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Die Schweiz gewann an den Olympischen Spielen mehr Medaillen denn je. Aber es gab auch noch nie so viele Medaillen zu gewinnen. © Bildschirmfoto blick.ch

Hauptsache Rekord

Marco Diener /  Wir erleben gerade sensationelle Zeiten: Ein Rekord jagt den anderen. Im Sport wie beim Wetter. Behaupten jedenfalls Journalisten.

Gestern gingen die Olympischen Winterspiele zu Ende. Schon am Freitag verkündete nau.ch: «Schweiz stellt Medaillen-Rekord auf – Noé Roth holt bei den Aerials Edelmetall Nummer 16 für die Schweiz.» Ähnlich tönte es bei SRF, «Tages-Anzeiger» und «Blick». Am Schluss waren es dann sogar 23 Medaillen.

Die Medaillen-Inflation

23 Medaillen sind ein schöner Erfolg. Aber ein Rekord? Kann man so sehen. Als seriöser Journalist müsste man jedoch auch erwähnen, dass an Winterspielen noch nie so viele Medaillen vergeben wurden wie in diesem Jahr – es waren 348.

Vor vier Jahren waren es erst 328 Medaillen gewesen. Und vor 20 Jahren bei den Spielen von Turin erst 252. Das heisst: Die Zahl der vergebenen Medaillen stieg in diesem Zeitraum um 38 Prozent. 1992 wurden in Albertville noch nicht einmal halb so viele Medaillen vergeben wie heute. Kein Wunder, dass die Schweizer immer mehr Medaillen ergattern – wie übrigens andere Länder auch.

Immerhin: Gestern Abend wies das «Echo der Zeit» von Radio SRF darauf hin, dass es «zunehmend mehr Wettkämpfe gibt».

Sailer und Killy hatten drei Chancen

Schon vor dem Schweizer Medaillen-«Rekord» hatte der Skifahrer Franjo von Allmen laut dem «Tages-Anzeiger» ein «historisches drittes Olympia-Gold» geholt. Für den «Blick» war die Medaille «gleich fünffach historisch». Auch für viele andere Medien wie SRF, «St. Galler Tagblatt» oder «Telezüri» waren von Allmens Goldmedaillen in Abfahrt, Super-G und Team-Kombination «historisch».

Die Journalisten erklärten ihren Lesern, Zuhörern und Zuschauern auch, warum: Im Skifahren sei das erst Toni Sailer 1956 in Cortina d’Ampezzo – wie Cortina damals noch hiess – gelungen, Jean-Claude Killy 1968 in Grenoble und Janica Kostelic 2002 in Salt-Lake-City.

Auch hier: Kann man so sehen. Aber als seriöser Journalist müsste man zumindest sagen, dass zu Sailers und Killys Zeiten nur die Abfahrt, der Riesenslalom und der Slalom ausgetragen wurden (der Kombinationssieger war damals bloss Weltmeister, nicht Olympiasieger). Sie holten also drei von drei möglichen Goldmedaillen.

Keine Frage: Franjo von Allmens Leistungen sind grossartig. Aber heute gibt es neben den ursprünglichen Disziplinen auch noch den Super-G und die Team-Kombination. Von Allmen holte also drei von fünf möglichen Goldmedaillen. Auf einer Stufe mit Sailer und Killy steht er nicht.

Klæbo und die Eishockeyaner

Und dann haben wir da noch den norwegischen Langläufer Johannes Høsflot Klæbo. Er hat in seiner Karriere elf olympische Goldmedaillen gewonnen. Allein an diesen Spielen hat er deren sechs geholt. Damit ist er laut der «Zeit» «der erfolgreichste Winterolympionike der Geschichte».

Das mag er – gemessen an seinen Goldmedaillen – sein. Aber ist ein solcher Vergleich sinnvoll? Ein Eishockeyaner hat an Olympischen Spielen bloss eine Medaillenchance. Um wie Klæbo elf Goldmedaillen zu holen, müsste ein Eishockeyaner ziemlich erfolgreich und ausdauernd sein.

Er hätte seine Siegesserie zusammen mit seinen Kameraden 1988 – also vor 38 Jahren in Calgary starten müssen. Er hätte anschliessend in Albertville, Lillehammer, Nagano, Salt-Lake-City, Turin, Vancouver, Sotschi, Pyeongchang, Peking und nun in Mailand stets das olympische Eishockeyturnier gewinnen müssen. Bei den diesjährigen Winterspielen wäre er über 60-jährig gewesen.

Bei den Sommerspielen sind die Vergleiche übrigens auch sinnlos. Ein Hochspringer hat bloss eine Medaillenchance; ein Schwimmer hat unzählige Möglichkeiten.

Pseudo-Rekord in den Walliser Alpen

«Schneerekord in La Creusaz im Wallis.» So titelte «Teletext» am Freitag Abend. La Creusaz? Ausser ein paar Einheimischen dürfte kaum jemand La Creusaz kennen. Es ist kein Dorf, sondern ein Weiler mit ein paar Ferienhäusern oberhalb von Les Marécottes VS.

Wer weiterlas, merkte rasch, dass an der Meldung einiges faul war. Denn es folgten zwei Einschränkungen: «Seit 37 Jahren» sei nie mehr so viel Schnee «an einem 20. Februar» gemessen worden. Also: Keine Spur von einem Rekord.

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Die Sensation von La Creusaz.

Die Meldung stammte von der «Association suisse des risques naturels», also vom «Schweizer Naturgefahren-Verband». Nur gibt es keinen solchen Verband. Hinter der «Association suisse des risques naturels» stecken eine oder mehrere Personen, die Freude an Wetterphänomenen und an lustigen Fotos haben. So posten sie auch mal Bilder aus dem Ausland von Autos mit einer gehörigen Schneeladung auf dem Dach.

Schneelast
Ein Steckenpferd der «Association suisse des risques naturels»: lustige Bilder.

Erstaunlich ist, dass nicht nur Teletext über den «Rekord» berichtete. Ähnliche Meldungen verbreiteten viele Medien – darunter auch der «Blick», der «Walliser Bote», die «Südostschweiz» und sogar «Swissinfo», der internationale Online-Dienst der SRG.

Unfug mit Zahlen und Statistiken ist also nicht nur im Sportjournalismus, sondern auch im Wetterjournalismus verbreitet. SFR-Meteo berichtete einst auch über starken Schneefall im Apennin: «Das italienische Dorf Capracotta auf 1421 Meter über Meer hält neu einen Weltrekord.» Innerhalb von 18 Stunden seien 256 Zentimeter Schnee gefallen. Seit 1921 habe Silver-Lake in Colorado (USA) den Weltrekord mit 193 Zentimetern in 24 Stunden gehalten.

Kleinlaut räumte SRF-Meteo im gleichen Artikel ein, die Weltorganisation für Meteorologie führe gar keine Rekordliste. Denn: «In der Vergangenheit war es nicht möglich, die lokalen Neuschneemessungen zu verifizieren. Da Schnee rasch komprimiert, können gefallene Neuschneemengen nicht noch Tage nach dem Event nachgewiesen werden.»

Aber für SRF-Meteo war’s trotzdem ein «Weltrekord».


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