Schloss Schwandegg in Menzingen ZG

Schloss Schwandegg in Menzingen ZG © Bosshard

Der Gegenpapst von Menzingen dankt «in kindlicher Ergebenheit»

Michael Meier /  Der fromme Davide Pagliarani, Italiener, 55, residiert als Generaloberer der Piusbruderschaft auf Schloss Schwandegg in Menzingen.

Seinen Ungehorsam gegen Rom begründet er mit dem Leiden an der modernistischen Kirche. Jetzt hat der Rebell die Traditionalisten mit unerlaubten Bischofsweihen ins Schisma geführt. 

Der offizielle Papst in Rom, Leo XIV., Amerikaner und 70jährig, hat seinem Kontrahenten ein einziges Mal persönlich geschrieben – am Vorabend der schismatischen Bischofsweihen, um ihn vor diesem Schritt zu warnen. Pagliarani dankte umgehend «in kindlicher Ergebenheit» für die «väterliche Fürsorge». Leo und er sprächen miteinander wie ein Vater zu seinem Sohn. 

Am Mittwoch dann, an den an Pomp kaum zu überbietenden Bischofsweihen in Ecône, wechselte er in den schroffen Ton des offenen Ungehorsams. Rom sei von einem Geist beseelt, der der wahren Tradition der Kirche widerspreche, liess Pagliarani per Dekret verlesen. Darum hätten alle Strafen und Zensuren, die Rom wegen der unerlaubten Weihen ausspreche, keinerlei Gültigkeit. 

Kurz bevor sich dann am Open-Air-Glaubensfest ein heftiges Gewitter über den 16000 Gläubigen entlud, offenbarte der Generalobere sein Selbstverständnis. Der historische Tag sei eine Prüfung, sagte er in der Predigt. Die Traditionalisten müssten bereit sein, jeden Preis zu zahlen, um der Kirche zu dienen. «Je mehr wir leiden, um so mehr ist Gott mit uns». Von aussen als Rebellen wahrgenommen, handelten sie aus purer Not, um den traditionellen Glauben zu retten.

Prüfung und Leid legitimieren den Widerstand. Dass sich Ungehorsam lohnt, durfte Pagliarani schon während der Covid-Pandemie feststellen: Wie alle Prüfungen benutze Gott auch Covid 19 für das Wohl der Seelen. Die Zahl der traditionalistischen Gläubigen habe sich damals mancherorts verdoppelt und verdreifacht. Weshalb? Weil die Priester der Tradition entgegen allen Verboten weiterhin die Messe physisch feierten. 

Die Bruderschaft wächst unaufhaltsam. Heute steht Pagliarani 751 Priestern und 264 Seminaristen in fünf Seminaren vor. Die Priesterseminare sind für ihn die Raison d’être der Piusbruderschaft, um Glauben und Sakramente weiterzugeben. In Rimini aufgewachsen, trat er mit 19 Jahren in die Bruderschaft ein und setzte sich später in Singapur und Buenos Aires für die Ausbildung der Priester ein. 

Mit Bedacht aber liess sich der Priester am Mittwoch selber nicht zum Bischof weihen. Während die vier jungen Neo-Bischöfe nun unter den weltweit 600’000 Anhängern Sakramente spenden und Priester weihen, kann sich der wortgewandte Italiener in Menzingen ganz auf seine Rolle als Sprecher und Spiritus rector der Bruderschaft konzentrieren. Mit Verve hatte er die Weihen nach aussen und gegenüber Rom verteidigt. Was ihn schmerzt: Eine Audienz bei Papst Leo blieb ihm versagt. 

Franziskus hatte ihn noch empfangen, obwohl er einer seiner schärfsten Kritiker war. Der Glaubensrebell warf ihm vor, die Einzigkeit des katholischen Glaubens zugunsten einer allgemeinen Brüderlichkeit zu relativieren. Als Franziskus die alte Messe einschränkte, schimpfte er ihn einen «Gefängniswärter der Tradition», sein Pontifikat insgesamt ein «Desaster.»

Stets versichert der Generalobere, sich vom Papst nicht trennen zu wollen, ja ihn zu lieben. Faktisch aber gebärdet er sich Leo gegenüber als Gegenpapst, der den wahren Glauben gegen die vom Zweiten Vatikanischen Konzil modernistisch verseuchte Kirche verteidigt. Etwa mit der eigens vor den Weihen an Papst Leo gerichteten integralistischen «Glaubenserklärung»: Jeder Mensch müsse Glied der katholischen Kirche werden, um seine Seele zu retten. Ausserhalb der katholischen Kirche kein Heil. Das Christentum sei die einzige von Gott gewollte Ordnung unter Menschen. Woraus zwangsläufig «die Unterordnung der Institutionen und Nationen unter die Autorität unseres Herrn Jesus Christus» folge. Die «widernatürliche Sünde der Unkeuschheit», gemeint ist die gleichgeschlechtliche Liebe, schreie demgegenüber vor Gott nach Strafe und dürfe nie gesegnet werden. Nun aber ergeht es Davide Paglariani wie den meisten Gegenpäpsten. Mit allen Bischöfen, Geistlichen und formellen Mitgliedern der Bruderschaft wurde er am Tag nach den Weihen hochoffiziell exkommuniziert.

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Dieser Beitrag erschien zuerst in der «NZZ am Sonntag».


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