National Fentanyl Prevention and Awareness Day. August 21, 2023, New York, USA

Fentanyl: Nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu schmecken – und häufigste Todesursache bei den 18- bis 45-Jährigen. Demonstration am Nationalen Fentanyl-Präventionstag 2023 in den USA. © thenews2.com / Depositphotos

Opioidkrise: Impfung gegen Fentanyl soll helfen

Martina Frei /  In den Niederlanden wird ein Impfstoff gegen die Droge erprobt, die jedes Jahr Zehntausende von Menschen umbringt.

In den USA sterben etwa siebenmal so viele Menschen an Drogen wie in anderen westlichen Ländern. Allein letztes Jahr gab es offiziellen Zahlen zufolge dort fast 78’000 Drogentote. Fentanyl ist die Substanz, die hauptsächlich dafür verantwortlich war. Auch in der Schweiz nimmt der Konsum dieses Opioids zu.

Ein neuartiger Impfstoff soll tödlichen Überdosierungen vorbeugen, berichtete die US-amerikanische Ärztezeitung «Jama» kürzlich. Versuche an Ratten seien erfolgreich verlaufen. Die Wissenschaftler hatten die Tiere zuerst dreimal gegen Fentanyl geimpft und ihnen anschliessend hochtoxische Dosen der Droge verabreicht. Die geimpften Nager hätten sich daraufhin nicht anders verhalten als sonst, während ungeimpfte Ratten schwere Vergiftungserscheinungen zeigten.

«Die Wirkung war so dramatisch, dass ich begann, Videos von den Tieren zu machen. Denn ich wusste: Das glaubt mir keiner», zitiert die Zeitung einen der Wissenschaftler von der Universität in Houston – der allerdings Interessenkonflikte hat. Er ist Mitgründer von ARMR Sciences, einem «Unternehmen für die klinische Entwicklung biologischer Verteidigung», das den Impfstoff lizenziert hat und nun in den Niederlanden erste Studien an Menschen durchführt. Noch ist alles im Versuchsstadium.

Die Droge erreicht rasch das Gehirn

Trotzdem berichten Publikumsmedien schon seit Jahren über die angekündigte Neuheit. «Bahnbrechend» etwa nannte die «Daily Mail» den Fentanyl-Impfstoff schon 2024, als erst Ratten geimpft worden waren. Auf der Website von ARMR Sciences finden sich über zwei Dutzend Medienberichte, aber keine wissenschaftlichen Publikationen.

Fentanyl gelangt in Windeseile ins Gehirn. Die Droge ist deshalb so gefährlich, weil sie im Atemzentrum die Empfindlichkeit für CO2 senkt. Normalerweise wird dieses Gas über die Lungen ausgeatmet: Je höher die CO2-Konzentration im Körper, desto stärker kurbelt das Atemzentrum im Gehirn die Atmung an. Opioide wie Fentanyl hebeln diesen natürlichen Schutzmechanismus vor einer CO2-Vergiftung aus. 

Bei Vergiftung droht ein Atemstillstand

Fentanyl ist in der Medizin ein bewährtes Opioid-Schmerzmittel, das früher jedoch nur bei Operationen und auf Intensivstationen eingesetzt wurde. Opioide lindern Schmerzen wirksam, rufen Glücksgefühle hervor und heben die Stimmung. Gefürchtet ist ihre Wirkung auf das Atemzentrum im Gehirn bei Überdosierung: Sie senken die Atemfrequenz und das Atemvolumen – bis hin zum Atemstillstand.

Fentanyl wirkt ähnlich wie Morphium, ist aber etwa 120-mal stärker als dieses und rund 50-mal stärker als Heroin. Zwei Milligramm Fentanyl – eine kaum sichtbare Menge – können tödlich sein.

Antikörper im Blut sollen das Fentanyl abfangen

Der Fentanyl-Impfstoff soll das Anfluten der Droge im Gehirn weitgehend verhindern. Er besteht aus einem winzigen Stückchen des Fentanyl-Moleküls ohne berauschende Wirkung. Dieses wird chemisch an zwei Substanzen gekoppelt, welche das Immunsystem stimulieren. Dabei handelt es sich erstens um inaktiviertes Diphtherie-Toxin, das bereits in mehreren zugelassenen Impfstoffen gegen Lungen- oder Hirnhautentzündung als Immunstimulans dient. Zweitens enthält die Vakzine Spuren eines Gifts aus Coli-Bakterien, das ebenfalls die Antikörperproduktion anregen soll. Im Idealfall produziert das Immunsystem nach der Impfung Antikörper, die sich gezielt gegen das Fentanyl-Teilchen richten. 

Kommt die geimpfte Person danach mit Fentanyl in Kontakt, sollen die Antikörper im Blut die Droge weitestgehend abfangen, noch bevor sie das Gehirn erreicht. Danach wird der Fentanyl-Antikörper-Komplex im Körper abgebaut und zuletzt mit dem Urin ausgeschieden. Andere Opioid-Schmerzmittel würden trotzdem wirken, weil der Impfstoff spezifisch ist für Fentanyl – so die Idee. Das Prinzip liesse sich auch bei anderen Drogen anwenden. 

Nikotin-Impfung liess sich durch mehr Nikotin aushebeln

Allerdings tüfteln Wissenschaftler schon seit über 50 Jahren an Impfungen gegen verschiedenste Drogen, bislang mit bescheidenem Erfolg. Ein grosses Problem: Verglichen mit Laborratten, bildeten Versuchspersonen viel weniger Antikörper. Zudem waren die nach der Impfung gebildeten Antikörper oft nicht spezifisch genug für die gewünschte Droge. 

«Raucherimpfungen» gegen Nikotin beispielsweise wurden, auch in der Schweiz, immer wieder in den Medien angekündigt. Novartis, Pfizer und weitere Firmen versuchten sich bereits vor rund 20 Jahren daran … und gaben auf.

Die Wirkung der Nikotin-Impfung liess sich durch höhere Dosen an Nikotin ausser Kraft setzen. Halte man Jugendliche mit Hilfe eines solchen Impfstoffs vom Zigarettenrauchen ab, könne dies leicht dazu führen, dass sie ihren Zigarettenkonsum steigern würden, um die Nikotinimpfung auszuhebeln. «Dadurch nehmen sie erheblich mehr der im Rauchtabak enthaltenen krebserregenden Stoffe auf», gab der Sucht-Impfstoff-Forscher Thomas Kosten 2024 im «American Journal of Psychiatry» zu bedenken. Kosten arbeitet selbst an einem Impfstoff gegen Kokain und war anfangs auch an der Entwicklung der Fentanyl-Impfung beteiligt. 

Ersthelfer, Soldaten und Polizisten gegen Fentanyl impfen

Im «Jama» nennt er weitere mögliche Einsatzgebiete für die Fentanyl-Impfung: Terrorismus oder Krieg. Denn starke Opioide können benützt werden, um den Gegner auszuschalten. Geimpfte Einsatzkräfte würden der Droge unter Umständen standhalten, insinuiert Kosten und erinnert an die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater 2002. Damals bliesen die Einsatzkräfte ein starkes Opioid in den Raum. Mehr als 100 Personen starben.

Tatsächlich wurde die Entwicklung des Fentanyl-Impfstoffs an der Universität Houston zunächst vom US-Verteidigungsministerium gesponsert, bevor ARMR Sciences die Lizenz erwarb. «Die Markteinführung eines neuen Medikaments kann Hunderte Millionen Dollar kosten, und das Zulassungsverfahren dürfte sich als kompliziert erweisen, da es weltweit keinen vergleichbaren Impfstoff gibt», schrieb «Bloomberg». «Private Investitionen in diesem Sektor fallen bislang mager aus.»

Kokain-Impfstoff führte nur bei einer Minderheit zu genügend Antikörpern

Kein Wunder, denn noch ist vieles offen: Kann der Fentanyl-Impfstoff bei Menschen tatsächlich eine Überdosis der Droge abfangen? Bilden alle Geimpften genügend Antikörper oder – wie etwa bei einem Impfstoff gegen Kokain – bloss ungefähr ein Drittel? Wie lange hält der Effekt an – falls er sich überhaupt bestätigt? In welchen Abständen bräuchte es Auffrischimpfungen? Ist die Fentanyl-Vakzine auch bei wiederholter Anwendung sicher? Würde sie sich für Menschen eignen, die einen Entzug machen wollen – oder würden drogenabhängige Menschen stattdessen noch höhere Dosen einnehmen, um die Impfung auszuhebeln, oder auf andere Drogen ausweichen? Lässt sich ein komplexes Problem wie Drogensucht überhaupt mit einem Impfstoff angehen?

Gewiss ist hingegen: Studien mit Menschen kosten viel Geld, das eine Firma erst einmal auftreiben muss. ARMR Sciences plant erste Studien mit bis zu 56 Personen. Verlaufen diese erfolgreich, bräuchte es mindestens eine Phase-3-Studie mit mehreren Hundert Teilnehmern.

US-Arzneimittelbehörde ist für die Opioidkrise in den USA mitverantwortlich

Ein erfolgreicher Impfstoff gegen eine Droge wie Fentanyl würde von der US-Arzneimittelbehörde FDA sehr wahrscheinlich beschleunigt zugelassen. Die FDA hat dabei selbst einen Interessenkonflikt: Sie trug massgeblich zur Opioidkrise in den USA bei, wie eine Recherche von «Bloomberg» letztes Jahr offenlegte. 

Bei der Zulassung starker Opioide als Schmerzmedikamente in den 1990er Jahren unterlief die FDA demnach ihre eigenen Standards, klüngelte mit den Herstellern und half ihnen sogar, ihre Studiendaten besser aussehen zu lassen. Ausserdem habe sie sich mit einer Studie begnügt, die nur 14 Tage dauerte, um ein Opioid für den Langzeitgebrauch gegen chronische Schmerzen zuzulassen, und anderes mehr. Einer der entscheidenden FDA-Mitarbeiter verliess die Behörde 1997 und heuerte ein Jahr später bei dem Opioid-Hersteller an, dessen Produkt er zuvor gutgeheissen hatte – mit einem Jahresgehalt von fast 400’000 Dollar. 

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