würden die Betreiber der Atomkraftwerke weder in Gösgen noch in Beznau überstehen.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Ensi

Atomaufsichtsbehörde Ensi

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi entscheidet darüber, ob AKWs noch sicher genug sind.

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

1103_Fukushima

Fukushima: Verharmlost und vergessen

Die Atomkatastrophe von Fukushima und deren Folgen für Hunderttausende.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...