Zwei Ungleiche gegen die Ungleichheit
Global denken – lokal handeln: An diesen Slogan musste man unwillkürlich denken, als man jüngst eines der Tamedia-Blätter aufschlug. Der US-amerikanische Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz warnte in einem eindringlichen Beitrag (Bezahlschranke) vor der drastischen globalen Ungleichverteilung als Gefahr auch für die Demokratie. Und in der gleichen Ausgabe war ein Interview mit dem Zimmermeister Urban Keiser zu lesen (Bezahlschranke), der als Präsident der Korporation Zug klare Worte fand für die Zustände in seinem Kanton: «Untere Schichten werden (…) vertrieben. Man exportiert quasi so die armen Leute. Wir sagen dem auch Monacoisierung.»
«Krise von besorgniserregender Dynamik»
Joseph Stiglitz hat als Vorsitzender des G20-Ausschusses für globale Ungleichheit, zusammen mit weiteren Fachleuten, die weltweite Ungleichheit untersucht. Die Erkenntnisse zeigen eine «Krise von grossem Ausmass und besorgniserregender Dynamik», schreibt Stiglitz. Einige Zahlen illustrieren den Ernst der Lage. «Von dem seit dem Jahr 2000 neu geschaffenen Vermögen gingen 41 Prozent an das reichste Prozent der Bevölkerung. Die ärmste Hälfte der Menschheit erhielt lediglich 1 Prozent. Während am einen Ende des Spektrums einzelne Vermögen Hunderte Milliarden umfassen, müssen am anderen Ende 2,3 Milliarden Menschen, also etwa jede vierte Person, regelmässig Mahlzeiten auslassen. In einigen Ländern gibt es deutliche Hinweise auf eine Aushöhlung der Mittelschicht. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen, die täglich hart arbeiten, sich Medikamente oder das Heizen ihrer Wohnung nicht mehr leisten können. Die Frustration vieler Bürgerinnen und Bürger ist berechtigt, wenn ein Wirtschaftssystem, das so viel Wohlstand schafft, gleichzeitig so viele Menschen ums tägliche Auskommen kämpfen lässt.»
Bedrohung der Demokratie
Die Ungleichheit beeinträchtigt gemäss Stiglitz nicht nur die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. «Sie stellt auch eine tiefgreifende und unmittelbare Bedrohung für die Demokratie dar.» Dies vor allem deshalb, weil Milliardäre massiven politischen Einfluss gewinnen. «Weltweit üben Konzerne und wohlhabende Eliten einen übermässigen Einfluss aus und gestalten Gesetze, Regulierungen sowie die Geld- und Fiskalpolitik zu ihren Gunsten.»
Medien unter Kontrolle «einer Handvoll Männer»
Zentral sei auch die Kontrolle über die Medien: «Sechs Superreiche kontrollieren neun der zehn grössten Social-Media-Plattformen der Welt, während die Hälfte der globalen Medienlandschaft Milliardären gehört. Der öffentliche Marktplatz des 21. Jahrhunderts gehört heute nicht mehr der Allgemeinheit, sondern einer Handvoll Männern. Das untergräbt unsere Gesellschaften und zersetzt unsere Politik.»
Einladung an Bundespräsident Parmelin
Der G20-Ausschuss für globale Ungleichheit mit Stiglitz an der Spitze schlägt die Schaffung eines International Panel on Inequality (IPI) vor, eines globalen Gremiums, das teilweise nach dem Vorbild des Weltklimarats (IPCC) gestaltet wäre. Das Panel würde regelmässig Analysen zum Ausmass und zur Entwicklung von Ungleichheit, zu ihren Ursachen und Wirkungen sowie zu Erfolgen und Misserfolgen bei ihrer Bekämpfung vorlegen. Der Vorschlag soll noch im September dieses Jahres im Rahmen der Uno diskutiert werden. Und dann platziert Stiglitz in seinem Beitrag eine freundliche Einladung direkt an Bundespräsident Parmelin: Er habe «die Möglichkeit, im globalen Kampf gegen extreme Ungleichheit eine wichtige Führungsrolle zu übernehmen, indem er sich für die rasche Schaffung eines IPI einsetzt. Wir hoffen auf seine Unterstützung und auf jene der Schweiz.»
Ob Parmelin den Ball aufnimmt, bleibt abzuwarten. Die Schweiz selbst, so schreibt Stiglitz, stehe in Sachen Ungleichheit noch gut da und profitiere von einer vergleichsweise hohen sozialen Stabilität. Doch immun sei sie nicht: «Das reichste Prozent der Bevölkerung besitzt inzwischen ein Drittel des gesamten Vermögens des Landes, während die untere Hälfte der Bevölkerung weniger als vier Prozent besitzt.»
Einheimische werden verdrängt
Im Kanton Zug spiegeln sich die Dynamik und die Widersprüche der globalisierten Wirtschaft geradezu beispielhaft. So spielt das Thema Wohnungsnot im Vorfeld der kantonalen Wahlen vom 4. Oktober 2026 eine zentrale Rolle. Die tiefen Steuern und die vielen internationalen Unternehmen führen zu einem Verdrängungseffekt. Zug gehört zu den fünf wichtigsten Rohstoffhandelszentren weltweit. Dazu kommen grosse Firmen aus den Bereichen Pharma, Biotech, Medizintechnik, Finanzdienstleistungen – und Zug ist das Zentrum des so genannten Crypto Valley. Nicht allein die Firmen selbst, sondern vor allem auch die Ansprüche an gehobenes Wohnen führen zu immer höheren Mieten. Einheimische sind zu Tausenden gezwungen, wegzuziehen.
Ein Zimmermeister als zentraler Akteur
Ein zentraler Akteur ist Urban Keiser, Zimmermeister und Inhaber eines Zimmereibetriebs in Zug. Er ist vor allem auch seit 34 Jahren Präsident der Korporation Zug. Ausgerechnet von dieser herkunftsmässig konservativen Institution erwächst der Widerstand gegenüber den Verdrängungseffekten. Sie besitzt viel Land, baut selbst günstig und hat etwa verhindert, dass aus Naherholungsgebieten Villenquartiere wurden, wie es im eingangs erwähnten Tamedia-Beitrag heisst. Die Korporation ist eine Gesellschaftsform aus dem Mittelalter. Die grosse Waldbesitzerin verpflichtete sich im 19. Jahrhundert gegenüber dem Staat, «die einst sumpfigen und damals wertlosen Wiesen um Zug zu übernehmen. Flächen also, die heute unglaublich wertvoll sind.»
Korporation baut günstige Wohnungen
Urban Keiser spielt die Stärken seiner Korporation geschickt aus. Heute sei es für Einheimische schwierig, überhaupt eine Wohnung zu finden, «deshalb bauen wir selbst», sagt Keiser im Tamedia-Interview. Die Korporation plant 272 Wohnungen mit 3,5 Zimmern unter 1800 Franken. «Wir haben klare Vergabekriterien wie die Mindestbelegung. Zudem haben in Zug aufgewachsene Menschen Vorrang.» Ist das keine Diskriminierung? Keiser: «Ich weiss nicht, ob das politisch korrekt ist. Aber wir machen das so.»
Keiser drückt sich kernig aus
Keiser wählt deutliche Worte. Als Kleingewerbler sei er nahe am Büezer, sagt er. Und: «Ein gesunder Gewerkschafter ist mir viel lieber als ein neoliberaler Fuzzi.» Auf die Frage des Interviewers, ob er finde, in der Zuger Politik gebe es mehr neoliberale Fuzzis als gesunde Gewerkschafter, antwortet er: «Ich finde schon.» Keiser findet auch, man könnte «die ganze Wirtschaftsförderung im Kanton Zug abschaffen. Sie bekommen einfach nicht genug.» Und dann gibt er auch noch zu Protokoll, was er von der Kantonsregierung hält: «Wenn ein Start-up oder ein Kryptounternehmen nach Zug kommt, geht der Regierungsrat fast in corpore die Kelle schütteln, aber in unserem Zimmereibetrieb, er ist fast 100-jährig, habe ich noch nie jemanden gesehen. Wir Handwerker gelten hier nur noch als Folklore.»
SVP-Regierungsrat gestoppt – Wohnraum gerettet
Keiser ist nicht nur ein Mann der starken Worte. Er handelt auch. Kürzlich hat er ein Bauprojekt von SVP-Regierungsrat Heinz Tännler gestoppt, das offenbar mit teuer renovierten Wohnungen einen höheren Profit abwerfen sollte. Das ging so: «Ich habe aus der Zeitung erfahren, dass die Pensionskasse des Kantons Zug im Hertiquartier drei Blöcke räumt, 68 Wohnungen sollen leergekündigt werden, die bei uns im Baurecht stehen. Nur: Wir wurden gar nie gefragt.» Keisers Reaktion? «Wir verweigerten das Okay und forderten, dass sie die Leerkündigungen zurücknehmen, was dann auch geschah. Man muss dazu wissen: Wir haben bei der gleichen Überbauung bei Vollbestand saniert, die Bürgergemeinde auch. Da ging es nur um Gewinnmaximierung, ausgerechnet von der kantonseigenen Pensionskasse. Die SVP warf mir dann vor, ich verhindere den Fortschritt.»
Der amerikanische Wirtschaftsprofessor und Nobelpreisträger und der Innerschweizer Kleingewerbler – sie kennen sich kaum. Aber sie ziehen am gleichen Strick. Und wohl durch einen redaktionellen Zufall sind sie sich in einer Schweizer Zeitung «begegnet».
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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